Dieser Artikel erschien am 24.08.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Heike Schmoll

Ungelernte Lehrer : Hauptsache, kein Unterrichts­ausfall!

Was soll junge Menschen noch motivieren, ein mehr­jähriges Studium anzutreten, wenn jetzt zuhauf Seiten­ein­steiger Lehrer werden? Wer unter­richtet, ist völlig gleichgültig. Ein Kommentar.

Eine Lehrerin hilft ihrem Schüler mit einer Aufgabe
Entwertet der Quereinstieg das Lehramtsstudium?
©dpa

Auch wenn man den Bildungsmonitor mit seinen Kriterien nicht für den schlecht­hinnigen Qualitäts­maß­stab für das deutsche Schul­system betrachtet, kann seinem Befund einer sinkenden Bildungs­qualität in Deutsch­land nur zugestimmt werden. Derzeit sorgt allein der Lehrer­mangel dafür, dass sich dieser Zustand nicht bessert, sondern lang­fristig mit Sicher­heit verschlechtert. Obwohl die verantwortlichen Bildungs­politiker in den Ländern wissen, dass die Professionalität der Lehrer zu den Grund­voraus­setzungen für einen heraus­fordernden Unter­richt mit guten Leistungs­ergebnissen gehört, verfahren sie aus lauter Angst vor dem elterlichen Wahlvolk nach der Devise: Hauptsache, kein Unter­richts­aus­fall, wer unter­richtet, ist völlig gleich­gültig.

Einen geringen Anteil ungelernter Lehrer gab es in Not­situationen der Bildungs­geschichte immer wieder, oft waren es Quer­ein­steiger, die zur Gesichts­wahrung der Bildungs­politik dienten. Aber es waren noch nie so viele und noch nie so wenig Qualifizierte. Auf der anderen Seite gab es noch nie so schwierige und heterogene Klassen wie jetzt.

Das verschärft die soziale Spaltung

Auch das Grundschullehramt ist mit Anforderungen über­häuft worden: Inklusion, Diagnose­fähig­keit, fach­wissen­schaftliche Ausbildung in Deutsch und Mathematik und vieles mehr. In den meisten Ländern dauert das Studium zwischen vier und fünf Jahre. Wie soll man denn Interessenten für diese schwierige Aufgabe finden, wenn es auch den einfachen, unqualifizierten Weg in die Schule gibt, der so viel mühe­loser erscheint, auch wenn er zumindest in Brenn­punkt­schulen zum sicheren Scheitern bei Lehrern und Schülern führt?

Selbst ein noch so guter Mathematiker weiß noch lange nicht, wie er Schul­mathe­matik unterrichten könnte, wie er mit undisziplinierten Schülern, die fort­während stören oder den Unter­richt unmöglich machen, verfahren kann. Hinzu kommt, dass die mangel­haft qualifizierten Lehrer geballt an Brenn­punkt­schulen mit über­bordenden Problemen eingesetzt werden. Das verschärft die soziale Spaltung vor allem in den Stadt­staaten, aber auch in den Groß­städten der Flächen­länder. Das Lehrer­debakel in Berlin ist ein Menetekel für die anderen Bundes­länder, derzeit behelfen sich alle mit dürftigen Lösungen.