Homeschooling : „Es gibt Lehrer, die sich überfordert fühlen”

Der Bildungsforscher Stephan Huber über Schüler, die vom Unterricht zu Hause profitieren, technische Hürden und die Lehren aus den ersten Corona-Wochen.

Dieser Artikel erschien am 06.04.2020 auf ZEIT Online
Martin Spiewak
Teamwork oder Einzelarbeit? Beim Homeschooling machen Schüler und Eltern ganz unterschiedliche Erfahrungen.
Teamwork oder Einzelarbeit? Beim Homeschooling machen Schüler und Eltern ganz unterschiedliche Erfahrungen.
©Oli Scarff/​AFP/​Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Huber, seit Mitte März gibt es keinen Unterricht mehr. Sie haben Schüler, Lehrer und Eltern jetzt erstmals nach ihren bisherigen Erfahrungen befragt. Wie ist das Stimmungsbild der Bildungsrepublik nach drei Wochen Homeschooling?

Stephan Huber: Alle Gruppen fühlen sich sehr belastet. Allerdings ist das Spektrum auffällig groß: Wir haben Lehrer, Schüler und Eltern, die mit dieser pädagogischen Ausnahmesituation sehr gut zurechtkommen, und andere, die arg zu kämpfen haben. Da geht die Schere schon sehr auseinander.

ZEIT ONLINE: Was kann man daraus schließen?
Huber: Es bestätigt sich, dass Schulen wie Elternhäuser sehr ungleiche Bedingungen vorweisen. Und es scheint, dass die Krise bereits vorhandene Unterschiede noch vergrößert. Selbst innerhalb von Schulen berichten Schüler von großen Unterschieden. Sie sagen, dass sie mit einigen Lehrern fast täglich in Kontakt stehen und von anderen so gut wie gar nichts gehört haben.

ZEIT ONLINE: Das finden Jugendliche ja womöglich nicht schlecht.
Huber: Ganz grob kristallisieren sich in der Einstellung zum Homeschooling zwei Gruppen heraus. Die einen äußern sich deutlich positiv. Sie finden es gut, dass sie jetzt selbstbestimmter und damit effektiver lernen. Weil sie ihrem eigenen Lernrhythmus besser folgen, sich mehr Zeit lassen können oder schneller vorankommen.

ZEIT ONLINE: Und die anderen?
Huber: Die haben Probleme, ihre Zeit einzuteilen, kommen morgens nicht aus dem Bett, können sich nur schwer motivieren und erleben die ganze Situation als belastend. 37 Prozent haben mitunter jetzt schon das Gefühl, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt, 38 Prozent sagen, das träfe für sie nicht zu.

ZEIT ONLINE: Wie viel Zeit arbeiten die Schüler jetzt insgesamt für die Schule?
Huber: Im Schnitt verbringen die von uns befragten Schüler und Schülerinnen 18 Stunden pro Woche mit Lernen, wobei ein Drittel 25 und mehr Stunden zu Hause über seinen Aufgaben sitzt. Sorgen muss uns die Gruppe bereiten, die unter neun Stunden pro Woche für die Schule etwas tut, also nicht einmal zwei Stunden pro Tag. Und sieben Prozent berichten sogar, dass sie nur vier Stunden in der Woche etwas Schulisches erledigen. Und hier gehen wir von einer größeren Dunkelziffer aus.

ZEIT ONLINE: Was machen sie sonst so?
Huber: Viel chatten und telefonieren, Serien und Filme schauen, etwas Sport zu Hause machen und im Haushalt helfen, Lesen und – natürlich am Computer spielen.

ZEIT ONLINE: Fakt scheint aber zu sein, dass der Durchschnitt der Schülerinnen und Schüler jetzt deutlich weniger Zeit fürs Lernen verwendet als in normalen Zeiten.
Huber: Wobei es stark darauf ankommt, was der einzelne Schüler in der Zeit macht. Vielleicht lernt er sogar mehr, weil es motivierter und stärker am eigenen Lernstand orientiert ist. Aber es geben auch viele Schüler in unserem Schul-Barometer an, dass der Austausch mit den Lehrkräften und den Mitschülern zu kurz kommt.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert die Kommunikation zwischen den Lehrerinnen und Lehrern und den Schülerinnen und Schülern?
Huber: Meist über E-Mail, das heißt, Lehrer mailen ihre Aufgaben den Schülern. Weniger genutzte Kanäle sind Handy, Lernplattformen beziehungsweise die analoge Kommunikation über Papierausdrucke und Arbeitshefte. Laut Eltern und Schülerangaben gibt es dagegen kaum einen direkten Austausch. Beim Live-Unterricht über Video gäbe es noch viel Potenzial. Auch dass Schüler gemeinsam an Aufgaben arbeiten, kommt eher selten vor. Doch immerhin sagen die meisten Schüler, ihre Lehrer erreichen zu können, wenn sie Fragen haben.

ZEIT ONLINE: Und die Aufgabenformate?
Huber: Sie scheinen bisher auch eher klassisch zu sein. Viele Schüler bekommen typische Übungen, mit denen der Stoff wiederholt oder gefestigt wird. Es geschieht dabei noch eher wenig Individualisierung, also dass die Aufgaben an den individuellen Lernstand der einzelnen Schüler angepasst sind. Auch Aufgaben, bei denen Schüler Probleme lösen müssen, sie also in besonderem Maße Kreativität, Kombinationsgabe oder Recherchefähigkeiten beweisen müssen, gibt es anscheinend auch bislang eher weniger.

ZEIT ONLINE: Klappt es also besser oder schlechter als gedacht?
Huber: Der größere Teil der Befragten hat eine positive Wahrnehmung. Allerdings ist offen, ob die angegebene Lernzeit und Lernqualität ausreichend sind. Die ersten Befunde stimmen hier eher skeptisch. Wir gehen davon aus, dass bei einem Drittel der Schüler trotz der Schulschließung ein Lernfortschritt zu erwarten ist. Bei einem Drittel haben wir erheblich Zweifel, sie werden eher zurückfallen. Die Eltern teilen diese Befürchtungen im Übrigen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?
Huber: 35 Prozent der Eltern sind mehr oder minder besorgt über den Lernverlauf ihrer Kinder, 41 Prozent sind es dagegen nicht oder eher nicht. Die Aussage „Es ist für mich eine echte Herausforderung, mein Kind zu Hause bei den schulischen Aufgaben zu unterstützen” wird von den Eltern ebenso sehr unterschiedlich beantwortet. Während es für die einen glatt läuft, könnten andere schon am Limit sein.

Arbeit zu Hause erfordert Disziplin und Selbstorganisation

ZEIT ONLINE: Was stark vom Alter des Kindes abhängen dürfte.
Huber: Diese Daten haben wir noch nicht ausgewertet, aber logisch: Eltern müssen umso weniger das Lernen begleiten, je selbstständiger ihr Kind ist. Aber was die Eltern an Unterrichtsarbeit übernehmen müssen, hängt auch vom Engagement der Schule ab.

ZEIT ONLINE: Sind die Eltern in dieser Hinsicht unzufrieden?
Huber: Im Gegenteil, in unseren Befunden zeigt sich eine hohe Wertschätzung und Anerkennung gegenüber der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer. Eltern sind teilweise geradezu begeistert, wie unkompliziert und flexibel den Schulen die Umstellung auf Homeschooling gelingt. In einem Zitat heißt es zum Beispiel: „Ich bin jetzt mit meinem Kind eine Woche am Lernen. Wie halten das die Lehrer das ganze Jahr aus?” Ein anderes lautet: “Die Lehrkräfte sind Gold wert”.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen die Lehrer selbst ihre Fähigkeiten beim Fernunterricht ein?
Huber: Auch hier sehen wir eine große Spanne. Die einen Lehrkräfte sehen die jetzige Situation als Riesenchance. Solche Lehrer schreiben: Endlich kann ich Schule neu denken. Sie probieren neue Lernformen aus, differenzieren die Aufgaben nach unterschiedlichen Kompetenzniveaus. Und es gibt Lehrer, die sich überfordert fühlen und die sich jetzt mühsam in die Technik reinarbeiten müssen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch da konkrete Zahlen?
Huber: Rund 40 Prozent der befragten Lehrkräfte geben an, dass an ihrer Schule schon vor der Schulschließung mit digitalen Medien gearbeitet wurde. Die Motivation der Lehrer ist grundsätzlich hoch, allerdings schätzen sie ihre digitalen Kompetenzen im Durchschnitt mittelmäßig ein. Fragt man die Schüler über ihre Lehrer, sind die aber skeptischer – sowohl was die Digitalkenntnisse als auch was die Motivation angeht.

ZEIT ONLINE: Es ist viel von den sozialen Unterschieden die Rede, die sich jetzt stärker aufs Lernen auswirken. Was sagen Ihre Befunde dazu?
Huber: Die technische Ausstattung der Schüler ist bei der großen Mehrheit offenbar gut bis sehr gut. Aber rund 15 Prozent der Schüler und Eltern berichten, dass sie nicht ausreichend Arbeitsgeräte zur Verfügung haben. Erschwerend hinzu kommen oft die fehlende Unterstützung durch Eltern oder Geschwister in dieser Gruppe oder die räumliche Enge für ungestörtes Arbeiten.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?
Huber: Die Arbeit zu Hause erfordert eine gewisse Disziplin und Selbstorganisation, Stichwort: morgens aus dem Bett kommen, sich Arbeitszeiten einteilen. Schüler mit Lernmotivation, hoher Strukturierungskompetenz und auch mit mehr Vorwissen und positiven schulischen Vorerfahrungen werden aus dem Fernunterricht vermutlich einen deutlich größeren Nutzen ziehen können. Ein Lehrer brachte es im Schul-Barometer gut auf den Punkt: „Je mehr wir im Homeschooling von den Elternhäusern erwarten, desto größer wird die Schere am Ende sein.”

ZEIT ONLINE: Sollten die Schulschließungen nach den Osterferien andauern, welche Lehren ziehen Sie aus den ersten Corona-Wochen?
Huber: Ich glaube, es braucht mehr Abstimmung und Kohärenz. Das fängt bei den Technologien an, also welche Plattformen, Apps oder Videoformate die Lehrer benutzen. Ebenso wäre ein stärkeres gemeinsames Verständnis gewünscht, was man von den Lehrern und den Schülern in diese Zeit erwarten kann. Etwa was die Rückmeldung an die Schüler angeht: Nur eine Minderheit der Eltern stimmt der Aussage zu, dass die erledigten Aufgaben von den Lehrern auch kontrolliert werden.

ZEIT ONLINE: Ihnen schwebt so eine Art Mindeststandard vor?
Huber: Ja, das könnte schon interessant sein. Wobei Regelstandards mir noch lieber wären. Interessanterweise wünschen sich das auch die von uns Befragten. Da eint alle Gruppen der Wunsch nach eindeutigen Informationen und verbindlichen Regeln. Eltern etwa wünschen sich Vorgaben, was die Menge der Aufgaben angeht. In Zeiten einer so starken Umstellung entstehen Unsicherheiten. Die Befragten haben das Bedürfnis nach eindeutiger Orientierung.

Stephan Huber ist empirischer Bildungsforscher und leitet das Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie an der Pädagogischen Hochschule Zug in der Schweiz. Unter dem Titel „COVID‐19 und aktuelle Herausforderungen in Schule und Bildung” wurden Schüler, Eltern, Lehrkräfte sowie Akteure aus der Schulverwaltung in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Insgesamt nahmen rund 2.500 Personen an der Befragung teil. Sie ist keine auf einer Zufallsstichprobe beruhende repräsentative Umfrage, sondern ein erstes Stimmungsbarometer.