Neue Studie : Hohe Arbeitsbelastung für Lehrer

Zwei Drittel der deutschen Gymnasiallehrer erleben einer neuen Studie zufolge in ihrem Schulalltag hohe Belastungen. 95 Prozent empfinden Leistungsunterschiede der Schüler als größtes Problem.

Dieser Artikel erschien am 10.03.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Back view of male professor giving lecture to high school students in the classroom.
95 Prozent der Gymnasiallehrer empfinden Leistungsunterschiede der Schüler als größtes Problem, so eine neue Studie.
©skynesher/Getty Images

Der Lehrerberuf ist in den vergangenen Jahren auch am Gymnasium mit noch größeren Belastungen verbunden. Zwar ist es nicht ungewöhnlich, dass das wöchentliche Stundenpensum von Lehrern 45 Stunden übersteigt, doch die Heterogenität der Klassen hat auch am Gymnasium erheblich zugenommen. Das stresst Lehrer nach eigenem Bekunden zusätzlich. 95 Prozent der Lehrer empfinden die Leistungsunterschiede unter den Schülern als Hauptproblem. An zweiter Stelle stehen der Lärmpegel und verhaltensauffällige Schüler im Unterricht.

Zwei Drittel der mehr als 176.000 Gymnasiallehrer in Deutschland erleben in ihrem Schulalltag deshalb hohe bis sehr hohe berufliche Belastungen. Das geht aus der am Montag in Berlin vorgestellten Studie „Lehrerarbeit im Wandel“ hervor, die der Deutsche Philologenverband mit Unterstützung der DAK-Gesundheit beim Institut für Präventivmedizin der Universitätsmedizin Rostock durchgeführt hat. Mit über 16.000 ausgewerteten Datensätzen einer Online-Befragung ist sie die bisher umfassendste Erhebung zum Thema Lehrergesundheit. Trotz hoher Belastungen empfinden die meisten Gymnasiallehrer in ihrem Beruf hohe Zufriedenheit durch die Arbeit mit den Schülern. Auch die flexible Zeiteinteilung gehöre zu den Faktoren, die Gymnasiallehrer zufrieden stimmt. Die meisten von ihnen sind enorm motiviert und leistungswillig, die Folgen eines Stundenausfalls durch Krankheit sind ihnen sehr bewusst. Neun von zehn Gymnasiallehrern gehen arbeiten, auch wenn sie sich krank fühlen, ein Drittel auch gegen den ärztlichen Rat. Häufig versuchen Lehrer, die Genesung bis zum Wochenende oder gar bis zu Feiertagen aufzuschieben. 51 Prozent der Lehrer fallen nur ein bis neun Tage im Jahr aus, 27 Prozent fielen an keinem Tag aus. Viele Lehrer hätten eine Sieben-Tage-Woche. Häufig gelinge keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, wodurch es für die Betroffenen schwer sei, sich effektiv zu erholen.

Philologenverband fordert mehr Anrechnungsstunden

Die große Mehrheit der Gymnasiallehrer vermisst Ruhezonen und eigene Arbeitsplätze, die in fast allen Schulen zu knapp sind. Etwa die Hälfte leidet unter einem hohen Lärmpegel im Klassenzimmer, und mehr als ein Drittel kann sich nicht ausreichend erholen, fast die Hälfte schläft schlecht. Das seien Frühindikatoren für ein mögliches späteres Erschöpfungssyndrom, sagte die wissenschaftliche Projektleiterin Reingard Seibt. „Wir können nicht stillschweigend in Kauf nehmen, dass unsere Gymnasien nur noch durch eine chronische Überlastung der Lehrkräfte funktionieren“, sagte die Vorsitzende des Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing. Der Philologenverband fordert deshalb, Lehrer auch für außerunterrichtliche Tätigkeiten durch mehr Anrechnungsstunden zu entlasten, die Regelstundenzahl deutlich zu senken, Verwaltungsaufgaben zu reduzieren und für jede Zusatzaufgabe eine andere entfallen zu lassen. Die Leistungsheterogenität müsse sinken, es bedürfe kleinerer Klassen, und den Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern müsse gestärkt werden.

Auf den Einwand, dass dies in Zeiten von Lehrermangel schwer zu verwirklichen sei, hieß es in Berlin am Montag, es gebe im Gymnasium nicht nur Lehrermangel in den Mint-Fächern, sondern auch einen Lehrerüberhang, der Entlastung möglich mache. Außerdem fordert der Verband Schulpsychologen an jeder Schule, professionelle Unterstützung durch spezielle Verwaltungskräfte und mehr Förderlehrer. Die Schulen müssten materiell besser ausgestattet werden, wozu auch mehr Arbeitsplätze für Lehrer zur Verfügung gestellt werden müssten. Außerdem müsse es ruhige Rückzugsorte in der Schule geben und mehr präventive Maßnahmen. Nur in Sachsen werden Gymnasiallehrern jährlich Präventivkonzepte für die Gesunderhaltung angeboten, in anderen Ländern ist die Prävention längst nicht ausgebaut.

Die DAK-Gesundheit empfiehlt, eine differenzierte Diagnose zum Gesundheitsstatus ihrer Lehrer durchzuführen. Gesundheitsförderung müsse als gemeinsame Aufgabe von Lehrern und Schulleitung begriffen werden. Politik, Ministerien, Sozialversicherungsträger und private Krankenversicherungen müssten zusammen daran arbeiten. Notwendig sei auch eine Sondersitzung der Kultus- und Gesundheitsminister. „Die Studie zeigt, dass Lehrer dringend Unterstützung beim Gesundbleiben brauchen. Nur wenn sie selbst fit sind, können sie den Schülern einen gesunden Lebensstil vermitteln“, sagte der Vorstandsvorsitzende der DAK, Andreas Storm.