Forschungsprojekt „UneS“ : Wieso manche Schulen Digitalkompetenzen gut vermitteln – und andere nicht

Die international vergleichende Schulleistungsuntersuchung ICILS (International Computer and Information Literacy Study) von 2018 hat gezeigt, dass es Schulen weniger gut gelingt, sozial benachteiligten Schülerinnen und Schüler digitale Kompetenzen zu vermitteln. Es gibt aber auch Schulen mit herausfordernder Schülerschaft, die hier wider Erwarten überdurchschnittlich gut abschneiden. Warum? Wie sind Bildungsprozesse dort gestaltet? Welche Faktoren machen den Erfolg aus? Das will ein Team von Bildungsforscherinnen und Bildungsforschern der Universität Paderborn wissen und untersucht diese Schulen im Projekt „UneS – Unerwartbar erfolgreiche Schulen im digitalen Wandel“. Die Studie läuft noch bis Ende 2023, Projektleiterin Kerstin Drossel hat dem Deutschen Schulportal bereits erste Zwischenergebnisse vorgestellt.

Annette Kuhn 11. November 2022 Aktualisiert am 21. November 2022 1 Kommentar
Person springt über Felsspalte Symbol für Projekt UneS
Schulen in schwieriger Lage müssen viele Herausforderungen überwinden. Manche Schulen sind dabei unerwartbar erfolgreich, wie das Projekt „UneS" zeigt.
©Bastian Weltjen/iStock

Deutsches Schulportal: Die Studie ICILS 2018 hat gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler aus sozioökonomisch benachteiligten Familien über deutlich geringere digitale Kompetenzen verfügen als der Durchschnitt der Schülerschaft. Wie erklären Sie sich das?
Kerstin Drossel: Um Ungleichheiten in der digitalen Transformation zu erklären, eignet sich das Modell des sogenannten Digital Divide – der digitalen Spaltung. Danach sind vier Dimensionen entscheidend für den Prozess, wie sich Schülerinnen und Schüler Kompetenzen im Zusammenhang mit digitalen Medien aneignen. Studien zeigen, dass sich entlang aller vier Dimensionen Ungleichheiten, bezogen auf den sozioökonomischen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler, ergeben. Die Bemühungen auf schulischer Ebene reichen aktuell offenbar nicht aus, um diese digitale Kluft zu schließen.

Welche vier Dimensionen sind gemeint?
Die erste Dimension umfasst den Zugang zu digitalen Medien, also den Besitz digitaler Geräte und die Verfügbarkeit einer Internetverbindung. Die Unterschiede bei der Ausstattung sind entsprechend der sozialen Lage der Eltern groß: Die einen haben vielleicht nur ein Smartphone, das sie sich auch noch mit Eltern oder Geschwistern teilen, in anderen Haushalten findet sich eine Diversität an Geräten, die sich auch stärker für bildungsbezogene Arbeitsweisen eignen.

Die zweite Dimension betrifft die Motivation zur Nutzung digitaler Geräte. Sozial privilegiertere Jugendliche weisen vergleichsweise hohe informations- und lernbezogene Nutzungsmotive auf, während Jugendliche aus weniger privilegierten Elternhäusern höhere Werte in unterhaltungsbezogenen und sozial-interaktiven Motiven zeigen.

Beides manifestiert sich auch in der dritten Dimension, der tatsächlichen Nutzung digitaler Medien und der Erfahrung im Umgang mit digitalen Medien. Dabei geht es vor allem um die Diversität der Nutzung und die entsprechenden Erfahrungen.

Die vierte Dimension betrifft die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Schon bei der ersten ICIL-Studie 2013 haben sich hier große Disparitäten gezeigt. Aber seitdem wurden keine flächendeckenden und systematischen Maßnahmen getroffen. Dementsprechend ist die digitale Kluft bei ICILS 2018 unverändert. Auch bei dem nächsten Zyklus, der im Jahr 2023 durchgeführt wird, ist wahrscheinlich nicht damit zu rechnen, dass die Disparitäten geringer werden.

UneS zeigt: Sechs Prozent der Schulen sind unerwartbar erfolgreich

ICILS 2018 hat aber offenbar auch deutlich gemacht, dass es Schulen in herausfordernder Lage gibt, an denen die Schülerinnen und Schüler überdurchschnittlich hohe computer- und informationsbezogene Kompetenzen zeigen. Wie viele Schulen betrifft das?
Anhand der Daten der Studie ICILS 2018 konnten 6 Prozent der teilnehmenden Schulen in Deutschland als organisational resilient identifiziert werden. Gemeint sind damit Schulen, deren Schülerinnen und Schüler im Mittel sowohl aus Elternhäusern mit vergleichsweise niedrigem sozioökonomischem Hintergrund stammen und gleichzeitig über überdurchschnittlich hohe computer- und informationsbezogene Kompetenzen verfügen. Diese Schulen bezeichnen wir als unerwartbar erfolgreich, daher auch der Name des Projekts: „UneS – Unerwartbar erfolgreiche Schulen“.

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass viele Länder einen höheren Anteil an resilienten Schulen haben. In Finnland liegt er bei 17 Prozent, in Frankreich bei 14,4 Prozent, in Portugal bei 10,6 Prozent, in Dänemark und Italien bei jeweils 7,4 Prozent. Allerdings gibt es auch Länder, die hinter Deutschland liegen: die USA mit einem Anteil von 1,3 Prozent, Südkorea mit 3,5 Prozent oder Uruguay mit 3,7 Prozent.

Was wollen Sie im Forschungsprojekt UneS nun herausfinden?
Ziel von UneS ist es, mittels Videoanalysen des Unterrichts, qualitativen Interviews mit Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Schulleitungen sowie Schulträgern, Analysen von Dokumenten wie Medienkonzepten der Schulen und Sekundäranalysen der Daten von ICILS 2018 zu untersuchen, wie Bildungsprozesse in diesen unerwartbar erfolgreichen Schulen arrangiert werden.

Daraus wollen wir auch Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung der Schulen in Deutschland ableiten. Am Ende der Projektlaufzeit 2023 gibt es eine Abschlusstagung, die interdisziplinäre Akteurinnen und Akteuren aus Bildungsforschung, Bildungspolitik, Administration, Stiftungen sowie die schulische Praxis zusammenbringt.

Drei Typen resilienter Schulen

Das Forschungsprojekt läuft noch – gibt es schon erste Erkenntnisse?
Die Pandemie hat unseren Zeitplan leider beeinträchtigt. Wir konnten 2020 zunächst nicht in die Schulen und haben uns daher erst mal auf die Sekundäranalysen von ICILS 2018 konzentriert. So haben wir beispielsweise untersucht, ob sich resiliente Schulen in verschiedene Schultypen kategorisieren lassen.

Und?
Drei Schultypen haben sich herauskristallisiert:

Schulen des ersten Typs fehlt es zum Teil an Hardware-Ausstattung, und sie haben nur begrenzten Zugang zum WLAN. Dennoch charakterisieren sich diese Schulen durch eine positive Haltung der meisten Lehrkräfte gegenüber digitalen Medien und eine hohe Selbstwirksamkeit.

Schulen des zweiten Typs haben einen guten Zugang zur Hardware, und die Lehrerinnen und Lehrer haben eine positive Einstellung zu digitalen Medien sowie eine hohe Selbstwirksamkeit. Digitale Medien kommen vergleichsweise häufig im Unterricht zum Einsatz.

Schulen des dritten Typs haben nur einen limitierten Zugang zum Internet. Auch die Haltung der Lehrkräfte gegenüber digitalen Medien und die Selbstwirksamkeit sind hier weniger stark ausgeprägt als bei den anderen beiden Schultypen. Zudem werden digitale Medien nur selten eingesetzt. Dennoch erreichen Schülerinnen und Schüler an diesen Schulen überdurchschnittliche digitale Kompetenzen.

Kriterien guten Unterrichts sind entscheidend für den Erfolg

Wie verteilen sich diese Schultypen auf die sechs Prozent unerwartbar erfolgreichen Schulen?
Mehr als drei Fünftel (63,5 Prozent) der resilienten Schulen in Deutschland lassen sich dem ersten Typ zuordnen. Auf die beiden anderen Schultypen entfallen jeweils rund ein Fünftel. Da die Schultypen sehr unterschiedlich sind, liegt die Vermutung nahe, dass für die überdurchschnittlich hohen digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler noch andere Faktoren entscheidend sein müssen als nur die Ausstattung und die Haltung der Lehrkräfte.

Lehrkräfte an resilienten Schulen achten darauf, digitale Medien effizient und lernförderlich einzusetzen und Schülerinnen und Schülern im digitalen Lernprozess zu unterstützen.

Welche weiteren Faktoren spielen hier eine Rolle?
Um das herauszufinden, sind die ersten qualitativen Daten aus den Interviews mit Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler interessant. Dabei zeigt sich, dass die Kriterien guten Unterrichts – also effiziente Klassenführung, kognitive Aktivierung und ein förderliches Lernklima – an resilienten Schulen sehr ausgeprägt sind und unter den Bedingungen der Digitalität gestaltet werden.

Projekt UneS untersucht auch Rolle der Lehrkräfte

Wie zeigt sich das konkret?
Auf der Ebene der effizienten Klassenführung ist der Umgang mit Heterogenität, vor allem eine individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern durch digitale Medien, relevant. Aufgaben und Übungen werden nach Interessen und Wissensständen differenziert. Die Organisation von Unterricht ist zudem vereinfacht, indem Unterrichtsplanung, Materialien, die Sicherung und Verteilung von Aufgaben und Terminen digital für alle zugänglich sind. Auch die Förderung des selbstgesteuerten Lernens spielt hier eine große Rolle.

Lehrkräfte an resilienten Schulen achten auch darauf, digitale Medien effizient und lernförderlich einzusetzen und Schülerinnen und Schülern im digitalen Lernprozess zu unterstützen. Lehrerinnen und Lehrer regen die kognitive Aktivierung an, indem sie zum Beispiel digitale Tools anwendungsorientiert oder spielerisch bereitstellen. Der Einsatz von Lernvideos und Software wird unter anderem auch dafür genutzt, das Vertiefen von Inhalten zu Hause zu ermöglichen.

Auf Ebene des unterstützenden Lernklimas zeigen resiliente Schulen, dass sich Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler gegenseitig beim Einsatz digitaler Medien im Unterricht helfen. So entsteht eine Kultur des Miteinander-Lernens.

Außerdem gibt es an resilienten Schulen Ansprechpersonen und Schulungen zum digitalen Lernen. Und das Arbeiten mit bestimmten Programmen ist in den Lehrplänen festgehalten.

Lehrkräfte von resilienten Schulen nutzen digitale Medien selbst vielfältig und regen die Nutzung auch bei ihren Schülerinnen und Schülern an.

Klar ist: Schulen sind sehr unterschiedlich, das zeigen allein schon die drei verschiedenen Typen der resilienten Schulen. Das heißt, es kommt immer darauf an, die individuellen Bedarfe der Schulen in den Blick zu nehmen.

Welche typischen Erfolgsfaktoren für resiliente Schulen lassen sich daraus ableiten?
Wenn wir lediglich die Ergebnisse unserer quantitativen Analysen der Daten von ICILS 2018 für die unerwartbar erfolgreichen Schulen betrachten, wird deutlich, dass neben einer umfänglichen Ausstattung auch die Lehrkräfte einen besonderen Anteil daran haben, ob und wie digitale Kompetenzen im Unterricht gefördert werden. Einen tieferen Einblick in die Prozessabläufe der Schule werden wir jedoch erst nach der Analyse unserer qualitativen Daten – also der Interviews und Unterrichtsvideos – erhalten.

Klar ist aber: Schulen sind sehr unterschiedlich, das zeigen allein schon die drei verschiedenen Typen der resilienten Schulen. Das heißt, es kommt immer darauf an, die individuellen Bedarfe der Schulen in den Blick zu nehmen.

Insgesamt kann man aber wohl – auch über UneS hinaus – sagen, dass Schulen in der digitalen Transformation erfolgreich sind, wenn technische Ausstattung, Fortbildungen des Kollegiums sowie ein reflektierter didaktischer Einsatz digitaler Medien im Unterricht Hand in Hand gehen.

Zur Person

Kerstin Drossel
©Thorsten Hennig
  • Kerstin Drossel ist Akademische Oberrätin in der Arbeitsgruppe Schulpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn.
  • Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen digitale Medien, soziale Disparitäten, Lehrerprofessionalisierung, Schulleitungshandeln und Ganztagsschule.
  • Die Erziehungswissenschaftlerin leitet zusammen mit Birgit Eickelmann das Projekt „Unerwartbar erfolgreiche Schulen im digitalen Wandel – eine qualitative Vertiefungsstudie zu ICILS 2018“ (UneS). Außerdem hat sie die Projektleitung von ICILS 2023-NRW (International Computer and Information Literacy Study 2023 Nordrhein-Westfalen) inne.

Online-Veranstaltung zu UneS

  • Das Forschungsprojekt UneS (Unerwartbar erfolgreiche Schulen im digitalen Wandel) ist eine qualitative Vertiefungsstudie zu ICILS (International Computer and Information Literacy Study) 2018.
  • Die Studie wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Das Projekt läuft von 2020 bis 2023. Ende 2023 sollen die Ergebnisse vorliegen.
  • Ziel von UneS ist es, herauszufinden, welche Faktoren auf der Ebene der Einzelschule und auf der Ebene des Schulsystems dazu beitragen, digitale Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in Schulen in herausfordernder Lage zu fördern.
  • Im Begleitprogramm zur Konferenz Bildung Digitalisierung 2022 auf dem Campus des Deutschen Schulpreises stellen Kerstin Drossel und Birgit Eickelmann am 21. November die Gelingensbedingungen von unerwartbar erfolgreichen Schulen im digitalen Wandel vor: