Frühkindliche Förderung : Bildung in Kita und Grundschule stärker zusammen denken

Eltern sind oft froh, wenn sie für ihr Kind überhaupt einen Kitaplatz bekommen. Doch wichtig ist, nicht nur quantitativ das Betreuungsangebot auszubauen, sondern auch die Qualität der frühkindlichen Bildung zu verbessern. Yvonne Anders, Professorin für Frühkindliche Bildung und Erziehung an der Universität Bamberg, erklärt im Interview mit dem Schulportal, wie gute Bildungskonzepte in der Kita aussehen können, die anschlussfähig an die schulische Bildung sind, und was das mit kleinen Männchen in Kabeln zu tun hat.

Annette Kuhn 10. Oktober 2022 Aktualisiert am 23. Oktober 2022 1 Kommentar
Frühkindliche Bildung Kinder sitzen auf Boden und hören zu
Bildungsangebote in der Kita dürfen nicht als Miniaturvariante von Schule daherkommen.
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Deutsches Schulportal: Gibt es einen optimalen Zeitpunkt für den Eintritt in die Kita, um Kinder gut fördern zu können?
Yvonne Anders: Für den sprachlich-kognitiven Bereich lassen sich nach aktuellem Forschungsstand insgesamt positive Effekte auf die Entwicklung nachweisen, wenn Kinder schon früh in die Kita kommen. Das ist allerdings sehr allgemein. Ob sich tatsächlich positive Effekte zeigen, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: von der pädagogischen Qualität der Kindertageseinrichtung und davon, wie viel Anregung die Kinder im Elternhaus bekommen. Beides muss man ins Verhältnis zueinander setzen. Oft wird es so dargestellt, dass ein Kind in der Krippe nur eine lieblose Betreuung in einer großen Gruppe erfährt und zu Hause von einem Elternteil 24 Stunden am Tag individuell gefördert wird. Solche Extreme gibt es aber meist nicht.

Eine wichtige Rolle spielt auch, ob in der Familie eine andere Sprache als die Verkehrssprache, also hier Deutsch, gesprochen wird. Ist das der Fall, ist ein früher Eintritt in die Kita hilfreich. Denn wenn diese Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr einen intensiven Kontakt mit der deutschen Sprache haben, können sie Deutsch als zweite Muttersprache parallel zur Familiensprache entwickeln. Später erwerben sie die deutsche Sprache als Zweitsprache.

Was heißt hier später?
Im Alter von etwa vier Jahren ist die sensible Sprachentwicklungsphase meist abgeschlossen, danach lernen Kinder Deutsch als Zweitsprache. Auch dann lassen sich Defizite in der Sprachentwicklung oder eine langsamere Sprachentwicklung noch ausgleichen, aber in der Regel brauchen die Kinder eine stärkere Unterstützung.

In einer Studie haben sich die Kollegen Jan Skopek und Giampiero Passaretta angeschaut, in welcher Weise der sprachliche Entwicklungsstand von sozialen und familialen Entwicklungsfaktoren abhängt. Sie kommen zu der Schätzung, dass sich 50 bis 80 Prozent der Unterschiede im Sprachlichen, die wir in der Grundschule beobachten, auf den vorschulischen Bereich zurückführen lassen.

Frühkindliche Bildung und Freispiel sind kein Widerspruch

In Deutschland wird frühkindliche Bildung kontrovers debattiert: Viele Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher halten vor allem das Freispiel für wichtig, andere fordern mehr Bildungsprogramme. Was sagt die Forschung dazu?
Das ist grundsätzlich kein Widerspruch. Um Kinder optimal zu fördern und zu fordern, braucht es eine gute Balance zwischen ungelenktem Freispiel, alltagsintegrierter Bildung und geplanten Aktivitäten. Grundsätzlich gilt aber, dass Bildungsangebote in der Kita immer spielerisch sein sollten.

Eine der typischen Aktivitäten, bei der man zum Beispiel das Verstehen von Mathematik alltagsintegriert fördern kann, ist das Tischdecken. Oder man kann Zahlen an Treppenstufen anbringen. Ein normal interessiertes Kind nimmt das wahr, greift die Anregung auf und beginnt, selbst zu zählen. Diese alltagsintegrierten Bildungsaktivitäten sind nicht zufällig. Die pädagogische Fachkraft muss sie bewusst unterstützen.

Die Ganztagsbetreuung ist inzwischen fortgeschritten, aber oft werden Kinder in Ganztagseinrichtungen nur halbtags betreut.

Ist im Kita-Alltag genug Zeit für geplante Bildungsaktivitäten?
Ich denke: ja. Es muss sich aber etwas ändern an der Tagesgestaltung der Kitas. Die Ganztagsbetreuung ist inzwischen fortgeschritten, aber oft werden Kinder in Ganztagseinrichtungen nur halbtags betreut, und die Organisation des Tages ist oft noch dieselbe wie bei reinen Halbtagskitas.

Das heißt, geplante Bildungsaktivitäten finden ausschließlich am Vormittag in einer eingeschränkten Zeit ab. Und wegen dieses kleinen Zeitfensters werden die verschiedenen Aktivitäten schnell in Konkurrenz zueinander gesehen. Viele pädagogische Fachkräfte priorisieren dann eher das Freispiel als geplante Bildungsangebote. Wenn die Ganztagskita wirklich als Ganztagskita verstanden und auch der Nachmittagsbereich stärker genutzt wird, könnte man hier zu einer besseren Balance kommen.

Es gibt auch Kitas, die hier durchaus schon gute Lösungen finden. Sie teilen die Gruppen zum Beispiel nach Ganztags- und Halbtagsgruppen. Oder sie machen den Eltern entsprechende Vorgaben zur Abholzeit, um auch am Nachmittag gut pädagogisch arbeiten zu können. Das Mitwirken der Eltern ist wichtig, denn wenn sie den Anspruch haben, dass sie ihre Kinder ab mittags flexibel abholen können, hat die Kita kaum Möglichkeiten, am Nachmittag ein gutes Bildungsangebot zu machen.

Große Qualitätsunterschiede bei Apps im frühkindlichen Bereich

Inwieweit ist der Einsatz von digitalen Medien in der frühkindlichen Bildung sinnvoll?
Hier gibt es viele Vorbehalte, aber auch viele gute Beispiele, wie der Einsatz aussehen kann. Man kann zum Beispiel mithilfe einer App Tiere, Pflanzen oder Vogelstimmen bestimmen oder über ein Mikroskop Blätter vergrößern. Dadurch lässt sich das Wahrnehmungspotenzial der Kinder erhöhen. Weitere Beispiele sind E-Books oder Apps, die das dialogische Vorlesen unterstützen.

Was ist das dialogische Vorlesen?
Das dialogische Vorlesen ist eine Technik des Vorlesens, die natürlich auch ohne digitale Medien funktioniert. Man nutzt dabei das Buch als Stimulus, um das Kind zum Sprechen anzuregen. In diesem Prozess wird das Kind im Idealfall immer mehr zum Erzähler, und die vorlesende Person rückt in den Hintergrund. Wenn eine pädagogische Fachkraft zum Beispiel eine Geschichte über einen Zoobesuch vorliest, kann sie mit dem Kind ins Gespräch über seinen eigenen letzten Besuch im Zoo kommen. So lassen sich Erinnerungen beim Kind wachrufen, oder es wird auch zum Zählen, Vergleichen angeregt: Welches ist das größte Tier, was ist dein Lieblingstier?

Vorlese-Apps kann das Kind individuell steuern, und sie können Kindern auch die Möglichkeit geben, eine Geschichte zu personalisieren. Sie können sich zum Beispiel aussuchen, ob die Hauptfigur ein Junge oder ein Mädchen ist, oder sie können den Figuren Namen geben.

Es gibt bei Apps im frühkindlichen Bereich allerdings große Qualitätsunterschiede und auch digitale Elemente, die nachweislich nicht förderlich sind. Wenn Kinder ständig irgendwo draufdrücken müssen, um Tiergeräusche zu erzeugen, passiert es schnell, dass ihre Aufmerksamkeit nur darauf gerichtet ist. Die Geschichte rückt dann in den Hintergrund, und die Kinder kommen nicht ins Sprechen.

Wir brauchen Vorläuferkonzepte in der Kita, die anschlussfähig an die spätere schulische Bildung sind.

Was macht überhaupt ein gutes Bildungsangebot im frühkindlichen Bereich aus?
Es sollte vor allem auf den Entwicklungsstand des Kindes ausgerichtet sein. Die Förderung ist immer dann am besten, wenn sie in der sogenannten Zone der nächsten Entwicklung liegt. Wenn Kinder gerade lernen, Schnürsenkel zu binden, ist es gut, sie dies selbst machen zu lassen. Wenn ich aber einem einjährigen Kind Schuhe mit Schnürsenkeln hinstelle, ist das eine große Überforderung.

Und wichtig ist auch die Qualität der Interaktionen. Die britische Bildungsforscherin Iram Siraj hat dafür den Begriff „Sustained Shared Thinking“ geprägt – gemeinsam geteilte Denkprozesse. Sie definiert dies als einen Prozess, in dem Kinder und Erwachsene zusammen ein Thema erarbeiten und zu einem Fortschritt in der kindlichen Entwicklung beitragen. Solche Momente beobachten wir aber kaum in den Kitas. Es findet viel zu wenig Kommunikation mit den Kindern statt. Oft stellen Erzieherinnen und Erzieher auch keine Fragen, sondern geben den Kindern nur Anweisungen.

Und noch ein dritter Punkt: Wenn es um schulnahe Fähigkeiten und Fertigkeiten geht, kommt es auf die Anschlussfähigkeit an die Schule an. Es macht zum Beispiel wenig Sinn, wenn Kinder mit der Vorstellung aus der Kita gehen, dass Zahlen lustige kleine Wesen sind, die in Häusern wohnen, hin und her hüpfen und Emotionen haben. Das müssen die Lehrerinnen und Lehrer in der Grundschule dann erst mal wieder herausholen aus den Kindern, um ihnen den Zahlenstrahl vermitteln zu können. Und es ist auch schwierig, wenn Kinder vor der Einschulung schon das Alphabet aufsagen können, weil sie zum Lesenlernen erst mal mit Lauten arbeiten müssen.

Meine eigene Physikkarriere in der Schule wurde dadurch behindert, dass mir ein Freund der Familie in der ersten Klasse erklärt hat, dass das Licht angeht, weil kleine Männchen mit Strom-Eimern durch das Kabel laufen und den Strom in die Lampe schütten, wenn man auf den Lichtschalter drückt. Dieses Bild habe ich jahrelang mit mir rumgeschleppt, und es hat mein Verständnis für naturwissenschaftliche Gesetze erschwert.

Frühkindliche Bildung heißt nicht Schule in Miniaturvariante

Was folgt daraus?
Wir brauchen Vorläuferkonzepte in der Kita, die anschlussfähig an die spätere schulische Bildung sind. Dafür muss Bildung in Kita und Grundschule zusammen gedacht werden. Schulen und Kitas müssen stärker zusammenarbeiten, um entsprechende Programme zu entwickeln. Aber nicht in dem Sinne, dass man die Schule in die Kita trägt und eine Miniaturvariante der schulischen Inhalte schafft.

Auch hierzu ein anschauliches Beispiel: Früher hat man ans Fahrrad Stützräder montiert, wenn Kinder Fahrrad fahren lernen sollten. Das fördert aber nicht das, was Kinder brauchen, um Fahrrad zu fahren: die Fähigkeit, sich selbst und das eigene Körpergewicht auf den zwei Rädern zu balancieren. Diese Kompetenz erlangen sie heute mit den Laufrädern.

Wenn man Kinder angemessen und adaptiv fördern will, braucht man Wissen über ihren Entwicklungsstand. Sonst werden benachteiligte Kinder noch stärker benachteiligt.

Brauchen wir für den vorschulischen Bereich mehr Diagnostik und Assessments?
Das ist ein dickes Brett, weil die Kita in Deutschland sehr stark in der sozialpädagogischen Tradition verankert ist und sich gegen die Implementation von Diagnostik und Assessment wehrt. Oft heißt es: „Wir wollen die Kindheit nicht vermessen“, „wir wollen keinen Leistungsdruck in der frühen Kindheit aufbauen.“

Ernsthaft diskutiert wird nur die Diagnostik zur Sprachstanderfassung. Allerdings gibt es hier keine Einheitlichkeit. Jedes Bundesland macht solche Erhebungen auf unterschiedliche Weise, zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher Verbindlichkeit.

Interessant ist aber, dass Kinder oft keine Probleme mit der Messung haben, sondern meist nur die Erwachsenen. Denn Entwicklungsstände werden im frühkindlichen Bereich natürlich auch spielerisch erhoben. Das macht Kindern Spaß, und sie sehen auch gern ihren Fortschritt.

Gerade für Kinder, die weniger gute Chancen in der Grundschule haben, halte ich es für notwendig, dass eine frühe Diagnostik stattfindet. Wenn man Kinder angemessen und adaptiv fördern will, braucht man Wissen über ihren Entwicklungsstand. Sonst werden benachteiligte Kinder noch stärker benachteiligt.

Mehrsprachigkeit wird in Kitas noch kaum umgesetzt

Wie lässt sich denn mehr Bildungsgerechtigkeit in der Kita schaffen?
Wir sehen, dass Kinder mit Migrationshintergrund eine größere Wahrscheinlichkeit haben, in eine Kita zu kommen, in der der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund höher ist. Das ist grundsätzlich kein Problem. Aber Erhebungen zeigen, zum Beispiel die Studie der Sozialwissenschaftlerin Birgit Becker, dass Kindern mit einer anderen Muttersprache in der Kita oft der Sprachinput fehlt. Außerdem ist die pädagogische Qualität oft geringer in Gruppen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund.

Daher brauchen gerade Einrichtungen, die besonders viele Kinder mit einer anderen Muttersprache haben, mehr Ressourcen und höher qualifizierte Fachkräfte, die eine bessere Förderung ermöglichen können.

Wichtig ist auch, Eltern viel stärker mit einzubinden, ihnen früh Hilfen anzubieten, damit auch sie ihre Kinder besser fördern können.

Und Kitas sollten Multikulturalität stärker als Ressource aufgreifen. Mehrsprachigkeit ist ein Thema, das in Kitas noch kaum umgesetzt wird.

Sind die pädagogischen Fachkräfte für all diese Aufgaben genügend qualifiziert?
Hier sollte auf jeden Fall etwas passieren. Allerdings ist die Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher eine Breitbandausbildung, die für die pädagogische Arbeit von jungen Menschen im Alter von 0 bis 27 Jahren qualifiziert. Das vorschulische Alter macht nur einen Teil aus. Ich denke, hier muss man perspektivisch ran, um eine Qualifikation zu schaffen, die noch stärker auf die frühkindliche Bildung ausgerichtet ist. Und wir brauchen in den Kitas genauso wie in den Schulen mehr multiprofessionelle Teams mit Fachkräften, die auf einzelne Bereiche spezialisiert sind.

Zur Person

  • Yvonne Anders ist Professorin für Frühkindliche Bildung und Erziehung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
  • Sie beschäftigt sich vor allem mit der Qualität frühkindlicher Bildung, mit den Auswirkungen frühkindlicher und schulischer Bildungsqualität sowie mit dem Umgang von Diversität in Kita und Schule.
  • Sie leitet verschiedene Studien und Projekte, zum Beispiel die wissenschaftliche Evaluation des Bundesprogramms Sprach-Kitas und des Gute-Kita-Gesetzes.
  • Yvonne Anders bringt ihre Expertise in zahlreiche Gremien ein, zum Beispiel in den Aktionsrat Bildung, und ist Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz.
Yvonne Anders, Professorin für Frühkindliche Bildung
©Barthel Bamberg

Mehr zum Thema

  • Die Bundesregierung will die Qualität in den Kitas verbessern und hat daher im Oktober 2022 einen Entwurf zum für ein Kita-Qualitätsgesetz vorgelegt. Damit soll das Gute-Kita-Gesetz über 2022 hinaus verlängert werden.
  • Die Weiterentwicklung des Gesetzes bezieht sich auf den Evaluationsbericht von Yvonne Anders u.a. zum 2018 beschlossenen Gute-Kita-Gesetzes. Neue Maßnahmen sollen ab Januar 2023 ausschließlich der qualitativen Weiterentwicklung dienen. Dazu wurden im neuen Gesetzentwurf neue Handlungsfelder aufgeführt, die priorisiert werden sollen: zum Beispiel die Förderung der kindlichen Entwicklung und die Förderung der sprachlichen Bildung.