Dieser Artikel erschien am 28.11.2018 in der taz
Autorin: Kaija Kutter

„Gemeinsames Lernen hat Erfolg“

Schulentwicklungsforscher Johannes Bastian hat das Pilot­projekt zu Berliner Gemein­schafts­schulen wissen­schaftlich begleitet. Was bedeuten seine Erkenntnisse für andere Bundes­länder?

Kinder legen die Hände aufeinander
Gemeinsames Lernen hat Erfolg.
©shuttertock

taz: Herr Bastian, Sie haben 18 Berliner Gemeinschaftsschulen wissenschaftlich begleitet. Ihr Fazit: Gemeinsames Lernen …?
Johannes Bastian: Gemeinsames Lernen hat Erfolg. Sie trugen die Ergebnisse Anfang November in Hamburg vor. Warum? Der mögliche Erfolg des gemeinsamen Lernens wird immer noch infrage gestellt, weil es nicht zum Erfahrungs­raum vieler Eltern gehört.

Wie sind diese Gemeinschafts­schulen entstanden?
Diese Schulen waren ehemals vorwiegend Hauptschulen oder Real­schulen und sind gestartet, als es das vier­gliedrige Schul­system noch gab. Kurz davor gab es den berühmten Brand­brief der Rütli-Schule. Dies ist eine Schule, die ich kennen gelernt habe als eine Haupt- und Real­schule mit einer Mauer auf dem Schul­hof, die die Schüler von­einander separierte. Heute ist der Campus Rütli eine erfolgreiche Gemeinschafts­schule.

Was bedeutet erfolgreich?
Das haben wir in zwei Teilstudien untersucht. In der einen, die ich zusammen mit Dagmar Killus und Ramböll Management verantworte, fragen wir mithilfe von standardisierten Instrumenten nach der Entwicklung eines Unterrichts, der für heterogene Lern­gruppen geeignet ist. Die zweite Teil­studie, die Ulrich Vieluf und sein Team verantworten, untersucht mithilfe von standardisierten Tests die Lern­entwicklungen von Schülern.

Und wie fielen die aus?
Das ist der Part, den der Kollege Vieluf sehr genau beschreiben kann, mit erstaunlichen Ergebnissen. Die Lern­entwicklung der Schüler wurde im Verlauf der Sekundar­stufe I in den fünf Bereichen Lese­verständnis, Ortho­grafie, Englisch, Mathematik und Natur­wissen­schaften gemessen. Die Lern­zuwächse waren hoch und lagen deutlich ober­halb der Lern­zu­wächse einer Kontroll­gruppe des gegliederten Schul­wesens. Dabei gab es im Verlauf des Schul­versuchs eine Steigerung der Lern­erfolge, besonders bei Schülern mit niedrigem Sozialstatus.

Von Gesamtschulen las man das schon häufiger. Warum ist dies 2018 wichtig?
In Berlin gibt es in einem Schulversuch die konsequenteste Form der Umsetzung dessen, was man bundesweit mit Gemein­schafts­schulen bezeichnet. Das lässt sich mit den folgenden Merkmalen beschreiben: stufen­über­greifendes Lernen von Jahr­gang 1 bis 10 beziehungs­weise 13. Verzicht auf äußere Leistungs­differenzierung (Einteilung der Klasse in Gruppen je nach Leistungs­niveau, Anm. d. Red.) und auf Leistungs­bewertung durch Noten bis einschließlich Jahr­gang 8. Zu Anfang war es völlig offen, ob es den Schulen gelingen würde, die Vielfalt der Schüler­schaft zu akzeptieren, differenzierende Lern­formen zu entwickeln und gute Lern­fort­schritte zu erreichen.

Was ist das Geheimnis des Erfolgs?
In Berlin gab es eine Art Pakt. Die Schulen mussten sich bewerben. Sie mussten ein Konzept vorlegen und eine Zwei­drittel­mehr­heit in der Schul­konferenz für die Teilnahme am Schul­versuch erreichen. Die Schulen mussten also sagen: Wir wollen Gemeinschafts­schule werden und wir können das begründen. Der zweite Teil dieses Pakts war, dass die Bildungs­politik ganz klar gesagt hat, auch wir wollen Schulen des gemeinsamen Lernens. Und wir wollen dazu beitragen, dass das gelingt. Ein dritter Punkt ist, dass Gemein­schafts­schulen Lern­gemein­schaften sind, und zwar auf drei Ebenen. Unter den Schülern, unter den Lehr­kräften und auch im Netz­werk der beteiligten Schulen. Ganz wichtig ist dabei: Die von uns befragten Schüler haben gesagt: Die Lehrer interessieren sich dafür, was ich kann und was ich noch nicht so gut kann, und dann reden wir gemeinsam darüber. Die Schüler spüren: meine Lehrer haben ein Interesse für mich als Individuum beim Lernen.

Heißt das: Politik kann gemeinsames Lernen nicht anordnen?
Es gibt in Berlin beides. Für die Gemeinschafts­schule musste und muss man sich bewerben. Und es gab kurz danach die Umstellung auf die Integrierten Sekundar­schulen, die zweite Säule neben dem Gymnasium.

In Hamburg die Stadtteilschule und in Bremen die Oberschule.
Genau. Darüber, wie erfolgreich die Sekundar­schulen in Berlin sind, habe ich keine Information. Wir können sagen: Wenn die Schulen sich bewerben, wenn sie diese Form des Lernens wollen und die Bildungs­politik dazukommt und sagt, wir wollen das auch, sind das wichtige Voraus­setzungen für das Gelingen einer Schule des gemeinsamen Lernens.

Verändert das gemeinsame Lernen auch den Unterricht?
Zum einen ist der Unterricht heute durch ein hohes Maß an Individualisierung und Selbst­regulation geprägt und gleich­zeitig durch ein hohes Maß an Unter­stützung durch die Lehr­kräfte. Darüber hinaus haben wir unter anderem fest­gestellt, dass „dahinter“ verschiedene Muster des Lehrer­handels liegen. Knapp 70 Prozent eröffnen mittlere bis große Spiel­räume für selbst reguliertes Lernen bei gleich­zeitiger Unter­stützung. Etwa 30 Prozent führen den Unterricht eher eng. Uns hat dann interessiert, ob Gemeinschafts­schulen große und mittlere Spiel­räume nur an Schulen eröffnen, die in einem Umfeld mit geringer Belastung liegen. Im Ergebnis bildet sich das so nicht ab. Es gibt Gemein­schafts­schulen, die einen hohen Belastungs­index haben und dennoch mittlere bis große Spiel­räume für selbst reguliertes Lernen eröffnen und umgekehrt. Gemeinschafts­schulen in Berlin bestätigen also nicht die Annahme, dass selbst regulierter Unter­richt nur in Schulen mit geringer Belastung und einem hohen Sozial­index möglich ist. Ein so geöffneter Unter­richt wäre demnach nicht etwas, was nur mit Schülern der Mittel­schicht möglich ist, die vom Eltern­haus darauf vorbereitet sind.

Welche Vorteile hat dieser Unterricht für die Schülerinnen und Schüler?
Ein solcher Unterricht bietet gute Voraussetzungen dafür, dass der Lehrer Zeit und Raum hat, sich dem einzelnen Schüler zuzuwenden. Die Spiel­räume des Lehrers, mit den einzelnen Schülern fördernd zu arbeiten, ergeben sich unter anderem daraus, dass er nicht die meiste Zeit vorne steht und redet. Im Übrigen wissen wir aus der Unter­richts­forschung, dass eigen­ständiges Lernen gekoppelt mit guter Unter­stützung durch Lehrer und Mit­schüler eine starke Lern­wirk­sam­keit aufweist.

Deshalb erarbeiten sich Lehrer, die mit unterschiedlichen Lern­voraus­setzungen der Schüler zu tun haben, Zeit­räume, in denen sie mit Schülern darüber sprechen können, was diese erarbeitet haben. Nur dann gibt es dieses Gefühl, von dem ich sprach: Der Lehrer will wissen, was ich verstanden habe und was nicht, und dann reden wir darüber.

Was können andere Städte von Berlin lernen?
Wir wissen jetzt, dass und wie sich Schulen des gemeinsamen Lernen entwickeln können und was diese Schulen erfolg­reich gemacht hat. Wenn nun Hamburger Schulen fragen, was sie daraus lernen können, dann können wir das nicht direkt ableiten. Interessierte Schulen aber können die Ergebnisse diskutieren und gemeinsam über­legen, was davon für sie bedeutsam ist. Es gibt also keine Blau­pause. Es gibt aber benenn­bare Faktoren, die diese Schulen erfolgreich machen. Von einigen Hamburger Schulen wissen wir, dass sie die Berliner Schulen in ihrem Entwicklungs­prozess beraten haben. Und dennoch haben sie in der eingangs genannten Veranstaltung intensiv diskutiert, welche Erfahrungen der Gemein­schafts­schulen für sie als Stadt­teil­schulen bedeutsam sind.

Die „Schule für alle“-Bewegung erlebt zurzeit Rück­schläge. Muss man ein Rollback fürchten, dass Konservative das System aus Haupt-, Real­schule und Gymnasium reaktivieren, weil es angeblich leistungs­stärker ist?
Diese These müsste man dann erst mal belegen. Wir können inzwischen empirisch gut belegen, dass die Berliner Gemein­schafts­schulen als konsequenteste Form des gemeinsamen Lernens erfolg­reich sind – sowohl was die Entwicklung und Nutzung differenzierender Lern­formen betrifft als auch bezüglich der Lern­fort­schritte und einer weit­gehenden Entkoppelung der Lern­fort­schritte von der sozialen Herkunft. Wer dies genauer wissen will, der findet den voll­ständigen Bericht unter „Gemein­schafts­schulen Berlin“ im Netz.