Willkommensklassen : Ein herzliches Willkommen reicht nicht

Willkommensklassen behindern den Lernerfolg von Flüchtlingskindern. Abschaffen aber kann man sie nicht, sonst verlieren am Ende alle.

Dieser Artikel erschien am 11.11.2022 in DIE ZEIT
Anant Agarwala
Blick durch ein Fenster in ein Klassenzimmer
Jene Allheilkompetenz also, welche die Willkommensklassen eigentlich vermitteln sollen, vermitteln sie besonders schlecht.
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Um Deutschlands nicht gerade weltoffenen Ruf aufzupolieren, dachten sich seine Bildungspolitiker – es war Anfang der 2010er-Jahre in Berlin – etwas aus. Ausländerklassen sollten von nun an Willkommensklassen heißen. Das, was vorher nach Ausgrenzung roch, nach Türkenwitzen und „Kinder statt Inder“, breitete plötzlich seine Arme aus und umarmte die Vielfalt. Welcome to Germany.

Die Willkommensklasse wurde im Herbst 2015, als halb Deutschland berauscht war von der eigenen Menschlichkeit, zum allgemein bekannten Begriff. Er fügte sich gut ein in die sogenannte Willkommenskultur, er wirkte freundlich und warm. Gutes Ankommen garantiert – dank der Willkommensklasse in Ihrer Nähe. Dabei waren sie doch meist nur Ausländerklassen mit besserem Marketing.

Nun ist es nicht so, als habe es die Willkommensklassen nicht gebraucht. Es kamen 2015 und in den Jahren danach so viele syrische, afghanische, irakische Kinder nach Deutschland, sprach- und orientierungslos, nicht selten traumatisiert, dass die deutschen Schulen gar nicht anders konnten. Das Aussondern wurde zum zentralen Merkmal der schulischen Integration. Nicht unbedingt wünschenswert, aber eben notwendig, um den Zusammenbruch des Bildungssystems zu verhindern.

Zumal es keine klare wissenschaftliche Empfehlung gab, die das Gegenteil verlangte. Denn weder die Jahrzehnte ebenjener Ausländerklassen für türkische, italienische oder griechische Kinder der sogenannten Gastarbeiter noch spätere Migrationsbewegungen aus dem ehemaligen Ostblock hatten Politik oder Wissenschaft dazu genutzt, Erkenntnisse zu gewinnen. Migrantenkinder schnitten in ihren schulischen Leistungen im Zweifel deutlich schlechter ab. Aber jede Ausnahme schien zu bestätigen, dass es vom Einsatz des Einzelnen abhing und nicht vom System. In einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz redete man sich ein: Wie Spracherwerb und somit auch Bildungserfolg zu organisieren sind, das seien Fragen für Einwanderungsländer, aber doch nicht für die Bundesrepublik. Man schluderte vor sich hin, war aber stets bemüht.

Und muss nun erfahren, dass die Idee der Willkommensklassen nicht so gut ist, wie der Name es weismachen will. Am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hat man genau das endlich untersucht: ob nun Grundschüler und Grundschülerinnen, die am Anfang in Willkommensklassen saßen, oder jene, die direkt in die bestehenden Regelklassen kamen, besser Deutsch, Englisch, Mathe, Naturwissenschaften lernen.

Das Ergebnis: Nicht nur machen Willkommensschüler mehr Fehler beim Rechnen, sind schwächer in Englisch sowie den Naturwissenschaften und besuchen, das dürfte zusammenhängen, später seltener ein Gymnasium. Sie sprechen und schreiben auch schlechter Deutsch. Genau jene Allheilkompetenz also, welche die Willkommensklassen eigentlich vermitteln sollen, vermitteln sie besonders schlecht.

Warum das so ist, darauf gibt die Studie keine Antwort. Die Vermutung liegt aber nahe, dass der tägliche Umgang mit deutschsprachigen Klassenkameraden mehr wert ist als das beste Vokabeltraining unter Sprachlosen, die in der Pause unter sich bleiben, auf dem Schulhof lieber auf Arabisch oder Ukrainisch sprechen – und die selbst dann, wenn sie in Sport oder Kunst mal mit deutschen Klassenkameraden gemeinsam lernen dürfen, die Rolle des Sonderlings nicht abstreifen können. Was gerade zum Schulbeginn für eine direkte Integration spricht: In den ersten Jahren lernen alle Kinder, auch die einheimischen, Lesen und Schreiben – die meiste Zeit des Tages unterrichtet von derselben Lehrerin.

Sollte man die Willkommensklassen jetzt also abschaffen? Zumindest für die Grundschulen scheint dies angesichts der neuen Datengrundlage naheliegend. Und doch wäre es voreilig. Denn manches ist noch ungewiss – und vieles unrealistisch.

Die Politik orientiert sich nicht am Notwendigen

Ungewiss ist etwa, wie sich die Anzahl an Kindern ohne Deutschkenntnisse auf das Gesamtniveau einer Klasse auswirkt. Kommt man mit dem Stoff durch, wenn, sagen wir, drei Kinder dem Unterricht nur schwer folgen können? Oder bleiben Details auf der Strecke, weil die Lehrkraft Basales doppelt erklären muss? Zwar weiß man hierzulande, dass eine zu große Anzahl an Schülern aus armen und bildungsfernen Familien (in denen häufig kein Deutsch gesprochen wird) das Leistungsniveau der gesamten Klasse nach unten zieht; ob dies aber auch gilt, wenn man einzelne Kinder aus den Willkommensklassen auf die Regelklassen verteilt, ist noch unklar.

Studien aus Italien, Norwegen oder Israel geben allerdings Hinweise darauf, dass schon wenige zusätzliche zugewanderte Schüler innerhalb einer Klasse dazu beitragen, dass ihre Klassenkameraden in Tests schlechter abschneiden. Spiegelbildlich wiederum gilt für die Kinder von Zugezogenen: Kommen sie in Klassen mit einem eher niedrigen Anteil an Kindern mit Migrationsgeschichte, erzielen sie bessere Leistungen.

Es ist eine Illusion, dass durch mehr Vielfalt in den Schulen am Ende alle etwas gewinnen. Der Beweis dafür steht noch aus. Denn will man die Lernbedingungen von Geflüchteten und anderen nicht deutschsprachigen Schülerinnen und Schülern verbessern – etwa durch eine direkte Integration in eine Regelklasse –, droht man im selben Zug dem Rest das Lernen zu erschweren. Mit anderen Worten: Irgendwer leidet immer, die Neuen oder die Alten. Zumindest solange man über rein messbare Leistungen spricht. Ob sich stärker durchmischte Klassen auf Werte wie Toleranz oder Verantwortungsbewusstsein auswirken, ob sie kreativer oder politischer sind, weiß man nicht.

Willkommensklassen abzuschaffen ist noch aus einem anderen Grund schwierig: Die Regelklassen sind voll, und neue zu eröffnen ist keine Option. Denn schon heute fehlen in den Grundschulen mehrere Tausend Lehrkräfte, aber auch Sonderschulpädagogen und Sozialarbeiter. Die Schulpolitik steht damit vor einem nahezu unlösbaren Problem.

Es wäre dennoch ein Fehler, angesichts der beiden Dauerbrenner der deutschen Bildungspolitik, Personalmangel und Zuwanderung, inhaltliche Diskussionen zu verweigern. Schon die Hunderttausende Flüchtlinge, die 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, führten den Schulministerien im Sinne einer Konfrontationstherapie ihre eigenen Versäumnisse vor – und nötigten sie zu Nachbesserungen. Da stellte man fest, dass es kaum qualifizierte Lehrkräfte gab, die wussten, wie man Nichtmuttersprachlern Deutsch beibringt. Oder eben, dass man sich auch rund 65 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik kein fundiertes Konzept für die schulische Integration von Einwandererkindern überlegt hatte.

Das rächt sich bitter. Seit Pisa vor über 20 Jahren zeigen Studien und Bildungsvergleiche Jahr für Jahr: Migrantenkinder schneiden schlecht ab, zuletzt beim IQB-Bildungsvergleich im Oktober. Schule in Deutschland wird bis heute für die Mittelschicht, nicht für die Migrationsgesellschaft gemacht. Die Politik orientiert sich am Wünschenswerten, nicht am Notwendigen.

Apropos notwendig: Der Mangel an Fachkräften aller Art lässt Deutschland überhaupt keine andere Wahl, als auf Zuwanderung zu setzen; und seit vielen Jahren steigt der Anteil der Schüler mit Migrationsgeschichte mit jeder Kohorte. Bei den Viertklässlern liegt er bei 38 Prozent. Die Schulen können dieser Realität nicht davonlaufen. Mit einem herzlichen Willkommen ist es nicht getan.