Corona-Aufholprogramm : Wie lassen sich Lernrückstände aufholen?

Seit Beginn der Pandemie in Deutschland ist für ein Großteil der Schülerschaft fast ein halbes Jahr Präsenzunterricht ausgefallen. Das hat zu erheblichen Lernrückständen und zu psychosozialen Belastungen für Kinder und Jugendliche geführt. Der Bund hat daher Mitte 2021 ein milliardenschweres Corona-Aufholprogramm beschlossen. Die Bilanz fällt ein halbes Jahr später allerdings ernüchternd aus. Das Schulportal beantwortet dazu die wichtigsten Fragen zum Aufholprogramm und zeigt beispielhaft, welche Programme in den Ländern umgesetzt werden.

Annette Kuhn 08. Juli 2021 Aktualisiert am 15. Mai 2022 3 Kommentare
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Lernrückstände
Wie groß die Lernrückstände aufgrund der Corona-Pandemie tatsächlich sind, lässt sich nur schätzen. Bundesweite Lernstandserhebungen haben während der Pandemie kaum stattgefunden.
©Gregor Fischer/dpa

Schule auf, Schule zu. Mal Präsenzunterricht, dann wieder Lernen zu Hause. Seit März 2020 war das schulische Leben und Lernen wegen der Corona-Pandemie auf den Kopf gestellt. Die Einschränkungen im Unterrichtsbetrieb haben zu Lernrückständen und psychosozialen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen geführt. Um den Folgen entgegenzuwirken und die Lernrückstände aufzufangen, hat die Kultusministerkonferenz 2021 das sogenannte Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche beschlossen.

Ein Jahr nach dem Start ist im Mai 2022 ein Zwischenbericht von Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz (KMK) zu dem bundesweiten Förderprogramm erschienen, das inzwischen mehrere Millionen Schülerinnen und Schüler erreicht hat. In den Ländern wurden demnach verschiedene Maßnahmen angeboten, damit Schülerinnen und Schüler Lernrückstände aufholen können, wieder mehr in Bewegung kommen und bei psychischen Problemen unterstützt werden. Aus dem Zwischenbericht geht hervor, dass die Länder das Geld beispielsweise für Ferienkurse, zusätzlichen Schwimmunterricht, schulische und außerschulische Nachhilfeangebote oder Bildungsgutscheine eingesetzt haben. Eine genaue Zahl, wie viele Kinder und Jugendliche insgesamt bisher damit erreicht wurden, lässt sich aus dem Bericht nicht ableiten, da Fördergelder auch flächendeckend eingesetzt wurden oder Schülerinnen und Schüler von mehreren Maßnahmen profitierten. Ein Abschlussbericht zum Corona-Aufholprogramm müssen die Länder dem Bundesbildungsministerium bis März 2023 vorgelegt werden.

Wie groß sind die Lernrückstände?

Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren in Deutschland attestiert sich selbst große Lernrückstände als Folge der Corona-Pandemie. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutsche Telekom Stiftung hervor, die im Juli 2021  veröffentlicht wurde.

Demnach gehen 52 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen davon aus, dass sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler beim Lernstoff „etwas” im Rückstand sind. 27 Prozent gehen von einem „deutlichen” Rückstand aus. Die Eltern sehen das ähnlich: 81 Prozent gehen davon aus, dass durch die Schulschließungen Lernrückstände aufgebaut wurden.

Schon bei der Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer, die im Dezember 2020 kurz vor den zweiten Schulschließungen durchgeführt wurde, gingen 38 Prozent der Lehrkräfte davon aus, dass mehr als der Hälfte der Schülerinnen und Schüler Lernrückstände haben. Und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat bei der Vorstellung des Corona-Aufholprogramms gesagt: „20 bis 25 Prozent der Schüler haben vermutlich große Lernrückstände – vielleicht sogar dramatische.“

Repräsentative Umfragen zur Lage der Schulen in Deutschland

Daten zu allen Ausgaben des Deutschen Schulbarometers auf einen Blick

Mehr Daten

Die Allensbach-Umfrage zeigt aber auch, dass mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler mit dem Lernen während der Corona-Pandemie gut zurechtgekommen sind. Kompetenzen wie Selbstorganisation und Zeitmanagement haben sich sogar verbessert. Fortschritte haben die Schülerinnen und Schüler auch in der Handhabung digitaler Medien gemacht. 68 Prozent geben an, sich im Umgang mit Computern und anderen Medien verbessert zu haben.

ifo-Bildungsbarometer: Unterstützungsprogamme gefordert

Dabei gibt es allerdings Unterschiede bei den Schulen: Schülerinnen und Schüler von Gymnasien äußerten sich tendenziell positiver als von Haupt-, Real- oder Gesamtschulen. „Dies bestätigt die von Experten geäußerte Vermutung, dass Corona das Ungleichgewicht zwischen den besseren und schlechteren Lernern zu Ungunsten der Schwächeren verstärkt hat“, erklärt Dr. Thomas de Maizière, Vorsitzender der Telekom-Stiftung zu den Ergebnissen. „Hier gilt es nun Angebote zu schaffen, die es möglichst vielen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, Defizite aufzuholen.” Geht es nach den ebenfalls befragten Eltern, ist es für 90 Prozent von ihnen vor allem Aufgabe der Schulen, Unterstützungsangebote zu machen.

Auch im aktuellen ifo Bildungsbarometer, der Ende August 2021 veröffentlicht wurde, sieht eine große Mehrheit der Deutschen die Schule in der Pflicht, Schülerinnen und Schüler beim Aufholen der Lernrückstände zu unterstützen. Außerdem sprechen sich 76 Prozent der für das Bildungsbarometer Befragten für staatlich finanzierte Nachhilfeprogramme aus. Förder- und Ferienkursen sind vor allem dann mehrheitsfähig, wenn sie sich an benachteiligte Gruppen von Schülerinnen und Schülern richten.

Das Bundesbildungsministerium hat schon im Frühjahr 2021 das „Aktionsprogramm Aufholen nach Corona” auf den Weg gebracht. Dieses bundesweite Förderprogramm soll dabei unterstützen, Lernrückstände aufzuholen und die sozialen Folgen der Corona-Pandemie zu kompensieren.

Wie viel Geld steht für das Corona-Aufholprogramm zur Verfügung?

Das Corona-Aufholprogramm hat ein Volumen von insgesamt zwei Milliarden Euro. Die Hälfte davon steht für Fördermaßnahmen zum Abbau pandemiebedingter Lernrückstände zur Verfügung. „20 bis 25 Prozent der Schüler haben vermutlich große Lernrückstände – vielleicht sogar dramatische“, sagte die damalige Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei der Vorstellung des Programms im April 2021.

Die zweite Milliarde Euro soll in soziale Maßnahmen fließen, um auch die psychischen Krisenfolgen für Kinder und Jugendliche abzufedern. Hier geht es vor allem um eine Aufstockung von bestehenden Programmen im Bereich frühkindlicher Bildung, in der Schulsozialarbeit und im Freizeitbereich. Flächendeckend ist das Unterstützungsprogramm im Schuljahr 2021/22 gestartet. Erste Maßnahmen waren schon für die Sommerferien 2021 geplant.

Corona-Aufholprogramm

Das Corona-Aufholprogramm des Bundes umfasst vier Säulen:

Empfehlungen aus der Wissenschaft zum Corona-Aufholprogramm

Zur Sitzung der Kultusministerkonferenz Anfang Juni hat 2021 die neue Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz Empfehlungen veröffentlicht, wie sich pandemiebedingte Lernlücken aufholen lassen. Der Kerngedanke der Kommission lautet: „Unterstützungsmaßnahmen fokussieren, verknüpfen und evaluieren”.

In ihren Empfehlungen fokussieren sich die insgesamt 16 Mitglieder der Kommission auf fünf Punkte:

  • Besonders betroffene Kinder und Jugendliche: Die Mittel aus dem Programm sollen nicht gießkannenmäßig auf alle Schülerinnen und Schüler bzw. Schulen gleichmäßig verteilt werden, sondern sie sollten vor allem auf leistungsschwache Kinder und Jugendliche, „die häufig in sozialräumlichen Kontexten mit geringer Anregungsqualität konzentriert sind und die auf keine oder lediglich geringe familiale Lernunterstützung zurückgreifen können”, zielen. Auch Kinder und Jugendliche, die einen besonderen sonderpädagogischem Förderbedarf oder ein höheres Risiko für Schulabsentismus haben, sollten stärker in den Blick genommen werden.
  • Schulübergänge: Fördermaßnahmen sollen die Übergänge in der schulischen Laufbahn unterstützen – also von der Kita in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schule, von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II und von der Schule in den berufsbildenden Bereich.
  • Mathematik und Deutsch: „Sprachliche und mathematische Basiskompetenzen haben einen zentralen Stellenwert für das Weiterlernen in allen Fächern”, heißt es bei der StäwiKo. Daher empfiehlt sie, den Stundenumfang in Deutsch und Mathematik um jeweils eine Stunde in der Woche in der Grundschule zu erhöhen. Bei großen Lernrückständen sollten auch in der weiterführenden Schule die Poolstunden für Deutsch und Mathematik in der Sekundarstufe I genutzt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, den Lehrplan aufzuholen, sondern es sollte vielmehr eine Fokussierung in Mathematik und Deutsch auf die Kompetenzbereiche erfolgen, die Schülerinnen und Schüler darin befähigen, kumulativ zu lernen, also Dinge miteinander zu verknüpfen und aufeinander aufbauen zu lassen.
  • Qualifizierung von zusätzlichem Personal: Das zusätzliche Personal, das das Förderprogramm mit umsetzt, sollte entsprechend qualifiziert sein. Es sollte fachdidaktische Grundlagen beherrschen, Diagnose und Fördertools nutzen können und in der Lage sein, die Kinder und Jugendlichen sozial und emotional zu unterstützen.
  • Evaluation der Maßnahmen: Damit die Fördermaßnahmen effektiv sind, sollten Lernstandserhebungen durchgeführt werden. Außerdem sollten die Maßnahmen des Corona-Aufholprogramms evaluiert werden, „um begründete Entscheidungen über eine dauerhafte Implementation zu treffen”.

Im Interview mit dem Schulportal erklärt die Co-Vorsitzende des Expertengremiums Felicitas Thiel, worauf es jetzt aus Sicht der Wissenschaft ankommt.

Auch die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Anfang Juni Empfehlungen zur Umsetzung des Corona-Aufholprogramms herausgegeben. Die neun Autoren des Papiers warnen davor, dass das Geld zum Ausgleich der Lernrückstände nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern bedarfsgerecht verteilt werden müsse, damit der Effekt nicht verpufft. Sie fordern, nach dem Prinzip „Ungleiches ungleich zu behandeln“ vorzugehen. Die Identifizierung der Schülerinnen und Schüler, die gefördert werden müssten, sollte in der Hand der Schulen liegen. Und die Maßnahmen müssten vor allem auf Kontinuität zielen. „Mitunter kann eine regelmäßige, zeitlich und inhaltlich gut dosierte Förderung wirksamer sein als ein gelegentlich durchgeführter ganztägiger Intensivkurs. Wer kontinuierlich, in überschaubarem Umfang fördert, kann gezielter, schneller, individueller und motivierender auf Lernschwierigkeiten reagieren”, heißt es in dem Papier.

Wann werden Lernstandserhebungen durchgeführt?

Während es in Deutschland bis Sommer 2021 kaum Erhebungen dazu gab, wie sich die Einschränkungen an den Schulen infolge der Corona-Pandemie tatsächlich auf die Lernstände ausgewirkt haben, sind andere Ländern hier schon weiter. Die Niederlande hat zum Beispiel 2020 eine landesweite Studie zu Lernlücken durchgeführt. dass Schülerinnen und Schüler 2020 im Distanzunterricht im Schnitt 20 Prozent weniger gelernt haben als im Jahr zuvor. Selbst bei Schulen, die aufgrund ihrer digitalen Ausstattung gut gerüstet waren, war der Anteil bei den Lernstandserhebungen ähnlich hoch. Bei Kindern und Jugendlichen in einem schwierigen sozialen Umfeld sind die Lernstände sogar um bis zu 50 Prozent zurückgegangen.

Für Deutschland kann man zwar ähnliche Lernrückstände vermuten, doch ohne flächendeckende Lernstandserhebungen gibt es keine Klarheit darüber, welche Fördermaßnahmen jetzt am wirkungsvollsten sind. „Um Umfang und Inhalt der tatsächlichen Defizite zu erfassen, müssen die aktuellen Lernstände systematisch erfasst werden“, schrieben der ehemalige Berliner Staatssekretär für Bildung, Hans-Jürgen Kuhn, und der ehemalige Hamburger Bildungsstaatsrat Michael Voges in einer im März 2021 erschienenen Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung.

Lernstandserhebungen wurden erst wieder im Schuljahr 2021/22 durchgeführt. Im Schuljahr 2020/21 fanden sie verbindlich nur Hamburg in den dritten Klassen statt. Zu den Ergebnissen sagt Martina Diedrich, Direktorin des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) in Hamburg, das für die Vergleichstests verantwortlich ist, im Interview mit dem Schulportal: „Wir können sehr viel deutlicher als noch im letzten Jahr die Spuren der Pandemie erkennen”. Vor allem beim Leseverständnis haben die Leistungen offenbar nachgelassen. „Auffällig ist beim Leseverständnis eine Verschiebung der Ergebnisse je nach sozialer Zusammensetzung der Schülerschaft an den Schulen. Bei Schulen, die nach dem Hamburger Sozialindex in sehr herausfordernden Lagen sind, haben wir einen etwas größeren Teil der Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards im Lesen nicht erreichen.” Im Bereich Mathematik sind die Lernrückstände offenbar weniger groß.

Studie zu Lernrückständen bei der Lesekompetenz

Während der Corona-Pandemie haben die Lesefähigkeiten von Viertklässlerinnen und Viertklässlern in Deutschland nach einer neuen Studie gravierend abgenommen. Die Grundschülerinnen und Grundschülern wiesen 2021 – nach gut einem Jahr pandemiebedingter Einschränkungen – eine substanziell geringere Lesekompetenz auf als 2016. Dies geht aus einer im März 2022 veröffentlichten repräsentativen Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund (IFS) hervor. Für die Studie waren Daten von insgesamt 4.290 Viertklässlerinnen und Viertklässlern ausgewertet worden, die 2016 und und im Frühsommer 2021 den standardisierten Lesekompetenztest IGLU bearbeitet hatten.

Die Ergebnisse sind alarmierend, heißt es in der Untersuchung zu den Lernrückständen. Im Durchschnitt fehle den Kindern in Bezug auf ihre Lesekompetenz ein halbes Schuljahr. Die vierten Klassen sind wegen des bevorstehenden Wechsels an die weiterführenden Schulen ein besonders kritischer Zeitpunkt.

Nach häufigen Wechseln zwischen Distanz- und Präsenzlernen und Unterrichtsausfällen stellte das Forscherteam Lernrückstände durchgängig bei allen Gruppen unter den Kindern der vierten Klassen fest. Demnach sank der Anteil der starken und sehr starken Leserinnen und Lesern von 44 Prozent (2016) auf 37 Prozent. 28 Prozent können nur schwach oder sehr schwach lesen – fünf Jahre zuvor waren das mit 22 Prozent deutlich weniger.

Mädchen lesen im Mittel weiterhin besser als Jungen. Bei beiden seien die negativen Effekte der Pandemie in etwa dem gleichen Ausmaß festgestellt worden, heißt es. Zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund wurde der ohnehin bestehende erhebliche Unterschied tendenziell noch größer. Und Viertklässlerinnen und Viertklässlern mit ungünstigen Lernbedingungen – kein eigener Schreibtisch, kein zuverlässiges Internet – haben den Angaben zufolge noch stärkere Lernrückstände als Kinder mit günstigen Bedingungen. dpa