Forschung : Sind Hausaufgaben noch notwendig oder längst überholt?

Immer mehr Schulen wagen das Experiment, auf Hausaufgaben zu verzichten. Kann das gut gehen? Wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahrzehnte konnten kaum positive Effekte auf die Lernleistung durch Hausaufgaben ausmachen.

Florentine Anders / 23. April 2018 / 1 Kommentar
Haben Hausaufgaben positive Effekte auf die Lernleistung? Wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahrzehnte lassen daran zweifeln.
Haben Hausaufgaben positive Effekte auf die Lernleistung? Wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahrzehnte lassen daran zweifeln.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Hausaufgaben sind für die siebenjährige Julia ein Fremdwort. Sie lernt in der ersten Klasse der Hamburger Grundschule Traberweg, die schon vor vier Jahren die Hausaufgaben komplett gestrichen hat. Wenn für Julia an diesem Montag nach der fünften Stunde der Unterricht an der offenen Ganztagsschule endet, kann sie sich aussuchen, ob sie toben, Freunde treffen oder einfach mal für sich sein möchte. Es gibt weder betreute Hausaufgabenstunden am Nachmittag noch Arbeitsblätter, die zu Hause erledigt werden müssen.

Der Landesschülerausschuss in Berlin erklärte im aktuellen Schuljahr 2017/2018 die Abschaffung der Hausaufgaben zu seiner zentralen Forderung. „Viele Schüler fühlen sich inzwischen überfordert, weil durch die Hausaufgaben am Nachmittag kaum noch Zeit bleibt, um in einem Sportverein zu trainieren oder um ein Instrument zu lernen“, sagte der Vorsitzende der Schülervertretung, Philipp Mensah, dem Deutschen Schulportal. Mit ihrer Forderung befeuern die Schülerinnen und Schüler eine Debatte, die seit Jahren schwelt.

Immer mehr Ganztagsschulen experimentieren bereits mit verschiedenen Modellen, um Lernzeiten am Nachmittag flexibler zu gestalten oder Übungszeiten in den Unterricht zu integrieren. So radikal wie an der Hamburger Grundschule Traberweg sind die Versuche jedoch selten.

Studien zeigen kaum Effekte auf den Lernerfolg

Dabei führt die Arbeit zu Hause keineswegs immer zum erwünschten Erfolg. Der tatsächliche Effekt der Hausaufgaben auf die Lernleistung ist umstritten. Das zeigen die zahlreichen Studien der vergangenen Jahrzehnte zu diesem Thema.

So hatte schon 1964 der Pädagoge Bernhard Wittmann einen Versuch durchgeführt, dessen Ergebnisse er in dem Buch mit dem Titel „Vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben“ veröffentlichte. Vier Monate lang hatte er sechs Duisburger Volksschulklassen des dritten bis siebenten Jahrgangs von den Hausaufgaben für die Fächer Rechnen und Rechtschreiben befreit.

Das Ergebnis: Im Rechnen zeigten nach Ablauf der vier Monate alle Klassen ohne Zusatzaufgaben zu Hause sogar bessere Leistungen als die Klassen mit den Hausaufgaben. In Orthografie verbesserten sich lediglich die Siebtklässler durch die Hausaufgaben, allerdings auch dort nicht alle. Wittmann zog damals die Schlussfolgerung, dass Hausaufgaben keinen Zuwachs an Kenntnissen und Fähigkeiten bei den Schülern bewirkten.

Ob man also die Mathe-Hausaufgaben direkt nach der Schule, nachts unter der Bettdecke oder überhaupt nicht macht: Der Effekt auf die Zeugniszensur ist derselbe, nämlich gleich null.
Erziehungswissenschaftler Johann Gängler, TU Dresden

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam, fast ein halbes Jahrhundert später, die Studie der Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden. Die Forscher hatten 1.300 Schülerinnen und Schüler sowie 500 Lehrkräfte an Ganztagsschulen befragt, wie sie die Auswirkungen der Hausaufgaben auf den Lernerfolg einschätzen. Das Ergebnis: Bei etwa drei Viertel der Schülerinnen und Schüler sahen die Lehrkräfte keinen positiven Effekt auf die Zeugnisnote. Auch die Lernenden selbst gaben in der 2008 veröffentlichten Studie mehrheitlich an, dass sie keinen Einfluss der Hausaufgaben auf ihre Note sehen. „Ob man also die Mathe-Hausaufgaben direkt nach der Schule, nachts unter der Bettdecke oder überhaupt nicht macht: Der Effekt auf die Zeugniszensur ist derselbe, nämlich gleich null“, sagte der Erziehungswissenschaftler Johann Gängler von der TU Dresden anlässlich der Veröffentlichung der Studie. Offenbar handle es sich eher um ein pädagogisches Ritual als um eine im schulischen Sinn Erfolg versprechende Maßnahme.

Das Ende der Hausaufgaben: Viele Eltern sind skeptisch

Ein pädagogisches Ritual, das sich in den Köpfen vieler Eltern und Lehrkräfte allerdings hartnäckig behauptet. Diese Erfahrung hat auch Jörg Behnken, der Schulleiter der Grundschule Traberweg, gemacht. Als er an seiner Schule die Initiative zur Abschaffung der Hausaufgaben startete, stieß er zunächst auf viel Skepsis. „Viele Lehrer waren überzeugt, dass die Kinder die Übungszeiten benötigen, um den erwarteten Lernerfolg zu erreichen“, sagte Behnken. Auch die Eltern hatten Sorge, dass ihre Kinder bei den Leistungen im Vergleich zu anderen Schulen zurückfallen könnten. Zudem befürchteten sie einen Kontrollverlust.

„Wir haben uns viele Studien angesehen, doch die Skepsis blieb“, sagte Behnke. Der Durchbruch sei erst erzielt worden, als sich alle Beteiligten fragten, was ein Kind an der Ganztagsschule am Nachmittag eigentlich braucht. Die meisten Kinder an der Hamburger Grundschule sind täglich bis 16 Uhr in der Schule. „Wichtige Erfahrungen wie Fahrradfahren oder Freunde-Treffen, die die Kinder früher nach Schulschluss im Kiez gemacht haben, müssen jetzt in die Schule verlagert werden“, sagte Behnken. Das aber sei nicht möglich, wenn die Kinder bis 16 Uhr immer wieder verbindliche Lernzeiten oder Förderkurse hätten. Statt einheitliche Hausaufgabenzeiten mit den gleichen Aufgaben für alle gibt es nun gezielte Förderstunden für Kinder, die einen besonderen Bedarf haben.

Auch zu Hause hört das Lernen nicht auf. „Es ist aber freiwillig und kann dann stattfinden, wenn es allen in der Familie Spaß macht“, sagte der Schulleiter. Das Einmaleins kann auf der Autofahrt in die Ferien abgefragt werden. Das Lesen kann am Abend beim Vorlesen im Bett geübt werden. Von den Lehrerinnen und Lehrern erhalten die Eltern Rückmeldungen , wo das Kind steht. „Und im Unterricht wird dadurch wertvolle Zeit zum Üben gewonnen, weil das Kontrollieren der Hausaufgaben entfällt“, sagt Behnke. Einen Abfall der Leistungen hätten die Lehrkräfte infolge der Reform nicht festgestellt.

Motivation ist entscheidend

Dass gerade für Grundschüler Hausaufgaben nicht besonders effektiv sind, zeigte auch die viel beachtete empirische Untersuchung des neuseeländischen Pädagogen John Hattie. Um wesentliche Faktoren für den Lernerfolg herauszufiltern, wertete Hattie 50.000 Studien mit mehr als 80 Millionen Schülern aus verschiedenen Ländern aus. Die Ergebnisse fasste er in seinem 2009 erschienenen Buch „Lernen sichtbar machen“ zusammen.

Hausaufgaben rangieren bei den rechnerisch ermittelten Erfolgsfaktoren demnach weit hinten. Allerdings hat Hattie Unterschiede zwischen Grundschulen und Oberschulen ausgemacht. An der High School ist der Effekt auf die Lernleistung laut Hattie doppelt so hoch wie an der Junior High School und für die Junior High School wiederum doppelt so hoch wie an der Grundschule.

Die Forscher der Universität Tübingen haben sich genauer angesehen, unter welchen Umständen Hausaufgaben für Schüler der Sekundarstufe nützlich sind, und dabei eine erstaunliche Erkenntnis gewonnen: Nicht die Zeit, die die Lernenden für die Hausaufgaben aufwenden, ist entscheidend, sondern die Motivation, heißt es in der 2015 veröffentlichten Studie. Ob Schülerinnen und Schüler bei ihren Hausaufgaben erfolgreich lernen, hänge damit zusammen, mit wie viel Sorgfalt sie bei der Sache sind und wie effizient sie arbeiten.

Den Bildungsforschern ist es gelungen, fünf Hausaufgabentypen unter den Schülerinnen und Schüler auszumachen: „die fleißigen Schnellen“, „die hoch Engagierten“, „die Durchschnittsschüler“, „die sich abmühenden Lerner“ und „die Minimalisten“. Kritisch sind Hausaufgaben demnach vor allem für jene, die zu den „sich abmühenden Lernern“ gehören. Sie können sehr lange über einer Aufgabe brüten und erzielen dennoch keine besseren Ergebnisse als die Minimalisten, die kaum Zeit für Hausaufgaben aufwenden. Wichtig sei es, diese Lernenden so zu fördern, dass sie eine Aufgabe schnell und mit Spaß bewältigen können. Denn vor allem bei den „fleißigen Schnellen“ schlagen sich die Hausaufgaben auch in guten Noten nieder. Die Anstrengungsbereitschaft könne beispielsweise erhöht werden, wenn den Schülerinnen und Schülern verdeutlicht wird, warum die Aufgabe wichtig ist.

Papa Andreas war in seiner Schulzeit kein Freund von Hausaufgaben. Inzwischen hat sich Schule aber grundlegend weiterentwickelt. An der Schule seiner Tochter Julia wurden Hausaufgaben abgeschafft.
Papa Andreas war in seiner Schulzeit kein Freund von Hausaufgaben. Inzwischen hat sich Schule aber grundlegend weiterentwickelt. An der Schule seiner Tochter Julia wurden Hausaufgaben abgeschafft.
©privat

Auf den Familien lastet weniger Druck

Das hätte sich auch Andreas Lang, der Vater der siebenjährigen Julia, in seiner Schulzeit gewünscht. „Ich habe vor allem in Mathe so gut wie nie Hausaufgaben gemacht, weil ich den Sinn gar nicht eingesehen habe“, sagte er. Dass seine beiden Kinder nun eine Grundschule besuchen, die gar keine Hausaufgaben aufgibt, ist für ihn kein Problem. Im Gegenteil: „Für uns ist das ein unglaublicher Gewinn. Die Abschaffung der Hausaufgaben nimmt auch viel Druck von den Eltern“, sagt der Vater, der als Elternvertreter auch jedes Jahr aufs Neue unter den Eltern der neuen Erstklässler Überzeugungsarbeit für das Konzept leistet.

Mehr zum Thema

  • Einen Überblick zur Studie der TU Dresden gibt es unter tu-dresden.de
  • Die wichtigsten Forschungsergebnisse der Universität Tübingen von 2017 zum Einfluss von Hausaufgaben auf die Persönlichkeitsentwicklung sind zu finden unter www.uni-tuebingen.de
  • Mehr Informationen zur Studie des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen zu den fünf Hausaufgabentypen von 2015 gibt es hier: www.uni-tuebingen.de
  • Das Buch „Vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben“ (162 Seiten) ist 1964 im Verlag Luchterhand erschienen
  • „Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen“ heißt der Titel der überarbeiteten deutschsprachigen Ausgabe von „Visible Learning for Teachers“ von John Hattie, überarbeitet von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer (Schneider Verlag; Auflage: 3. vom 25. Januar 2017)
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