Pandemie : Ein Plädoyer für offene Schulen

Zwingt Omikron wieder zum Distanzunterricht? Nein, sagen Experten – schließen aber nichts aus.

Dieser Artikel erschien am 16.12.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Paul Munzinger
Mit Maske im Unterricht: Schülerinnen einer sechsten Klasse in Hamburg.
Mit Maske im Unterricht: Schülerinnen einer sechsten Klasse in Hamburg.
©dpa

Was muss die Politik tun, um ihrer Verantwortung für Kinder und Jugendliche auch bei hohen und sehr hohen Infektions­zahlen gerecht zu werden: die Schulen offen halten? Die Schulen schließen? So eindeutig die Haltung der Regierungen in Bund und Ländern dazu mittler­weile ist – offene Schulen, so lange es geht -, so umstritten ist die Frage in vielen Familien und Lehrer­zimmern, aber auch bei Ärzten. Am Wochenende erst entzündete sich eine hitzige Debatte an einer Serie von Tweets des Thüringer Bildungs­ministeriums. Darin zählte das Ministerium nicht nur Gründe für offene Schulen auf, sondern behauptete auch, es sei „nicht geklärt“, ob Kinder Long-Covid bekommen können. Nach heftigem Widerspruch wurde nicht nur der Tweet gelöscht, sondern auch eine Staats­sekretärin entlassen.

Am Mittwoch nun veröffentlichte die Kultus­minister­konferenz (KMK) eine Studie, die die nach wie vor hitzigen Debatten zwar kaum beenden dürfte, die aber ein klares wissenschaftliches Plädoyer gegen Schul­schließungen liefert – zumindest gegen Schul­schließungen als isolierte Maßnahme. Auf eine solche Bestätigung ihres Kurses hatte die KMK gehofft, als sie das Helmholtz-Zentrum für Infektions­forschung (HZI) in Braunschweig und die Kinder­klinik der Uniklinik Köln im November 2020 damit beauftragte, das Infektions­geschehen an den Schulen zu vermessen, die Schutz­maßnahmen zu bewerten und „belastbare Zahlen für die gesamte Republik“ liefern.

Statt belastbarer Zahlen bescherte die Studie der KMK im Sommer aber zunächst ein mittleres PR-Debakel, noch bevor sie erschienen war. Vermutlich auch deshalb wurde ihre Veröffentlichung am Mittwoch von einem Hinter­grund­gespräch für die Presse flankiert. Wenn es schon eine frohe Botschaft gibt, dann soll die bitte auch richtig ankommen.

Das Infektions­risiko für Lehrer ist im Vergleich zum Beginn der Pandemie zuletzt gesunken

Vier zentrale Ergebnisse der Studie hob Jörg Dötsch, Leiter der Uni-Kinder­klinik Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugend­medizin, dabei hervor. Erstens: Das Infektions­risiko für Lehrerinnen und Lehrer sei im Verlauf der Pandemie von zunächst über­durch­schnittlichen Werten auf das Niveau der Gesamt­bevölkerung oder sogar darunter gefallen. Verantwortlich dafür seien zum einen die Impfungen, zum anderen die Hygiene­maßnahmen an den Schulen, die laut Dötsch – trotz einiger Probleme wie etwa bei den Lüftungs­geräten – in der Gesamtheit „sehr erfolg­reich“ seien. Das Infektions­risiko für Schülerinnen und Schüler stieg im gleichen Zeitraum im Vergleich zum Rest der Bevölkerung, was Berit Lange, Epidemiologin vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum, ebenfalls auf die Impfungen zurückführte. Jugendliche können sich erst seit dem Sommer immunisieren lassen, die Impfkampagne für Kinder hat gerade erst begonnen.

Zweitens zeigten die Daten, dass das Infektionsrisiko für Schülerinnen und Schüler zu Hause im Lauf der Pandemie deutlich anstieg, etwa wegen der Ausbreitung der ansteckenderen Delta-Variante. In der Schule dagegen blieb das Risiko weit­gehend konstant. Auch dies sei „ein unglaublicher Erfolg des Infektions­schutzes an den Schulen“, so Dötsch.

Immer wieder müssen einzelne Schulen schließen und Kinder in Quarantäne schicken

Drittens trage die Schule dank der regel­mäßigen Tests sogar dazu bei, das Infektions­geschehen zu regulieren. In Nordrhein-Westfalen habe es nach den Sommerferien eine „extrem hohe“ Anzahl infizierter Schülerinnen und Schüler gegeben, die das Virus aus dem Urlaub in die Schule trugen, sagte Dötsch. Dort seien die Infektions­zahlen dann innerhalb weniger Wochen deutlich gesunken, weil Infizierte rechtzeitig identifiziert wurden. Allerdings zeigt die Studie auch eindeutig, dass Schulen zwar nicht unbedingt ein Treiber der Pandemie sind, aber einen nicht unerheblichen Anteil am Infektions­geschehen tragen. Über die Zeit schwankt er den Daten zufolge zwischen fünf und 15 Prozent.

Viertens schließlich zeigten regionale Vergleiche „ganz klar“, dass Masken im Unterricht das Infektions­geschehen eindämmten. „Die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler, ihre Integration, ihre Teilhabe am Leben, hat sich ebenso wie die Sicherheit der Lehrkräfte in die richtige Richtung entwickelt“, sagte Dötsch.

Die Frage ist nun, was diese Ergebnisse für die aktuelle Situation bedeuten. Die Infektions­zahlen sind nach wie vor besonders unter Kindern und Jugendlichen hoch, immer wieder müssen einzelne Schulen nach Ausbrüchen schließen. Und die neue Variante Omikron droht, die Lage noch zu verschärfen. Nach aktuellen Erkenntnissen aus süd­afrikanischen Daten, sagte Dötsch, führe Omikron nicht zu deutlich schwereren Verläufen bei Kindern, sei aber erheblich ansteckender. Zu befürchten seien deshalb mehr Infektionen auch unter Kindern, aber keine Über­lastung der Kinder­kranken­häuser. „In einer Millionen­stadt wie Köln haben wir in der Woche im Durchschnitt fünf Kinder in den Kliniken“, sagte Dötsch.

Sein Fazit: „Aktuell ist überhaupt kein Grund gegeben, die Schulen zu schließen oder vor­gezogene Weihnachts­ferien in Betracht zu ziehen. Das bringt wirklich nichts und beeinträchtigt die Gesundheit der Kinder.“ Sollte Omikron sich aber als weitaus bedrohlicher erweisen, als derzeit abzusehen, dann könne es natürlich auch zu Schul­schließungen kommen – allerdings nur, wenn gleich­zeitig auch das gesamte übrige gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben herunter­gefahren wird. Diese Option schloss Dötsch aus­drücklich nicht aus.