100 Jahre Grundschule : Grundschul­verband fordert Abschaffung der Zensuren

Seit 100 Jahren werden alle Kinder an einer gemeinsamen Grundschule unterrichtet. Dabei spielt sie eine wichtige Rolle bei der Integration und Persönlichkeitsbildung der Kinder. Obwohl die Ansprüche der Gesellschaft an Grundschulen sehr hoch seien, fehlt es an Anerkennung und Unterstützung für die Primarstufe, betont der Grundschulverband. Neben der Abschaffung der Zensuren und gleichem Gehalt für alle Lehrkräfte, formuliert der Fachverband zahlreiche weitere Forderungen.

Carolin Simon / 13. September 2019
Grundschulkinder jubeln für den Fotografen.
Bildung für die Jüngsten: Der Grundschulverband hat einen Forderungskatalog vorgelegt, um die Grundschule zukunftsfähig zu machen.
©Felix Kästle/dpa

Lehrkräftemangel, marode Schulbauten, Schulversagen, wenig Raum für Individualität und Inklusion sieht der Grundschulverband als größte Missstände. Im Vorfeld des Bundesgrundschulkongresses am 13. und 14. September 2019 veröffentlichte der Verband einen Katalog mit 26 Forderungen, die sich an Politik, Pädagogik und Gesellschaft richten. Darin formuliert der Verband auch einige konkrete Ideen.

In dem Papier fordert der Grundschulverband die Abschaffung der Zensuren. Auf jede Form von Auslese sei zu verzichten. Hierbei schlägt der Verband Lerntagebücher und Lerngespräche zur Individualisierung des Lernens vor. In diesem Zuge müssten auch die Mindestnoten bei der Wahl weiterführender Schulen abgeschafft werden. Die Entscheidung sollten die Eltern auf der Basis von Beratungsgesprächen an der Grundschule treffen.

Auch im Schulbau sieht der Verband Verbesserungsbedarf. Die Schulen bräuchten flexible Lern- und Fachräume, die zum individuellen und gemeinschaftlichen Arbeiten einladen.

Der Verband fordert zudem schulpädagogische und inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentren in allen Schulbezirken, um die Umwandlung aller Grundschulen in inklusive Schulen voranzutreiben. Des Weiteren plädiert der Verband für gleiches Gehalt für alle Lehrkräfte, von der Grundschule bis zum Gymnasium.

Bundespräsident Steinmeier betont die Bedeutung der Grundschule für die Chancengerechtigkeit

Gemeinsames Lernen in der Grundschule ist für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unerlässlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft. „Hier werden die Weichen gestellt für die Zukunft unserer Demokratie“, sagte Steinmeier beim Festakt des Doppeljubiläums, 100 Jahre Grundschule und 50 Jahre Grundschulverband, in Frankfurt. „Auch hundert Jahre nach der Gründung der Grundschule in der Weimarer Republik geht es in Deutschland noch immer darum, Chancengerechtigkeit zu verwirklichen“, sagte Steinmeier. Das könne man nur erreichen, „wenn wir schon früh ausgleichen, was in manchen Elternhäusern nicht vermittelt wird“.

„Die Grundschule war die erste und ist bis heute die einzige flächendeckende Gesamtschule in Deutschland“, betont Maresi Lassek, Bundesvorsitzende des Grundschulverbandes. Integration sei der große Auftrag von Grundschulen in der Demokratie: „Mädchen und Jungen, Kinder aus allen sozialen Schichten und verschiedenen Kulturen, mit besonderen Begabungen und Handicaps lernen gemeinsam und voneinander“, so Lassek. Diese wichtige Aufgabe erfordere allerdings auch eine den anderen Schulformen und den internationalen Standards für die Primarstufe vergleichbare Ausstattung.

mit dpa