Dieser Artikel erschien am 07.07.2019 in der taz
Autor: Ralf Pauli

Karliczek will einheitliche Abiprüfungen : „Eine Frage der Gerechtigkeit“

Die Bundesbildungsministerin unterstützt Forderungen nach bundesweit einheitlichen Abiturprüfungen. Abschlüsse sollen so vergleichbarer werden.

Karliczek plädiert auch für einheitliche Regeln, welche Fächer ins Abitur eingebracht werden dürfen.
Karliczek plädiert auch für einheitliche Regeln, welche Fächer ins Abitur eingebracht werden dürfen.
©dpa

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat sich am Wochenende für bundes­weit einheitliche Abitur­prüfungen ausgesprochen. „Die Vergleich­barkeit von Abschlüssen ist wichtig. Es ist auch eine Frage der Gerechtig­keit“, sagte Karliczek in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten.

Damit unterstützt Karliczek ihre Amtskollegin aus Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann (CDU). Die hatte vergangene Woche gefordert, inner­halb von fünf bis zehn Jahren ein zentrales Abitur einzu­führen: „Am Ende muss es nicht nur deutschland­weit dieselben Prüfungs­aufgaben geben, sondern auch einheitliche Regeln dafür, welche Fächer ins Abitur eingebracht werden.“

Bislang erstellt jedes Bundesland eigene Abitur­aufgaben. Auch gibt es große Unter­schiede bei der Gewichtung der Leistungen aus der Ober­stufe sowie bei den Prüfungs­fächern. So müssen AbiturientInnen in München in Mathe, Englisch und Deutsch antreten, in Berlin kann man Mathe umgehen.

Um das Abitur vergleichbarer zu machen, haben die Bundes­länder vor zwei Jahren einen gemeinsamen Aufgaben­pool für Mathe, Deutsch und Englisch ein­geführt. Erstellt werden die Aufgaben vom Institut zur Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen (IQB) in Berlin. Doch die gemeinsamen Aufgaben führen nicht unbedingt zu mehr Vergleich­bar­keit, wie das dies­jährige Mathe-Abitur zeigt.

Frustrierte SchülerInnen

Denn erstens greifen sich die Länder nur einen Bruch­teil der „gemeinsamen“ Aufgaben heraus: Die Quote liegt bei 12 bis 15 Prozent. Zweitens dürfen die PrüferInnen die Pool-Aufgaben nach den eigenen Vor­stellungen abändern. Und drittens bewerten die Länder die Ergebnisse auch noch unter­schiedlich. In zwölf Bundes­ländern reichten AbiturientInnen nach der Prüfung im Mai eine Petition an das jeweilige Ministerium ein, weil die Mathe-Prüfung zu schwer gewesen sei. Hamburg und das Saarland haben darauf­hin die Schnitte nach oben korrigiert. In den übrigen Ländern blieben die Noten, wie sie waren.

Das sorgt nicht nur unter den SchülerInnen für Frust. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) beklagte, dass sein Bundes­land als einziges alle Aufgaben aus dem zentralen Mathe-Pool verwendete. Die baden-württembergische Kultus­ministerin Eisenmann sieht dessen Ziel, die Abitur­noten vergleich­barer zu machen, als verfehlt an: „Unsere Bemühungen für mehr Einheitlichkeit sind bislang ins Belieben der Länder gestellt.“

Und der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, kritisiert: „Welchen Sinn haben Aufgaben­pools, wenn einzelne Bundes­länder diese nicht in Anspruch nehmen beziehungs­weise eigen­mächtig nach­träglich in Abitur­bewertungen eingreifen, um vermutete Nach­teile für ihre Landes­kinder zu vermeiden?“

Dass die Bundesregierung handeln muss, hat das Bundes­verfassungs­gericht bereits 2017 festgestellt. Das Abitur-Chaos verstoße gegen den Gleich­heits­grund­satz des Grund­gesetzes. Denn bei Studien­gängen mit NC wie bei Medizin, wo jede Komma­stelle entscheidet, sind BewerberInnen aus Bundes­ländern mit schwerem Abitur benachteiligt.

Tatsächlich variieren die durchschnittlichen Abitur­noten je nach Bundes­land erheblich: Seit Jahren erzielt Thüringen die besten Schnitte. Auch dieses Jahr liegt der Frei­staat mit 2,18 um fast eine halbe Note vor Nieder­sachsen (2,56). Die Karlsruher Richter verfügten deshalb, dass die Universitäten neben dem Abitur weitere Zugangs­kriterien wie Aus­wahl­gespräche oder Tests anwenden müssen. Schritte, die mit einem bundes­weit vergleich­baren Abitur nicht notwendig wären.