Berliner Schulpolitik : Gründlich aufräumen, bitte!

Experten haben Berlins chaotische Schulpolitik untersucht. Von ihren Vorschlägen, wie es besser geht, kann ganz Deutschland lernen.

Dieser Artikel erschien am 07.10.2020 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Für die Schulpolitik in Berlin fordern die Experten weniger Durcheinander und mehr Verbindlichkeit.
Für die Schulpolitik in Berlin fordern die Experten weniger Durcheinander und mehr Verbindlichkeit.
©Tobias Schwarz/​AFP/​Getty Images

Der Titel könnte es in die heute-show schaffen: “Qualitätskommission zur Schulqualität in Berlin”. Schule – Qualität – Berlin? Dort also, wo fast ein Drittel der Neuntklässler nur auf dem Niveau von Grundschülern lesen kann? Dort, wo der Unterricht so viel gestört wird wie sonst nirgendwo in Deutschland? Wo die Leistungen der Schüler stagnieren oder gar sinken – aber wundersamerweise immer mehr Schüler das Abitur schaffen? Wo zwei von fünf Mathestunden in der neunten Klasse von Lehrern unterrichtet werden, die das Fach nie studiert haben?

Eine “Qualitätskommission” also für die Schulen des Stadtstaats Berlin, in dem man froh ist, dass es noch den Stadtstaat Bremen gibt – ein Land, dessen Schulen bei den Leistungsvergleichen in den vergangenen zwanzig Jahren immer noch etwas übler dastanden als die eigenen. Glück gehabt, Vorletzter!

Zusammengetragen hat die Daten der Qualitätskommission ein Kreis anerkannter Bildungswissenschaftler unter der Leitung des Kieler Professors Olaf Köller, ihr Bericht lag der ZEIT vorab vor. Am Mittwoch (also nach Redaktionsschluss) wurden die Empfehlungen veröffentlicht. Vorgestellt hat sie Sandra Scheeres (SPD), die als Bildungssenatorin also für den Zustand der Hauptstadtschulen politisch verantwortlich ist. Ihr blieb nichts anderes übrig: Sie hatte den Bericht selbst in Auftrag gegeben.

Tatsächlich hat es so etwas in dieser Form noch nicht gegeben: Ein Bundesland lässt die Qualität des Schulsystems von einem Expertenteam umfangreich durchleuchten, verlangt Ideen zur Verbesserung und gibt den Wissenschaftlern bei ihrer Arbeit freie Hand. Die Kommission hat diese Chance genutzt. Ihre Anamnese der Berliner Schulmisere ist zwar stilistisch etwas verschwurbelt, aber schonungslos, die Therapieempfehlung klar. Die Politikberatung der Köller-Kommission kann Vorbild sein für zukünftige Expertisen, etwa des zu gründenden Nationalen Bildungsrats bei der Kultusministerkonferenz. Er soll bald Empfehlungen für eine höhere Qualität im gesamtdeutschen Schulwesen geben (ZEIT Nr.39/20).

Denn die sozialen und pädagogischen Problemlagen in der Hauptstadt mögen besonders brisant sein – wo sonst müssen an Schulen Wachdienste den geregelten Schulbetrieb sichern? Doch ähnliche politische Dysfunktionalitäten und pädagogische Irrtümer, die eine gute Schule verhindern, findet man auch in anderen Bundesländern. So gelten die wichtigsten Empfehlungen der Kommission weit über Berlin hinaus – auch andere Bundesländer können aus ihnen lernen.

Gut Mathe statt Yoga-Matte

Die erste Schlussfolgerung der Forscher zielt auf den Kern der Misere: Auf den Unterricht kommt es an. Und hier vornehmlich auf die Hauptfächer Deutsch und Mathematik. Wer längere Texte nicht so lesen kann, dass er deren Sinn versteht, hat auch in Geschichte, Englisch oder Biologie kaum eine Chance. Wer an den Grundkonzepten der Mathematik – Brüche, Prozentrechnung, Dreisatz – scheitert, wird es in jeder Berufsausbildung schwer haben. In Berlin gehört fast jeder dritte Schüler zu diesen sehr schwachen Lesern und Rechnern, bundesweit ist es jeder fünfte. Viele von ihnen stammen aus Einwandererfamilien. Um diese Risikoschüler müssen sich Schulen und Politik besonders kümmern, heißt es in den Empfehlungen. Wie das am besten geht? Durch guten Unterricht.

Weniger Frontalunterricht also, mehr arbeiten in Gruppen und Projekten, denken dabei viele. Das aber “sind nur Oberflächenmerkmale”, sagt die Berliner Schulforscherin Felicitas Thiel, die der Kommission angehört. Viel wichtiger fürs Lernen seien die “tiefen Strukturen” des Unterrichts: anregende Aufgaben, das Vermögen der Lehrkräfte, typische Denkfehler zu entdecken, und – gerade fürs verstehende Lesen wichtig – feste Übungsroutinen. Solides Unterrichtshandwerk also.

Damit scheint es so weit nicht her zu sein. Denn im Lehramtsstudium spielt die Didaktik, die Kunst des Lehrens also, eine zu geringe Rolle. Und wer sich die Fortbildungskataloge in Berlin anschaut, findet Angebote zu sexueller Vielfalt oder Change-Management in der Schule, aber wenig zu Programmen für den Fachunterricht, die sich als erfolgreich erwiesen haben. Zudem können Lehrkräfte es sich oft selbst aussuchen, ob sie den Kurs “Yoga in der Grundschule” besuchen oder jenen, der ihnen hilft, ihre Mathestunden auf den neuesten didaktischen Stand zu bringen. So ist die Lehrerfortbildung in vielen Bundesländern: aufgebläht, unwissenschaftlich und wenig effektiv. Für Berlin schlagen die Experten vor, sie völlig neu zu organisieren.

Schüler fordern, statt sie zu schonen

Die ehemalige Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz sagte einmal: “Das Problem Berlins ist, dass Leistung keine Lobby hat, sie gilt als Zumutung.” So explizit formulieren es die Wissenschaftler nicht, aber auch sie sprechen von einer “mangelnden Kultur”, sich mit problematischen Leistungsergebnissen zu befassen. So ergeben Vergleichstests nicht selten große Lernunterschiede zwischen ähnlichen Schulen, mitunter sogar zwischen Parallelklassen. Was folgt daraus? In Berlin (und anderswo) meist nichts. Statt ihren Unterricht hinterfragen die Kollegien oft lieber den Leistungsvergleich.

Gerade Schüler aus benachteiligten Familien, das zeigt die Unterrichtsforschung, profitieren davon, dass man ihnen etwas zutraut und dass man sie fordert. Eine Schonhaltung (“Die armen Schüler haben es doch zu Hause schon schwer genug”) ist dagegen Gift fürs Lernen. Sie gibt es nicht nur in Berlin.

Ein skeptisches Verhältnis des pädagogischen Milieus zum Leisten und Lernen machen die Forscher an vielen Stationen der Lernbiografie aus. In der Kita setzten viele Berliner Erzieherinnen immer noch zu sehr auf das “ungelenkte Freispiel” und zu wenig auf die “verbindliche Förderung schulnaher Fähigkeiten”. Denn in der Sandkiste lernt das türkischstämmige Kind kein Deutsch, wenn der Spielkamerad auch nur Türkisch spricht. Da braucht es einen gezielten Wortschatzaufbau und systematische Gespräche. Doch solche Form der Anleitung erscheint vielen Kita-Erzieherinnen schon als Drill.

Am Ende der Schulkarriere wird die Lässigkeit, mit der Berlin Leistungszertifikate vergibt, sträflich: Selbst mit einer Fünf in Mathe oder Deutsch im mittleren Abschluss (einst Realschulzeugnis) dürfen Schüler hier noch in die Oberstufe wechseln. Dass mehr Schüler das Abitur machen als vor zwanzig Jahren, ist ein richtiges Ziel der Bildungspolitik. Ob aber 65 Prozent aller Schüler den Sprung in die Oberstufe schaffen sollten, selbst wenn die Leistung nicht stimmt, bezweifeln die Forscher.

Bessere Steuerung statt mehr Steuergelder

“Ad hoc Suche nach Lösungen”, “Unübersichtlichkeit”, “fehlende Steuerung”, “unklare Zuständigkeiten”: Das sind die Vokabeln, mit denen die Köller-Kommission die Berliner Schulverwaltung beschreibt. (Ähnliche Begriffe finden sich in Analysen zum Scheitern des Berliner Großflughafens.) Sieben verschiedene Einrichtungen der Beratung, Evaluation und Fortbildung von Schulen haben die Experten gezählt, die alle wenig zusammenarbeiten. Politikwissenschaftler sprechen in so einem Fall von bad governance.

Aber nicht nur die Berliner, die gesamte deutsche Schulpolitik hat ein gravierendes Steuerungsproblem, das zeigt etwa der Digitalpakt. Die erste Idee dazu gab es 2016, seit Mai 2019 stehen jetzt fünf Milliarden Euro bereit. Doch bisher ist gerade einmal ein Prozent des Geldes bei den Schulen angekommen. Warum? Wegen komplizierter Zuständigkeiten, Bürokratiewust und endloser Entscheidungswege. Schlechte Regierungsführung auch hier.

Von Digitalisierung ist im Köller-Bericht übrigens kaum die Rede. Neue Technik löst keine alten Probleme. Zu Recht werden auch nicht mehr Ressourcen gefordert. Kein anderes Bundesland (außer Hamburg) gibt pro Kopf so viel Geld aus wie Berlin. Anders als oft behauptet: Fehlendes Geld ist nicht unser größtes Bildungsproblem, weder in Berlin noch anderswo.

Eine “gezielte Reorganisation der Bildungsverwaltung”, “klare Konzentration auf die Schulqualität”, “verbindliche Vorgaben” – wer als Schulpolitiker nach neun Jahren persönlicher und 25 Jahren parteipolitischer Verantwortung solche Arbeitsaufträge bekommt, sollte das Amt in andere Hände geben. Sandra Scheeres ist dem zuvorgekommen: Sie hat angekündigt, nach den Wahlen 2021 nicht wieder anzutreten. Mit der Einsetzung der Kommission hat sie der Bildung der Stadt einen letzten großen Dienst erwiesen.