Forum Bildung Digitalisierung : Fast jeder dritte Jugendliche ist abgehängt

Auf der Konferenz des Forums Bildung Digitalisierung 2019 in Berlin diskutieren am 12. und 13. September 700 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis, unter dem Thema „Next Practice – Bildungsinnovationen für den digitalen Wandel“, wie sich Schule in der digitalen Welt verändert. Mit dabei ist auch die renommierte Schulforscherin Birgit Eickelmann der Universität Paderborn. Im Interview mit dem Schulportal sagt sie, was Schulen in Deutschland bei der Digitalisierung von anderen Ländern lernen können.

Florentine Anders / 12. September 2019
Jugendlicher mit dem Handy in der Hand
Die digitalen Kompetenzen von Jugendlichen gehen offenbar häufig nicht über das Niveau des „Handy-streicheln-Könnens“ hinaus.
©dpa

Schulportal: In Bezug auf die digitale Infrastruktur haben die Schulen in Deutschland ja großen Nachholbedarf im internationalen Vergleich. Wirkt sich das auch auf die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler aus?
Birgit Eickelmann:
Klar ist, dass das Erlernen digitaler Kompetenzen nur dann funktioniert, wenn die entsprechende technische Lerninfrastruktur vorhanden ist. Das war an den Schulen in Deutschland lange Jahre nicht der Fall und fiel im internationalen Vergleich dann in der International Computer and Information Literacy Study (ICILS) 2013 auf. Die Studie hat zudem gezeigt, dass in Deutschland Schule nur einem kleinen Teil zu diesem Kompetenzerwerb beitragen konnte und viele der getesteten 14-Jährigen ihre digitalen Kompetenzen eher außerhalb der Schule erworben hatten.

Das kann als eine Ursache dafür vermutet werden, dass in diesem Kompetenzbereich die sozialen Disparitäten noch viel stärker ausgeprägt sind, als das in Deutschland in den anderen in Schulleistungsstudien betrachteten Kompetenzbereichen der Fall war. Daher referiere ich auf der Tagung des Forums auch zum Thema „Bildungsgerechtigkeit in der digitalen Welt“. Die digitalen Kompetenzen schienen lange Jahre in Deutschland vom Umfeld der Kinder und Jugendlichen in den Familien und in der Freizeit abhängig zu sein.

Und wie sieht es nun mit den Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler aus?
Insgesamt erreichten in ICILS 2013 fast 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler nur geringe basale Fähigkeiten im kompetenten Umgang mit neuen Technologien und digitalen Medien. Aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen in der schulischen Praxis ist bei mir hängen geblieben, dass dies – in einer liebevollen Beschreibung – Kompetenzen sind, die anscheinend nicht über das Niveau des „Handy-streicheln-Könnens“ hinausgehen. Auch eine Leistungsspitze war in Deutschland kaum ausgeprägt. Hieraus ergeben sich nicht nur Konsequenzen für die Kinder und Jugendlichen selbst. Man möge sich mal überlegen, was es für die Stabilität einer demokratischen Gesellschaft bedeutet, wenn fast jeder dritte Jugendliche abgehängt wird und auch nicht in der Lage ist, falsche Informationen oder Propaganda im Internet zu erkennen.

Man möge sich mal überlegen, was es für die Stabilität einer demokratischen Gesellschaft bedeutet, wenn fast jeder dritte Jugendliche abgehängt wird und auch nicht in der Lage ist, falsche Informationen oder Propaganda im Internet zu erkennen.

Inzwischen verfügen fast alle 14-Jährigen zu Hause über ein Gerät mit einem Zugang zum Internet und damit auch zum weltweit gesammelten Wissen. Besteht dadurch nicht auch die Chance, soziale Ungleichheiten in der Bildung abzubauen?
Theoretisch ist es heute für jedes Kind und jeden Jugendlichen tatsächlich möglich, über das Internet Zugriff auf Wissensbestände zu haben, ohne dass das Lexikon zu Hause im Regal steht. Das bietet auch große Potenziale für das Lernen für alle. Die Schule schafft vielfach aber kaum Anreize dafür, dass die Schülerinnen und Schüler diese Möglichkeiten auch gezielt für sich nutzen. Allein der Zugang zu digitalen Medien reicht eben nicht aus. Und auch bei der technischen Ausstattung gibt es große Qualitätsunterschiede, die vom sozioökonomischen Status der Familien abhängen. Um Disparitäten abzubauen und digitale Medien für das Lernen chancengerecht nutzen zu können, müssten alle Schülerinnen und Schüler digitale Geräte zum Lernen in der Schule und zu Hause haben. Hier können wir von anderen Ländern lernen. Zielführend sind Lernformate, in denen die Schülerinnen und Schüler tatsächlich selbst kreativ werden und produzieren.

Im Zuge des Digitalpakts werden jetzt Milliarden in die Infrastruktur der Schulen investiert. Welche Gelingensbedingungen für Schulen gibt es darüber hinaus, damit die Schülerinnen und Schüler wirklich davon profitieren?
Allein mit der IT-Infrastruktur ist es nicht getan. Es gibt sowohl auf der Ebene der Schule als auch auf der Ebene des Schulsystems weitere Gelingensbedingungen. Auf der Schulebene ist es besonders wichtig, dass die Expertise und die Ressourcen des Kollegiums genutzt werden. Dafür ist eine Kultur der Kooperation und des Austauschs nötig, die in Deutschland bisher für den Bereich der Digitalisierung nur an wenigen Schulen ausgeprägt ist. Auch hier können wir von anderen Ländern lernen.

Eine führende Rolle müssen in den Schulentwicklungsprozessen zudem die Schulleitungen übernehmen. Sie müssen sich fachlich auskennen, wie Lernen mit digitalen Medien das Lernen unterstützt. Sie müssen schulische Prozesse – die im Bereich der Digitalisierung nicht linear, sondern aufgrund von technologischen Veränderungen eher spiralisch verlaufen – steuern und in ihrer Schule begleiten. Diese Aufgabe kann nicht, wie wir es so in vielen Schulen vorfinden, zum Beispiel einfach an einen Verantwortlichen für Digitalisierung delegiert werden. Die Schulleitung hat die Schlüsselposition! Dazu müssen wir auch in Deutschland Schulleitungen für ihre pädagogischen Führungsaufgaben erst- und kontinuierlich weiterqualifizieren.

Auf der Systemebene erscheint es wichtig, dass der Digitalpakt nicht bei der Anschubfinanzierung stehen bleibt. Sonst laufen wir wie bei anderen Ausstattungsprogrammen, die es ja auch in Deutschland schon gegeben hat, Gefahr, nach einigen Jahren nur Altgeräte an den Schulen zu haben und wieder nicht anschlussfähig an die dann neuen Entwicklungen zu sein. Daher müssen auch die weiteren, bereits angedachten Maßnahmen nachdrücklich vorangetrieben werden. Dazu gehört derzeit vor allem die Lehrkräfteaus- und -fortbildung, die es nachhaltig zu entwickeln und auch zu finanzieren gilt. Erfreulich ist, dass die Kultusministerkonferenz im Mai 2019 die neuen Standards für die Lehrerbildung auf den Weg gebracht hat, die um digitalisierungsbezogene Aspekte systematisch ergänzt wurden.

Wir dürfen in Deutschland den Entwicklungen nicht nur hinterherlaufen und ,Hase und Igel’ spielen: Immer wenn wir angekommen sind, sind die anderen schon wieder weiter.

Im Grunde war dieser Schritt in Deutschland, wenn man über den Tellerrand hinausschaut, aber auch längst überfällig. Andere Länder haben damit bereits vor mehr als 20 Jahren begonnen. Hierin liegt möglicherweise ein Grundproblem, das es zu überwinden gilt: Wir dürfen in Deutschland den Entwicklungen nicht nur hinterherlaufen und ,Hase und Igel’ spielen: Immer wenn wir angekommen sind, sind die anderen schon wieder weiter. Wir diskutieren derzeit immer noch über die IT-Ausstattung. Wir müssen aus meiner Sicht bald an den Punkt kommen, an dem die Rahmenbedingungen gegeben sind, dass die Schulen Technologien so nutzen können, dass die Entwicklung pädagogischer Konzepte, die Qualität des Lernens und der Lernergebnisse wirklich im Vordergrund stehen.

Für die Lehrkräfte verändert sich die Arbeit durch die Digitalisierung. Wie ist es möglich, den Schülerinnen und Schülern Kompetenzen beizubringen, die man sich gleichzeitig selbst erst aneignen muss?
Das Lernen wird sich verändern müssen – und auch der Arbeitsplatz Schule. Hier liegen große Chancen und Möglichkeiten, die bisher in Deutschland längst nicht in der Fläche genutzt werden. Im Idealfall verändert sich durch das Lernen mit digitalen Medien die gesamte Lernkultur. Hier können digitale Medien einen katalysatorischen Effekt haben, Lernen zukunftsfähig zu gestalten. Die Bereitschaft, diesen neuen Weg zu gehen, ist bei den Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland inzwischen deutlich größer geworden. Lange Jahre – und das machen verschiedene Studien deutlich – herrschte unter Lehrkräften in Deutschland eine besonders große Skepsis gegenüber dem Einsatz von digitalen Medien im Unterricht.

Viele Lehrkräfte machen sich mit viel Engagement selbst auf den Weg. Sie stoßen dabei aber immer auch an Grenzen. Schulentwicklung und die Entwicklung neuer Unterrichtsformate benötigen Zeit. Das kann vor allem in der Phase, in der sich Lehrkräfte in viele Dinge erst einarbeiten, nicht einfach „on top“ verlangt werden. Dafür müssen auch Arbeitszeitmodelle neu gedacht werden. Auch hier können wir von anderen Ländern abschauen.

Wer hinterherhinkt, kann ja auch aus den Fehlern anderer Länder lernen. Was sollte Deutschland bei der Digitalisierung der Schulen unbedingt vermeiden?
Die internationalen Erfahrungen zeigen, dass es nicht genügt, an nur einer Stellschraube zu drehen. Nachhaltige Veränderung erreicht man nur, wenn Digitalisierung im gesamtschulischen Entwicklungsprozess gesehen wird – und nicht etwa getrennt von anderen Querschnittsthemen. So funktioniert Schule, die ja alle Themen wie Inklusion oder zukünftig auch verstärkt Demokratiebildung mitdenken muss, nicht. Wenn wir es schaffen, diese Dinge zusammenzudenken, und auch die Digitalisierung nicht als separate Entwicklung gestalten, können wir einen großen Schritt weiterkommen. Wie weit wir schon gekommen sind, werden uns im November dieses Jahres die Ergebnisse der neuen ICIL-Studie (ICILS 2018) aufzeigen.

Auf einen Blick

  • Zum vierten Mal veranstaltet das Forum Bildung Digitalisierung die Konferenz Bildung Digitalisierung (#KonfBD19) in Berlin. Unter dem Motto „Next Practice – Bildungsinnovationen für den digitalen Wandel“ diskutieren Expertinnen und Experten aus Bildungspraxis und -verwaltung, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik zukunftsorientierte Ansätze für die Schul- und Unterrichtsentwicklung.
  • Birgit Eickelmann ist Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn. Sie leitet in Deutschland die ICIL-Studie. Auf der Konferenz, die als Leitforum in Sachen Digitalisierung an Schulen gilt, hält sie einen Vortrag zum Thema „Bildungsgerechtigkeit in der digitalen Welt“.
  • Im Forum Bildung Digitalisierung engagieren sich acht renommierte Bildungsstiftungen gemeinsam für den digitalen Wandel im Bildungsbereich.

Mehr zum Thema

  • Bildungsforscher Hans Anand Pant, Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie, spricht auf der Konferenz Forum Bildung Digitalisierung gemeinsam mit der Erziehungswissenschaftlerin Anne Sliwka über dasThema „Schulentwicklung und Digitalisierung“.

Ebenfalls Keynote Speaker auf der Konferenz des Forum Bildung Digitalisierung ist Bildungsforscher Hans Anand Pant Hier sein Vortrag zum Thema „Welche Schule braucht eine Gesellschaft im digitalen Zeitalter” auf der re:publica 2019.