Frankreich : Ein nationales Zentrum bietet Fernunterricht

Die Schulen in fast allen europäischen Ländern stehen während der Corona-Pandemie vor ähnlichen Herausforderungen. Präsenzunterricht ist oft die Ausnahme, während Fernunterricht zur Regel wird. Doch in der Umsetzung gibt es in den verschiedenen Bildungssystemen große Unterschiede. Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich. Das Schulportal hat sich genauer angesehen, wie das Lernen in Frankreich derzeit organisiert wird. Hier bietet ein nationales Zentrum Online-Unterricht für alle Schulen.

Florentine Anders / 08. Juni 2020
Kinder im Klassenraum
Auch in Frankreich wechseln sich derzeit für die meisten Schülerinnen und Schüler Präsenzunterricht und Fernunterricht ab.
©dpa

Seit dem 2. Juni sind in Frankreich alle Schulen wieder geöffnet, jedoch wechseln sich Präsenz- und Fernunterricht ähnlich wie in Deutschland weiterhin ab, damit die Hygienevorgaben eingehalten werden können. Bei der Umsetzung des Lernens auf Distanz gibt es aber Unterschiede.

Bereits am 20. März, wenige Tage nach der Schulschließung, gab es vom Ministère de l’Education Nationale et de la Jeunesse, dem nationalen Bildungsministerium, ein sogenanntes Vademecum für die Fortsetzung der pädagogischen Arbeit. Die Handreichung von insgesamt 29 Seiten beantwortet Lehrkräften und Eltern die wichtigsten Fragen: „Muss ich jeden Tag mit jedem Kind kommunizieren?“, „Was tun, wenn die Schule keinen Internetzugang hat?“, „Muss ich Aufgaben für meine Schülerinnen und Schüler vorbereiten?“, „Wer hilft mir bei technischen Problemen?“ und viele mehr.

In der Handreichung ist klar geregelt, dass der Unterricht so weit wie möglich fortgesetzt werden soll, dabei soll durchaus auch neuer Unterrichtsstoff vermittelt werden – auf Distanz und in Kooperation mit den Eltern.

Alle Mittel- und Oberschulen verfügen über digitale Lernräume

Die Lehrkräfte können dabei auf Hilfsmittel zurückgreifen, die es in dieser Form in Deutschland nicht gibt. Alle Mittel- und Oberschulen und auch viele Grundschulen verfügen über eine Schulplattform – Espace numérique de travail (ENT). Diese Plattform wurde bereits lange vor der Corona-Pandemie genutzt, um zu dokumentieren, was im Unterricht gemacht wurde, um Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler hochzuladen oder auch den individuellen Lernfortschritt festzuhalten. Zugang haben neben den Lehrkräften die Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern, zum Beispiel um auf dem Laufenden zu bleiben, wenn ein Kind krank ist. In den weiterführenden Schulen sind die Lehrerinnen und Lehrer sogar verpflichtet, die digitalen Lernräume zu nutzen, auch wenn das in der Praxis nicht immer der Fall ist.

Doch mit einem digitalen Lernraum allein ist das Problem nicht gelöst. Die bisherige Praxis des Unterrichts in der Klasse eignet sich nicht unbedingt für das Lernen auf Distanz. Wer als Lehrkraft hierbei Anregungen sucht, kann auf das Angebot des nationalen Zentrums für Fernunterricht (CNED) zurückgreifen. In der Handreichung des Bildungsministeriums wird dieser Weg ausdrücklich empfohlen.

Das CNED wird in der Corona-Pandemie vom Nischenangebot zu einer wichtigen Säule des Bildungssystems

Mit dem CNED können alle französischen Schulen in Zeiten von Corona auf das Angebot einer Institution zurückgreifen, die es so in Deutschland nicht gibt. Das Zentrum bietet im Auftrag des Staates Schülerinnen und Schülern, die aus verschiedenen Gründen – etwa wegen Krankheit, Reisen oder intensiven sportlichen Aktivitäten – keine Schule besuchen können, lehrplankonforme Kurse in einem Fernprogramm. Gegründet wurde das Zentrum 1939, um den Schülerinnen und Schülern während des Zweiten Weltkrieges per Post Schulaufgaben zukommen zu lassen. In den 90er-Jahren wurde das Angebot zunehmend digitalisiert und auf den Online-Unterricht umgestellt. Die Zielgruppe war allerdings ein recht eingeschränkter Kreis, das hat sich nun schlagartig geändert: „Aufgrund der mit Covid-19 verbundenen Gesundheitskrise und der Schließung aller Schulen hat das CNED allen Lehrkräften und Schülern den Zugriff auf drei Lernplattformen und auf ein virtuelles Klassenzimmer ermöglicht“, sagt eine Sprecherin des Zentrums dem Schulportal. Es gibt verschiedene Lernpfade: für die Vor- und Grundschule, für die Mittelschule und das Gymnasium. Die Kurse entsprechen dem Lehrplan, der anders als in Deutschland für ganz Frankreich, inklusive der Überseegebiete, identisch ist. Die Programme für den Online-Unterricht enthalten Unterrichtssequenzen, Übungseinheiten, interaktive Tools, digitale Bücher und auch Logbücher, die es den Schülerinnen und Schülern erleichtern, den Lernprozess selbst zu organisieren. Um zu erkennen, wo sie stehen, und so den richtigen Schwierigkeitsgrad auszuwählen, können die Schülerinnen und Schüler in der Mittel- und Oberstufe zu Beginn eines jeden Kurses einen Positionierungstest machen.

Speziell für die Corona-Krise hat das CNED zusätzlich ein virtuelles Klassenzimmer etabliert. Über die Plattform „Ma classe à la maison“ (Meine Klasse zu Hause) können die Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen und Schülern die pädagogische Bindung aufrechterhalten. „Dieses digitale Klassenzimmer-Tool ist eine echte Bereicherung. Die Lehrkräfte können ihre Schülerinnen und Schüler individuell je nach Lernfortschritt beraten, und es können auch Gruppen gemeinsam arbeiten“, sagt die Sprecherin des CNED.

Viele Lehrkräfte verzichten auf das Angebot und suchen nach eigenen Wegen

Auf den ersten Blick scheint das CNED die perfekte Antwort auf die neuen Herausforderungen der aktuellen Krise zu sein. Doch ganz so einfach ist es nicht. Nach Angaben des CNED waren bis zum 25. Mai von den insgesamt 12,4 Millionen französischen Schülerinnen und Schülern gerade einmal rund 2,1 Millionen in dem virtuellen Klassenzimmer registriert. Hinzu kamen immerhin 584.326 der insgesamt 870.900 Lehrerinnen und Lehrer.

Viele Lehrkräfte schauen sich zwar das Angebot an, entwickeln dann aber doch eigene Konzepte für den digitalen Fernunterricht. Caroline Segal unterrichtet am Lycée Français de Vienne das Fach Französisch. „Ich habe anfangs das Angebot des CNED in einer meiner Klassen ausprobiert, bin aber schnell wieder davon abgekommen“, erzählt die Lehrerin der französischen Auslandsschule in Wien. Den Schülerinnen und Schülern sei es schwer gefallen, dem Kurs zu folgen, viele seien dadurch schnell demotiviert gewesen. Die Lehrerin ist deshalb dazu übergegangen, ihren Unterricht in Videokonferenzen über Zoom mit den Schülerinnen und Schülern fortzusetzen. „Zu Beginn war das nicht leicht, weil die Schülerinnen und Schüler in einer Videokonferenz sehr diszipliniert sein müssen“, sagt Segal. Einige Schülerinnen und Schüler würden auch die Videofunktion ausschalten, sodass sie schwer erkennen kann, ob sie überhaupt noch aufmerksam dabei sind oder inzwischen etwas ganz anderes machen. „Den Präsenzunterricht können die Videokonferenzen nicht ersetzen, aber es ist für mich im Moment der beste Weg“, sagt Segal.

Auch Stephan Haas*, Deutschlehrer an einem Gymnasium in Paris, nutzt das Angebot des CNED nicht. „Gerade in den Sprachen bietet der Lehrplan viele Freiräume für die eigene Unterrichtsgestaltung“, sagt Haas. „Da wäre es eher ein Zufall, wenn das Angebot des CNED genau in meine Unterrichtsprogression passt.“ Für seine Klassen habe es nicht gepasst. Möglicherweise treffe das in Fächern wie Geschichte oder in den Naturwissenschaften, wo der Lehrplan engere Vorgaben hat, eher zu. Haas nutzt deshalb vor allem die schuleigene Plattform, um die von ihm entwickelten Aufgaben für seine Schülerinnen und Schüler bereitzustellen. „Eine wichtige Erfahrung für mich war dabei, dass man die Schülerinnen und Schüler nicht mit zu vielen Aufgabendateien überfordern darf“, sagt Haas. Am Anfang hätten die hoch motivierten Lehrkräfte extrem viele Aufgaben digital zur Verfügung gestellt, ohne sich über deren Menge untereinander abzustimmen. Aber man dürfe nicht erwarten, dass die Schülerinnen und Schüler zu Hause genauso viele Stunden arbeiten wie in der Schule. Hier gehe es ja nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um soziale Kompetenzen. „Wenn der französische Bildungsminister zu Beginn der Schulschließungen gesagt hat, wir sind vorbereitet, dann ist das natürlich übertrieben. Niemand konnte auf diese Ausnahmesituation vorbereitet sein. Aber wir haben auch nicht ganz bei null angefangen“, sagt Haas.

Ähnlich wie in Deutschland gingen auch in Frankreich während der Schulschließungen Schülerinnen und Schüler verloren. Nach Schätzungen des Bildungsministers Jean-Michel Blanquer seien zum Ende der Schulschließungen etwa vier Prozent aller Schülerinnen und Schüler überhaupt nicht von den Lehrkräften erreicht worden. Es gab allerdings auch Berichte aus Brennpunktschulen, in denen die Lehrkräfte in einigen Klassen nur 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler während der Schulschließung erreicht haben. Wie groß die Lernrückstände sind und wie stark sich dabei die soziale Schere in Frankreich weiter öffnet, wird sich ähnlich wie in Deutschland erst in den kommenden Wochen zeigen.

*Name des Lehrers geändert