Dieser Artikel erschien am 10.08.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Armin Himmelrath

Eine Ausbildung für alle : Grundschule oder Gymnasium? Hauptsache Lehrer

Der Lehrermangel trifft nicht alle Schulen gleich. Aber Gymnasial­lehrer können nicht einfach so in der Mittel­schule unter­richten. Mit einem Lösungs­vor­schlag sorgt Kultus­minister Helmut Holter für Streit.

Portrait von Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport, Helmut Holter
Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport, Helmut Holter
©dpa

Helmut Holter hat ein Problem: Als Bildungs­minister in Thüringen sucht der Linke-Politiker hände­ringend Lehr­kräfte – so, wie die meisten seiner Amts­kollegen in den 16 Bundes­ländern. Der Lehrer­mangel verdirbt ihnen kollektiv den Start ins neue Schul­jahr.

Doch Helmut Holter ist, neben seinem Job als Landes­minister, auch noch amtierender Präsident der Kultus­minister­konferenz (KMK). Und in dieser Funktion gehört es zu seinen Aufgaben, neue Impulse in die Schul­politik zu tragen. So wie am Donnerstag, als Holter zum Ende der Sommer­ferien in Thüringen vor­schlug, Lehrer nicht mehr wie bisher getrennt nach Schul­arten aus­zubilden.

„Wenn wir erreichen wollen, dass wir den Unter­richt an den Schulen absichern, müssen wir die Durch­lässig­keit zwischen den Schulen erhöhen“, sagte Holter. „Wir müssen auch dahin kommen, dass ein Gymnasial­lehrer zum Beispiel in der Mittel­schule unter­richtet und auch wieder zurück­gehen kann.“ Die Lehrer­bildung dürfe deshalb nicht mehr nach der Schul­form erfolgen, sondern müsse sich an den Alters­stufen der zu unter­richtenden Kinder orientieren.

Widerstand aus der Union

Tatsächlich ist die Situation kompliziert. So zeichnet sich etwa in Nordrhein-Westfalen ein deutlicher Über­hang an Gymnasial­lehrern und gleich­zeitig ein massiver Mangel an Lehrern für andere Schulen ab. Doch Pädagogen einfach in eine andere Schul­form zu verschieben, das geht bisher nicht, und frei­willig wechseln wollen nur wenige.

Das Angebot des NRW-Schulministeriums an 2000 Gymnasial­lehrer jeden­falls, zunächst für einige Zeit an einer Grund­schule zu unter­richten, um danach einen fest zugesagten Job an einer weiter­führenden Schule zu bekommen, stieß bisher nur auf geringe Resonanz.

Holters Vorschlag zielt genau in diese Richtung – und sorgt bei Anhängern des klar gegliederten Schul­systems für heftigen Wider­spruch. „Dann können wir ja gleich das Gymnasium abschaffen“, polterte ein CDU-Bildungspolitiker, der nicht genannt werden wollte. Der bayerische CSU-Kultus­minister Bernd Sibler sagte, er setze „aus Über­zeugung“ auf eine schul­spezifische Lehrer­aus­bildung: „Jede Schul­art in Bayern hat ihren besonderen Bildungs­auf­trag. Dazu brauchen wir passgenau ausgebildete Lehrer­innen und Lehrer.“

Skepsis auch bei Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen­verbands NRW. Der Gymnasial­lehrer sagt, er halte von dem Vor­schlag nichts: „Solange es unter­schiedliche Schul­formen gibt, muss es auch unter­schiedliche Ausbildungen geben.“ Schließlich seien die Anforderungen an den Lehrer­beruf an Gymnasien, Real- oder Gesamt­schulen und erst recht an Grund­schulen sehr verschieden.

„Grundschul­lehrer nicht abhängen“

Ganz anders sieht das Ilka Hoffmann, Vorstands­mitglied für den Bereich Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. „Wir begrüßen den Vorschlag sehr, das Fest­halten an schul­form­bezogenen Ausbildungen ist veraltet“, sagt die Gewerk­schafterin: „Auch an Gymnasien werden die Lern­gruppen immer hetero­gener, eine breite Ausbildung der Lehr­kräfte mit Know-how etwa in der Inklusion ist not­wendig.“

Allerdings müsse man darauf achten, dass die Grund­schul­lehrer bei diesen Reformen nicht abgehängt werden. „Die Gleich­wertig­keit in der Ausbildung muss sich dann auch in der Bezahlung nieder­schlagen.“

Ties Rabe, Schulsenator in Hamburg, findet den Vorschlag seines Thüringer Kollegen „durch­aus vernünftig“. Schließlich seien fast alle Bundes­länder schon auf dem Weg zu einem Zwei-Säulen-System aus Gymnasium und integrierter Gesamt­schule. „Aufgrund der hohen Schnitt­mengen der Lehr­pläne können an beiden Schulen Gymnasial­lehr­kräfte hervor­ragend unterrichten und werden auch schon an vielen integrierten Gesamt­schulen eingesetzt“, sagt Rabe und kündigt an, dass Hamburg deshalb „künftig für die allgemeinen Schulen nur noch Gymnasial­lehr­kräfte und Grund­schul­lehrkräfte“ ausbilden werde.

„Solche Versuche einer Ausbildungs­reform gab es ja schon mal mit der Stufen­lehrer­aus­bildung in NRW, das wurde aber wieder ein­gestellt“, sagt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Er könne den Vorschlag Holters „in gewisser Weise nach­voll­ziehen – nur: So einfach ist die Welt leider nicht“.

„Gleiche Bezahlung ist der größte Anreiz“

Wichtiger als die formale Möglichkeit zum Schul­wechsel sei die gleiche Bezahlung von Lehr­kräften, sagt Beckmann: „Das wäre der größte Anreiz, um dem Lehrer­mangel zu begegnen.“ Wichtig sei außer­dem, dass sich die KMK auf vernünftige Qualitäts­standards für die Ausbildung von Quer- und Seiten­ein­steigern in den Lehrer­beruf einige.

Zumindest bei der Frage der Bezahlung liegt Beckmann damit ganz auf der Linie von Helmut Holter. Der hatte sich nämlich auch dafür ausgesprochen, Lehrer von Grund­schulen bis Gymnasien gleich zu bezahlen.

Der nächste Wider­spruch dürfte dem KMK-Präsidenten damit sicher sein.

Anmerkung: In einer vorherigen Version des Zitats von Ilka Hoffmann hieß es fälschlicher­weise, Lern­gruppen an Gymnasien würden immer homogener. Richtig ist, dass sie hetero­gener werden.

mit Material von AFP und dpa

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