Rechtsextremismus : Erste Regel: Nicht bagatellisieren!

Rechts­extremismus und Fremden­feindlichkeit macht auch vor den Schulen nicht halt. Rico Behrens und sein Team trainieren im Rahmen des Projekts „Starke Lehrer - Starke Schüler” an der TU Dresden Lehr­kräfte im Umgang mit anti­demokratischen, fremden­feindlichen und rechts­extremen Haltungen an beruflichen Schulen. Im Interview mit dem Schulportal berichtet er über Erfahrungen aus dem Modell­projekt.

Florentine Anders / 31. Oktober 2018
ARCHIV - ARCHIV - 24.11.2011, Sachsen, Dresden: Ein Aufkleber ´Gegen Nazisª klebt an einem Straflenschild. Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) will das Rechtsrock-Festival ´Schild und Schwertª in Ostritz bei Gˆrlitz nicht tatenlos hinnehmen. (zu dpa ´Regierungschef Kretschmer will Zeichen gegen Rechtsextremismus setzenª vom 04.04.2018) Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein einfaches Rezept gegen Rechtsextremismus gibt es nicht.
©dpa

Deutsches Schulportal: Herr Behrens, im Projekt „Starke Lehrer – Starke Schüler“ zeigen Sie Lehrkräften, wie sie mit rechtsextremen Äußerungen von Schülerinnen und Schülern umgehen. Wie sieht denn aus Ihrer Sicht eine richtige Reaktion aus?
Rico Behrens: Ein einfaches Rezept, das überall anwendbar ist, gibt es nicht. Die Bedingungen an jeder Schule sind anders. Die Schülerinnen und Schüler unterscheiden sich und auch jede Lehrkraft hat andere bevorzugte Formen zu reagieren. Die erste Regel heißt aber, nicht bagatellisieren oder wegschauen. Wie auch immer die Reaktion aussieht – wichtig ist, es gibt überhaupt eine.

Kommt es vor, dass Lehrkräfte bei rechtsextremen Äußerungen wegschauen?
In einer empirischen Studie, die ich in Sachsen durchgeführt habe, war dieses Muster jedenfalls zu beobachten. Ganz allgemein scheinen Lehrerinnen und Lehrer in vielen Fällen die Auseinandersetzung mit politischen Themen eher zu scheuen. Häufig gibt es eine Unsicherheit, wo die Grenze liegt, zwischen Äußerungen, die toleriert werden können und Äußerungen, bei denen unbedingt gehandelt werden muss. Fälle, wie der einer 15-jährigen Schülerin, die in Dresden Mitschüler wegen Volksverhetzung angezeigt hatte, um sich gegen die alltäglichen Nazi-Sprüche zu wehren, stellen hier eher die Spitze des Eisbergs dar. Damals war die Schülerin für ihren Mut ausgezeichnet worden, sah sich aber auch zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt. Lehrkräfte waren an der Schule offenbar nicht aktiv geworden. Auch die Pädagoginnen und Pädagogen in unserem Projekt berichten hier oft von Unsicherheiten in der schulischen Bearbeitung des Themas.

Wie stellen sich diese Unsicherheiten denn dar?
Es gibt natürlich strafrechtsrelevante Äußerungen und Verhalten, bei dem die Grenze ganz klar ist. Aber es gibt auch viele Situationen, zu denen es unter Lehrkräften unterschiedliche Auffassungen über Handlungsnotwendigkeiten gibt. Um diese Vorstellungen zu bearbeiten, haben wir im Projekt eine Methode weiterentwickelt, die sehr gut angenommen wurde: Dazu schreiben die Teilnehmer eine Situation oder Äußerung aus dem Schulalltag auf eine Moderationskarte, die für sie mit Diskriminierungen oder Menschenfeindlichkeit in Verbindung steht. Auf dem Boden befindet sich eine Linie, die eine Toleranzgrenze symbolisiert. Jede Lehrkraft positioniert die eigene Karte vor oder hinter der Grenze. Danach dürfen alle Teilnehmer gleichzeitig jede beliebige Karte stumm verschieben. Nach kurzer Zeit wird deutlich, dass die Vorstellungen zu einigen Fällen durchaus unterschiedlich sind, häufig macht sich Erstaunen breit. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um die Wichtigkeit einer rassismuskritischen Schulkultur herauszustellen, in der möglichst gemeinsame Positionen erarbeitet und reflektiert werden.

Was waren die drängendsten Fragen der Lehrkräfte im Projekt „Starke Lehrer – starke Schüler”?
Das Projekt ist so angelegt, dass wir nicht ein fertiges Programm haben, sondern auf die Fragen und Problemstellungen eingehen, die die Lehrerinnen und Lehrer aus ihren Schulen mitbringen. Ein Thema, das fast allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern unter den Nägeln brannte, war die Frage, wie man auf antimuslimischen Rassismus regieren kann. Hier gab es auch das Bedürfnis mehr über den Islam zu erfahren, um rassistischen Äußerungen etwas entgegensetzen zu können. Unser Projekt startete 2015 also auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegung, in deren Folge viele Ressentiments gegen Geflüchtete, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund ganz allgemein öffentlich wurden. Unserer Projektidee folgend haben wir uns dann inhaltlich mit dem Thema auseinandergesetzt, indem wir Experten zum Thema eingeladen haben und anschließend mit unseren Beratungstandems an den Schulen konkret weitergearbeitet haben. Einige Teilnehmerteams haben dann eigene inhaltliche Weiterbildungen zum Thema in ihren Schulen organisiert, weil der Bedarf sehr groß war.

Zur Person

Bild von Herrn Behrens
Rico Behrens
©privat
  • Rico Behrens ist an der TU Dresden Projektleiter des Modellprojekts „Starke Lehrer – Starke Schüler” und Dozent am Lehrstuhl für Politische Bildung an der Katholischen Universität Eichstätt.
  • In seiner Dissertation, die unter dem Titel „Solange die sich im Klassenzimmer anständig benehmen“ erschienen ist, beschäftigt er sich mit der Frage, wie politische Bildung mit rechtsextrem orientierten Schülerinnen und Schülern funktionieren kann.
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