Dieser Artikel erschien am 01.11.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Lisa Duhm

Rektorenmangel an Hunderten Schulen : Diese Fehlzeit tut weh

Hunderte Schulen in Deutschland haben keine Leitung – oft über Monate oder gar Jahre hinweg. Das Problem: Niemand will den Posten.

Leerer Schulflur
Leerer Schulflur: Der Leitungsmangel geht an die Substanz
©Getty Images

Daniel Ilic ist wie immer der Erste. Jetzt im Oktober ist es noch dunkel, wenn er das Gebäude der Grundschule Zeppelin in der Nähe von Stuttgart um sieben Uhr betritt. Ilic stapft die Treppe zu seinem Büro hinauf, erster Stock, Fensterfront, die Aktenordner in den Regalen sind akkurat beschriftet. Der Unterricht beginnt erst in einer Stunde, doch Ilic hat zu tun: Der Vertretungsplan muss erstellt, Einladungen an das Kollegium verschickt werden. Nebenher klingelt das Telefon, Eltern melden ihre Kinder krank. „Ich bin dafür verantwortlich, dass der Laden läuft“, sagt Ilic. Dabei hat die Schule offiziell gar keinen Rektor.

Ilic, kurzes Hemd, Smartwatch am Handgelenk, besetzt den Posten nur in Vertretung, er erhält dafür keinen Cent extra. Vor knapp zwei Jahren kam er als stellvertretender Leiter an die Zeppelinschule, wenige Monate später ging die ehemalige Rektorin in Rente. Ilic sprang ein. Bis heute ist die Stelle nicht nachbesetzt worden. Deshalb ist er jeden Morgen der Erste – und abends meist der Letzte. Anders wäre sein Job kaum zu schaffen.

Es ist ein Schicksal, das Ilics Lehranstalt mit vielen anderen Schulen in Deutschland teilt. Allein in Baden-Württemberg ist die Stelle des Schulleiters an über 200 Schulen unbesetzt, in Nordrhein-Westfalen fehlt gar jeder neunten Schule die Rektorin. Berlin meldete vor Kurzem auf eine Kleine Anfrage der CDU, dass an sechs Schulen im Stadtgebiet nicht nur der Rektor, sondern auch seine Stellvertretung fehle. In diesem Fall übernimmt der dienstälteste Lehrer den Posten.

Schule im Notprogramm

Immer wieder wird über den eklatanten Lehrermangel an deutschen Schulen berichtet, das Problem ist nicht neu – und die Prognosen für die kommenden Jahre sind dramatisch. 26.300 zusätzliche Lehrer werden bis 2025 allein an Grundschulen gebraucht, rechnete die Bertelsmann Stiftung kürzlich vor. In Mecklenburg-Vorpommern lädt das Kultusministerium Lehrer eigens auf eine kostenlose Werbereise ein, um sie für den Job zu gewinnen.

Doch wenn einer Schule nicht nur die Lehrer, sondern die Leitung fehlt, greift der Mangel tiefer. Und er geht an die Substanz.

Oftmals übernimmt ein Stellvertreter in dieser Situation die Leitungsfunktion, obwohl er dafür nicht geschult ist. Da die Stelle nicht offiziell nachbesetzt wird, reicht sich der Mangel nach unten durch: Lehrer aus dem Kollegium übernehmen Aufgaben, die ansonsten liegen bleiben würden. Die Schule fährt im Notprogramm, eine langfristige Entwicklung ist kaum möglich. Die Überlastung des Personals bleibt selten aus.

„Wüsste nicht, wie ich das schaffen sollte“

Daniel Ilic greift sich seine Kaffeetasse, es ist kurz vor acht. Der Vertretungsplan steht, Ilic hat sich dafür eigens eine Funktion auf seinem Computer programmiert. Die ehemalige Rektorin habe noch alles per Hand gemacht, erzählt er. „Ich wüsste gar nicht, wie ich das schaffen sollte“, sagt Ilic und lächelt. Er muss jetzt zum Matheunterricht in die 4c, Ilic will mit seinen Schülern Zahlen über 100.000 pauken. Zwölf Stunden unterrichtet er pro Woche.

Ilic ist einer, der lieber macht als meckert – ein Vorzeigerektor ohne Schulleiterposten. Als sich die Angestellten in der Schulkantine über die Lautstärke beschwerten, schlug er vor, die Schüler in Schichten essen zu lassen. Als dem Kollegium der Kaffee nicht schmeckte, organisierte Ilic für das Lehrerzimmer eine Maschine, die die Bohnen frisch mahlt. Wann immer eine Lehrerin sein Büro betritt und fragt, ob sie kurz stören dürfe, grinst Ilic und erwidert. „Du sollst mich sogar stören.“

Die Organisation? Bleibt am Rektor hängen

Doch wer einen Tag mit Daniel Ilic verbringt, der versteht auch, warum die Länder um ihre Rektoren ringen. Schulleiter ist heute ein komplexer Job – weil auch der Alltag der Bildungseinrichtungen immer vielfältiger wird. Nachmittagsprogramm, Förderschwerpunkte, Vorbereitungsklassen für Schüler ohne Deutschkenntnisse: All das ist Normalität an deutschen Schulen. Die Organisation bleibt an den Schulleitern hängen.

Michael Gomolzig arbeitete selbst 26 Jahre lang als Schulleiter. Heute setzt er sich im Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg für die Interessen von Lehrerinnen und Lehrern ein – und beobachtet seit Jahren, wie der Beruf des Schulleiters an Attraktivität einbüßt. Der Verwaltungsaufwand nehme immer weiter zu. „Früher gab es auf eine ausgeschriebene Schulleitungsstelle vier bis fünf gut qualifizierte Bewerber. Heute kann man froh sein, wenn man überhaupt eine Bewerbung bekommt“, sagt Gomolzig.

Oft fehle schlicht der finanzielle Anreiz, die verantwortungsvolle Stelle anzutreten. Besonders kleinere Grundschulen sind betroffen: Hier liegen in einigen Bundesländern die Gehälter der Schulleiter nur knapp zweihundert Euro über denen der anderen Lehrer. Zu wenig für das, was ein Schulleiter an Zusatzarbeit leisten muss.

„Alle Entscheidungen stehen erst mal auf dem Wartegleis“

Pia Glodschei kennt den Mangel aus der Praxis. Glodschei unterrichtet als Lehrerin an einem Gymnasium in Niedersachsen. Ein knappes Jahr war ihre Schule ohne Leitung. „Alle Entscheidungen stehen erst mal auf dem Wartegleis“, sagt Glodschei über diese Zeit.

Ihre Schule etwa brauchte dringend eine neue Schulordnung, die den Umgang von Schülern und Lehrern mit Smartphones und sozialen Medien regelte. Doch das klappte erst, als der neue Schulleiter im Amt war. „Wir haben alle aufgeatmet, als die Stelle endlich wieder besetzt war“, sagt Glodschei.

„Das Schwerste ist, dass man nicht immer einen Konsens findet“

In der Zeppelinschule dröhnt die Pausenglocke in dem Moment über den Gang, als sich draußen ein Schauer auf den Schulhof ergießt. „Mist, Regenpause“, murmelt Daniel Ilic und eilt ins Lehrerzimmer. „Sorry, Leute“, sagt er in Richtung der Lehrerinnen, die gerade aus ihren Klassen kommen, und zuckt mit den Schultern. Die Schüler müssen in ihren Klassenzimmern betreut werden – für das Kollegium fällt damit die Pause aus.

Als Konrektor muss Ilic Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen. „Das ist für mich das Schwerste an dem Beruf. Dass man nicht immer einen Konsens findet, eine Lösung, mit der alle zufrieden sind“, sagt Ilic. Auch sein eigenes Leben schränkt er für den Job ein. In seiner Freizeit leitet Ilic einen Theaterverein – er selbst schafft es aber nicht mehr auf die Bühne, seit er die Stelle an der Zeppelinschule angetreten hat.

An der Zeppelinschule schöpft Daniel Ilic inzwischen neue Hoffnung, dass die Stelle des Schulleiters doch noch besetzt werden könnte. Er hat sich vor Kurzem selbst darauf beworben. Doch der Bewerbungsprozess wird sich wohl einige Monate hinziehen.