Corona-Aufholprogramm : Wie lassen sich Lernrückstände aufholen?

Seit Beginn der Pandemie in Deutschland ist für ein Großteil der Schülerschaft fast ein halbes Jahr Präsenzunterricht ausgefallen. Das hat zu erheblichen Lernrückständen und zu psychosozialen Belastungen für Kinder und Jugendliche geführt. Der Bund hat daher bereits Anfang Mai ein milliardenschweres Corona-Aufholprogramm beschlossen. Die Ständige wissenschaftliche Kommission (StäwiKo) der Kultusministerkonferenz hat konkrete Empfehlungen zum Thema Aufholprogramm und Lernrückstände veröffentlicht.

Annette Kuhn 08. Juli 2021 Aktualisiert am 21. Juli 2021 3 Kommentare
Lernrückstände
Wie groß die Lernrückstände aufgrund der Corona-Pandemie tatsächlich sind, weiß man erst, wenn Lernstandserhebungen stattfinden. Die sind aber in vielen Bundesländern erst im kommenden Schuljahr geplant.
©Gregor Fischer/dpa

Schule auf, Schule zu. Mal Präsenzunterricht, dann wieder Lernen zu Hause. Seit März 2020 war das schulische Leben und Lernen wegen der Corona-Pandemie auf den Kopf gestellt. Die Einschränkungen im Unterrichtsbetrieb haben zu Lernrückständen und psychosozialen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen geführt.

Wie groß sind die Lernrückstände?

Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren in Deutschland attestiert sich selbst große Lernrückstände als Folge der Corona-Pandemie. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutsche Telekom Stiftung hervor, die im Juli veröffentlicht wurde.

Demnach gehen 52 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen davon aus, dass sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler beim Lernstoff „etwas” im Rückstand sind. 27 Prozent gehen von einem „deutlichen” Rückstand aus. Die Eltern sehen das ähnlich: 81 Prozent gehen davon aus, dass durch die Schulschließungen Lernrückstände aufgebaut wurden.

Wie groß die Lernrückstände aber tatsächlich sind, lässt sich bislang nur vermuten. Schon bei der Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer, die im Dezember 2020 kurz vor den zweiten Schulschließungen durchgeführt wurde, gingen 38 Prozent der Lehrkräfte davon aus, dass mehr als der Hälfte der Schülerinnen und Schüler Lernrückstände haben. Und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat bei der Vorstellung des Corona-Aufholprogramms gesagt: „20 bis 25 Prozent der Schüler haben vermutlich große Lernrückstände – vielleicht sogar dramatische.“

Die Allensbach-Umfrage zeigt aber auch, dass mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler mit dem Lernen während der Corona-Pandemie gut zurechtgekommen sind. Kompetenzen wie Selbstorganisation und Zeitmanagement haben sich sogar verbessert. Fortschritte haben die Schülerinnen und Schüler auch in der Handhabung digitaler Medien gemacht. 68 Prozent geben an, sich im Umgang mit Computern und anderen Medien verbessert zu haben.

Dabei gibt es allerdings Unterschiede bei den Schulen: Schülerinnen und Schüler von Gymnasien äußerten sich tendenziell positiver als von Haupt-, Real- oder Gesamtschulen. „Dies bestätigt die von Experten geäußerte Vermutung, dass Corona das Ungleichgewicht zwischen den besseren und schlechteren Lernern zu Ungunsten der Schwächeren verstärkt hat“, erklärt Dr. Thomas de Maizière, Vorsitzender der Telekom-Stiftung zu den Ergebnissen. „Hier gilt es nun Angebote zu schaffen, die es möglichst vielen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, Defizite aufzuholen.” Geht es nach den ebenfalls befragten Eltern, ist es für 90 Prozent von ihnen vor allem Aufgabe der Schulen, Unterstützungsangebote zum Aufholen des Lernstoffs zu machen.

Das Bundesbildungsministerium hat schon vor einigen Wochen das „Aktionsprogramm Aufholen nach Corona” auf den Weg gebracht. Dieses bundesweite Förderprogramm soll dabei unterstützen, Lernrückstände aufzuholen und die sozialen Folgen der Corona-Pandemie zu kompensieren.

Wie viel Geld steht für das Corona-Aufholprogramm zur Verfügung?

Das Corona-Aufholprogramm hat ein Volumen von insgesamt zwei Milliarden Euro. Die Hälfte davon steht für Fördermaßnahmen zum Abbau pandemiebedingter Lernrückstände zur Verfügung. „20 bis 25 Prozent der Schüler haben vermutlich große Lernrückstände – vielleicht sogar dramatische“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei der Vorstellung des Programms im April.

Die zweite Milliarde Euro soll in soziale Maßnahmen fließen, um auch die psychischen Krisenfolgen für Kinder und Jugendliche abzufedern. Hier geht es vor allem um eine Aufstockung von bestehenden Programmen im Bereich frühkindlicher Bildung, in der Schulsozialarbeit und im Freizeitbereich. Flächendeckend starten soll das Unterstützungsprogramm im neuen Schuljahr. Erste Maßnahmen sind auch schon in den Sommerferien geplant.

Corona-Aufholprogramm

Das Corona-Aufholprogramm des Bundes umfasst vier Säulen:

Zur Sitzung der Kultusministerkonferenz Anfang Juni hat nun die neue Ständige wissenschaftliche Kommission (StäwiKo) der Kultusministerkonferenz Empfehlungen veröffentlicht, wie sich pandemiebedingte Lernlücken aufholen lassen. Der Kerngedanke der Kommission lautet: „Unterstützungsmaßnahmen fokussieren, verknüpfen und evaluieren”.

In ihren Empfehlungen fokussieren sich die insgesamt 16 Mitglieder der Kommission auf fünf Punkte:

  • Besonders betroffene Kinder und Jugendliche: Die Mittel aus dem Programm sollen nicht gießkannenmäßig auf alle Schülerinnen und Schüler bzw. Schulen gleichmäßig verteilt werden, sondern sie sollten vor allem auf leistungsschwache Kinder und Jugendliche, „die häufig in sozialräumlichen Kontexten mit geringer Anregungsqualität konzentriert sind und die auf keine oder lediglich geringe familiale Lernunterstützung zurückgreifen können”, zielen. Auch Kinder und Jugendliche, die einen besonderen sonderpädagogischem Förderbedarf oder ein höheres Risiko für Schulabsentismus haben, sollten stärker in den Blick genommen werden.
  • Schulübergänge: Fördermaßnahmen sollen die Übergänge in der schulischen Laufbahn unterstützen – also von der Kita in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schule, von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II und von der Schule in den berufsbildenden Bereich.
  • Mathematik und Deutsch: „Sprachliche und mathematische Basiskompetenzen haben einen zentralen Stellenwert für das Weiterlernen in allen Fächern”, heißt es bei der StäwiKo. Daher empfiehlt sie, den Stundenumfang in Deutsch und Mathematik um jeweils eine Stunde in der Woche in der Grundschule zu erhöhen. Bei großen Lernrückständen sollten auch in der weiterführenden Schule die Poolstunden für Deutsch und Mathematik in der Sekundarstufe I genutzt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, den Lehrplan aufzuholen, sondern es sollte vielmehr eine Fokussierung in Mathematik und Deutsch auf die Kompetenzbereiche erfolgen, die Schülerinnen und Schüler darin befähigen, kumulativ zu lernen, also Dinge miteinander zu verknüpfen und aufeinander aufbauen zu lassen.
  • Qualifizierung von zusätzlichem Personal: Das zusätzliche Personal, das das Förderprogramm mit umsetzt, sollte entsprechend qualifiziert sein. Es sollte fachdidaktische Grundlagen beherrschen, Diagnose und Fördertools nutzen können und in der Lage sein, die Kinder und Jugendlichen sozial und emotional zu unterstützen.
  • Evaluation der Maßnahmen: Damit die Fördermaßnahmen effektiv sind, sollten Lernstandserhebungen durchgeführt werden. Außerdem sollten die Maßnahmen des Corona-Aufholprogramms evaluiert werden, „um begründete Entscheidungen über eine dauerhafte Implementation zu treffen”.

Im Interview mit dem Schulportal erklärt die Co-Vorsitzende des Expertengremiums Felicitas Thiel, worauf es jetzt aus Sicht der Wissenschaft ankommt.

In anderen Ländern gibt es schon Daten zu Lernrückständen

Noch gibt es aber in Deutschland keine Erhebungen dazu, wie sich die Einschränkungen an den Schulen infolge der Corona-Pandemie tatsächlich auf die Lernstände ausgewirkt haben. In anderen Ländern ist man da schon weiter. Die Niederlande hat zum Beispiel 2020 eine landesweite Studie zu Lernlücken durchgeführt. dass Schülerinnen und Schüler 2020 im Distanzunterricht im Schnitt 20 Prozent weniger gelernt haben als im Jahr zuvor. Selbst bei Schulen, die aufgrund ihrer digitalen Ausstattung gut gerüstet waren, war der Anteil bei den Lernstandserhebungen ähnlich hoch. Bei Kindern und Jugendlichen in einem schwierigen sozialen Umfeld sind die Lernstände sogar um bis zu 50 Prozent zurückgegangen.

Wann werden Lernstandserhebungen durchgeführt?

Ohne flächendeckende Lernstandserhebungen gibt es aber keine Klarheit darüber, welche Fördermaßnahmen jetzt am wirkungsvollsten sind. „Um Umfang und Inhalt der tatsächlichen Defizite zu erfassen, müssen die aktuellen Lernstände systematisch erfasst werden“, schrieben der ehemalige Berliner Staatssekretär für Bildung, Hans-Jürgen Kuhn, und der ehemalige Hamburger Bildungsstaatsrat Michael Voges in einer im März 2021 erschienenen Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung.

In vielen Bundesländern sind Lernstandserhebungen allerdings erst zu Beginn des kommenden Schuljahres geplant. So hat es auch die Brandenburger Bildungsministerin und aktuelle Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Britta Ernst (SPD), kürzlich in einem Interview mit dem Schulportal für ihr Bundesland angekündigt.

Wie sind die Pläne zum Corona-Aufholprogramm in den Bundesländern?

Doch die Länder wollen nicht warten, bis die Ergebnisse der Lernstandserhebungen vorliegen. Einige Bundesländer haben bereits Pläne vorgestellt, mit welchen Unterstützungsmaßnahmen sie Schülerinnen und Schüler beim Aufholen der Lernrückstände unterstützen wollen Sie reichen von Sommerschulen in den Ferien über Lernförderung in Kleingruppen und Wochenendschulen im kommenden Schuljahr bis hin zu Freizeitprogrammen. Als zusätzliche Unterstützung sollen Lehramtsstudierende, pensionierte Lehrkräfte, Volkshochschulpersonal oder auch Anbieter von Nachhilfe zum Einsatz kommen.

In Berlin stehen für das Programm „Stark trotz Corona” zum Beispiel 64 Millionen Euro zur Verfügung – 44 Millionen Euro, um Lernrückstände aufzuholen. Schon während der Sommerferien soll es vor allem für Schulanfängerinnen und Schulanfänger sowie Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 7 und 8 Lernangebote zum Abbau von Lernrückständen geben. Geplant sind nach Angaben der Bildungsverwaltung außerdem Intensivschwimmkurse sowie Ferienlernangebote zur Berufsorientierung ab Klasse 9.

Das Kultusministerium in Baden-Württemberg setzt das Projekt „Bridge the gap“ („Überbrücke die Lücke“) um. Es ist als kurzfristige Maßnahme bis zum Beginn der Sommerferien Ende Juli gedacht. Für „Bridge the gap“ sollen 550 Aushilfen , vor allem Lehramtsstudierende, nach Bedarf entweder den Lehrkräften im Unterricht helfen oder einzelne Schülerinnen und Schüler individuell fördern. Das Programm richtet sich insbesondere an Kinder und Jugendlichen in sogenannten Brennpunkten. Die Erfahrungen aus dem Projekt sollen für spätere Unterstützungsangebote genutzt werden. Für die Sommerferien und das kommende Schuljahr seien weitere Programme geplant, die später vorgestellt werden sollen.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es schon konkrete Pläne zum Corona-Aufholprogramm. Die in 14 Monaten Corona-Pandemie entstandenen Lernrückstände der Kinder und Jugendlichen sollen schrittweise ausgeglichen werden. Eine kurzfristige Aufholjagd sei nicht sinnvoll und würde alle überfordern, sagte Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) bei der Vorstellung des Programms „Stark machen und Anschluss sichern”.

Schon in den Sommerferien könnten die Kinder und Jugendlichen bereits kostenfrei Stunden bei privaten Anbietern nehmen. In den Schulen gebe es dafür Anmeldeformulare. Das Angebot stehe auch im neuen Schuljahr.

Das Aufholprogramm in Mecklenburg-Vorpommern geht Schritt für Schritt vor: Nach dem „Luft holen und Übergang schaffen” in den Ferien mit zusätzlichen Kultur- und Lernangeboten sowie freiwilligen Schwimmkursen folgen die ersten Wochen des neuen Schuljahres unter dem Motto „Behutsam und gestärkt ins neue Schuljahr starten”. Es gehe beim Aufholen nicht um Tempo, betonte Martin. „Wir müssen eine längerfristig angelegte Begleitung organisieren.”

Lehramtsstudierende und pensionierte Lehrkräfte arbeiten mit

Zum Aufholen von versäumtem Schulstoff sollen in Mecklenburg-Vorpommern Lehramtsstudierende und ehemalige Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen mitarbeiten. Im zweiten Halbjahr 2020/2021 seien bereits 145 Studierende gekommen, um bei der individuellen Förderung der Kinder zu helfen, hieß es. Den Schulen sollen je nach Größe künftig bis zu 5.000 Euro zur Verfügung stehen, um Unterstützungskräfte einzubinden, die den Kindern dabei helfen, Lernrückstände aufzuholen.

Auch in anderen Bundesländern sollen pensionierte Lehrkräfte und Lehramtsstudierende zum Einsatz kommen. So gibt es zum Beispiel in Bayern für die Sommerschule eine Kooperation zwischen der Universität Augsburg und den Schulen der Diözese Augsburg.

Mehr zum Thema

Auch die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Anfang Juni Empfehlungen zur Umsetzung des Corona-Aufholprogramms herausgegeben:

  • Die neun Autoren des Papiers warnen davor, dass das Geld zum Ausgleich der Lernrückstände nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern bedarfsgerecht verteilt werden müsse, damit der Effekt nicht verpufft. Sie fordern, nach dem Prinzip „Ungleiches ungleich zu behandeln“ vorzugehen.
  • Die Identifizierung der Schülerinnen und Schüler, die gefördert werden müssten, sollte in der Hand der Schulen liegen. Und die Maßnahmen müssten vor allem auf Kontinuität zielen. „Mitunter kann eine regelmäßige, zeitlich und inhaltlich gut dosierte Förderung wirksamer sein als ein gelegentlich durchgeführter ganztägiger Intensivkurs. Wer kontinuierlich, in überschaubarem Umfang fördert, kann gezielter, schneller, individueller und motivierender auf Lernschwierigkeiten reagieren”, heißt es in dem Papier.

Die OECD hat die Mitgliedsländer nach einem Jahr Corona-Pandemie befragt, welche Auswirkungen die Einschränkungen an den Schulen auf die Schülerinnen und Schüler haben, und die Daten miteinander verglichen. Am 14. April 2021 wurden die Ergebnisse vorgestellt.

  • 1,5 Milliarden Kinder in 188 Ländern waren demnach zumindest zeitweise von Schulschließungen betroffen. In Deutschland seien die Schulen vergleichsweise wenig geschlossen gewesen.
  • Allerdings hätten andere Länder ideenreicher auf die Krise und die Lernrückstände reagiert, so  Andreas Schleicher, Direktor für Bildung der OECD. Viele Länder hätten im Lehrplan Schwerpunkte gesetzt oder besondere Förderangebote für benachteiligte Schülerinnen oder Schüler etabliert, die zum Beispiel keinen Zugang zu digitalen Lernangeboten hatten oder mehr Begleitung brauchten. „Da haben viele Länder relativ schnell reagiert“, so Schleicher. Deutschland sei das nicht so gut gelungen.
  • Vor allem was die Kommunikation zwischen Lehrkräften, Eltern und Kindern anbelangt, habe sich während des einen Jahres Corona-Pandemie in Deutschland nur wenig verbessert. In anderen Ländern hätten die Schülerinnen und Schüler immer einen festen Ansprechpartner, eine feste Ansprechpartnerin und verlässliche Strukturen von der Schule vorgegeben bekommen. Als positive Beispiele führte Schleicher hier Skandinavien, die Niederlande und Frankreich an.