Europa : Warum eine Lehrerin aus England in Berlin arbeitet

Was bewegt eine Lehrerin aus England dazu, an einer Schule in Berlin zu arbeiten? Wie sieht sie den wahrscheinlich bevorstehenden Brexit und welche Unterschiede gibt es zwischen den Bildungssystemen in England und Deutschland? Das Schulportal hat in Berlin die Lehrerin und überzeugte Europäerin Fiona Malkin getroffen und mit ihr über diese Fragen gesprochen.

Florentine Anders / 25. April 2019
Lehrerin aus England
Fiona Malkin aus England unterrichtet an einem Oberstufenzentrum in Berlin. Sie schätzt hier die Willkommenskultur und die Freiheiten für die Lehrkräfte.
©Florentine Anders

Wenn Fiona Malkin zwischen ihren Schülerinnen und Schülern an der Bushaltestelle steht, könnte sie auch eine von ihnen sein. Die Englisch-Prüfungen sind gerade vorbei und die Stimmung ist ausgelassen. Auch von Fiona Malkin fällt ein großes Stück Anspannung an diesem Nachmittag ab. Schließlich ist die 33-jährige gebürtige Engländerin Englischlehrerin. Und auch wenn sie bei der Prüfung nur die Aufsicht führt, so fiebert sie doch die gesamte Zeit mit ihren Schülerinnen und Schülern mit.

Vor drei Jahren ist sie aus dem britischen Bristol an die Hermann-Scheer-Schule in Berlin-Schöneweide gekommen. Inzwischen scheint ihr eine Rückkehr in ihre Heimat kaum möglich. Zumindest als Fremdsprachenlehrerin würde sie in Großbritannien nicht mehr arbeiten wollen, sagt sie mit Entschiedenheit.

Eine mit dem Oberstufenzentrum vergleichbare Schulform gibt es in England nicht

Die Hermann-Scheer-Schule in Berlin ist ein Oberstufenzentrum für Wirtschaft und Sozialversicherung. Etwa 1.400 Schülerinnen und Schüler lernen hier in ganz verschiedenen Bildungsgängen, von der Willkommensklasse, über Berufsschulklassen bis zum Abitur. Eine vergleichbare Schulform, die berufliche und allgemeine Bildungsgänge vereint, gebe es in Großbritannien nicht, sagt Malkin.

Allerdings sei das Bildungssystem in ihrer Heimat insgesamt heterogener. Die Kinder würden weniger nach Leistung sortiert, dafür gebe es eine lange Tradition der Binnendifferenzierung. Fiona Malkin liebt die Vielfalt und deshalb kommt ihr die große Diversität an dem Berliner Oberstufenzentrum sehr entgegen. Sie unterrichtet dort sowohl in der Willkommensklasse für Geflüchtete als auch in der Fachoberschule und Berufsoberschule.

In den vergangenen Wochen kam sie oft mit „schlechter Laune“ in ihre Klassen. Grund war der bevorstehende Brexit, die immer wieder im Nichts endenden Abstimmungen im Unterhaus. „Ich habe viel mit meinen Schülerinnen und Schülern darüber diskutiert, sie haben ja gespürt, dass mich das bewegt“, sagt sie. Fiona Malkin hat zusätzlich zu ihrem britischen auch einen irischen Pass, daher hätte der Brexit für sie weniger Auswirkungen, als für viele ihrer Landsleute. Für sie geht es eher um einen Lebensentwurf von dem sich ihre Heimat immer stärker abwende und sich damit auch für sie immer weiter entferne. „Die Brexit-Abstimmung hätte es nie geben dürfen!“, sagt sie aufgebracht.

Die Europäische Union hat ihren beruflichen Werdegang geprägt

Fiona Malkin ist Europäerin aus Überzeugung. Die Europäische Union hat ihren bisherigen Werdegang stark geprägt. Dass sie heute in Berlin unterrichtet, ist kein launiger Zufall. Zunächst hatte sie an der Uni Warwick in der Nähe von Birmingham Germanistik studiert. „Mit 18 Jahren wäre ich nie auf die Idee gekommen, Lehrerin zu werden“, sagt sie. Und das ist in England auch nicht nötig. Die Lehramtsausbildung mit vielen Praxisanteilen schließt sich erst an ein abgeschlossenes Fachstudium an. Die Entscheidung für die Schule fällt also wesentlich später als in Deutschland.

Zu ihrem Germanistik-Studium gehörte auch ein einjähriger Studien-Aufenthalt in Deutschland über das Austauschprogramm „Erasmus“. Fiona Malkin entschied sich damals für Kiel, weil ihr ein Freund dort ein WG-Zimmer überlassen konnte. „Dort lernte ich viele deutsche Studenten kennen“, erzählt sie. Ein ehemaliger Deutsch-Dozent überredete sie schließlich, ein Praktikum an einer Schule zu machen. Fiona Malkin war dann sofort von der Arbeit mit den Heranwachsenden begeistert. Eigentlich hätte sie viel eher darauf kommen können, sagt sie. Schließlich sei sie über Jahre als Betreuerin in Jugendaustauschcamps in verschiedenen europäischen Ländern mitgefahren.

Eine Lehrkraft in England arbeitet durchschnittlich 51 Stunden pro Woche

Nach ihrem Master absolvierte sie eine Lehramtsausbildung und arbeite anschließend an einer Schule in Bristol. Auf die erste Begeisterung folgte hier bald die Ernüchterung. „Nicht die Jugendlichen waren das Problem, sondern die Arbeitsbedingungen“, sagt sie. Eine Lehrkraft in England arbeite durchschnittlich 51 Stunden pro Woche bei vergleichsweise geringem Gehalt. Im Durchschnitt verdienen Lehrkräfte der Sekundarstufe I In Deutschland pro Jahr etwa 14.000 Euro mehr als in England. Das Einkommen in England ist zudem erfolgsabhängig. Zahlreiche Leistungskriterien fließen in die Gehaltsberechnung mit ein. Dabei sei der Sockelbetrag extrem niedrig, die Lehrkräfte seien auf die Zulagen angewiesen.

Das habe Folgen: Ständig müssten Daten erhoben werden, um die Lernentwicklung zu dokumentieren. Die Kinder hinter den Noten würden da kaum noch gesehen. Für Fiona Malkin war klar, dass sie unter diesen Umständen nicht länger als Lehrerin arbeiten wollte. Hinzu kam die Enttäuschung über den Brexit. Nachdem ihr ein Freund berichtet hatte, dass Lehrkräfte in Deutschland händeringend gesucht würden, ließ sie ihre Abschlüsse zunächst in Hamburg anerkennen und bewarb sich dann später auf eine Stelle an dem Oberstufenzentrum in Berlin-Schöneweide.

Sie sitzt an diesem Nachmittag in einer Bäckerei in der Nähe der Schule bei einem Kaffee und blickt aus dem Fenster. Aus den benachbarten Schulen kommen die Jugendlichen und holen sich Brötchen oder Kuchen. Sie sagt, sie schätze die Lebensqualität hier, sowohl in ihrem Beruf als auch in der Stadt. „Die Lehrkräfte haben hier sehr viele Freiheiten bei der Gestaltung des Unterrichts, in England gibt es viel mehr starre Vorgaben“, sagt sie. Und noch etwas hält sie in Berlin: „Es gibt hier eine ganz besondere Willkommenskultur für Geflüchtete, die es in meiner Heimat so nicht gibt“. Sehnsucht nach England hat sie natürlich trotzdem ab und zu.

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