Forschung : Warum Erwachsene beim Lernen auf die Bremse treten

Erwachsene lernen nicht mühsamer als Kinder, sondern anders, sagt die Lern- und Lehr­forscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Im Interview mit dem Schulportal erklärt sie, warum erfahrene Lehr­kräfte oft lieber an erprobten Modellen festhalten und was das für die Fortbildung von Lehrkräften bedeutet.

Florentine Anders / 27. Juni 2019
Arbeit am Computer
Vorwissen kann zum Nachteil werden, wenn man die Dinge automatisiert hat und dann nicht davon loskommt.
©istock

Schulportal: Frau Stern, es heißt ja oft, Erwachsene würden langsamer und mühsamer lernen als Kinder. Ist da was dran, oder lernen Erwachsene einfach anders?
Elsbeth Stern: Nein, es ist nicht so, dass Erwachsene langsamer lernen als Kinder. Meist trifft das Gegen­teil zu. Das Entscheidende beim Lernen ist das Vor­wissen. Je mehr Wissen man bereits erworben hat und je mehr Lern­gelegen­heiten einem bereits geboten wurden, umso einfacher und schneller kann man viele Dinge lernen. Der Vor­teil zum Kind ist, dass man auf Vorhandenes aufbauen kann. Ein erwachsener Mensch, der bereits rechnen kann, wird zum Bei­spiel auch die Differential­rechnung erlernen können, während das für ein Kind ohne Vorwissen in Arithmetik unmöglich ist.

Warum ist es dann für ältere Menschen so viel mühsamer, eine Fremd­sprache zu erlernen als für Kinder?
Wenn Kinder mit ihren Eltern ins Ausland gehen, lernen sie tatsächlich meist die Sprache schneller als die Eltern. Das liegt daran, dass die Mutter­sprache noch nicht so ausgeprägt ist und sie sich auf einem relativ niedrigen Niveau verständigen. Die Erwachsenen können sich ja in ihrer Mutter­sprache schon sehr differenziert aus­drücken. Deshalb halten sie natürlich lieber daran fest. Für jeden erwachsenen Menschen ist es ja ein Horror, in einer Fremd­sprache zu rade­brechen. Sich wie ein sechs­jähriges Kind auszu­drücken, kann man ja nicht wirklich wollen.

Vorwissen kann zum Nachteil werden, wenn man die Dinge automatisiert hat und dann nicht davon loskommt. Das kennt jeder, der einmal versucht hat beim Autofahren von der Automatik auf die Gang­schaltung zu wechseln. Man tritt in der ersten Zeit automatisch beim Schalten auf die Bremse.

Gerade im Zuge der Digitalisierung wird von vielen Lehrkräften verlangt, sich ständig weiterzubilden und auf Neues einzulassen. Ist das für die älteren Lehr­kräfte über­haupt möglich oder müssen wir da auf die Jüngeren setzen?
Erwachsene wollen zwar an Bewährtem festhalten, aber sie können sich auch ändern. Die Einführung des Computers hat gezeigt, dass auch bei den älteren Erwachsenen das Umlernen möglich ist. Die Schreib­kräfte haben sich zuerst heftig gewehrt und den Computer verteufelt. Als sie dann damit arbeiten mussten, haben sie schnell die Vorteile erkannt und den Umgang mit dem Word-Programm schneller gelernt als so mancher Wissen­schaftler an der Uni. Wenn die Lehr­kräfte erkennen, dass der Einsatz der neuen Software oder der neuen App tatsächlich Vorteile bringt, werden sie auch umdenken. Dabei muss man ja nicht alles mitmachen. Mich ärgert auch, wenn ich mich an eine neue Soft­ware gewöhnen soll, die aus meiner Sicht über­haupt nicht besser ist als die alte.

In der Lehrerfort­bildung geht es ja oft darum, die alten Muster zu verändern. Zeit­gemäße Pädagogik ist ganz anders, als es die Lehr­kräfte noch vor 30 Jahren gelernt haben. Wie gelingt es, die erfahrenen Lehr­kräfte dafür zu öffnen?
Jeder, der in der Lehrer­fortbildung gearbeitet hat, kennt diese zwei Sätze: „Das mach ich doch schon lange so“ und „Mit meiner Klasse geht das nicht“. Die erfahrenen Lehr­kräfte wollen in der Regel an ihrem erprobten Modell festhalten. Das ist eine ziemlich normale Reaktion. Ein Umdenken erreicht man meist dann, wenn ein Kollege oder eine Kollegin in der eigenen Klasse vormacht, dass ein anderer Unterricht tatsächlich besser funktioniert. Wenn man sich den Unterricht vor Ort genau ansieht und dann ganz konkret aufzeigt, wo man zum Beispiel Aufgaben­stellungen optimieren kann, dann nehmen das auch die erfahrenen Lehrkräfte gern an. Das passiert in der Schweiz viel über Unterrichtsbeobachtung. Ich selbst sitze als Mitglied einer Schul­kommission oft in der Klasse und schaue mir die Kinder genau an. Ich würde mir nicht zutrauen, besser zu unterrichten. Die Expertise dafür liegt klar bei der Lehr­kraft. Aber ich kann die einzelnen Kinder besser im Blick haben. Anschließend kann ich der Lehrerin oder dem Lehrer zurück­melden, welche Aufgaben­stellung gut funktioniert oder bei welchem Kind man vielleicht eine veränderte Aufgaben­stellung ausprobieren sollte. Wichtig ist es, den Verständnis­prozess bei den Kindern immer wieder zu überprüfen und den Unterricht anzupassen.

Ein Seminar in einem Fortbildungs­zentrum außer­halb der Schule bringt also gar nichts?
Es kann schon interessant sein für die Lehrkräfte von neuen Forschungs­ergebnissen zur Unterrichts­gestaltung zu erfahren. Aber werden sie das, was sie gehört haben am nächsten Montag in ihrer Klasse auch umsetzen? Eher nicht. Nach­haltiger wird die Fortbildung, wenn sie in der Schule fort­gesetzt wird. Das können auch Kolleginnen und Kollegen untereinander machen, indem sie gegen­seitig ihren Unterricht beobachten und auswerten.

Kann Deutschland in Sachen Lehrer­fort­bildung von der Schweiz etwas lernen?
Da die Autonomie der Schulen in der Schweiz sehr viel größer ist, kann man viele Formate erproben, zum Beispiel, indem man als Lehrer­bildner in den Unterricht geht.

Wie sinnvoll sind dann die Webinare oder andere Online­formate?
Webinare können die Fortbildung nicht ersetzen, genau so wenig wie Bücher oder Youtube-Videos die Schule ersetzen können. Sie können aber eine sinn­volle Ergänzung sein, zum Veranschaulichen oder zum Vertiefen. In meinen Fortbildungen verweise ich auch gern auf Videos, in denen ein Sach­verhalt gut dargestellt ist.

Zur Person

  • Die Psychologin Elsbeth Stern ist Professorin für Lern- und Lehr­forschung an der ETH Zürich. Ihre Schwer­punkte liegen in der Kognitions­psychologie und in der Intelligenz­forschung.
  • Dort ist sie verantwortlich für den pädagogischen Teil der Ausbildung angehender Gymnasial­lehr­kräfte.
  • In ihren wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt sie sich vorrangig mit dem Erwerb, der Veränderung und der Nutzung von Wissen.