Corona-Bilanz : Hausaufgaben für die Schulen

In der Corona-Zeit ist eine Menge Lernstoff nicht bei den Kindern angekommen. Doch lässt sich das in den Ferien nachholen?

Dieser Artikel erschien am 01.07.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florentine Fritzen
Zeit zum Bilanzieren: Die Schulen wollen die Ferien nutzen, um zu analysieren, was unter den Zwängen der Corona-Krise besser hätte laufen können.
Zeit zum Bilanzieren: Die Schulen wollen die Ferien nutzen, um zu analysieren, was unter den Zwängen der Corona-Krise besser hätte laufen können.
©DPA

Am Freitag ist der letzte Tag vor den Sommerferien, aber etliche ältere Schüler haben ihr Zeugnis schon Anfang der Woche bekommen: Die Zensuren für das außergewöhnliche Halbjahr gab es am letzten Präsenztag. Nur die Grundschüler gehen noch jeden Tag in die Schule. Aber auch bei den Jüngeren weicht am Ende der Corona-Monate die Spannung. Schulleiter wie Benedikt Gehrling aus Frankfurt beobachten das sogar an der Haltung der Kinder im Klassenraum. „Der Oberkörper ist nicht mehr richtig aufgerichtet, der Rhythmus ist verloren”, berichtet der Rektor der Erich-Kästner-Grundschule im Nordwesten der Stadt. Die Schüler seien müde, weil sie seit Monaten zu spät ins Bett gingen. „Viele Familien haben es nicht leisten können, ihre Kinder während der Schließung trotzdem um sieben zu wecken und um acht, halb neun etwas für die Schule arbeiten zu lassen.”

Dabei ist Lernstoff auf der Strecke geblieben und nicht in den Köpfen angekommen. Und so klingt es nach einer guten Idee, was das Land Hessen sich an Ferien-Angeboten ausgedacht hat. Da wäre einmal Ferdi. Mit der App können Lehrer den Lernfortschritt ihrer Grundschüler nachvollziehen. Weiterhin gibt es die Ferienakademie für die Stufen eins bis acht. In den zwei letzten Ferienwochen, montags bis donnerstags von neun bis 13 Uhr, sollen nach der Vorstellung von Kultusminister Alexander Lorz Erst- bis Achtklässler in kleinen Gruppen Stoff nacharbeiten, der in der Zeit des Distanzunterrichts zu kurz gekommen ist. Dafür können sich interessierte Schüler und Schulen über einen Link direkt beim Ministerium melden, genauso wie am Unterrichten in den Ferien interessierte Referendare, Lehramtsstudenten und pensionierte Lehrer.

Schulleiter Gehrling hat ein paar Lehrer darauf angesprochen. Und festgestellt, dass sie „total erschöpft sind”. Oft waren 40 bis 50 Prozent der Klassen nicht da – die Unterrichtspflicht ist aufgehoben. Es sei „extrem anstrengend”, vormittags Präsenzunterricht zu halten und nachmittags die zu Hause Gebliebenen aus der Ferne zu unterrichten.

„Alle Beteiligten brauchen jetzt erst mal Erholung und Zeit zum Nachdenken”, sagt auch Uwe Paulsen, der für die Grünen im Frankfurter Römer sitzt. Aber einfach sechs Wochen Urlaub zu machen ist aus Sicht des Bildungspolitikers nicht drin. Auch viele Eltern sehen das so: Nur wenn die Schulen, Verwaltung und Familien jetzt ihre Hausaufgaben machen, besteht die Chance, dass es nach den Ferien wieder halbwegs rundläuft.

Und so gehört für Paulsen zum Nachdenken auch, dass die Schulämter und Schulen gemeinsam Bilanz ziehen: Was ist gut, was ist nicht gut gelaufen? Viele Schulen evaluieren das für sich. Sie verschicken Online-Fragebögen an Schüler und Eltern. Da kann jeder zum Beispiel anklicken, auf welchen Kanälen Lehrer Kontakt hielten. Und ob die Kinder daheim weniger, gleich viel oder mehr gelernt haben als im Präsenzunterricht.

Außerdem sollten die Schulen Paulsens Ansicht nach endlich sicherstellen, dass sie nach den Ferien alle Schüler erreichen. Der Grünen-Politiker ist für eine Abfrage, welche digitalen Geräte es in den Familien gibt – damit die Stadt jene damit versorgen kann, die sie brauchen. Bildungsdezernentin Sylvia Weber von der SPD will aus einem Sonderprogramm von Bund und Land 10 000 Notebooks und Tablets für die Schulen zum Verleihen bestellen.

Stefan Haid kennt das Problem mit Schülern, die für den Digitalunterricht ausschließlich Smartphones nutzen können und in der Corona-Zeit auch sonst „ein bisschen abgehängt” wurden. Der Leiter der Eichendorffschule in Kelkheim hat Referendare und Aushilfskräfte für ein Camp am Ende der Ferien gewonnen, auch eine Lehrerin macht mit. Real- und Hauptschüler der kooperativen Gesamtschule pauken dann drei Tage lang freiwillig Deutsch, Mathe und Englisch, mit individuellen Aufgaben. Das Angebot ist noch ganz frisch. Ein anderes ist mit 20 Kindern schon ausgebucht: Weil die zuletzt viel Farsi, Rumänisch oder Italienisch, aber kaum Deutsch gesprochen haben, gibt es in den letzten zwei Ferienwochen ein Sprach-Camp.

Auch beim Sommercamp des Frankfurter Gymnasiums Nord ist der Andrang groß. Wenn das Land den Plan genehmigt, rechnet Schulleiter Michael Haas mit mindestens fünf Gruppen von jeweils elf bis 13 Fünft- und Sechstklässlern, die unter normalen Bedingungen das Klassenziel nicht erreicht hätten. Oder die beim Homeschooling so wenig gelernt haben, dass sie Förderung brauchen.

Der Frankfurter Stadtelternbeirat sorgt sich noch um eine andere Gruppe. Inklusionskinder seien in der Corona-Zeit zu kurz gekommen. Die Vorsitzende Julia Frank wünscht sich ein Konzept, „wie sie nach den Ferien in vollem Umfang beschult werden können”. Und zwar nicht nur, indem Lehrer Dateien verschicken, sondern möglichst im Klassenverband.

Für den Schulbeginn rechnen alle Schulleiter mit mehreren Variablen. Das Problem ist bloß, dass die sich je nach Infektionsgeschehen und neuen Verordnungen seit März ständig verändern. Der Kelkheimer Haid sagt: „Da ist die Luft jetzt so ein bisschen draußen.” In den Ferien wird er „immer auf Stand-by” sein und das Postfach checken. Grundschulrektor Gehrling spricht von einem „Hybrid-Modell” – wegen der Kinder, die selbst in der Risikogruppe sind oder wegen gefährdeter Familienmitglieder weiter zu Hause bleiben werden. Und Gymnasiumsleiter Haas und sein Stellvertreter Stefan Trautmann entwickeln, falls wieder ein Lockdown kommt, die Aufgabenformate weiter. Damit Schüler sich Lernstoff wie die Bruchrechnung notfalls in winzigen Schritten selbst aneignen können. Bisher bestand das Lernen daheim weitgehend aus Wiederholung, nicht aus neuem Stoff.

Aber auch neue Formate helfen wenig, wenn die Kommunikation versiegt. Und natürlich werden sehr viele Schüler die Ferien-Angebote nicht nutzen – oder dürfen gar nicht teilnehmen. Gesamtschulleiter Haid sagt allerdings, er habe deshalb keine Beschwerden von Eltern des Gymnasialzweigs bekommen.

Gehrling berichtet von Anträgen auf Beurlaubung schon vor den Ferien. Weil Familien diesmal mit dem Auto in die Türkei oder nach Kroatien fahren, statt wie sonst zu fliegen, und das dauert länger. Der Grundschulleiter sieht darin auch eine Chance: Die Reise in die Herkunftsländer könne eine Zäsur sein. Sobald die Kinder zurück in die Schule kämen, könnten sie die nötige Spannung wiederaufbauen.