Akademie Biberkor : Ein Pilotversuch geht neue Wege im Referendariat

Angehende Lehrkräfte sind häufig unzufrieden mit der zweiten Phase der Lehramtsausbildung. Im Referendariat gebe es wenig Raum zum Experimentieren, stattdessen Prüfungsdruck und unsinnige Hierarchien, lauten nur einige der Kritikpunkte. Die Akademie Biberkor will mit dem „Neuen Referendariat“ den Vorbereitungsdienst reformieren.

Florentine Anders / 07. Dezember 2020 / 1 Kommentar
Die Akademie Biberkor von oben
Bisher war die Akademie Biberkor vor allem für ihre Montessori-Ausbildung bekannt. Mit dem „Neuen Referendariat“ erweitert die Akademie das Spektrum und fokussiert insgesamt zeitgemäße Bildungsansätze für „gute Schule“.
©Akademie Biberkor

Dass Veronika Wendebourg heute tatsächlich an einer Schule ihr Referendariat macht, hätte sie vor noch einem guten Jahr kaum für möglich gehalten. Nach ihrem Lehramtsstudium in München hatte sie sich eine Auszeit genommen und ernsthaft daran gedacht, umzusatteln. Ihre Praktika an Schulen und Gespräche mit anderen angehenden Lehrkräften hatten ihr vor allem deutlich gemacht, dass sie so nicht arbeiten möchte. „Mir wurde klar, dass das Lernen, wie ich es erlebt habe, nicht funktioniert“, sagt Wendebourg.

Dann stieß sie auf das Pilotprojekt „Neues Referendariat“ der Akademie Biberkor in Bayern. Bisher war die Akademie Biberkor vor allem für ihre Montessori-Ausbildung bekannt. Mit dem „Neuen Referendariat“ und weiteren Kursprogrammen erweitert die Akademie nun gezielt das Spektrum und fokussiert insgesamt zeitgemäße Bildungsansätze für „gute Schule“.

Seit diesem Schuljahr können hier Absolventinnen und Absolventen des Ersten Staatsexamens ihren Vorbereitungsdienst in 12 Monaten absolvieren. Derzeit gehören nur freie Schulen zu den Ausbildungsschulen, da die Ausbildung noch nicht staatlich als Referendariat anerkannt ist. Die Initiatoren erhoffen sich aber, dass sie mit den neuen Wegen auch Impulse für Veränderungen im staatlichen Vorbereitungsdienst geben können.

„Seit Jahren klagen angehende Lehrkräfte über hohen bürokratischen Aufwand, hierarchische Strukturen und wenig Experimentierfreudigkeit im Referendariat“, sagt Flora Nieß, die das neue Ausbildungskonzept mit entwickelt hat. Gerade dann, wenn sie mit Ideen und dem Wunsch nach einer neuen Schule von der Uni kommen, führe häufig der Widerspruch zwischen dem eigenen Anspruch und der schulischen Realität zu großer Desillusionierung. In dem bundesweiten Pilotprojekt „Neues Referendariat“ in freier Trägerschaft sollte die Ausbildungsphase deshalb ganz neu gedacht werden.

Individuelle Rückmeldungen statt Noten und Lehrproben

„Wir haben uns bei der Ausbildung der Lehrkräfte an den Grundsätzen orientiert, die wir auch für guten Unterricht haben“, sagt Nieß. Statt Noten und Lehrproben gebe es individuelle Rückmeldungen zum Lernfortschritt, die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden basierten auf Gleichwertigkeit, eine positive Fehlerkultur lade zum Experimentieren ein, und natürlich sei das „Neue Referendariat“ genauso inklusiv, wie man es auch von zeitgemäßem Unterricht in der Schule erwarte.

Für Veronika Wendebourg klang das Konzept so überzeugend, dass sie doch noch den Schritt in den Vorbereitungsdienst wagte. Jede oder jeder kann in diesem Programm im eigenen Tempo lernen und den eigenen Lernweg selbst gestalten. Das habe sie besonders angesprochen, denn genau so möchte auch sie selbst als Lehrerin arbeiten.

Das war auch für Franziska Scheidl ein wichtiger Grund, an dem Pilotversuch teilzunehmen. Nach einem Jahr hatte sie ihr Referendariat an einem staatlichen Förderzentrum abgebrochen. „Die Unterrichtsstunde war exakt durchdekliniert, und ich musste unglaublich viel Zeit aufbringen, die Stunde in einer vorgefertigten Form seitenweise zu dokumentieren“, sagt sie. Für ihren eigentlichen Anspruch, möglichst individuelle Methoden für die Kinder zu finden, sei da wenig Zeit geblieben.

In dem „Neuen Referendariat“ ist das anders. Dokumentiert wird in einer Art Lerntagebuch, was der oder die Einzelne für sich als wichtig erachtet. Dabei geht es nicht um eine vermeintlich perfekte Unterrichtsstunde. Viel wichtiger ist, für sich selbst herauszufinden, warum etwas gelungen ist und wo Fehler oder Probleme aufgetaucht sind, damit daran weitergearbeitet werden kann.

Unterrichtsstunden können per Video aufgezeichnet werden

Einige Unterrichtsstunden, die die angehenden Lehrkräfte halten, werden per Video aufgezeichnet. Nicht etwa zur Kontrolle und Bewertung, sondern zur gemeinsamen Reflexion im Seminar.

Fehler sind dabei gern gesehen – denn daran lernt man nicht nur selbst, sondern das bringt die ganze Seminargruppe weiter
Veronika Wendebourg, Referendarin

„Es ist uns überlassen, welchen Ausschnitt des Videos wir im Seminar zeigen. Fehler sind dabei gern gesehen – denn daran lernt man nicht nur selbst, sondern das bringt die ganze Seminargruppe weiter“, sagt Veronika Wendebourg. Für sie sei diese Haltung, dass das Scheitern nicht nur dazugehört, sondern vor allem voranbringt, wichtig gewesen, um die Angst zu verlieren, sich vor der Klasse auszuprobieren.

Im Anschluss an das Seminar stimmt jede Referendarin und jeder Referendar gemeinsam mit dem Mentor oder der Mentorin die Ziele und Schritte für den nächsten Praxisblock an der Schule ab.

Dieser individuelle Lernweg ist für Franziska Scheidl ein großer Vorteil. Sie muss nicht Dinge wiederholen, die sie in ihrem abgebrochenen Vorbereitungsdienst bereits gelernt hat, sondern kann sich darauf konzentrieren, was ihr wirklich wichtig ist. Während Veronika Wendebourg in der Schule zunächst vor allem hospitierte, konnte sie direkt mit dem Unterrichten beginnen.

Reicht die Dauer von 12 Monaten, um genügend Sicherheit zu erlangen?

Zwölf Monate sind eine vergleichsweise kurze Dauer für das Referendariat. In den meisten Bundesländern dauert der staatliche Vorbereitungsdienst 18 Monate, in Bayern sogar 24 Monate. Reicht die Zeit aus, um genügend Sicherheit zu erlangen? Die beiden befragten Referendarinnen sind da zuversichtlich. „Dadurch dass ich nur an meinen individuellen Lernzielen arbeiten kann, ist die Ausbildung sehr intensiv. Ich spare viel Zeit, die ich sonst zum Beispiel für formale Schreibarbeiten oder Lehrproben aufwenden müsste“, sagt Veronika Wendebourg. Dass sie nach ihrem Abschluss nur in Schulen in freier Trägerschaft eingesetzt werden können, stört die beiden nicht. Allerdings würden sie sich schon wünschen, dass in Zukunft die neuen Ansätze des Referendariats auch an staatlichen Schulen umgesetzt werden können.

„Wir sind auf dem Weg“, sagt Projektleiterin Flora Nieß dazu. Das Netzwerk an beteiligten Schulen werde ständig erweitert. Es gebe auch Schulen, die versuchen, einzelne Elemente des „Neuen Referendariats“ mit dem üblichen staatlich anerkannten Referendariat zu verknüpfen. „Wir wollen einen Weg in der Lehrkräfteausbildung insgesamt für Schulen mit neuen Bildungsansätzen schaffen – das schließt Schulen in freier und staatlicher Trägerschaft mit ein.“

Auf einen Blick

  • Die Referendarinnen und Referendare erhalten von der Ausbildungsschule ein Ausbildungsgehalt. Diese übernimmt in der Regel auch die Kosten für die theoretische Ausbildung in den Seminaren.
  • Die Ausbildung erstreckt sich über 12 Monate und beginnt jeweils zum Schuljahresbeginn. Informationen zur Bewerbung gibt es auf der Homepage des „Neuen Referendariats“.
  • Das Netzwerk der Ausbildungsschulen wird ständig erweitert. Wer Teil des Netzwerks werden möchten, kann sich an die Akademie Biberkor wenden. Zukünftige Referendarinnen und Referendare können auch Ausbildungsschulen vorschlagen. Die Akademie prüft dann im gemeinsamen Austausch, ob die Gegebenheiten dafür passen.