Dieser Artikel erschien am 18.06.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Grundschule : Wer Sport macht, rechnet besser

Eine Studie zeigt: Was Kinder in der Freizeit machen, hat großen Einfluss auf ihren Lernerfolg. Ob sie am Nach­mittag in der Schule bleiben, dagegen kaum.

Schüler im Sportunterricht
Freizeitsport führt zu besseren Noten.
©dpa

An der Grundschule Sander Straße in Hamburg sorgt Rektor Marco Fritzler mit allen Mitteln dafür, dass die Kinder nicht zu träge werden. In den Unterrichts­stunden halten die Lehr­kräfte sie zum Beispiel immer wieder an, aufzustehen und sich neues Lern­material zu holen – „unbewusste Bewegungs­pausen“ nennt Schul­leiter Fritzler das Konzept, bei dem er unbemerkt durch die Hinter­tür etwas Sport ins Klassen­zimmer holt. Als eine neue Turn­halle gebaut werden sollte, setzte Fritzler sich dafür ein, dass die alte nicht abgerissen wird. Jetzt hat die Schule sogar zwei Sport­hallen und kann ihren Schülerinnen und Schülern gemeinsam mit einem Verein jeden Nach­mittag bis zu drei Angebote zur Auswahl bieten: von Fußball über Ringen, Tanzen, Inliner, Basketball, Turnen bis hin zu Yoga.

„Jedes Kind, das die Ganz­tags­angebote nutzt, soll möglichst einen Sportkurs pro Woche besuchen. Darauf achten die Erzieher bei uns sehr genau“, sagt Fritzler. „Wenn sich Kinder bewegen, lernen sie besser.“ Im vergangenen Jahr hat die Schule Sander Straße sogar den Deutschen Schul­sport­preis erhalten.

Sport macht schlau. Das bekräftigt nun auch eine neue Studie des arbeit­geber­nahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der SZ vorab vorliegt. Der Ökonom Wido Geis-Thöne und seine Kollegin Ruth Maria Schüler wollten heraus­finden, welche Aktivitäten außer­halb des Unterrichts einen Einfluss auf den Lern­erfolg haben. Dazu werteten sie die Daten von rund 4000 Viert­klässlern aus, die im Rahmen des Nationalen Bildungs­panels befragt wurden. „Wir haben uns nicht einzelne Teil­bereiche angesehen, sondern die Lebenslagen der Kinder in der ganzen Breite“, erklärt Forscher Geis-Thöne.

Zu viel Sport, zu wenig Zeit für Haus­auf­gaben

Manche Ergebnisse sind dabei erwart­bar. Wer an seinen schul­freien Tagen regel­mäßig liest, erreicht eine höhere Lese­kompetenz. Er schneidet aber auch in Mathematik­tests besser ab. Lesen bildet – und macht Schüler interessanter­weise auch zu besseren Rechnern.

Am erstaunlichsten war für die Forscher allerdings die segens­reiche Wirkung, die regel­mäßiger Sport entfalten kann. Nicht allein das Bücher­lesen macht klug, sondern auch Bewegung, die Schweiß­perlen auf die Stirn treibt. Die Forscher können dabei aus­schließen, dass dieses Bild sich lediglich ergibt, weil es vor allem die gut verdienenden Eltern mit hohen Bildungs­abschlüssen sind, die ihre Kinder in die Tennis­vereine schicken: Den sozialen Hinter­grund der Schülerinnen und Schüler haben die Autoren aus den Ergebnissen heraus­gerechnet. Selbst wenn man also nur Professorinnen- oder nur Verkäufer­kinder betrachten würde, wären die sport­treibenden unter ihnen im Schnitt kompetenter als die, die keinen Sport machen.

Sie dürfen es nur nicht über­treiben: Wer mindestens einmal in der Woche schweiß­treibenden Sport macht, schneidet im Rechnen, Lesen und Recht­schreiben besser ab als andere Klassen­kameraden. Wer sich dagegen jeden Tag aus­powert, erzielt schlechtere Ergebnisse. „In Maßen führt Sport ein­deutig zu besseren Leistungen“, sagt Geis-Thöne. „Wenn ein Kind jeden Tag Fußball spielt, fehlen vielleicht schlicht die Zeit und die Energie, um für die Schule zu lernen.“

Sport verändert das Gehirn – und die Persönlichkeit

Dass Sport nicht nur Muskeln und Ausdauer stärkt, hatte IW-Ökonom Geis-Thöne schon in früheren Studien heraus­gefunden. Sport lässt offenbar sogar das Einkommen wachsen: Männer, die im Alter zwischen 25 und 34 mindestens einmal wöchentlich Sport trieben, verdienten in den folgenden neun Jahren 6,39 Euro mehr in der Stunde als ihre Kollegen – bei gleichem Bildungs­abschluss und Gesund­heits­zustand. Auch beim Berufs­einstieg waren die Sportlichen erfolg­reicher. Die Grundschul-Studie fügt diesem Bild nun eine weitere Facette hinzu.

Bloß warum ist das so? Eine Überlegung: Es ist vielleicht gar nicht so sehr der Sport, der etwas bewirkt. Womöglich unter­scheiden sich sport­treibende Menschen von vornherein in vielen Punkten von anderen – sie zeichnen sich möglicher­weise durch mehr Disziplin und Durch­halte­willen aus, Eigen­schaften also, die für den Gang zum Training ebenso wichtig sind wie für den Erfolg in der Schule oder im Job. IW-Forscher Geis-Thöne glaubt allerdings, dass auch der Sport selbst etwas bewirkt. Er verweist auf Untersuchungen, wonach unsere Persönlich­keit uns nicht allein zu Sportlern macht – sondern Sport umgekehrt auch unsere Persönlichkeit prägt: Wer sich bewegt, wird dadurch offenbar gewissen­hafter und offener für neue Erfahrungen.

Andere Studien wiederum zeigen, dass Bewegung das Gehirn fit machen kann: Forscher der Uni Bochum zum Beispiel legten Sportler in den Kern­spin­tomo­graphen und fanden so heraus, dass sie nicht nur mehr Muskel­masse hatten, sondern auch mehr Hirn­substanz. Ein US-amerikanisches Forscher­team stellte fest, dass Schul­kinder besser in Leistungs­tests abschnitten, nachdem sie 20 Minuten lang auf dem Lauf­band standen. Die IW-Ergebnisse bestätigen diese Forschung nun.

Warum zahlt sich mehr Zeit in der Schule nicht aus?

So entscheidend es ist, wie Kinder ihre Freizeit verbringen, so wenig macht es über­raschender­weise für ihre Leistungen aus, ob sie an den Nach­mittagen in der Schule bleiben. Ganz­tags­schüler schneiden in Mathematik, Lesen und Recht­schreiben nicht nennens­wert besser ab als Kinder, die nur Halb­tags­unterricht bekommen – auch das stellt die IW-Studie fest. Mehr Zeit auf dem Bolz­platz macht klug, mehr Zeit in der Schule dagegen nicht unbedingt. Für Studien­autor Wido Geis-Thöne ist das ein verwunderliches Ergebnis: „Offenbar haben wir in der Breite nicht die Qualität im Ganz­tag, die wir eigentlich bräuchten“, sagt er.

Dieser Befund deckt sich mit den Erkenntnissen der „SteG“-Studie, einer großen Unter­suchung, die den Ausbau der Ganz­tags­schulen erforscht. Auch sie stellte fest: Der Besuch einer Ganz­tags­einrichtung führt nicht automatisch dazu, dass Schülerinnen und Schüler auch in Leistungstests besser abschnitten.

Dabei sollen Ganztagsschulen nicht nur Förderstunden und Haus­auf­gaben­betreuung anbieten, sondern auch Freizeit­angebote, die das Lernen unter­stützen. Aber offensichtlich finden sie dafür nicht immer die richtigen Partner: Ein großer Teil der Ganz­tags­grund­schulen kooperiert zwar mit Sport­vereinen, die Zahl ist aber zwischen­zeitlich gesunken: 2012 hatten laut „Steg“-Studie 85,9 Prozent der Schulen eine Partner­schaft mit einem Verein, im vergangenen Jahr waren es nur 79,5 Prozent. Zwischen­zeitlich war die Zahl sogar noch niedriger. IW-Forscher Geis-Thöne mahnt an, gute Bewegungs­angebote nicht zu vernachlässigen. „Wir brauchen mehr Sport im Ganztag.“

Als die Grundschule Sander Straße in Hamburg vor sieben Jahren den Ganz­tags­betrieb startete, suchte sie gezielt die Kooperation mit dem Sportverein TSG Bergedorf; in einer Umfrage hatten sich die Eltern dafür ausgesprochen. „Im Unterricht können wir einzelne Bewegungs­felder allen­falls anreißen“, sagt Schulleiter Marco Fritzler. „Wirklich für einen Sport begeistern können wir die Kinder aber nur, wenn sie sich am Nachmittag ausprobieren und dann auf eine Sport­art spezialisieren können, die ihnen Spaß macht.“ In Hamburg funktioniert das offensichtlich: Nach der vierten Klasse, wenn sie die Schule wechseln, erzählt Fritzler, suchten sich viele Schüler einen Verein. Sie bleiben am Ball, was vielleicht auch den Mathe­lehrer am Gymnasium freut.