Lernrückstände : Ernüchternde Bilanz des Corona-Aufholprogramms

Die Corona-Pandemie hat bei einem Großteil der Schülerschaft zu großen Lernrückständen und zu einem Zuwachs psychosozialer Belastungen geführt. Der Bund hat daher Mitte 2021 ein zwei Milliarden schweres Corona-Aufholprogramm beschlossen. Die Bilanz fällt ein Jahr später allerdings ernüchternd aus. Das Schulportal stellt die Auswertungen vor, beantwortet die wichtigsten Fragen zum Aufholprogramm und zeigt beispielhaft, welche Programme in den Ländern umgesetzt werden.

Annette Kuhn 08. Juli 2021 Aktualisiert am 12. September 2022 3 Kommentare
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Lernrückstände
Die Einschränkungen im Schulbetrieb hatten auf viele Schülerinnen und Schüler gravierende Auswirkungen.
©Gregor Fischer/dpa

Aktuelle Lernstandserhebungen zeigen, dass die Einschränkungen im Unterrichtsbetrieb während der Corona-Pandemie zu erheblichen Lernrückständen geführt haben. Und auch die Belastungen im  psychosozialen Bereich haben bei Kindern und Jugendlichen während der Pandemie zugenommen. Um dem entgegenzuwirken, hat die Kultusministerkonferenz 2021 das zwei Milliarden starke Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche beschlossen. Eine Milliarde Euro sollten für Lernförderprogramme zur Verfügung stehen, eine weitere Milliarde für die Aufstockung sozialer Projekte für Kinder, Jugendliche und Familien.

Inzwischen liegen die ersten Berichte und Analysen zum Aktionsprogramm Aufholen nach Corona vor – die Ergebnisse fallen ernüchternd aus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert vor allem die Verteilung der Fördergelder. Die Analyse der Aufholmaßnahmen belegt, dass die Fördermittel vielfach nicht dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, nämlich bei Schulen in schwierigen Lagen und armen Kindern und Jugendlichen, sagte GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze Anfang September 2022 bei der Vorstellung einer Untersuchung des Corona-Aufholprogramms in einzelnen Bundesländern, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gemacht hat. Eingeräumt wird hier, dass zwar einige Länder versucht hätten, Mittel auf Grundlage von Lernstanderhebungen, Sozialindizes oder weiteren Schulmerkmalen zu verteilen, doch die Zuteilung der Mittel sei weitgehend nach dem Gießkannenprinzip erfolgt.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger sieht trotz des Corona-Aufholprogramms noch immer sehr große Lernrückstände bei den Schülerinnen und Schülern: Das Corona-Aufholprogramm funktioniert nur unzureichend, sagt er. Es müsse finanziell noch einmal aufgestockt werden und noch über Jahre weiterlaufen, wenn es wirklich wirksam sein solle.

Fortsetzung des Corona-Aufholprogramms gefordert

Die Kultusministerinnen und Kultusminister haben den Bund schon im Juni 2022 dazu aufgerufen, das CoronaAufholprogramm zu verlängern. Sechs Wochen Schulschließungen werfen die Kinder deutlich mehr als sechs Wochen zurück, hatte der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) damals gesagt. Auch Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich bereits mehrfach für eine Verlängerung und Aufstockung des Corona-Aufholprogramms im kommenden Jahr ausgesprochen. Im September 2022 hat sie erneut eine weitere finanzielle Unterstützung vom Bund verlangt. Die Auswirkungen der Pandemie mit den langen Schulschließungen lassen sich nicht innerhalb von zwei Jahren ausgleichen , sagte die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

Nach Angaben Priens benötigen die Länder noch einmal die Unterstützung des Bundes in Höhe von mindestens 500 Millionen Euro für das Jahr 2023. Im Jahr darauf muss ihrer Ansicht nach dann das geplante Startchancen-Programm direkt im Anschluss greifen. Zudem ist der gezielte Einsatz dieser Mittel wichtig, zum Beispiel in den Jahrgängen, in denen ein Schulartwechsel bevorsteht, und in den Kernfächern.

Laut dem Zwischenbericht von Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz (KMK), hat das Corona-Aufholprogramm bis Mai 2022 mehrere Millionen Schülerinnen und Schüler erreicht. Der Bericht zeigt, wofür die Länder das Geld aus dem bundesweiten Förderprogramm genutzt haben. Oft ist es in Ferienkurse, zusätzlichen Schwimmunterricht, schulische und außerschulische Nachhilfeangebote oder Bildungsgutscheine geflossen. Eine genaue Zahl, wie viele Kinder und Jugendliche damit insgesamt erreicht wurden, lässt sich aus dem Bericht nicht ableiten, da Fördergelder auch flächendeckend eingesetzt wurden oder Schülerinnen und Schüler von mehreren Maßnahmen profitierten. Ein Abschlussbericht zum Corona-Aufholprogramm müssen die Länder dem Bundesbildungsministerium bis März 2023 vorlegen.

Wie viel Geld steht für das Corona-Aufholprogramm zur Verfügung?

Das Corona-Aufholprogramm hat bislang ein Volumen von insgesamt zwei Milliarden Euro. Die Hälfte davon steht für Fördermaßnahmen zum Abbau pandemiebedingter Lernrückstände zur Verfügung. Die zweite Milliarde Euro soll in soziale Maßnahmen fließen, um auch die psychischen Krisenfolgen für Kinder und Jugendliche abzufedern. Hier geht es vor allem um eine Aufstockung von bestehenden Programmen im Bereich frühkindlicher Bildung, in der Schulsozialarbeit und im Freizeitbereich. Flächendeckend ist das Unterstützungsprogramm im Schuljahr 2021/22 gestartet. Erste Maßnahmen wurden schon für die Sommerferien 2021 geplant.

Die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder fordern inzwischen eine Verlängerung des Corona-Aufholprogramms, um Lernrückstände auszugleichen. Der Bund müsste dafür mindestens noch einmal 500 Millionen Euro bereitstellen.

Corona-Aufholprogramm

Das Corona-Aufholprogramm des Bundes umfasst vier Säulen:

Corona-Aufholprogramm im internationalen Vergleich

Der Bildungsredakteur Armin Himmelrath vom Spiegel hat recherchiert, was andere Länder in Europa ausgeben, um Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, Lernrückstände aufzuholen. In diesem internationalen Vergleich liegt Deutschland mit dem zwei Milliarden Euro starken Corona-Aufholprogramm nur im unteren Drittel, wenn man diese Summe pro Kopf runterrechnet. Auf jede Schülerin oder jeden Schüler entfallen demnach aus dem Corona-Aufholprogramm 93,14 Euro pro Jahr, prozentual entspricht das einem Zuwachs von 1,12 Euro. Damit liegt Deutschland weit unter dem Schnitt der europäischen Länder. Andere Länder investieren zwar weniger Geld, um Lernrückstände bei Kindern und Jugendlichen aufzufangen, aber prozentual fällt der Zuwachs hier viel höher aus, obwohl die Mehrausgaben pro Kind geringer sind als in Deutschland. Grund dafür ist, dass die Bildungsausgaben insgesamt in Deutschland im Schnitt höher sind.

Es gibt aber auch Länder, die deutlich mehr Geld in ein Corona-Aufholprogramm investiert haben. In Großbritannien beläuft sich die Gesamtsumme den Spiegel-Recherchen zufolge auf 5,9 Milliarden Euro, in den Niederlanden auf 5,8 Milliarden Euro und in Spanien auf 4,8 Milliarden Euro. In Spanien beträgt der Zuwachs damit 5,05 Prozent, in den Niederlanden  demnach sogar 9,2 Prozent.

Die vollständige Untersuchung ist in der Zeitschrift Die Deutsche Schule nachzulesen (ab. S. 335)

Wie groß sind die Lernrückstände?

In der Corona-Pandemie gab es zunächst keine bundesweiten Lernstandserhebungen. Daher ließen sich die Lernrückstände zunächst auch nur für einzelne Bundesländer bestimmen. Im Schuljahr 2020/21 fanden verbindliche Lernstandserhebungen nur in Hamburg in den dritten Klassen statt. Zu den Ergebnissen sagte Martina Diedrich, Direktorin des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) in Hamburg, das für die Vergleichstests verantwortlich ist, im Interview mit dem Schulportal: „Wir können sehr viel deutlicher als noch im letzten Jahr die Spuren der Pandemie erkennen”.

Mit dem IQB-Bildungstrend wurden im Juni 2022 nun die Ergebnisse zu den ersten flächendeckenden Lernstandserhebungen veröffentlicht, die zwischen April und August 2021 durchgeführt wurden. Hier zeigt sich, dass der in Hamburg beobachtete negative Trend auch für alle anderen Bundesländer gilt, denn die Auswertungen des IQB-Bildungstrends zeigen deutliche Lernrückstände bei Kindern der vierten Klassen. Im Vergleich zur letzten Erhebung 2016 entsprächen die Kompetenzrückgänge im Lesen etwa einem Drittel, in Rechtschreibung und Mathematik einem Viertel eines Schuljahres, heißt es in der Untersuchung. Verglichen mit 2011 sind es sogar Rückstände von rund einem halben Schuljahr.

Auch die Schülerinnen und Schüler selbst haben bereits 2021 bei sich Lerndefizite infolge der Corona-Pandemie beobachtet. Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren in Deutschland hat sich selbst große Lernrückstände als Folge der Corona-Pandemie bescheinigt. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutsche Telekom Stiftung hervor, die im Juli 2021 veröffentlicht wurde.

Demnach gingen 52 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen davon aus, dass sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler beim Lernstoff „etwas” im Rückstand sind. 27 Prozent gehen von einem „deutlichen” Rückstand aus. Die Eltern sahen das ähnlich: 81 Prozent gingen davon aus, dass ihre Kinder durch die Schulschließungen Lernrückstände aufgebaut haben.

Und schon bei der Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer, die im Dezember 2020 kurz vor den zweiten Schulschließungen durchgeführt wurde, gingen 38 Prozent der Lehrkräfte davon aus, dass mehr als der Hälfte der Schülerinnen und Schüler Lernrückstände haben.

Lernrückstände auch abhängig von Schulart

Die Defizite sind aber offenbar nicht gleichmäßig auf alle Schularten verteilt. Laut der Allensbach-Umfrage kamen Schülerinnen und Schüler an Gymnasien offenbar deutlich besser zurecht als an Haupt-, Real- oder Gesamtschulen. „Dies bestätigt die von Experten geäußerte Vermutung, dass Corona das Ungleichgewicht zwischen den besseren und schlechteren Lernern zuungunsten der Schwächeren verstärkt hat“, erklärt Thomas de Maizière, Vorsitzender der Telekom-Stiftung zu den Ergebnissen. „Hier gilt es nun Angebote zu schaffen, die es möglichst vielen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, Defizite aufzuholen”, sagte er. 90 Prozent der ebenfalls befragten Eltern sahen es vor allem als Aufgabe der Schulen, Unterstützungsangebote zu machen.

Studie zu Lernrückständen bei der Lesekompetenz

Während der Corona-Pandemie haben die Lesefähigkeiten von Viertklässlerinnen und Viertklässlern in Deutschland nach einer neuen Studie gravierend abgenommen. Die Grundschülerinnen und Grundschülern wiesen 2021 – nach gut einem Jahr pandemiebedingter Einschränkungen – eine substanziell geringere Lesekompetenz auf als 2016. Dies geht aus einer im März 2022 veröffentlichten repräsentativen Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund (IFS) hervor. Für die Studie waren Daten von insgesamt 4.290 Viertklässlerinnen und Viertklässlern ausgewertet worden, die 2016 und und im Frühsommer 2021 den standardisierten Lesekompetenztest IGLU bearbeitet hatten.

Die Ergebnisse sind alarmierend, heißt es in der Untersuchung zu den Lernrückständen. Im Durchschnitt fehle den Kindern in Bezug auf ihre Lesekompetenz ein halbes Schuljahr. Die vierten Klassen sind wegen des bevorstehenden Wechsels an die weiterführenden Schulen ein besonders kritischer Zeitpunkt.

Nach häufigen Wechseln zwischen Distanz- und Präsenzlernen und Unterrichtsausfällen stellte das Forscherteam Lernrückstände durchgängig bei allen Gruppen unter den Kindern der vierten Klassen fest. Demnach sank der Anteil der starken und sehr starken Leserinnen und Lesern von 44 Prozent (2016) auf 37 Prozent. 28 Prozent können nur schwach oder sehr schwach lesen – fünf Jahre zuvor waren das mit 22 Prozent deutlich weniger.

Mädchen lesen im Mittel weiterhin besser als Jungen. Bei beiden seien die negativen Effekte der Pandemie in etwa dem gleichen Ausmaß festgestellt worden, heißt es. Zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund wurde der ohnehin bestehende erhebliche Unterschied tendenziell noch größer. Und Viertklässlerinnen und Viertklässlern mit ungünstigen Lernbedingungen – kein eigener Schreibtisch, kein zuverlässiges Internet – haben den Angaben zufolge noch stärkere Lernrückstände als Kinder mit günstigen Bedingungen. dpa

Empfehlungen aus der Wissenschaft zum Corona-Aufholprogramm

Zur Sitzung der Kultusministerkonferenz Anfang Juni hat 2021 die neue Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz Empfehlungen veröffentlicht, wie sich pandemiebedingte Lernlücken aufholen lassen. Der Kerngedanke der Kommission lautet: „Unterstützungsmaßnahmen fokussieren, verknüpfen und evaluieren”.

In ihren Empfehlungen fokussieren sich die insgesamt 16 Mitglieder der Kommission auf fünf Punkte:

  • Besonders betroffene Kinder und Jugendliche: Die Mittel aus dem Programm sollen nicht gießkannenmäßig auf alle Schülerinnen und Schüler bzw. Schulen gleichmäßig verteilt werden, sondern sie sollten vor allem auf leistungsschwache Kinder und Jugendliche, „die häufig in sozialräumlichen Kontexten mit geringer Anregungsqualität konzentriert sind und die auf keine oder lediglich geringe familiale Lernunterstützung zurückgreifen können”, zielen. Auch Kinder und Jugendliche, die einen besonderen sonderpädagogischem Förderbedarf oder ein höheres Risiko für Schulabsentismus haben, sollten stärker in den Blick genommen werden.
  • Schulübergänge: Fördermaßnahmen sollen die Übergänge in der schulischen Laufbahn unterstützen – also von der Kita in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schule, von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II und von der Schule in den berufsbildenden Bereich.
  • Mathematik und Deutsch: „Sprachliche und mathematische Basiskompetenzen haben einen zentralen Stellenwert für das Weiterlernen in allen Fächern”, heißt es bei der StäwiKo. Daher empfiehlt sie, den Stundenumfang in Deutsch und Mathematik um jeweils eine Stunde in der Woche in der Grundschule zu erhöhen. Bei großen Lernrückständen sollten auch in der weiterführenden Schule die Poolstunden für Deutsch und Mathematik in der Sekundarstufe I genutzt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, den Lehrplan aufzuholen, sondern es sollte vielmehr eine Fokussierung in Mathematik und Deutsch auf die Kompetenzbereiche erfolgen, die Schülerinnen und Schüler darin befähigen, kumulativ zu lernen, also Dinge miteinander zu verknüpfen und aufeinander aufbauen zu lassen.
  • Qualifizierung von zusätzlichem Personal: Das zusätzliche Personal, das das Förderprogramm mit umsetzt, sollte entsprechend qualifiziert sein. Es sollte fachdidaktische Grundlagen beherrschen, Diagnose und Fördertools nutzen können und in der Lage sein, die Kinder und Jugendlichen sozial und emotional zu unterstützen.
  • Evaluation der Maßnahmen: Damit die Fördermaßnahmen effektiv sind, sollten Lernstandserhebungen durchgeführt werden. Außerdem sollten die Maßnahmen des Corona-Aufholprogramms evaluiert werden, „um begründete Entscheidungen über eine dauerhafte Implementation zu treffen”.

Im Interview mit dem Schulportal erklärt die Co-Vorsitzende des Expertengremiums Felicitas Thiel, worauf es jetzt aus Sicht der Wissenschaft ankommt.

Auch die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Anfang Juni Empfehlungen zur Umsetzung des Corona-Aufholprogramms herausgegeben. Die neun Autoren des Papiers warnen davor, dass das Geld zum Ausgleich der Lernrückstände nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern bedarfsgerecht verteilt werden müsse, damit der Effekt nicht verpufft. Sie fordern, nach dem Prinzip „Ungleiches ungleich zu behandeln“ vorzugehen. Die Identifizierung der Schülerinnen und Schüler, die gefördert werden müssten, sollte in der Hand der Schulen liegen. Und die Maßnahmen müssten vor allem auf Kontinuität zielen. „Mitunter kann eine regelmäßige, zeitlich und inhaltlich gut dosierte Förderung wirksamer sein als ein gelegentlich durchgeführter ganztägiger Intensivkurs. Wer kontinuierlich, in überschaubarem Umfang fördert, kann gezielter, schneller, individueller und motivierender auf Lernschwierigkeiten reagieren”, heißt es in dem Papier.