Ukrainische Schulkinder : Erfolg durch die Drehtür

Hunderttausende Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sollen in das deutsche Schulsystem integriert werden – aber gleichzeitig auch weiter in ihrer Muttersprache lernen. Ein Modell, wie das funktionieren soll, gibt es bereits, sagt der Bildungsexperte Dirk Zorn.

Dieser Artikel erschien am 23.03.2022 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Erfolg durch die Drehtür: eine Tafel in einer Schulklasse
©Arno Burgi/dpa

DIE ZEIT: Unzählige Ukrainer flüchten nach Deutschland, darunter viele Kinder und Jugendliche. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre steht unser Bildungssystem vor der Aufgabe, Hunderttausende Schülerinnen und Schüler aufzunehmen. Inwiefern unterscheidet sich die Situation heute von jener im Jahr 2015?
Dirk Zorn: Es ist gleichzeitig einfacher als vor sieben Jahren, aber auch schwieriger. Denn unser Schulsystem ist noch mehr auf Kante genäht als 2015: Der Lehrermangel ist dramatisch, ebenso der Mangel an Räumen, und Corona zehrt weiterhin an den Kräften der Kollegien. Das wissen wir aus dem Netzwerk der von uns mit dem Schulpreis ausgezeichneten Schulen.

ZEIT: Und was ist einfacher?
Zorn: Die neuen Schülerinnen und Schüler kommen aus einem Land, dessen Bildungsniveau und Schulsystem dem deutschen ähnlich sind. Das war 2015 ganz anders. Zudem hatte die Corona-Krise auch etwas Gutes: Sie hat die Digitalisierung der Schulen nachhaltig vorangebracht – in Deutschland wie in der Ukraine. Dort vielleicht sogar noch nachhaltiger.

ZEIT: Inwiefern?
Zorn: Der Fernunterricht während der Pandemie scheint in der Ukraine recht gut geklappt zu haben. Ein großer Teil der Schulbücher des Landes ist digitalisiert, hinzu kommen unzählige Lehrvideos, auf die die Schüler nun zurückgreifen können. Deutsche, die Geflüchtete privat aufgenommen haben, berichten, dass die ukrainischen Kinder morgens um acht am Computer lernen. Mitunter sitzt auf der anderen Seite eine Lehrerin, die selbst geflohen ist, den Klassenverband aber digital weiter unterrichtet.

ZEIT: Es gibt zudem Berichte über eine ukrainische private Fernschule. Welche Rolle spielt sie?
Zorn: Es handelt sich um die Optima-Schule, eine staatlich anerkannte Einrichtung, die ähnlich wie die deutsche Fernuniversität Hagen funktioniert. Bei Optima gibt es ausgebildete Lehrkräfte, Unterrichtsmaterialien und Prüfungen mit anerkannten Abschlüssen. Im Moment ist Optima dabei, ihre Server ins Ausland zu verlegen und ihr Angebot für alle ukrainischen Schüler kostenlos zur Verfügung zu stellen.

ZEIT: Wie sind Sie mit der Einrichtung in Kontakt gekommen?
Zorn: Optima hat sich mit einem Schreiben des ukrainischen Präsidialamtes und des Bildungsministeriums an mehrere europäische Stiftungen mit der Bitte um Hilfe gewandt, unter anderem an die Robert Bosch Stiftung. Der Hintergrund ist wahrscheinlich die lange Tradition der Stiftung in der Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen in Osteuropa.

ZEIT: Wie sollte die Beschulung der ukrainischen Kinder aus Ihrer Sicht konkret aussehen?
Zorn: Nötig sind pragmatische Lösungen, die flexibel auf die jeweiligen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingehen. So brauchen Drittklässler sicher andere Angebote als Schüler, die kurz vor der Hochschulreife stehen. Diesen Jugendlichen sollten wir – eventuell mithilfe von Optima oder anderen Distanzlernschulen – die Möglichkeit geben, ihren ukrainischen Abschluss in Deutschland zu erwerben.

ZEIT: Versteht man die offizielle ukrainische Seite richtig, dann sollen aber sämtliche geflüchteten Kinder und Jugendlichen in einem parallelen ukrainischen Schulsystem unterrichtet werden – auch um die nationale Identität der ukrainischen Kinder zu gewährleisten, wie etwa die ukrainische Generalkonsulin kürzlich gefordert hat. Von Integration war da keine Rede. Das hat bei deutschen Bildungspolitikern hinter den Kulissen für Irritation gesorgt.

Eine Möglichkeit ist das Drehtürmodell

Zorn: Natürlich ist der Wunsch der Ukrainer groß, dass alle Geflüchteten bald in ihre Heimat zurückzukehren. Da steht Integration nicht ganz oben auf der Agenda. Das ist verständlich. Doch ehrlicherweise weiß heute niemand, wie lange die Familien in Deutschland bleiben werden. Man kann den Kindern und Jugendlichen ja nicht langfristig die Integration verweigern.

ZEIT: Ist die Angst der Ukrainer vielleicht berechtigt? Manch einer auf deutscher Seite könnte sich wünschen, dass möglichst viele der Geflüchteten bleiben, schließlich hat Deutschland große demografische Probleme. Was kann uns da Besseres passieren als der Zustrom Hunderttausender bildungsbewusster Menschen?
Zorn:
In der jetzigen Situation an Vorteile für Deutschland zu denken, finde ich zynisch. Die Ukraine ist Opfer eines brutalen Angriffskrieges. Viele der geflüchteten Kinder sind traumatisiert, sie müssen mit ihren Müttern damit klarkommen, dass sie von ihren Vätern getrennt sind. Jeden Tag gibt es Nachrichten von Bombenopfern. Unsere Aufgabe ist es jetzt, die seelische Not der jungen Ukrainer zumindest ein Stück weit zu lindern, ihnen eine Struktur zu geben und sie altersgemäß am deutschen Bildungsalltag zu beteiligen.

ZEIT: Wie soll das konkret gelingen?
Zorn: Am besten, indem wir beides verbinden: den muttersprachlichen Unterricht mit ukrainischen Lehrinhalten wie auch die Integration in die deutschen Schulen. Eine Möglichkeit ist das Drehtürmodell, das wir seit Jahren aus einem anderen Zusammenhang kennen.

ZEIT: Der Begabungsförderung.
Zorn: Genau. Dabei gibt man Schülerinnen und Schülern während des Unterrichts die Möglichkeit, ihren besonderen Begabungen und Interessen nachzugehen. Konkret: Ist eine Schülerin herausragend in Biologie, darf sie sich während des regulären Biologieunterrichts einem Forschungsprojekt widmen, bevor sie sich in einem anderen Fach wieder in den Klassenverband einfädelt.

ZEIT: Wie sähe das konkret für die ukrainischen Schüler aus?
Zorn: Ein genaues Konzept erarbeitet gerade eine Gruppe von Praktikern, die von der Robert Bosch Stiftung und der Bertelsmann Stiftung einberufen wurde. Unter anderem ist da die Schulleitung der Deutschen Schule in Kiew dabei. Ich will dem nicht vorgreifen. Aber es wäre zum Beispiel denkbar, dass die ukrainischen Schüler zuerst gemeinsam mit ihrer deutschen Klasse Sport machen, dann über die Optima-Fernschule digital zwei Stunden Ukrainischunterricht belegen, bevor sie für den Englischunterricht wieder zur Regelklasse stoßen. Klar ist, dass man die Lernpläne da sehr individuell zuschneiden muss – je nach Alter und Kenntnisstand …

ZEIT: … und je nach Deutschkenntnissen.
Zorn: Auch das. Die Teilnahme am Matheunterricht wird nach wenigen Monaten wahrscheinlich durchaus möglich sein, Geschichte oder Deutsch sind da schwieriger. Wichtig ist dabei, dass die Schüler nicht zu lange in Willkommensklassen separiert von den deutschen Kindern verweilen, sonst könnte das zum Integrationshindernis werden. Das ist während der ersten Flüchtlingskrise punktuell geschehen. Zusammenfassend gesagt, braucht es einen Dreiklang: Teilnahme am Regelunterricht, zusätzliche Förderung in Deutsch als Zweitsprache, herkunftssprachlicher Unterricht auf Ukrainisch.

ZEIT: Sie sprechen immer vom Online-Unterricht. Die meisten ukrainischen Schüler haben doch keinen eigenen Computer?
Zorn: Auch hier eröffnet die Corona-Zeit eine Chance. Mittlerweile verfügen die meisten Schulen über Leihgeräte, die mit Mitteln des Bundes für bedürftige Schüler angeschafft wurden. Diese werden im Augenblick nicht alle benötigt. Ich kenne Schulen, die ihren ukrainischen Flüchtlingskindern vom ersten Tag an ein Tablet zur Verfügung stellen. Da sind sowohl Übersetzungssoftware als auch eine ukrainische Tastatur und die Verbindung zu ukrainischen Online-Lernangeboten vorinstalliert.

Das wäre auch ein wichtiges Zeichen der Anerkennung

ZEIT: Ist bekannt, wie viele der ukrainischen Schüler und Schülerinnen Deutsch in der Schule gelernt haben?
Zorn: Das gilt es rasch herauszufinden. Zumindest wissen wir, dass anders als anfänglich befürchtet, viele Schüler nicht nur das kyrillische Alphabet kennen, sondern auch das lateinische.

ZEIT: Welche Rolle spielen beim Drehtürmodell ukrainische Lehrkräfte?
Zorn: Eine große hoffentlich. Sie könnten den ukrainischen Teil des Unterrichts natürlich hervorragend anleiten. Da haben die Bildungsverwaltungen übrigens sehr viel schneller reagiert als 2015. Sie planen Honorarverträge mit geflüchteten Pädagoginnen und Pädagogen, in einigen Bundesländern selbst dann, wenn diese noch kein Deutsch sprechen, was für eine Arbeit in einer deutschen Schule eigentlich Grundvoraussetzung ist. Mit der gleichen Flexibilität sollte die Schulpolitik übrigens auf die Sprachkenntnisse der Schüler reagieren und Ukrainisch wie Chinesisch oder Russisch als prüfungsrelevante Fremdsprache anerkennen. Das wäre auch ein wichtiges Zeichen der Anerkennung.