Henning Beck : Was die Hirnforschung über Schule und Unterricht denkt

Irren ist nützlich! Davon ist Neurobiologe Henning Beck überzeugt. Im Interview erklärt er, warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind und wie Schule davon profitieren kann.

Antje Tiefenthal / 24. April 2018
Neurobiologe Henning Beck ist Forscher, Autor, Redner und Science Slammer.
Neurobiologe Henning Beck ist Forscher, Autor, Redner und Science Slammer.
©privat

Deutsches Schulportal: Mit welchen Tricks können Lehrerinnen und Lehrer die Kreativität und neuen Ideen ihrer Schülerinnen und Schüler pushen?
Henning Beck:
Indem man Wissen nicht zu einfach anbietet. Heutzutage erliegt man leicht der Illusion, dass Wissen jederzeit und ruck, zuck verfügbar sei. Ein Griff zum Smartphone, und schon kann man sich das notwendige Wissen googeln. Doch das ist nicht der Fall. Wissen entsteht, wenn man selbst denkt und die aufgenommenen Informationen nachträglich verdaut. Und so ähnlich, wie unser Körper Nährstoffe verdauen muss, um darauf Muskeln und neue Zellen zu bauen, kann unser Gehirn nur dann neues Wissen aufbauen, wenn es in Ruhe die Informationen verdauen kann.

Gehirne sind notorisch unkonzentriert, lassen sich leicht ablenken und sind oft vergesslich.
Henning Beck, Neurowissenschaftler und Autor

Wie kann das in der Schulpraxis aussehen?
Eine Möglichkeit ist, den Unterricht auch mal umzudrehen, um genau dieses menschliche Bedürfnis – die Neugier und Lust auf neue Ideen – zu nutzen. Anstatt zu sagen: „Hier ist die Formel für die Standardabweichung, rechnet mal ein paar Übungsaufgaben!“, könnte man es auch andersherum angehen: „Hier seht ihr die Punkte-Ausbeute der besten Basketballspieler der letzten zwölf Monate. Welcher Spieler ist wohl der konstanteste und wird unter Druck am wenigsten versagen?“ Dann lässt man einfach mal ausprobieren und stellt fest, wie schnell neue Ideen entwickelt werden. Natürlich werden keine Neuntklässlerin und kein Neuntklässler von selbst auf die Standardabweichung kommen – die Lösung muss natürlich die Lehrerin oder der Lehrer liefern. Aber Lösungen dürfen nicht zu einfach angeboten werden.

Das ist so ähnlich wie mit einem Geschenk …
Ja, genau. Da freut man sich ja auch umso mehr, wenn man es vorher auspacken muss. Ein unverpacktes Geschenk ist nur halb so interessant.

Neue Ideen brauchen Platz

Wie sieht das ideale Umfeld zum Lernen und Kreativ-Sein aus?
Vor allem kommt es auf ein Umfeld an, in dem man sich traut, neue Ideen auszusprechen. Das erste große Hindernis auf dem Weg zu Kreativität und neuen Lösungen ist nämlich, dass Menschen Angst davor haben. Wenn man Phasen oder Räume schafft, in denen man einfach mal was ausprobieren kann und in denen man sich traut – auch ermutigt durch die Lehrkraft –, neue verrückte Ideen zu denken, macht man einen wichtigen Schritt.

Auf einen Blick

Beck, Henning: „Irren ist nützlich! Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind“. Hanser, 320 Seiten, 20 Euro

In seinem aktuellen Buch „Irren ist nützlich“ erklärt Henning Beck, wie wir von den Makeln unseres Gehirns profitieren können.
In seinem aktuellen Buch „Irren ist nützlich“ erklärt Henning Beck, wie wir von den Makeln unseres Gehirns profitieren können.
©Carl Hanser Verlag

In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie darüber, warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind. Wie können Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler von den Makeln des Hirns profitieren?
Gehirne sind notorisch unkonzentriert, lassen sich leicht ablenken und sind oft vergesslich. Doch das sind wichtige Eigenschaften, um mehr zu sein als eine stumpfsinnige Maschine, die vielleicht niemals abschweift, dafür aber auch nie über den Tellerrand – also die Grenzen des eigenen Algorithmus – hinausschauen kann. Wir sollten uns klarmachen, dass wir immer dann am besten denken, wenn wir den Rhythmus des Gehirns nutzen: Phasen intensiver Konzentration wechseln sich mit Austauschphasen und Phasen der Ruhe ab. Wenn man den Unterrichtsstil gezielt variiert, ist einem Gehirn auch nicht so schnell langweilig. Dann bleibt man neugierig und bei der Sache.

Manche Informationen lernen und verstehen wir sofort

Welche aktuellen Erkenntnisse der Hirnforschung sind mit Blick auf Schule und Unterricht interessant?
Besonders spannend ist, dass klassisches Lernen nur eine Form der Informationsaufnahme ist. Üblicherweise paukt man sich ja Fakten, Vokabeln oder Daten ins Hirn und hofft dann, dass sie bis zur Prüfung dort drinbleiben und dann wieder anwendbar sind. Doch manchmal macht es „klick!“, und man behält etwas Neues sofort. So funktionieren beispielsweise Neologismen, Kunstwörter wie „Brexit“ oder „Flexitarier“ – das gilt aber auch für ganze Denkkonzepte, die man plötzlich „versteht“.

Passiert dabei im Gehirn das Gleiche wie beim klassischen Lernen?
Nein. Wir wissen, dass dafür andere Hirnregionen zuständig sind. Zum Beispiel spielt der Hippocampus, der normalerweise das Großhirn mit neuen Vokabeln und Informationen des Tages trainiert, für solche Verstehensprozesse gar keine Rolle. Wir wissen aber auch, wie man dieses „Verständnislernen“ fördern kann: erstens, indem man die Information in Geschichten verpackt. Und zweitens, indem man als Lehrkraft Fragen stellt, statt immer nur Antworten zu geben.

Informationen sind nicht irgendwo im Gehirn geparkt, sondern werden jedes Mal neu erzeugt.
Henning Beck, Neurowissenschaftler und Autor

Gibt es Mythen, deren Aufklärung für Lehrerinnen und Lehrer hilfreich sein können?
Einige Mythen sind in der Lernforschung ziemlich überholt. Zum Beispiel, dass es klassische Lerntypen gibt, mit denen wir auf die Welt kommen. Wir lernen immer am besten, wenn wir etwas sehen, anwenden und in Geschichten abspeichern können. Besser, als einen „Lerntypentest“ zu machen, ist es daher, immer abwechslungsreich Informationen anzubieten. Genauso wichtig: Es ist ein Mythos, dass wir Information irgendwo abspeichern, um sie dann wieder „abzurufen“, auch wenn man das sprachlich so formuliert.

Was ist daran falsch?
Informationen sind nicht irgendwo im Gehirn geparkt, sondern werden jedes Mal neu erzeugt. Deswegen kommt es nicht darauf an, Informationen immer und immer wieder so zu präsentieren, dass sie irgendwann „abgespeichert“ sind, sondern dass man ein Gehirn so anspricht, dass es behält, wie es eine Information später erzeugen kann. Diese Fähigkeit nennt man „Wissen“! Die wichtigsten Zutaten dafür sind: Fragen stellen, spannende Probleme und Rätsel aufzeigen, die man gemeinsam löst, und Wissen nicht zu leicht verfügbar machen.

Zur Person

  • Henning Beck ist Neurowissenschaftler und promovierte 2012 an der Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience in Tübingen.
  • Für sein Studienfach Biochemie begeisterte ihn übrigens sein Chemielehrer an der Schule: „Er war so fasziniert von diesen chemischen Vorgängen in Lebewesen. Dieser Lehrer hat alles richtig gemacht, was man machen konnte: Er hat viele Fragen gestellt, war genauso neugierig wie wir, und man sah das Funkeln in seinen Augen, wenn etwas Spannendes und Neues vermittelt wurde.“
  • Henning Beck ist seit 2011 auch als Science Slammer unterwegs: In wissenschaftlichen Vortragswettbewerben vermittelt er seine Forschung. Mit seinem Vortrag „Speed up your mind – Wie das Gehirn Geistesblitze beschleunigt“ wurde er 2012 Deutscher Meister im Science Slam.
  • Henning Beck ist Autor populärwissenschaftlicher Sachbücher zum Thema Neurobiologie.
  • Mehr über Henning Beck: http://www.henning-beck.com
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