Fördermaßnahmen : Was hilft gegen Lernrückstände?

Viele Schülerinnen und Schüler waren seit Mitte Dezember nicht mehr in der Schule. Mit Blick auf den Beginn der Pandemie in Deutschland im März 2020 ist inzwischen für einen Großteil der Schülerschaft fast ein halbes Jahr Präsenzunterricht ausgefallen. Diese Einschränkungen haben erhebliche Auswirkungen auf die soziale und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und auch auf ihren Lernstand. Aber wie groß sind die Lernrückstände tatsächlich, und welche Möglichkeiten gibt es, sie zu kompensieren? Das Schulportal beleuchtet Vorschläge, die gerade diskutiert werden. Eine Idee ist, die Ferien zugunsten von mehr Unterricht zu kürzen. Wie finden Sie das? Machen Sie mit bei unserer Umfrage.

Annette Kuhn / 16. April 2021 / 1 Kommentar
Lernrückstände
Wie groß die Lernrückstände aufgrund der Corona-Pandemie tatsächlich sind, weiß man erst, wenn Lernstandserhebungen stattfinden. Die sind aber in vielen Bundesländern erst im kommenden Schuljahr geplant.
©Gregor Fischer/dpa

Schule auf, Schule zu. Mal Präsenzunterricht, dann wieder Lernen zu Hause. Seit März 2020 ist das schulische Leben und Lernen wegen der Corona-Pandemie auf den Kopf gestellt. Die unklare Situation und die Einschränkungen im Unterrichtsbetrieb gehen natürlich nicht spurlos an den Schülerinnen und Schülern vorbei. Zu den psychischen und sozialen Auswirkungen gibt es mittlerweile schon einige bundesweit durchgeführte Studien, wie die COPSY-Studie oder die JuCo-Befragungen. Wie es allerdings um die Lernstände der Kinder und Jugendlichen infolge der Corona-Pandemie bestellt ist, wurde bislang nur in einzelnen Bundesländern, nicht aber für ganz Deutschland ermittelt.

Bislang keine bundesweiten Lernstandserhebungen

Ein Blick in die Niederlande gibt da ein klareres Bild. Hier ergab eine landesweite Studie, dass Schülerinnen und Schüler 2020 im Distanzunterricht im Schnitt 20 Prozent weniger gelernt haben als im Jahr zuvor. Selbst bei Schulen, die aufgrund ihrer digitalen Ausstattung gut gerüstet waren, war der Anteil ähnlich hoch. Bei Kindern und Jugendlichen in einem schwierigen sozialen Umfeld sind die Lernstände sogar um bis zu 50 Prozent zurückgegangen.

Für Deutschland lassen sich ähnliche Werte vermuten, belegt sind sie bislang nicht. Schon bei der Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometers, die im Dezember 2020 kurz vor den zweiten Schulschließungen durchgeführt wurde, gingen 38 Prozent der Lehrkräfte davon aus, dass mehr als der Hälfte der Schülerinnen und Schüler Lernrückstände haben. Ohne flächendeckende Lernstandserhebungen gibt es aber keine Klarheit darüber, welche Fördermaßnahmen jetzt am wirkungsvollsten sind. „Um Umfang und Inhalt der tatsächlichen Defizite zu erfassen, müssen die aktuellen Lernstände systematisch erfasst werden“, schreiben der ehemalige Berliner Staatssekretär für Bildung, Hans-Jürgen Kuhn, und der ehemalige Hamburger Bildungsstaatsrat Michael Voges in einer kürzlich erschienenen Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung.

Schuljahresverlängerung bis Dezember?

In vielen Bundesländern sind Lernstandserhebungen erst zu Beginn des kommenden Schuljahres geplant. So hat es auch die Brandenburger Bildungsministerin und aktuelle Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Britta Ernst (SPD), kürzlich in einem Interview mit dem Schulportal für ihr Bundesland angekündigt.

Zu warten, bis dann im Herbst irgendwann die Ergebnisse vorliegen, um erst dann Fördermaßnahmen zu ergreifen, scheint aber angesichts der Dringlichkeit der Situation zu spät. Hinzu kommt, dass nicht nur die Defizite, die in diesem Jahr entstanden sind, aufgefangen werden müssen. Schülerinnen und Schüler haben auch schon Rückstände aus dem vergangenen Schuljahr in dieses Schuljahr mitgenommen.

Das neue Schuljahr nach dem Sommer wie immer beginnen zu lassen hält Bildungsforscher Marcel Helbig daher für keine gute Idee. In einem Interview mit dem „Spiegel“ hat er im Februar vorgeschlagen, das Schuljahr bundesweit bis Weihnachten zu verlängern, um in den zusätzlichen Monaten die verlorene Lernzeit wieder aufzuholen. Aus seiner Sicht sei es sogar noch möglich, dass sich Hochschulen und Ausbildungsbetriebe darauf einstellen. Eine Verlängerung des Schuljahres gab es tatsächlich auch in Ländern wie Brasilien und Portugal, allerdings nicht um ein halbes Jahr, sondern nur um wenige Wochen.

Eine-Milliarde-Euro-Programm gegen Lernrückstände

Helbigs Vorschlag hat bei den Verantwortlichen bislang wenig Widerhall gefunden. Stattdessen hat das Bundesbildungsministerium im März ein bundesweites Förderprogramm angekündigt. Es soll ein Volumen von mindestens einer Milliarde Euro haben. „20 bis 25 Prozent der Schüler haben vermutlich große Lernrückstände – vielleicht sogar dramatische“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei der Vorstellung des Programms. Der Lehrerverband geht allerdings davon aus, dass die Fördersumme verdoppelt werden muss, um Schülerinnen und Schüler entsprechend unterstützen zu können. Starten soll das Unterstützungsprogramm im neuen Schuljahr.

Nach den Vorstellungen der SPD-geführten Länder könne mit dem Geld jeder oder jedem vierten oder fünften der rund elf Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland ein Angebot für eine individuelle Lernförderung gemacht werden: entweder zwei Extrastunden pro Woche in Kleingruppen, über ein gesamtes Schuljahr verteilt, oder vier Förderstunden pro Woche, verteilt über ein halbes Schuljahr. Zum Einsatz kommen könnten Lehramtsstudierende, pensionierte Lehrkräfte, Volkshochschulpersonal oder auch Anbieter von Nachhilfe.

Auch in diesem Jahr sind in vielen Bundesländern Ferienangebote geplant

Konkrete Kooperationsprojekte gab es schon im vergangenen Schuljahr. Zum Beispiel bei der Gestaltung von Sommerschulen in vielen Bundesländern. Solche Angebote sind auch in diesem Jahr wieder geplant. In Schwaben zum Beispiel sollen in den Sommerferien Studierende Nachhilfeunterricht geben, um bei Schülerinnen und Schülern durch die Corona-Pandemie verursachte Bildungslücken zu schließen. Für das Projekt kooperieren die Universität Augsburg und das Schulwerk der Diözese Augsburg. In jeweils einer Woche am Anfang und am Ende der Ferien sollen Studierende Kleingruppen von maximal fünf Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 7 vier Stunden täglich Förderunterricht in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch geben. Die Studierenden werden an der Uni auf diesen Einsatz vorbereitet.

Nach Ansicht des Jenaer Unterrichtsforschers Alexander Gröschner werden Bildungsangebote in den Ferien aber nicht reichen, die Lernrückstände aufzuholen. Er habe Zweifel, dass Schülerinnen und Schüler, die bereits während der Zeit des Distanzunterrichts kaum Lernerfolge verbuchten, solche Angebote annehmen würden. „Ich glaube, für diese Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, sie innerhalb des Systems abzuholen und nicht durch Sommercamps“, sagte Gröschner kürzlich der dpa.

Lernrückstände lassen sich nicht in Sommercamps aufholen

In manchen Bundesländern gibt es daher auch Pläne, Ferien gleich für alle zu streichen bzw. zu kürzen, um stattdessen Unterricht zu machen. So wurden in Bayern im Februar die Faschingsferien gestrichen. Und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat vorgeschlagen, man könne zumindest einen Teil der Sommerferien „abknapsen“, um Unterrichtsstoff nachzuholen. Im rheinland-pfälzischen Wahlkampf hatte außerdem der CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf dafür plädiert, die Pfingstferien und einige Brückentage in seinem Land zu streichen, um Lernlücken aufzufangen.

Bei Lehrerinnen und Lehrer stoßen solche Pläne allerdings genauso auf Ablehnung wie die vorübergehende Einführung des Samstagsunterrichts, die im vergangenen Schuljahr schon von Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) und der Bundesbildungsministerin ins Gespräch gebracht wurde. „Wir dürfen keine Option ausschließen“, so Anja Karliczek im „Spiegel“.

Vorschlag der KMK: freiwilliges Wiederholen des Schuljahres

Mehr Unterstützung vonseiten der Lehrkräfte findet hingegen der Vorschlag, Schülerinnen und Schüler ein freiwilliges zusätzliches Lernjahr anzubieten, ohne dass dies auf die Verweildauer in der Schule angerechnet wird. Auf dieses Angebot hat sich die Kultusministerkonferenz bereits im Januar verständigt. Nach Einschätzung von Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sind etwa ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler im vergangenen Jahr bei den Lernfortschritten „stark abgehängt“ worden. Etwa 10 Prozent der Schülerschaft brauche vermutlich ein zusätzliches Schuljahr, um das Versäumte aufzuholen.

Bildungsforscher Marcel Helbig hält allerdings wenig von dieser Idee. „Diese Regelung individualisiert ein kollektives Problem“, sagte er im „Spiegel“. Außerdem würden große personelle Probleme auf die Schulen zukommen, und „gewachsene Klassenverbände würden auseinandergerissen“, wenn viele Eltern das Angebot für ihre Kinder annehmen.

160 Personen haben an der Abstimmung teilgenommen.

Nach Ansicht des Jenaer Unterrichtsforschers Alexander Gröschner werden Bildungsangebote in den Ferien aber nicht reichen, die Lernrückstände aufzuholen. Er habe Zweifel, dass Schülerinnen und Schüler, die bereits während der Zeit des Distanzunterrichts kaum Lernerfolge verbuchten, solche Angebote annehmen würden. „Ich glaube, für diese Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, sie innerhalb des Systems abzuholen und nicht durch Sommercamps“, sagte Gröschner kürzlich der dpa.

Lernrückstände lassen sich nicht in Sommercamps aufholen

In manchen Bundesländern gibt es daher auch Pläne, Ferien gleich für alle zu streichen bzw. zu kürzen, um stattdessen Unterricht zu machen. So wurden in Bayern im Februar die Faschingsferien gestrichen. Und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat vorgeschlagen, man könne zumindest einen Teil der Sommerferien „abknapsen“, um Unterrichtsstoff nachzuholen. Im rheinland-pfälzischen Wahlkampf hatte außerdem der CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf dafür plädiert, die Pfingstferien und einige Brückentage in seinem Land zu streichen, um Lernlücken aufzufangen.

Bei Lehrerinnen und Lehrer stoßen solche Pläne allerdings genauso auf Ablehnung wie die vorübergehende Einführung des Samstagsunterrichts, die im vergangenen Schuljahr schon von Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) und der Bundesbildungsministerin ins Gespräch gebracht wurde. „Wir dürfen keine Option ausschließen“, so Anja Karliczek im „Spiegel“.

Vorschlag der KMK: freiwilliges Wiederholen des Schuljahres

Mehr Unterstützung vonseiten der Lehrkräfte findet hingegen der Vorschlag, Schülerinnen und Schüler ein freiwilliges zusätzliches Lernjahr anzubieten, ohne dass dies auf die Verweildauer in der Schule angerechnet wird. Auf dieses Angebot hat sich die Kultusministerkonferenz bereits im Januar verständigt. Nach Einschätzung von Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sind etwa ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler im vergangenen Jahr bei den Lernfortschritten „stark abgehängt“ worden. Etwa 10 Prozent der Schülerschaft brauche vermutlich ein zusätzliches Schuljahr, um das Versäumte aufzuholen.

Bildungsforscher Marcel Helbig hält allerdings wenig von dieser Idee. „Diese Regelung individualisiert ein kollektives Problem“, sagte er im „Spiegel“. Außerdem würden große personelle Probleme auf die Schulen zukommen, und „gewachsene Klassenverbände würden auseinandergerissen“, wenn viele Eltern das Angebot für ihre Kinder annehmen.

Mehr zum Thema

Die OECD hat die Mitgliedsländer nach einem Jahr Corona-Pandemie befragt, welche Auswirkungen die Einschränkungen an den Schulen auf die Schülerinnen und Schüler haben, und die Daten miteinander verglichen. Am 14. April 2021 wurden die Ergebnisse vorgestellt.

  • 1,5 Milliarden Kinder in 188 Ländern waren demnach zumindest zeitweise von Schulschließungen betroffen. In Deutschland seien die Schulen vergleichsweise wenig geschlossen gewesen.
  • Allerdings hätten andere Länder ideenreicher auf die Krise und die Lernrückstände reagiert, so Andreas Schleicher, Direktor für Bildung der OECD. Viele Länder hätten im Lehrplan Schwerpunkte gesetzt oder besondere Förderangebote für benachteiligte Schülerinnen oder Schüler etabliert, die zum Beispiel keinen Zugang zu digitalen Lernangeboten hatten oder mehr Begleitung brauchten. „Da haben viele Länder relativ schnell reagiert“, so Schleicher. Deutschland sei das nicht so gut gelungen.
  • Vor allem was die Kommunikation zwischen Lehrkräften, Eltern und Kindern anbelangt, habe sich während des einen Jahres Corona-Pandemie in Deutschland nur wenig verbessert. In anderen Ländern hätten die Schülerinnen und Schüler immer einen festen Ansprechpartner, eine feste Ansprechpartnerin und verlässliche Strukturen von der Schule vorgegeben bekommen. Als positive Beispiele führte Schleicher hier Skandinavien, die Niederlande und Frankreich an.

1 Kommentar

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19.04.2021 Thorsten K.

Unpassende Bebilderung mit Beruhigungsanliegen

In einem Internet, das zu wesentlichen Teilen aus Werbung besteht, breiten sich die Gepflogenheiten des Marketings leider auch dort aus, wo informiert und diskutiert werden soll: auf Ihrer Webseite zum Beispiel. Auf dem Bild sehen wir einen bildungsbürgerlichen Traum, drei kuschelig beisammensitzende blonde Mädchen mit Gymnasialperspektive. Wer nun aber Ihren Artikel aufmerksam liest, kommt nicht um die Einsicht umhin, dass sich in Deutschland für junge Menschen gerade eine Katastrophe abzeichnet, die weder von den Schulpolitikern, noch von den Kultusbehörden und leider auch nicht von den Schulen aufgefangen wird. Es fehlt der erklärte Wille, in erster Linie zum Wohle der betroffenen jungen Menschen zu entscheiden und zu handeln. Stattdessen wird viel Kraft darauf verwendet, wieder in die gewohnten Rhythmen zurückzufinden. Trotzdem die schon reichlich unzulänglich waren und viele Opfer gefordert haben. Wie passen nun der skizzierte Inhalt und die euphemistische Bildwahl zusammen?