Digital Leadership : Wie verändert die Digitalisierung Schulleitungen?

Welcher Führungsstil ist gefragt, um Schulen fit für die digitale Welt zu machen? Vier Schulleiterinnen und Schulleiter aus Deutschland, Estland und Finnland berichten, wie sich ihr Beruf im Zuge der digitalen Transformation gewandelt hat – und welchen Einfluss die Rahmenbedingungen in ihren Ländern darauf haben.

Anja Reiter 19. Januar 2021 Aktualisiert am 03. Mai 2021
Digitale Transformation: Buch und Tablet vor Tafel
Der Prozess der digitalen Transformation gelingt leichter, wenn Schulen mehr Freiräume für ihre Entwicklung haben.
©Bet Noire/iStock

Eine Schule durch den Prozess der digitalen Transformation zu führen, bedeutet viel mehr als bloßes Schulmanagement mithilfe von digitaler Technologie. Die Aufgaben von Schulleitungen sind heute vielfältiger denn je: Sie beinhalten Unterrichts- und Organisationsentwicklung, Motivation und Personalentwicklung, Beziehungsgestaltung und Change Management. Der Begriff „Digital Leadership“ in Zusammenhang mit Schulleitung darf daher nicht als simples „digitales Führen“ mit möglichst vielen digitalen Helferlein verstanden werden. Vielmehr geht es dabei um das professionelle Navigieren durch eine Welt, die von der Digitalisierung geprägt ist, mit all ihren Chancen und Herausforderungen.

Wie unterscheiden sich die Rahmenbedingungen für das Leiten von Schulen in Deutschland, Estland und Finnland voneinander? Wie erleben Schulleitungen in den jeweiligen Bildungsregionen die Veränderungen durch den digitalen Wandel? Wie managen sie Ideen – und wie motivieren sie ihr Kollegium? Vier Schulleiterinnen und Schulleiter unterschiedlicher Schultypen aus drei europäischen Ländern reflektieren über Herausforderungen und Chancen des Führens in der digitalen Transformation.

Rahmenbedingungen der Bildungsverwaltung für die digitale Transformation

Im Bereich der Digitalisierung haben es Schulleitungen in Europa mit ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen zu tun. In Estland, oft als Vorreiterland der Digitalisierung bezeichnet, bieten städtische und staatliche Institutionen den Schulen zahlreiche Angebote zur digitalen Weiterentwicklung, erzählt Kaarel Rundu, Schulleiter des Tallinna Saksa Gümnaasiums: „Ob Pilotversuche mit 3D-Druckern oder Robotern: Schulen in Estland sind seit zwanzig Jahren in einem Riesen-Pilotprojekt.“ Die Angebote seien vielfältig, es liege aber in der Verantwortung der einzelnen Schulen und Schulleitungen, die gebotenen Chancen auch sinnvoll und nachhaltig einzusetzen. Das führe dazu, dass manche Schulen Angebote zur digitalen Weiterentwicklung nutzen, anderswo liege teure, öffentlich finanzierte Infrastruktur brach.

Auch in Finnlands Hauptstadt Helsinki gibt es aktuell eine groß angelegte Digitalisierungsoffensive für Schulen: Im Rahmen des Digitalisierungsprogramms werden alle Schülerinnen und Schülern der Stadt mit Laptops und Tablets ausgestattet. Je nach Jahrgangsstufe sei der Verteilungsschlüssel dabei anders, erläutert Seppo Salmivirta, Schulleiter der Roihuvuoren-Grundschule in Helsinki.

In der ersten und zweiten Klasse erhalten zwei Schülerinnen und Schüler ein Gerät (50 Prozent), in der dritten bis siebten Klasse beläuft sich der Schlüssel auf 75 Prozent, ab der siebten Klasse erhält jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes Gerät. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Engagement der Stadt“, so Seppo Salmivirta, „neben den Geräten erhalten wir auch IT-Support und Unterstützung bei Reparaturen.“

Eine Stärke des finnischen Systems sei außerdem die Autonomie der Schulen: Die Stadtverwaltung und das Bildungsministerium geben zwar Ziele vor, doch die einzelnen Schulen seien angehalten, auch eigene pädagogische Konzepte zu entwickeln.

Seppo Salmivirta
Seppo Salmivirta von der Grundschule Roihuvuoren ala-asteen koulu in Helsinki
©Suomen Koulukuvaus

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Weil er sich als Schulleiter persönlich dafür eingesetzt habe, gebe es an seiner Schule schon seit vielen Jahren das „phänomenbasierte Lernen“, erzählt Seppo Salmivirta: Bei dieser Form des Lernens werden einzelne Themen oder komplexe Begriffe über Fächergrenzen hinweg aus einer ganzheitlichen Perspektive erarbeitet, statt Stoff in jedem Fach isoliert durchzunehmen. Seppo Salmivirta sieht es als Aufgabe der Schulleitung, Zielvorgaben der Bildungsverwaltung für das eigene Kollegium zu übersetzen – und so nahbarer für das Kollegium zu machen: „Wir müssen vermeiden, dass eine Kluft zwischen den staatlichen Curricula-Vorgaben und unseren eigenen Zielen an der Schule entsteht. Nur so bleiben unsere Lehrerinnen und Lehrer motiviert.“

Silke Müller
Silke Müller leitet die Waldschule Hatten in Niedersachsen
©privat

Im Unterschied zu skandinavischen oder auch baltischen Ländern war Schulautonomie im föderalen Deutschland lange Zeit umstritten. Mittlerweile ermöglichen aber auch hierzulande immer mehr Bildungsregionen ihren Schulen mehr Selbstständigkeit. Silke Müller, Schulleiterin der Waldschule Hatten, erläutert das Konzept der „Eigenverantwortlichen Schule“ in Niedersachsen: Ob Projektklassen zum digitalen Lernen oder schulinterne digitale Fortbildungen, Schulleitungen können hier unabhängig von den Behörden eigenverantwortlich Konzepte entwickeln und Entscheidungen treffen.

Silke Müller freut sich über diese Freiheit, wünscht sich aber zugleich mehr Austausch mit Politikerinnen, Politikern und Behörden, um auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen praxisnah zu gestalten: „Mehr interne Gesprächskreise wären sinnvoll, in denen Praktikerinnen und Praktiker aus der Schule und Theoretikerinnen und Theoretiker aus der Politik und Verwaltung zusammenkommen. Dabei könnte man sich besser abstimmen: Wie kann man Richtlinien so gestalten, dass sie an den Schulen umsetzbar sind?“

Die Rolle der Schulleitung in der digitalen Transformation

Im Zuge der digitalen Transformation hat sich sowohl in Deutschland als auch in Finnland und Estland das Aufgabenspektrum von Schulleitungen stark gewandelt. Sie müssen viele Funktionen erfüllen, die über administrative Tätigkeiten hinausgehen: das Schaffen von Eigenverantwortlichkeiten im Kollegium, das Gestalten eines Raums für kreativen Austausch, das Motivieren von Kolleginnen und Kollegen und das Vernetzen mit Akteurinnen und Akteuren außerhalb der eigenen Schule. „Im Zuge der digitalen Transformation hat mein Schulleiterinnen-Herz eine zusätzliche  Pumpe bekommen“, formuliert es Silke Müller.

Als Schulleiterin habe sie verstanden, dass sie längst keine Einzelakteurin mehr sei, sondern im Team mit ihrem Kollegium, den Eltern und Schülerinnen und Schülern beständig an einer Vision ihrer Schule arbeite. Obwohl der Erfolg einer Schule somit eine Teamleistung sei, müsse sie als Schulleiterin einen klaren Blick auf die ganzheitliche Herausforderung behalten. Jemand, der an der Spitze einer Schule klar Entscheidungen trifft, ist aus ihrer Sicht damit immer noch notwendig für das Funktionieren der Organisation Schule.

Das Filtern von Mails und Infos ist eine Herausforderung

Ines Mülhens-Hackbarth, Leiterin der Grundschule Fichtenwalde im brandenburgischen Beelitz, betont in Bezug auf zusätzliche Aufgaben als Schulleiterin vor allem den Umgang mit der Informationsflut: „Ob Mails mit Fortbildungsangeboten, Infos aus dem Schulamt oder Werbung von Schulbuchverlagen: All das zu filtern und zu priorisieren ist eine Herausforderung für Schulleitungen.“

Silke Müller ergänzt, dass es in der Schulleitung auch um das Antreiben von digitalen Schulentwicklungsprozessen geht, in ihrem Fall etwa um digitale Unterrichtsentwicklung, die Vermittlung von Medienkompetenz oder interne Fortbildungsmodelle für Kolleginnen und Kollegen: „Wir sind der Motor des Ganzen.“

Darüber hinaus gehören auch das Delegieren von Aufgaben und die klare Definition von Verantwortlichkeiten zum Aufgabengebiet der Schulleitung. Seppo Salmivirta betont, wie wichtig Vertrauen in die eigenen Lehrkräfte in diesem Zusammenhang sei.

Ines Mühlens-Hackbarth
Ines Mühlens-Hackbarth ist Leiterin der Grundschule Fichtenwalde im brandenburgischen Beelitz.
©privat

Das Delegieren sei jedoch besonders schwierig, wenn vermeintlich unbeliebte Aufgaben verteilt werden müssen, erklärt Ines Mülhens-Hackbarth: „Wenn es um die Vergabe des Jobs des Datenschutz- oder Sicherheitsbeauftragten geht, schreit niemand Hurra.“ Klare Ansagen, faire Aufgabenverteilungen und klare Kommunikation im Team sind hier die Anforderungen an Schulleitungen.

Kooperation mit weiteren Akteuren

Allerorts spielen neben der Bildungspolitik und der Bildungsverwaltung auch andere Akteure eine Rolle, darunter Stiftungen, Unternehmen, Universitäten oder Vereine. Ines Mülhens-Hackbarth hebt an ihrer Grundschule die Zusammenarbeit mit dem Schulträger positiv hervor: Gemeinsam mit dem Förderverein habe dieser für die gute technische Infrastruktur an der Schule gesorgt. Ein gutes Verhältnis zum Schulträger sei unausweichlich, um Digitalisierung voranzutreiben, betont auch Silke Müller.

Kaarel Rundu
Kaarel Rundu vom Tallinna Saksa Gümnaasium in Tallinn, Estland
©Tallinna Saksa Gümnaasium

Daneben ist die Vernetzung mit anderen Schulen und Bildungsinitiativen äußerst nützlich – unterstützt etwa durch die Arbeit von einschlägigen Stiftungen.

In Estland lobt Kaarel Rundu die vielfältigen Angebote von NGOs und Startups im Bereich der Digitalisierung. Oft fehle es den ausgelasteten Schulleitungen und Lehrpersonen aber an Zeit, um alle Kooperationsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Wenn es um Angebote von außen geht, beobachte er in Deutschland Berührungsängste: Insbesondere die Datenschutz-Frage werde in Deutschland mit mehr Furcht geführt als in Estland: „Ich höre immer wieder, dass Lehrpersonen in Deutschland bestraft werden könnten, wenn sie datenschutzrechtlich nicht zu hundert Prozent sicher vorgehen. Damit nimmt man ihnen automatisch die Motivation, etwas auszuprobieren.“

Schulleitungen müssen wirtschaftliches Interesse der Unternehmen erkennen

Silke Müller plädiert bei der Auswahl von Kooperationspartnern aus der Wirtschaft für Fingerspitzengefühl. Insbesondere bei Anbietern von Geräten müsse sie als Schulleiterin sehr genau abwägen, mit welchem wirtschaftlichen Interesse die Unternehmen und Organisationen an die Schule kämen und wo der Mehrwert für ihre Schülerinnen und Schüler liege. Auch diese Auswahl und Recherche sei eine wichtige Aufgabe, die Schulleitung und Schulträger gemeinsam wahrnehmen müssen.

Seppo Salmivirta bewertet an seiner Schule die Zusammenarbeit mit den pädagogischen Fakultäten von Universitäten als besonders fruchtbar. Immer wieder kämen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Helsinki an seine Schule, um Feldforschung zu betreiben – aktuell etwa im Rahmen des Projekts „Growing Mind“. Dabei geht es um die Frage, wie man Digitalisierung nutzen kann, um neue Denkwege zu ermöglichen. Auch Salmivirta selbst engagiert sich neben seinem Job als Schulleiter für die Forschung: Im Rahmen seiner Doktorarbeit erforschte er, wie die Anwendung von mobilen Geräten im Unterricht das Lernen beeinflusst.

Austausch über Ländergrenzen hinweg bringt digitale Transformation voran

Die Rahmenbedingungen, unter denen Schulleitungen in Europa arbeiten, sind von vielen Unterschieden geprägt. Ob das Ausmaß an Autonomie, die technische Ausstattung oder die Lernkultur betrifft: Die Ausgangslage an den einzelnen Schulen und Bildungsregionen ist abhängig von politischen Entscheidungen und kulturellen Traditionen in den jeweiligen Ländern. Lösungen, die an einer bestimmten Schule in einem bestimmten Land erfolgreich sein mögen, können daher nicht einfach über Ländergrenzen hinweg kopiert werden. Ein multinationaler Vergleich und Austausch zwischen Schulleitungen verschiedener Länder lohnt sich dennoch – zur Inspiration, zum Out-of-the-Box-Denken und zur Erweiterung der Möglichkeitshorizonte.

Dabei geht es nicht um gegenseitige Nabelschau, sondern um kritische Selbstreflexion. Wir sind auf dem Weg der Professionalisierung, aber wir sind noch nicht angekommen“, beschreibt etwa Silke Müller den Prozess der digitalen Schulentwicklung an ihrer Schule. Ein Ankommen scheint auf dem Weg der Digitalisierung ohnehin nicht möglich zu sein, vielmehr geht es um eine beständige Weiterentwicklung des Systems Schule, egal ob in Deutschland, Estland oder Finnland. Fortlaufende Evaluierungen und das stetige Entwerfen von neuen Konzepten gehören dabei genauso zum Prozess der Schulentwicklung wie das regelmäßige Verwerfen von veralteten Lösungen und Technologien.

Schulleitungen müssen diesen Prozess der digitalen Schulentwicklung beständig neu anstoßen, moderieren und begleiten – über gemeinsame Reflexionen im Kollegium, mutiges Ausprobieren und eine neue Fehlerlernkultur. Seppo Salmivirta plädiert in diesem Zusammenhang für eine neue Kultur des Testens und Versuchens. Kaarel Rundu ergänzt: „In der Digitalisierung geht es darum, Fehler zu finden – denn nur so können wir uns beständig weiterentwickeln.“

Mehr zum Thema

  • Der hier gekürzte Beitrag ist zuerst erschienen in Plan BD, dem „Fachmagazin für Schule in der digitalen Welt“, herausgegeben vom Forum Bildung Digitalisierung. Die aktuelle Ausgabe „Leadership“ steht hier zum Download bereit.
  • Das Online-Magazin informiert über zukunftsweisende Strategien und Modelle für Schule in der digitalen Welt. Jede Ausgabe behandelt einen spezifischen Themenschwerpunkt. In der neuen Ausgabe geht es um die veränderten Anforderungen an die Rolle von Schulleitungen in der digitalen Welt.