Dieser Artikel erschien am 01.02.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Jessica von Blazekovic

E-Learning : Schule ohne Lehrer

Lehrer einsparen und mehr auf E-Learning-Kurse setzen? Eine Provinz in Kanada macht Ernst. Die Schülerschaft ist nicht begeistert.

Lehrerin am Smartboard
Digitale Technik kann Klassenzimmer ersetzen
©dpa

Eine aktuelle Debatte in der kanadischen Provinz Ontario dürfte auch in anderen Teilen der Welt mit Interesse verfolgt werden: Mitte Januar berichtete die Tages­zeitung „Toronto Star“ über Pläne der Provinz­regierung, das Budget der Schulen in Ontario bis zum Jahr 2023 deutlich zu beschneiden – indem Lehrer durch Computer ersetzt werden. Das Bildungs­ministerium orientiert sich dabei nach eigenen Angaben an einem Modell, wie es schon in den republikanisch regierten amerikanischen Bundes­staaten Alabama und Arkansas praktiziert wird.

Die Schulen in Ontario sollen demnach den Anteil der Schüler in E-Learning-Kursen in den kommenden Jahren „stufen­weise hoch­fahren“, um Kosten zu sparen. In den internen Dokumenten werde sogar mit der Idee gespielt, ab September 2024 reine Online-Schul­abschlüsse anzubieten. Mit dieser Maßnahme soll ab Herbst 2020 jedes Jahr ein wachsender zwei­stelliger Millionen­betrag an Förder­geldern eingespart werden, von rund 35 Millionen Dollar in diesem Jahr bis auf mehr als 57 Millionen Dollar ab dem Schuljahr 2023/24. Und nicht nur das: Wie die Zeitung weiter berichtet, will die Regierung von Ontarios Premier­minister Doug Ford das Online-Curriculum sogar an Schüler aus anderen Provinzen vermarkten und prüfen, ob Lizenzen verkauft werden können. Das Bildungs­ministerium der Provinz bestätigte die Existenz der Dokumente, dementierte aber, dass es Pläne zur Privatisierung der Online-Kurse gebe.

Schüler gegen den Plan

Unter Lehrern sorgt das Vorhaben für Unmut. „Für mich sieht es ganz danach aus, als ob jemand nach Wegen suchen würde, Geld zu sparen, anstatt den Kindern das zu geben, was sie wirklich brauchen“, schrieb Harvey Bischof, Präsident eines Lehrer­verbands in Ontario, in dem Kurz­nachrichten­dienst Twitter. Premier Fords Regierung hatte immer wieder beteuert, die Pläne, E-Learning an Schulen verpflichtend zu machen, dienten allein den Schülern und nicht dem Zweck, Geld einzusparen. Bischof fügte hinzu, die Idee, einen Schul­abschluss komplett online zu erwerben, sei besonders „bizarr“.

Wie eine Umfrage der studentischen Interessen­gruppe OSTA-AECO aus Ontario nun zeigt, halten auch die Schüler nichts von dem Vorstoß. 94,5 Prozent miss­billigen demnach die Regierungs­pläne. Befragt wurden 6000 Schüler der Klassen 8 bis 12 an 60 staatlichen und katholischen Einrichtungen. Die Mehrheit (60 Prozent) der Schüler gab an, die bestehenden Online-Lern­angebote würden ihr Lern­verhalten nicht hin­reichend unter­stützen. Jeder Vierte hat demnach Schwierig­keiten, seine E-Learning-Lehrer bei Fragen zu kontaktieren, 35 Prozent sagten, sie hätten Probleme bei der Nutzung der Lern­soft­ware. OSTA-AECO zufolge würden schätzungs­weise 90.000 Schüler in Ontario ihren High-School-Abschluss nicht schaffen, wären sie dazu verpflichtet, Online-Kurse zu belegen.