Dieser Artikel erschien am 09.10.2019 in DIE ZEIT
Autor: Martin Spiewak

Lehrermangel : Große Klasse

Der Lehrermangel ist dramatisch. Nur radikale Lösungen können jetzt noch helfen. Hier ein paar Vorschläge

Schülerin meldet sich im Unterricht
Ganz schön voll hier – ein Zeichen für schlechten Unterricht ist das nicht unbedingt.
©dpa

Werksschließung, Viertagewoche, Kurzarbeit – man kennt solche Notmaßnahmen aus der Industrie. Gut möglich, dass deutsche Schulen bald zu ähnlich drastischen Maßnahmen greifen. Sie könnten Klassen vergrößern, Schul­fächer streichen, Lehrern ihre Teilzeit nehmen oder sie an Brenn­punkte versetzen. Sie sollten es sogar tun.

Denn aller Voraussicht nach wird der Lehrermangel in Zukunft noch dramatischer als gedacht. Er wird die Schulen länger lähmen als befürchtet. 26.000 Pädagogen fehlen bis 2030 allein in den Grund­schulen. Das haben die Wissen­schaftler Klaus Klemm und Dirk Zorn kürzlich ausgerechnet, mal wieder übrigens für die Bertelsmann-Stiftung – und nicht für die eigentlich zuständige Kultus­minister­konferenz.

Die Folgen des Lehrermangels sind tief greifend: Überall in Deutschland ziehen nun Laien­lehrer in die Schulen ein. Zwar holen die Quer- oder Seiten­ein­steiger ihre pädagogische Ausbildung irgendwie nach. Doch fast immer stehen sie ohne formelle Vorbereitung vom ersten Tag an vor einer Klasse. Lange hieß es, die Ausbildung unserer Lehrer müsse angesichts bunterer Klassen, Sprach­problemen und Inklusion anspruchs­voller werden. Jetzt darf so gut wie jeder unterrichten. In großer Geschwindig­keit wird einer der Zentral­berufe unserer Zeit deprofessionalisiert.

Immerhin, Seiteneinsteiger haben in der Regel studiert. Sie können die Schulen im günstigen Fall bereichern. Da das Reservoir der arbeits­losen Musiker, zukunftsbangen Journalisten und neue Heraus­forderungen suchenden BWLer aber zur Neige geht, öffnen sich die Schultore auch Nicht-Akademikern: Köchen, kaufmännischen Angestellten, Kranken­schwestern. Die Helfer sollen den Schul­betrieb nur zeit­weise unter­stützen – bei Arbeits­gemein­schaften, im Nach­mittags­betrieb oder bei Pausen­auf­sichten. Doch wenn Lehrer krank werden, müssen auch sie als Unterrichts­vertretung ran – manchmal über viele Monate.

Schon jetzt ist absehbar: Weder Seiten­einsteiger noch Helfer können die Löcher im Stunden­plan lang­fristig stopfen. In Sachsen-Anhalt gilt das schon jetzt. In manchen Landkreisen ist die Personal­decke so dünn, dass jeder Lehrer- gleich zu einem Unterrichts­aus­fall führt, oft tage­lang. Die Schüler werden nur noch betreut, bekommen in einigen Fächern keine Noten mehr. In 300 Klassen im Land wird das zu den Halb­jahres­zeugnissen der Fall sein. Spätestens bei der nächsten Grippe­welle wird Sachsen-Anhalt kein Einzel­beispiel bleiben.

Die Lehrerlücken sind nicht überall gleich groß. Bayern und Hamburg leiden weniger, Nordrhein-Westfalen, Bremen, Berlin und einige Ostländer hingegen massiv. Auch die Schul­formen sind unter­schiedlich betroffen: Gymnasien haben überall weiterhin genug Personal; die Not grassiert, wo die Kleinsten und Bildungs­schwächsten zur Schule gehen. Je abgehängter die Region, je ärmer das Viertel, je sozial benachteiligter die Familien, desto wahrscheinlicher, dass Lehrer­stellen nicht regulär besetzt werden können.

Mehr Schüler als erwartet

Prognosen der Schülerzahlen im Vergleich, in Millionen Grundschülern

 

Quelle: Bertelsmann-Stiftung © ZEIT-Grafik

Bildungspolitik ist ein undankbares Feld. Für viele Probleme – etwa die Chancen­ungleich­heit – tragen die Kultus­minister nicht die Haupt­verantwortung, werden aber dafür gescholten. Der Lehrer­mangel jedoch ist selbst verschuldet. Größere Projekte leiden darunter besonders. Der versprochene Ausbau der Ganz­tags­betreuung in der Grund­schule? Eine Illusion. Knapp 20.000 zusätzliche Lehr­kräfte benötigt man für den Plan. Man findet sie nicht. Fortschritte bei der Inklusion, mehr individuelle Förderung? Schwierig.

In vielen Bundesländern kommt es jetzt stärker darauf an, flächen­deckend den Kern von Schule zu bewahren: den normalen Unterricht in den Haupt­fächern. Ideen dafür gibt es. Leider sind sie alle unpopulär. Ein paar Vorschläge aus dem Giftschrank der Bildungs­politik:

Größere Klassen. In einem Punkt zeigen sich Lehrer und Schüler, Eltern wie Politiker einig: Große Klassen sind schlecht. Doch das stimmt nicht. Weder schneiden Nationen mit großen Klassen­stärken – etwa bei Pisa – schlechter ab, noch unterrichten Lehrer in kleinen Klassen besser. Im berühmten Ranking wirkungs­voller Reform­maßnahmen des neuseeländischen Schul­forschers John Hattie landet die Klassen­größe deshalb sehr weit hinten. Erst Klassen­frequenzen um die 15 Schüler wirken sich auf den Lern­erfolg aus, aller­dings nur moderat. Zwei Kinder weniger pro Unterrichts­raum in Deutschland verändern dagegen nichts – zwei Kinder mehr auch nicht. Sie schaffen freilich Luft beim Lehrer­bedarf.

Konzentration auf den Kern

Weniger Teilzeit. 46,5 Prozent der Grund­schul­kräfte – die meisten sind Frauen – arbeiten in Teilzeit, weit mehr als die Erwerbs­tätigen insgesamt (28 Prozent). Eigene Kinder sind das Haupt­motiv der Arbeits­zeit­verkürzung. Eine Alternative dazu wäre, Lehrerinnen bei der Kita-Vergabe zu bevorzugen. Die Stadt München etwa verfügt über sogenannte Kontingent­plätze für städtische Angestellte. Und warum eigentlich errichten Schul­träger keine Betriebs­kinder­gärten für ihre Mitarbeiter?

Reichen wird das nicht. Es gibt keine andere Branche, in der man seine Arbeitszeit von Jahr zu Jahr so flexibel anpassen kann wie im Pädagogen­beruf. In Notzeiten kann man sich dieses Privileg nicht mehr überall leisten. Im Konflikt zwischen der allgemeinen Schulpflicht und den individuellen Lebens­entwürfen von Lehr­kräften sollte klar sein, was Vorrang hat.

Mehr Loyalität. Lehrer sind in der Regel Beamte, sie haben gegen­über dem Staat eine besondere Verpflichtung. Im Gegen­zug werden sie gut bezahlt und niemals arbeitslos. Deshalb ist es schwer verständlich, warum es so kompliziert ist, sie dort einzusetzen, wo sie am meisten gebraucht werden. Erfahrene Kräfte gehören an Brenn­punkt­schulen, keine Seiteneinsteiger. Keine Gymnasial­lehrerin sollte gezwungen werden, Erst­klässlern das Lesen und Schreiben beizu­bringen. Aber Sachkunde oder Sport, Mathematik und Englisch sollten sie mit einer Fortbildung in den weiter­führenden Stufen schon unterrichten können – besser jedenfalls als Laien ohne pädagogische Ausbildung. Das sollten auch Lehrer­verbände und Personal­räte, die gegen solche „Abordnungen“ oft Sturm laufen, verstehen.

Konzentration auf den Kern. Doch vielleicht kommt es mancherorts auf Fächer wie Sport oder Englisch schon bald gar nicht mehr an. Vielleicht gilt es, sich dort auch offiziell auf das Wesentliche zu konzentrieren: in den Anfangs­jahren also auf das Lesen, Schreiben und Rechnen. Englisch in der Grund­schule ist dagegen ein „Nice to have“, und das Turnen kann vielleicht auch ein Trainer aus dem benachbarten Verein über­nehmen – bevor ein ausgebildeter Deutsch­lehrer dafür seine Stunde verbraucht.

Natürlich sollte man den Lehrkräften die Härten versüßen: mit Geld und Arbeits­zeit­konten, mit Zulagen in Brenn­punkt­schulen, mit höherem Gehalt für Grund­schul­lehrer. Sie haben die Personalmisere schließlich nicht verursacht. Doch es hilft ja nichts: Die Ausbildung neuer Pädagogen dauert Jahre. Solange zu wenige neue Lehrer in die Schulen kommen, müssen die vorhandenen Kollegen mehr geben.

Was wäre, wenn der Staat nicht zu wenig Lehrer ausgebildet hätte, sondern zu wenig Chirurgen, Feuerwehrleute oder Justiz­beamte? Würden dann Biologen oder Tier­ärzte in unseren Kranken­häusern operieren? Würden Verbrecher früh­zeitig aus dem Gefängnis entlassen oder Brände nur noch in gehobenen Stadt­teilen verlässlich gelöscht?

In Deutschland herrscht Schulzwang, Eltern müssen ihre Kinder zum Unterricht schicken. Im Gegen­zug verpflichtet sich der Staat, allen Schülern das notwendige Wissen zu vermitteln, durch gut ausgebildete Lehrer. Schafft er es nicht, dieses Versprechen einzuhalten, kommt er einer seiner wichtigsten Aufgaben nicht nach. Das wäre dann nicht mehr nur politisches Miss­management – sondern Staats­versagen.

Quellen

  • Steigende Schüler­zahlen im Primar­bereich heißt die Studie von Klaus Klemm und Dirk Zorn für die Bertelsmann-Stiftung
  • Bildung in Deutschland 2018: Im Nationalen Bildungs­bericht findet man die Zahlen zur Teil­zeit­arbeit von Lehr­kräften
  • Lernen sichtbar machen – die berühmte Meta-Studie von John Hattie, die den Lernerfolg von Schülern untersucht
  • Links zu diesen und weiteren Quellen zum Lehrer­mangel finden Sie unter zeit.de/wq/2019-42