Corona-Auflagen : Hört auf, die Familien zu verunsichern!

Die Länder haben die Empfehlungen von Bundeskanzlerin und Wissenschaftlern blockiert. Sie halten am Präsenzunterricht fest. Damit bemänteln sie nur ihre Versäumnisse.

Dieser Artikel erschien am 16.11.2020 auf ZEIT Online
Judith Luig
SchülerInnen mit Masken im KLassenzimmer
Kinder brauchen Schule. Deswegen braucht es auch endlich wirksame Konzepte, wie und unter welchen Bedingungen man sie offen halten kann. Die Debatte zu verschieben bringt nichts.
©dpa

Die Ideen, die zur Debatte standen, waren klar: Maskenpflicht für alle an der Schule, Unterricht in ausnahms­los festen Gruppen, halbierte Klassen, versetzte Pausen, ein Mindest­abstand von 1,5 Metern, regel­mäßiges Lüften.

Nichts von dem, worüber die Kanzlerin heute mit den Minister­präsidenten gestritten hat, war neu. Jeder einzelne Punkt wird seit Wochen immer wieder durch­diskutiert und auf seine Umsetz­barkeit geprüft. Das Robert Koch-Institut und die Akademie der Wissenschaften Leopoldina haben diese Maßnahmen empfohlen, sie sind in den Stufen­plänen der Schulen vorgesehen.

Dennoch waren die Minister­präsidenten offensichtlich komplett überrascht, ja sogar schockiert von der Beschluss­vorlage. Und da fragt man sich schon: Wie kann das sein? Der Vorschlag von Bundes­kanzlerin Angela Merkel, dass man jetzt doch umsetzen solle, was ohnehin längst beschlossen war, stieß auf so massiven Widerstand, dass Bund und Länder nach stunden­langen Verhandlungen mit keinem Beschluss zur Corona-Bekämpfung an den Schulen aufwarten konnten. Die Entscheidung für das weitere Vorgehen wurde vertagt. Nun werden die Verantwortlichen also neun Tage später darüber beraten, wie Ansteckungs­risiken in den Schulen reduziert werden können. Und neun Tage sind in der Pandemie, in denen sich die Infektions­zahlen rasant nach oben schrauben, eine lange Zeit.

Dabei hätte heute ein Tag der Entscheidung für die Schulen werden sollen. Wäre es nach dem Willen der Kanzlerin gegangen, wäre der Regelbetrieb ins Wechsel­modell über­gegangen. Nun ist es den Minister­präsidenten gelungen, die Zeit der Unsicherheit, der unklaren und uneinheitlichen Regeln noch einmal zu verlängern. Zumindest bis zur nächsten Woche.

Natürlich spricht viel gegen die Schul­schließung light. (Als etwas anderes kann man das Wechsel­modell ja kaum bezeichnen.) Ein Teil der Klasse muss zu Hause bleiben und lernt wieder digital. Das Home­schooling wird diesmal etwas besser laufen, da man ja im Frühjahr bereits ein paar Monate Erfahrung damit gemacht hat. Es gibt inzwischen mehr Laptops, klarere Regeln und Schulclouds. Aber im Großen und Ganzen hat die Politik versäumt, sich auf diesen Moment, der so klar auf das Land zukam, vorzubereiten. Sobald die Schulen wieder geöffnet waren, wurde dann aber schnell wieder das große Loblied auf den Präsenz­unterricht gesungen – wohl auch damit man nur ja nichts ändern müsse am System wie es war.

Schule wird zum Glücks­spiel

Insofern würde die Halbierung der Klassen kaum etwas anderes bedeuten als: Es ist ein Glücks­spiel, ob man als Schülerin oder Schüler zufällig eine von den Lehrerinnen erwischt hat, die sich mit massivem eigenem Einsatz und eigenen Mitteln darum bemühen, wirklich jeden ihrer Schüler zu erreichen. Nur diesmal müssen die Lehrer auch gleich­zeitig noch die Hälfte der Klasse mit Präsenz­unterricht versorgen. Für viele Lehrer dürfte es also noch anstrengender werden als im März. Und sie sind wieder vor allem auf sich selbst gestellt. Auch für einen Lehrer geht es jetzt um Glück: Arbeitet er unter einer Schul­leitung, die sich um eine Digital­strategie kümmern konnte? Oder eben nicht.

Das „Wechselmodell“ kennt man aus Scheidungsfamilien. Wo hast du eigentlich dein Schwimm­zeug? Bei Papa? Bist du nicht diese Woche dran mit…? Nein, du! Sehr viel anders dürfte es auch in der Schule nicht ablaufen, wenn wir uns genauso unvorbereitet in das Wechsel­modell stürzen, wie wir im März die Schulen zugemacht haben.

Aus wirtschaftlicher, sozialer und pädagogischer Sicht ist es richtig, die Schulen offen zu lassen. Kinder brauchen die Schule zum Lernen, als Ort, um Freunde zu treffen, und ja, auch als Betreuungs­möglichkeit, wenn die Eltern arbeiten. Aber man darf das nicht als Grund vorschieben, um einfach weiter bei der Digitalisierung hinterher zu hängen und sich allen anderen Möglichkeiten des Unterrichtens zu versperren. Sonst laufen wir einfach wieder in den nächsten Lockdown.