Arbeitszeitmodell für Lehrkräfte : GEW: „Für uns ist eine Entlastung das entscheidende Kriterium“

Das Arbeitszeitmodell für Lehrkräfte in Deutschland ist überholt. Kooperation von Lehrkräften oder auch fächerübergreifendes Lernen werden dadurch nicht selten erschwert oder sogar ausgebremst. Dennoch scheinen strukturelle Veränderungen in weiter Ferne. Warum ist das so? Und was müsste jetzt passieren, damit die Lehrerarbeitszeit künftig neu aufgestellt werden kann. Darüber sprach das Schulportal mit Maike Finnern, der Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Florentine Anders 01. März 2022
Die Arbeitszeitregelung ist eines der meistdiskutierten Themen in den Lehrerzimmern, sagt Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
©GEW

Schulportal: In Deutschland herrscht das Deputatsstundenmodell vor, das sich an den Unterrichtsstunden orientiert. Gemeinsame Schul- und Unterrichtsentwicklung ist dadurch schwer zu realisieren. Das hat sich auch in der Pandemie als Problem erwiesen. Was müsste sich aus Ihrer Sicht an den Arbeitszeitregelungen ändern?
Maike Finnern: Die Arbeitszeitregelung ist eines der meistdiskutierten Themen in den Lehrerzimmern, weil die Aufgaben, die die Lehrkräfte übernehmen, in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen haben. Je mehr Multiprofession und Ganztag wir an den Schulen haben, desto mehr Zeit braucht es zum Beispiel für die Koordination und Kooperation. Aber auch die Beratung der Eltern ist ein viel größerer Faktor geworden.

Zudem nimmt die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler viel mehr Zeit in Anspruch: Die Vorbereitung des Unterrichts in unterschiedlichen Kompetenzstufen ist natürlich aufwendiger, als wenn man für alle das Gleiche anbietet. Inklusion bringt neue Aufgaben mit sich. Digitalisierung ist zunächst ebenfalls aufwendiger.

Alle Lehrkräfte spüren in ihrem Alltag heute, dass ihnen Zeit fehlt, ihre Arbeit so zu machen, dass sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden. Das Pflichtstundenmodell bildet viele dieser Aufgaben nicht ab. Allerdings gibt es derzeit auch keine gute Alternative. Das Hamburger Arbeitszeitmodell hat zwar zusätzliche Aufgaben einbezogen, aber die Berechnungen dort gehen nicht auf. Es hat eben nicht zu mehr Zeit für Aufgaben außerhalb des Unterrichts geführt.

Was müsste sich denn ändern, wenn man bei dem bisherigen Modell bleibt?
Der erste Schritt wäre eine Reduzierung der Pflichtstunden. Die Zahl der Unterrichtsstunden ist in einigen Bundesländern in den vergangenen Jahren sogar noch erhöht worden. Die Stundenzahl ist in den Bundesländern und Schulstufen sehr unterschiedlich. Sie schwankt zwischen 22,5 und 29 Stunden. Wenn wir ins Ausland schauen, dann haben die Lehrkräfte dort oft eine viel niedrigere Pflichtstundenzahl. Insgesamt haben die Lehrkräfte dort natürlich eine ähnliche Wochenarbeitszeit wie hier, aber sie haben mehr Zeit, um zu koordinieren, Kinder und Jugendliche individuell zu fördern, Materialien zu entwickeln oder Elternarbeit zu machen.

Wenn es gelingt, die Pflichtstundenzahl zu reduzieren, werden die Lehrkräfte nicht weniger arbeiten. Sie haben dann mehr Zeit für andere Aufgaben.

Müssten all diese anderen Aufgaben neu definiert werden, auch was den Zeitaufwand betrifft?
Wenn es gelingt, die Pflichtstundenzahl zu reduzieren, werden die Lehrkräfte nicht weniger arbeiten. Sie haben dann mehr Zeit für andere Aufgaben. Die Schwierigkeit im Schulalltag besteht aber darin, dass sich der zeitliche Umfang dieser Tätigkeiten nicht minutengenau erfassen lässt. Mal muss ich beispielsweise mehr beraten, mal weniger.

Warum ist es so schwer, in diesem Bereich der Lehrerarbeitszeit etwas zu ändern? Fehlt da der politische Wille, oder stehen die Lehrerverbände einer Änderung im Weg?
Die Lehrergewerkschaften sagen klar, dass eine Veränderung in dem Arbeitszeitmodell nicht dazu führen darf, dass die Arbeit noch mehr verdichtet wird. Für uns ist eine Entlastung das entscheidende Kriterium, ob ein Arbeitszeitmodell funktioniert. Ein solches gibt es aber bisher nicht.

Wenn wir bei dem Pflichtstundenmodell bleiben, haben wir mehrere Schwierigkeiten, die einer Absenkung der Unterrichtsverpflichtung derzeit entgegenstehen. An erster Stelle der massive Fachkräftemangel. Solange es dafür keine Lösung gibt, ist es auch schwierig, die Pflichtstunden zu reduzieren. Das würde einen enormen zusätzlichen Fachkräftebedarf auslösen.

Die zweite Schwierigkeit ist, dass die Inhalte der Arbeitszeit nicht einfach zu fassen sind. Wie hoch ist etwa der Anteil an Fortbildung oder an Beratung? Die Idee, dass einige besonders belastete Lehrkräfte weniger Unterrichtsstunden geben und andere im Kollegium dafür mehr, halte ich deshalb auch für völlig untauglich. Das lässt sich nicht innerhalb eines Kollegiums austarieren und würde eher für Misstrauen sorgen. Die Belastungen sind unterschiedlich. Ein Nebenfach mit weniger Klausuren kann trotzdem sehr arbeitsintensiv sein, weil andere Aufgaben dafür stärker ins Gewicht fallen.

Und zum dritten ist es natürlich auch eine Kostenfrage. Eine Reduzierung der Pflichtstunden löst einen Mehrbedarf an Stellen aus. Das ist dann für die Politik oft ein Argument, das Thema nicht anzufassen.

Ist nicht sogar eher zu befürchten, dass aufgrund des Fachkräftemangels die Zahl der Pflichtstunden für Lehrerinnen und Lehrer erhöht wird?
Phasen mit sogenannten Vorgriffsstunden – also für eine bestimmte Dauer über die Pflichtstunden hinaus erbrachte Arbeitszeit, die nach Ablauf dieser Zeitspanne in Stunden oder durch Ausgleichszahlungen zurückgegeben werden sollte – hat es früher immer mal wieder gegeben. Damit haben wir allerdings sehr schlechte Erfahrungen gemacht!

Die eigentlich nur für einen klar definierten Zeitraum erhöhte Unterrichtsverpflichtung haben die Länder später meist zu Regelstunden gemacht. Deshalb lehnen wir diese Lösung grundsätzlich ab.

Die eigentlich nur für einen klar definierten Zeitraum erhöhte Unterrichtsverpflichtung haben die Länder später meist zu Regelstunden gemacht. Deshalb lehnen wir diese Lösung grundsätzlich ab. Gerade in den vergangenen zwei Jahren der Pandemie war die Arbeitsbelastung an den Schulen extrem hoch. Trotzdem haben die Lehrkräfte ihr Bestes gegeben. Wenn für diese Leistung nun die Stunden erhöht würden, gingen wir massiv dagegen vor.

Es gibt offenbar eine Pattsituation, die keine Änderung zulässt. Was müsste denn jetzt passieren, damit zumindest in einigen Jahren eine neues Arbeitszeitmodell möglich wäre?
Da müsste eine Menge passieren. Es müssten zunächst mehr Fachkräfte gewonnen werden, damit überhaupt Ressourcen da sind, um die Pflichtstundenzahl zu reduzieren. Zudem müssten wir die Arbeitszeiten in den verschiedenen Schulformen angleichen. Dieser Schritt ist längst überfällig. An Realschulen werden häufig 28 Stunden unterrichtet, an Gymnasien mit Sekundarstufe I sind es in der Regel 24,5 oder 25,5 Stunden. Dafür gibt es kein Argument. Früher begründete man diese Unterschiede damit, dass an den Haupt- oder Realschulen nicht so differenziert gearbeitet werden müsse wie an den integrierten Schulen, an Gymnasien sei der Korrekturaufwand höher und der fachliche Aufwand größer.

Das trifft überhaupt nicht zu. Differenzierter Unterricht findet heute in jeder Schulform statt. Stundendeputate in der Sekundarstufe I müssen deshalb angeglichen werden. Das bedeutet eine Absenkung an den nichtgymnasialen Schulformen. Langfristig muss für alle Schulformen eine niedrigere Unterrichtsverpflichtung gelten. Deshalb müssen wir uns über die Aufgaben, die Lehrkräfte über den Unterricht hinaus leisten, verständigen. Auch wenn man das nicht minutengenau ausrechnen kann, müssen die außerunterrichtlichen Tätigkeiten anerkannt werden.

Was kann man als Schulleitung denn schon jetzt mit dem Pflichtstundenmodell machen, damit Lehrkräfte besser kooperieren können?
Dazu müsste es mehr Freiheiten geben, wie man die Pflichtstunden einbringt. Momentan dürfen diese in der Regel nur für den Unterricht eingesetzt werden. Es müsste möglich sein, Pflichtstunden auch für Kooperationszeiten zu nutzen, dann würden sie fest im Stundenplan stehen. Das ist wichtig, denn wenn eine Kooperationsstunde nicht im Stundendeputat drin ist, wird sie auch schnell mal zu einer Vertretungsstunde.

Und dafür sollen dann Unterrichtsstunden wegfallen?
Da gibt es andere Möglichkeiten. Unterricht muss nicht immer bedeuten, dass eine Lehrkraft vor der Klasse steht. Es gibt zum Beispiel an vielen Schulen Selbstlernzeiten oder Gruppenarbeit in kleinen Teams außerhalb des Unterrichts, gerade bei älteren Schülerinnen und Schülern.

Wie stehen Sie zu mehr Präsenzzeiten für mehr Ganztag und Kooperation?
Wenn man Schule als Ganztagsschule denkt, ist es natürlich erforderlich, dass Lehrkräfte auch mehr Zeit in der Schule verbringen. Dafür brauchen die Lehrkräfte dann aber auch Arbeitszimmer. Bisher gibt es kaum Rückzugsräume, in denen Pädagoginnen und Pädagogen konzentriert zusammen oder allein arbeiten können. Das Lehrerzimmer ist ein großer, wuseliger und lauter Raum, in dem auch Pausen und Konferenzen stattfinden – das ist kein Ort, an dem man konzeptionell arbeiten oder auch mal Korrekturen machen kann. Solange wir diese Arbeitsräume nicht haben, kann man die Lehrkräfte auch schwer verpflichten, den ganzen Tag in der Schule zu bleiben. Sie würden große Teile ihrer Arbeit unter diesen Bedingungen gar nicht schaffen und dann trotzdem noch zu Hause arbeiten müssen.

Zur Person

  • Maike Finnern ist seit 2021 Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
  • Die 52-jährige war zuvor als Lehrerin für Deutsch und Mathematik und viele Jahre als Personalrätin im Bezirk Detmold sowie im Hauptpersonalrat beim Schulministerium in Nordrhein-Westfalen (NRW) tätig.
  • Von 2011 bis 2019 war sie stellvertretende Vorsitzende der GEW NRW und seit Mai 2019 Landesvorsitzende. Seit 2013 ist sie Mitglied im Hauptvorstand der GEW.