Vereinbarkeit von Familie und Beruf : Ganztagsbetreuung bringt Geld

Der geplante Ausbau der Ganz­tags­plätze für Grund­schüler kostet zwar Geld, beschert dem Staat aber auch Einnahmen, weil mehr Mütter arbeiten.

Dieser Artikel erschien am 21.01.2020 in der taz
Patricia Hecht
Schüler isst in Kantine
Mittagessen in einer Ganztagsschule
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Mehr Ganztagsangebote für Grund­schul­kinder führen zu mehr erwerbs­tätigen Müttern. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung (DIW) im Auftrag des Bundes­familien­ministeriums, die die Autorinnen am Montag in Berlin vorstellten. „Der Ausbau ermöglicht es Frauen, überhaupt erwerbs­tätig zu sein oder ihre Arbeits­zeit auf­zu­stocken“, sagte die Leiterin der DIW-Abteilung für Bildung und Familie, Katharina Spieß.

Die Studie des DIW rechnet drei Szenarien durch, die verschiedene Wünsche von Müttern nach Erwerbs­tätigkeit berücksichtigen. Je nachdem könne man von einer Erhöhung der Erwerbs­quote um zwei bis sechs Prozent­punkte ausgehen, so die Forscherinnen. Dabei wird auch einbezogen, dass nicht nur Mütter, die bisher gar nicht arbeiten, eine Arbeit aufnehmen, sondern auch Mütter, die bereits erwerbs­tätig sind, ihre Arbeits­zeit aufstocken wollen. Das führe zu einer Zunahme von 40.000 bis 100.000 Voll­zeit-Arbeits­stellen, so das DIW, was wiederum sowohl die Steuer­einnahmen als auch die Einnahmen in der Sozial­versicherung erhöhe.

Auf der anderen Seite würde es weniger Ausgaben für Sozial­leistungen wie Wohngeld oder Kinder­zuschlag geben. Die Mehr­einnahmen für den Staat lägen je nach Szenario zwischen 1 und 2 Milliarden Euro pro Jahr, hieß es. „Der Ausbau der Ganz­tags­betreuung finanziert sich zu einem großen Teil selbst“, sagte Familien­ministerin Franziska Giffey (SPD).

Dies sei zwar nicht das Haupt­augen­merk bei der Ganz­tags­betreuung: „An erster Stelle geht es um die Chancen­gerechtig­keit für Kinder, eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf, die Gleich­stellung von Frauen und die Behebung des Fach­kräfte­mangels“, so Giffey. Bisher aller­dings werde kaum darauf geachtet, dass die Ganz­tags­betreuung auch einen volks­wirtschaftlichen Nutzen habe.

Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass der Rechts­anspruch auf Ganz­tags­betreuung für Kinder im Grund­schul­alter bis 2025 eingeführt werden soll. Das bedeutet, von Montag bis Freitag sollen Kinder der Klassen eins bis vier acht Stunden täglich betreut sein. Zudem sollen in den Ferien höchstens vier Wochen Schließ­zeiten möglich sein. Dafür unter­stützt der Bund die Länder mit Investitions­hilfen in Höhe von 2 Milliarden Euro.

Derzeit ist die Nach­frage und Umsetzung von Ganz­tags­betreuungen lokal und regional unter­schiedlich stark: Während in Berlin rund 70 Prozent der Kinder in Angeboten der Ganz­tags­betreuung seien, seien es etwa in Baden-Württemberg nur rund 24 Prozent.