Schüler in der Corona-Krise : Geschenkte Zeit

Was hilft Schülern jetzt wirklich? Geld allein ist es nicht. Aber vielleicht ein zusätzliches Jahr.

Dieser Artikel erschien am 21.04.2021 in DIE ZEIT
Ein Kommentar von Anna Mayr
©Getty Images

Die besten Ideen klingen oft so radikal, dass alle nur kurz darüber lachen, um dann weiter über Kleinigkeiten zu diskutieren. Eine solche Idee hatte letztes Jahr der Leiter eines Berliner Gymnasiums, sie wurde danach immer mal von Bildungsexperten aufgegriffen, aber nie richtig diskutiert. Die Idee geht so: Man könnte das Schuljahr verlängern. Statt bis zum Sommer 2021 könnte es bis Dezember dauern. Wer also jetzt in der fünften Klasse ist, würde erst im Januar 2022 zum Sechstklässler, Erstklässler kämen im Januar in die Schule. Das darauffolgende Schuljahr würde dann wieder um ein halbes Jahr verlängert, womit man im Sommer 2023 zurück im „normalen” Rhythmus wäre, in dem die Sommerferien die Schuljahre trennen. Man muss das eventuell zweimal lesen, um mitzukommen. Es lohnt sich aber. Denn von allen Maßnahmen zum Aufholen des Corona-Schuljahres wäre diese am leichtesten umsetzbar: Die Schulen müssten keine zusätzlichen Klassen einrichten, keine neuen Lehrer einstellen. Es gäbe nicht mehr Kinder und nicht mehr Unterrichtsstunden, auch die Ferienzeiten blieben gleich. Die Kinder würden nur länger bleiben.

Einzelne Maßnahmen können den Verzicht nicht wiedergutmachen

Der Bund plant Milliardenprogramme für Nachhilfe und Freizeitangebote. Es ist ein althergebrachtes deutsches Konzept, Geld auf Probleme zu werfen. Aber die Kinder haben ja nicht nur Inhalte verpasst. Viel schlimmer: Sie haben sich nicht auf der Klassenfahrt zum ersten Mal verliebt. Sie haben nicht Mathe geschwänzt, um im Park Sekt zu trinken. So viele Altersgruppen haben auf tausend Dinge verzichtet, die sich nicht durch Maßnahmen wiedergutmachen lassen. Sie alle eint nur der Verlust von: Zeit.

Die Eltern sind nach zig Monaten der Schulschließungen zu müde, um noch etwas zu fordern. Die Kultusminister diskutieren über kleine Anpassungen. Ferienkurse, Nachhilfe, Leistungsstandserhebungen. Klar, dass man sich da nie einig wird. Das Schulsystem ist widerständig gegen Veränderung, es reproduziert sich, daran wird die Pandemie nichts ändern. So ein System kann sich nur selbst heilen.

Es wäre eine Holzhammermethode, aber mit feinem Nachklang: Die Ministerinnen würden den Kindern zeigen, dass es in der Schule wirklich um sie geht. Dass man sie nicht all diese Jahre zu 35st in enge Räume gequetscht hat, damit ihre Eltern arbeiten gehen können. Sondern damit sie sich entwickeln, etwas entdecken, Spaß haben.

Logisch: Manche werden dagegen sein. Eltern werden rufen, dass ihre Christina sich im Homeschooling doch so angestrengt habe oder dass Ben schon 19 sei, wenn er Abitur mache. Kinder und Eltern haben in den letzten Jahrzehnten leider eine Erzählung verinnerlicht, die nicht ihnen selbst nützt, sondern den späteren Arbeitgebern der Kinder. Viele denken, die Zeit in Schule und Kita sei verschwendete Zeit. Dass das Leben erst beginne, wenn man endlich im Arbeitsmarkt angekommen sei. Die Arbeitgeberverbände werden es eh hassen, dass sie etwas später mit neuen Arbeitskräften versorgt werden. Sie werden Schreckensszenarien zeichnen von unterforderten Leistungsträgern und von verlorenen Jahren sprechen. Dabei kalkulieren sie nicht die Kosten mit ein, die der Staat tragen wird, wenn der Druck auf die Familien sich weiter erhöht. Die Kosten von Schulabbrechern, die Kosten von Eltern mit Burn-out, die Kosten von 13-Jährigen mit Zwangsstörungen.

Die aktuellen Abiturklassen werden ihr Studium wohl „normal” im Oktober beginnen, ihre Prüfungen sind teils schon geschrieben. Der Jahrgang nach ihnen würde seine Prüfungen dann erst Ende 2022 schreiben, also im Sommersemester 2023 das Studium beginnen. Auch Ausbildungsbetriebe müssten auf ihre Azubis etwas länger warten als bis zum Regelstart im August – aber Betriebe sind zum Glück flexibler als das Schulsystem und können kreative Lösungen finden, um ein halbes Jahr zu überbrücken. Ein Problem liegt auch bei denen, die 2022 erstmals eine Kita besuchen sollten. Also ungefähr 800.000 Kinder. Für ihre Eltern müsste man das Elterngeld verlängern, so wie schon Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld wegen der Pandemie verlängert wurden.

Am Ende wird sich das alles auszahlen.