Dieser Artikel erschien am 14.08.2018 in der taz
Autor: Anna Klöpper & Bert Schulz

Bildungspolitik in Berlin : Gemeinschaft macht Schule

Nach zehn Jahren Probe­phase wird aus der Gemein­schafts­schule endlich eine reguläre Schul­form. Der CDU passt das nicht.

Unterrichtssituation in einer Grundschule
In der Gemeinschaftsschule hat jede/r was zu sagen.
©dpa

Vor gut einem Jahrzehnt wurde um die Gemein­schafts­schule in Berlin fast eine Art Kultur­kampf geführt. Seit Dienstag ist dieser end­gültig entschieden: Die Schul­art, bei der Kinder aller Leistungs­stufen zusammen unter­richtet werden und die bislang als Pilot­projekt getestet wurde, wird als reguläre Schul­form im Schul­gesetz verankert. Das hat der rot-rot-grüne Senat beschlossen. „Damit leisten wir einen weiteren Beitrag zur Ent­kopplung von sozialer Herkunft und Bildungs­erfolg“, erklärt Schul­senatorin Sandra Scheeres (SPD).

Auf Drängen der Linkspartei war das Pilot­projekt Gemein­schafts­schule ein inhaltlicher Schwer­punkt der rot-roten Koalition unter Klaus Wowereit zwischen 2006 und 2011 geworden – auch gegen Wider­stände aus der SPD. Zum Schul­jahr 2008/9 wurden die ersten Gemein­schafts­schulen gebildet, anfangs in jedem Bezirk eine. Heute gibt es laut der Schul­verwaltung 24 solcher Schulen in Berlin, in denen gemeinsam von der ersten bis zur zehnten beziehungs­weise drei­zehnten Klasse gelernt wird.

Das Projekt wurde von Beginn an wissenschaftlich begleitet. Der vor zwei Jahren vorgestellte Abschluss­bericht hat dann zumindest bei SPD, Grünen und Linken die verbliebenen Zweifel am Sinn dieser Schul­form aus­geräumt. Darin wird zum einen fest­gestellt, dass sowohl schwächere wie stärkere Schüler deutliche Lern­fort­schritte machen; zum anderen, dass in diesen Schulen die soziale Herkunft deutlich weniger Auswirkungen auf die Leistungen hat als bei anderen Schul­arten. Und: „Diese Schulen sind im Allgemeinen sehr beliebt, was sich etwa an den Anmelde­zahlen zeigt“, sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Schul­senatorin.

Laut Stoffers gibt es derzeit in vielen Bezirken weitere Schulen, die über­legen, Gemein­schafts­schulen zu werden – genaue Zahlen oder gar Namen wollte sie indes nicht nennen. Dass die Schul­form fortan im Gesetz verankert ist, mache diesen Schritt leichter, weil das Prozedere nun klar geregelt sei.

„Wir begrüßen die Verankerung im Schul­gesetz sehr“, sagt auch Tom Erdmann, Berliner Landes­chef der Gewerk­schaft Erziehung und Wissen­schaft (GEW). Aller­dings finde man auch, dass die Bildungs­verwaltung die im rot-rot-grünen Koalitions­vertrag formulierten Ziele zur Gemeinschafts­schule trotz allem nicht ent­schlossen genug voran­treibe. „Da steht ganz klar, dass die Schul­neu­bauten vor­rangig als Gemein­schafts­schulen geplant werden sollen.“ Davon merke man bei den mehr als 60 geplanten Schul­neu­bauten aller­dings nichts.

Bei der CDU ist man nach wie vor wenig glücklich über die Etablierung der Gemein­schafts­schule. „Da wurde jetzt eine Schul­art ins Schul­gesetz auf­genommen, über die man längst nicht alles weiß, was man eigentlich für einen solchen Schritt wissen müsste“, sagt die bildungs­politische Sprecherin Hildegard Bentele. Sie fordert, dass die Schul­verwaltung „harte Fakten auf den Tisch legen“ müsse, wie erfolg­reich die Gemein­schafts­schulen tatsächlich gearbeitet haben. „Wie viele schaffen den Mittleren Schul­abschluss, wie vielen gelingt der Wechsel in die Ober­stufe – alles das sagt die Begleit­studie ja nicht.“

Kritisch sieht Bentele auch, dass Grund­schul­eltern jetzt keine Wahl mehr haben, wenn die Einzugs­grund­schule im Kiez eine Gemein­schafts­schule ist. „Die Entscheidung für das Konzept muss frei­willig bleiben“, so Bentele.