Entscheidungen zu Schulen vertagt : Diese Verschärfungen wurden vorerst abgelehnt – könnten aber nächste Woche anstehen

Über neue Corona-Schutzmaßnahmen an Schulen soll erst später entschieden werden, doch die Forderungen sind damit nicht vom Tisch. Die wichtigsten Maßnahmen und die Kritik daran in der Übersicht.

Dieser Artikel erschien am 16.11.2020 in DER SPIEGEL
Swantje Unterberg
Schülerinnen mit Masken im Unterricht
Die Bundesregierung fordert den Mund-Nasen-Schutz für alle Jahrgänge auch im Unterricht
©dpa

Die Empörung aufseiten einiger Minister­präsidenten vor der Schalte mit Bundes­kanzlerin Angela Merkel zu möglichen Verschärfungen der Corona-Schutz­maßnahmen war groß: Das Bundes­kanzler­amt presche mit Vorschlägen vor. Dabei sei abgesprochen gewesen, die Wirkung des Teil-Shutdowns abzuwarten, bevor es zu weiteren Maßnahmen kommt. Besonders die Vorschläge für die Schulen sorgten für Verärgerung. Das Thema sei sehr sensibel. Die Mehrheit der Länder wolle aktuell nichts an den Regelungen bei den Schulen ändern, hieß es im Vorfeld der Beratungen.

Da war die Beschlussvorlage der Bundes­regierung, die neue Verschärfungen forderte, aber bereits in der Welt. Die politische Priorität gilt demnach zwar weiter: Schulen und Kitas sollen in der Pandemie grundsätzlich offen­gehalten werden. Allerdings schickte der Bund nun ein großes Aber hinterher:

  • Die Maskenpflicht soll für Schüler aller Jahrgänge und für Lehr­kräfte auch für den Unterricht gelten.
  • Die Klassen sollen entweder in doppelt so großen Räumen unterrichtet werden oder halbiert werden, damit der Abstand eingehalten werden kann.
  • Die Gruppen sollen sich nicht begegnen, weder im Schul­gebäude noch im Schulbus.

Die Ministerpräsidenten erreichten vor der Besprechung mit Merkel zwar offenbar eine Änderung der Beschluss­vorlage. Entscheidungen sollen demnach erst bei der nächsten Besprechung am 25. November fallen. Für die Vorschläge heißt das: Sie kommen aller Voraussicht nach auf Wieder­vorlage.

Maskenpflicht für alle

Die Vorschriften in den Bundesländern sind bisher unterschiedlich: Während in Bayern und Schleswig-Holstein bereits Grundschul­kinder im Unterricht Maske tragen müssen, gibt es in Thüringen selbst für die älteren Jahrgänge keine Masken­pflicht im Unterricht. Die meisten Bundesländer schreiben sie zumindest ab Klasse 5 oder 7 vor.

Umstritten ist die Maskenpflicht vor allem für Grundschüler. Neben sachlicher Kritik, dass die Pflicht für die Kleinen unverhältnis­mäßig sei und den Unterricht erschwere, etwa weil die Mimik fehle, die Verständlichkeit oder die Konzentration leide, gibt es Verschwörungs­theoretiker, die allen Fakten zum Trotz von Gesundheits­gefährdung und Todes­fällen durch die Maske berichten.

Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, sagte vergangene Woche der „Welt“, grundsätzlich sei für gesunde Kinder ab einem Alter von zwei Jahren kein Gesund­heits­risiko mit einer Mund-Nasen-Bedeckung verbunden. „Die Beschwerden, von denen wir hören, sind ein subjektives Unwohlsein – das wir als Erwachsene auch haben. Aber sie sind nicht gefährlich oder gar lebens­bedrohlich.“ Dennoch sollten erst Kinder ab sechs Jahren Masken tragen, wenn das epidemiologisch erforderlich sei.

Epidemiologen urteilen in der Frage allerdings ebenfalls uneinheitlich, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass nach wie vor nicht abschließend geklärt ist, welche Rolle Kinder bei der Übertragung des Virus spielen. Zahlen des RKI zum Infektions­geschehen bei Kindern sind allerdings besorgnis­erregend. Demnach wurden in der ersten November­woche mehr als 10.400 Corona-Infektionen bei Kindern unter 14 Jahren gemeldet. Anfang September waren es pro Woche noch weniger als 1000 Infektionen.

Die Zahlen bereiten Experten beim RKI Sorgen und könnten mit­entscheiden, ob sich Bund und Länder für eine Masken­pflicht an Schulen entscheiden werden. Bisher zögern die Bundes­länder. Nur wenige, wie Bayerns Markus Söder, warben im Vorfeld der Besprechung dafür, die Masken­pflicht generell auf Grundschulen auszuweiten. Der Tenor unter den Ministerpräsidenten ist: Erst einmal abwarten und evaluieren, was der Teil-Shutdown sei Anfang November gebracht hat und welche Rolle die Schulen gespielt haben. Die Forderung, die auch Bundes­bildungs­ministerin Anja Karliczek bereits wiederholt äußerte, ist damit aber noch nicht vom Tisch.

Klassen halbieren oder Raum­größe verdoppeln, Gruppen strikt trennen

Unter Eltern und Lehrerverbänden, aber etwa auch von der SPD-Chefin Saskia Esken wird das Modell schon länger gefordert, am Wochenende sprach sich auch die Bundes­schüler­konferenz noch mal dafür aus: Die Klassen sollten geteilt werden und abwechselnd zu Hause und in der Schule unterrichtet werden. So empfiehlt es auch das RKI bei zunehmendem Infektions­geschehen. Dieses Wechsel­modell, auch Hybrid­unterricht genannt, sollte zumindest für ältere Jahrgänge oder leistungs­starke Schülerinnen und Schüler angeboten werden, so Eltern­vertreter.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder plädierte am Montag im ZDF-„Morgen­magazin“ ebenfalls dafür, über alternative Modelle nach­zu­denken. In vielen Bundes­ländern wie Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen wird das Vorhaben aber abgelehnt.

„Solche Vorschläge klingen in der Theorie gut, sind aber in der Praxis kaum umsetzbar“, sagte Schleswig-Holsteins Minister­präsident Daniel am Wochenende dem SPIEGEL. „Wenn man Klassen teilt, braucht man deutlich mehr Lehrkräfte. Woher sollen die kommen? Und neue Räume haben wir nicht.“

Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp wies den Vorschlag ebenfalls mangels Personal als nicht umsetzbar zurück. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ministerpräsidenten etwas beschließen, was nur umsetzbar wäre, wenn wir etwa die Hälfte des Unterrichts canceln“, so Stamp.

Da der Druck nun nicht mehr nur vonseiten der Eltern- und Lehrerschaft wächst, sondern auch von der Bundes­politik, dürften auch diese Forderungen auf Wieder­vorlage kommen. Bedenkens­wert ist dabei der Vorschlag des Kieler Bildungs­forschers und Psychologen Olaf Köller. Er empfiehlt, zumindest ältere Schüler, die nicht mehr betreut werden müssten, komplett digital zu unterrichtet. Nicht nur für ein paar Wochen, sondern langfristig bis Ende März. Damit stünden für die unteren Jahrgänge auch mehr Räume zur Verfügung.

Fraglich ist beim Digital­unterricht allerdings, egal ob im Wechsel oder komplett, ob Schulen, Lehrkräfte und Familien darauf ausreichend vorbereitet sind. Verschiedene Studien haben bestätigt, dass Deutschland bei der Digitalisierung der Schulen und der Ausstattung der Schüler und Lehrkräfte hinterherhinkt. Der Digitalpakt und extra wegen der Pandemie bereit­gestellte Gelder sollen zwar abhelfen, doch bis die Technik tatsächlich verfügbar ist, braucht es vielerorts Zeit.

Gruppen strikt trennen, in der Schule genauso wie im Bus

Eltern beklagen die Absurdität schon lange: Während die Kinder in der Schule auf Abstand gehen sollen, quetschen sie sich im Bus wie die Ölsardinen.

Einige Bundesländer haben deswegen Gelder für zusätzliche Busse bereit­gestellt, doch das Problem besteht vielerorts fort. Erst Anfang November forderten Verkehrs­unternehmen erneut, die Anfangs­zeiten für den Unterrichts­beginn zu staffeln, damit Busse und Bahnen leerer werden.

Die Idee funktioniert allerdings nur in Städten mit regelmäßigen Beförderungs­angeboten. Auf dem Land fahren Schulbusse meist gar nicht häufig genug, um auf einen späteren Bus auszuweichen.

Unterricht auch für Schülerinnen und Schüler in Quarantäne

Die letzte Forderung in der ursprünglichen Beschluss­vorlage der Bundes­regierung sah keine Verschärfung vor, sondern ein Versprechen: Auch Schülerinnen und Schüler, die in Quarantäne sind, haben Anspruch auf Unterricht. Das sehen in der Theorie zwar auch die Bundes­länder so, doch in der Praxis kommt es wegen Quarantäne­maßnahmen zu Unterrichts­ausfällen.

„Schülerinnen und Schüler, die sich in Quarantäne befinden, haben das Gefühl, sie werden vergessen“, sagte Dario Schramm, General­sekretär der Bundes­schüler­konferenz, vor der Schalte der Minister­präsidenten mit Merkel. Daher fordere die Bundes­schüler­konferenz Konzepte, die den Lern­erfolg auch für diese Schülerinnen und Schüler gewährleisteten.

Laut einem Sprecher der Kultusminister­konferenz befinden sich zurzeit knapp 200.000 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne. Das entspricht rund 1,8 Prozent aller Schülerinnen und Schüler. Mit dem Coronavirus infiziert haben sich demnach bislang 18.298 (0,17 Prozent). Von den Lehrkräften haben sich 3798 infiziert (0,42 Prozent), von Quarantäne­maßnahmen seien aktuell 13.101 (1,46 Prozent) betroffen. 106 Schulen (0,37 Prozent) in Deutschland seien derzeit komplett geschlossen, 4074 Schulen (14 Prozent) teilweise.