Erfahrungsbericht : Eine ukrainische Lehrerin in der Willkommensklasse

Die Lehrerin Marina Manasian ist vor ein paar Wochen vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet. In Berlin möchte sie gern als Willkommenslehrerin arbeiten. Der Anfang ist allerdings nicht leicht. Einstellungsverfahren sollen in den Bundesländern zwar schnell und unbürokratisch laufen, doch die Bestimmungen sind für die Bewerberinnen und Bewerber oft schwer zu durchschauen.

Regina Köhler 12. April 2022 Aktualisiert am 14. April 2022
ukrainischer Schüler sitzt in einer Vorbereitungsklasse, Lehrerin schreibt etwas an die Tafel
Die Zahl der Willkommensklassen wird sich noch deutlich erhöhen. Dafür werden dringend auch ukrainische Lehrkräfte gesucht.
©Marijan Murat/dpa

Marina Manasian ist 56 Jahre alt. In der Ukraine hat sie als Pädagogin und Deutschlehrerin an einem Gymnasium gearbeitet. Vor vier Wochen ist sie nach Berlin gekommen. Zusammen mit ihren 21 Jahre alten Zwillingstöchtern. Sie sei vor dem Krieg geflohen, sagt Marina und hofft, dass sie auch hier wieder als Lehrerin arbeiten kann. Sie muss Geld verdienen, damit die Familie sich ein neues Leben aufbauen kann. „Ich möchte, dass meine Töchter in Ruhe weiterstudieren“, sagt sie.

Ihre Kinder seien ihr Leben – dass es ihnen gut geht, ist Marinas größter Wunsch. Deshalb würde sie gern in Deutschland bleiben, auch wenn sie hier weder Verwandte noch Freunde hat. Ihr Mann sei vor sieben Jahren gestorben. Sie kümmere sich seitdem allein um die Mädchen, erzählt sie. In Berlin wohnten die drei Frauen zunächst in einem Hotel. Dann hat die Familie der Berlinerin Gabriela Block sie in ihr Haus in Zehlendorf aufgenommen. Marina ist ihr sehr dankbar dafür und froh über all die Hilfe, die ihr und ihren Töchtern zuteil wird.

Die große Frage aber ist, wie es nun beruflich weitergeht. Wird sie als Lehrerin arbeiten können? Das hängt davon ab, ob ihr Abschluss in Deutschland anerkannt wird. Sie habe 1989 ihr Diplom als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache gemacht, nach sieben Jahren Abendstudium, erzählt Marina. Ein entsprechendes Dokument hat sie aus der Ukraine mitgebracht.

Berlin will Willkommenslehrkräfte unbürokratisch einstellen

Das Schulportal hat in der Berliner Bildungsverwaltung nachgefragt. Dort heißt es, es sei relativ unbürokratisch möglich, eine Stelle als befristete Lehrkraft in einerWillkommensklassezu bekommen. Die Stellen seien berlinweit ausgeschrieben. Mehrere Lehrkräfte aus der Ukraine seien bereits als Willkommenslehrkräfte eingestellt worden und tätig – und die Zahl werde in den kommenden Wochen weiter deutlich ansteigen. Auch Marina bringe mit ihrer Qualifikation als Deutschlehrerin bereits alle notwendigen Voraussetzungen mit. Lediglich ihre Zeugnisse müsse sie übersetzt einreichen. Möchte sie allerdings als anerkannte Lehrkraft auf Dauer in Berlin arbeiten, müsse sie sich mit ihren Unterlagen an die Anerkennungsstelle wenden und dort ihre Abschlüsse auf Gleichwertigkeit prüfen lassen.

Auch über die Berliner „Servicestelle für Fachkräftegewinnung und -beratung“ können interessierte Lehrkräfte ihre Unterlagen einreichen oder sich über das Postfach ukrainisch@senbjf.berlin.de melden. Das gilt auch für diejenigen Interessierten, die noch kein Deutsch sprechen.

Lehrkräften mit einem internationalen Abschluss steht dann die Perspektive offen, ihren Lehramtsabschluss prüfen zu lassen. Wird der Abschluss anerkannt, müssen sie lediglich einen Anpassungslehrgang absolvieren. Dafür genügt gemäß EU-Recht das Sprachniveau C1. Für eine unbefristete Einstellung wie auch für eine Gleichstellung mit einem Lehramt ist wiederum das Sprachniveau C2 Voraussetzung.

Wichtig für Lehrerinnen wie Marina ist: Für Lehrkräfte in Willkommensklassen sind die Hürden niedriger. Sie haben zudem die Möglichkeit, als Quer- und Seiteneinsteigende die erforderlichen Qualifikationen zusätzlich zu erwerben.

In Berlin gibt es laut Bildungsverwaltung gegenwärtig 550 Willkommensklassen, in denen 6.472 Schülerinnen und Schüler lernen, darunter aktuell 748 aus der Ukraine. Weitere 892 der Schutz suchenden Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine sind bereits in Regelklassen integriert (Stand: Anfang April).

Und es dürften bald noch mehr werden. Viele Geflüchtete aus der Ukraine sind in Privathaushalten untergekommen, darunter viele Kinder. Noch nicht alle sind registriert. Es könne sein, dass man bis zum Sommer Schulplätze für etwa 5.000 Kinder aus der Ukraine bereitstellen müsse, so ein Sprecher der Bildungsverwaltung. Die Zahl der Willkommensklassen werden sich jedenfalls noch deutlich erhöhen. „Auf unsere Ausschreibung für entsprechende Lehrkräfte haben sich bislang mehr als 200 Lehrerinnen und Lehrer mit entsprechender Qualifizierung beworben. Die Einstellungsverfahren sind in der Regel innerhalb von zwei bis vier Wochen abgeschlossen“, heißt es in der zentralen Koordinierungsstelle der Bildungsverwaltung.

Warten auf die Genehmigung der Bildungsverwaltung

Marina Manasian arbeitet seit einigen Tagen an der privaten Königin-Luise-Schule in Dahlem. Im Sekundarbereich haben sie dort zwei Willkommensklassen für insgesamt 30 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine eingerichtet. Die Kinder sind zwischen 11 und 15 Jahre alt, einige etwas älter. Marina teilt sich die Arbeit mit vier weiteren Kolleginnen aus der Ukraine. Die Stelle wurde ihr von der Elterninitiative des Zehlendorfer John-F.-Kennedy-Gymnasiums vermittelt, über die auch der Kontakt zur Gastfamilie Block zustande gekommen ist.

Der Vorstandsvorsitzende der Königin-Luise-Stiftung, Claas Theesfeld, der auch Leiter der Sekundarschule ist, sagt, dass sie die fünf ukrainischen Lehrerinnen zunächst bis zu den Sommerferien befristet einstellen wollen. „Wir warten noch auf die Genehmigung der Bildungsverwaltung.“ Alle nötigen Unterlagen seien bereits vor geraumer Zeit eingereicht worden. „Wir sind jetzt schon mal in Vorleistung gegangen“, so Theesfeld weiter. „Die Kinder sind da – wir können nicht warten!“

Marina hofft jedenfalls, dass sie bald einen Arbeitsvertrag bekommt. Das hofft auch deren Gastgeberin Gabriela Block. Sie hilft Marina, so gut sie kann. Es sei schwierig für die Geflüchteten, sich darüber zu informieren, wie es für sie in Deutschland weitergehen könnte, sagt sie. Ihr Wunsch: Es sollte eine offizielle Liste geben, in der alle notwendigen Schritte verständlich zusammengefasst sind.

Die Berliner Bildungsverwaltung verweist diesbezüglich darauf, dass Lehrerinnen und Lehrer aus der Ukraine alle für sie wichtigen Informationen auf der Website der Bildungsverwaltung finden würden. Dort sei auf Ukrainisch beschrieben, wo sie sich hinwenden und Hilfe bekommen könnten. Es gebe auch eine Hotline, die täglich erreichbar ist. Die Auskünfte könnten in ukrainischer, russischer, deutscher und englischer Sprache abgerufen werden.

Bundesländer gehen bei der Einstellung ukrainischer Lehrkräfte unterschiedlich vor

Bundesweit wird der Umgang mit den geflüchteten Lehrerinnen und Lehrern unterschiedlich gehandhabt. Einige Länder versuchen, möglichst schnell zu handeln, andere halten sich an den bürokratischen Weg.

Sachsen etwa gehört zu jenen Ländern, die eher schnell handeln: „Wir haben bereits 400 Stellen geschaffen, um ukrainische Lehrkräfte rasch einstellen zu können“, sagt Susann Meerheim, Sprecherin des sächsischen Kultusministeriums. Es handle sich dabei sowohl um Lehrerstellen als auch um Assistenzstellen. Die ersten 50 Lehrkräfte seien bereits eingestellt worden, befristet zunächst bis zum 31. Juli. Infrage kämen sowohl aus der Ukraine geflüchtete Lehrkräfte als auch solche, die schon länger in Deutschland leben.

Eingestellt werden laut Meerheim Bewerberinnen und Bewerber mit einem internationalen lehramtsbezogenen Abschluss, unabhängig davon, ob ein Anerkennungsverfahren beantragt oder beschieden wurde, sowie auch Bewerberinnen und Bewerber mit einem anderen Hochschulabschluss oder mit einem pädagogischen Abschluss. „Liegen diese Voraussetzungen nicht vor, kommt eine Einstellung als Schulassistentin/Schulassistent in Betracht“, sagt Meerheim.

Auch das Land Brandenburg will eine schnelle Einstellung über Mittel aus Vertretungsbudgets erreichen. Wobei deutschsprachige Ukrainerinnen als Lehrkräfte eingesetzt werden sollen. Auch hier sind die Stellen zunächst befristet.

Marina Manasian hat die ersten Arbeitstage mittlerweile hinter sich. Es sei gut, wieder zu arbeiten, sagt sie. „Die Kinder sind sehr motiviert. Sie wollen unbedingt Deutsch lernen.“ Zwar hätten sie noch kein Lehrmaterial, aber ohnehin werde sie zunächst spielerisch anfangen, sagt Marina. „Die Kinder brauchen Zeit, in Berlin anzukommen und einander kennenzulernen.“