Viel Geld, wenig Plan : Die vier Gründe, warum das Corona-Aufhol­programm für Schulen verpuffen könnte

Zwei Milliarden Euro gibt es vom Bund, um Kindern mit Lernlücken nach der Pandemie zu helfen. Doch das könnte scheitern.

Dieser Artikel erschien am 09.05.2022 in DER SPIEGEL
Miriam Olbrisch
Schülerin im Homeschooling
In der Pandemie lernten viele Kinder monatelang überwiegend zu Hause.
©dpa

Zwei Milliarden Euro sind eine Menge Geld. So viel hat der Bund für ein Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche nach der Coronapandemie bereitgestellt. Die eine Hälfte soll in Programme gegen „Lernrückstände in den Kernfächern“ fließen. Die andere in frühkindliche Bildung und soziale Projekte, um seelische und körperliche Pandemiefolgen abzumildern.

„Es gilt zu verhindern, dass diese Zeit lange nachwirkt und bestehende Ungleichheiten manifestiert werden“, so haben es Bund und Länder in ihrer Vereinbarung vom 5. Mai 2021 formuliert. Die Maßnahmen gegen die Lernrückstände sollten „schnell und nachhaltig“ wirken. Wie sieht’s ein Jahr später aus?

Wohin das Geld genau fließt, entscheidet jedes Land selbst. Allerdings mussten die Länder dem Bund zum 31. März Rechenschaft ablegen: dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für den schulischen Teil des Programms, dem Bundesfamilienministerium für den außerschulischen Teil. Der Bericht sei „fristgerecht eingegangen“, heißt es aus dem BMBF. „Er wird derzeit ausgewertet.“ Ob, wann und in welcher Form die Informationen veröffentlicht werden sollten, dazu wollte das Ministerium keine Angaben machen.

Vielleicht aus gutem Grund: Der Bericht, der dem SPIEGEL vor liegt, zeigt, wie unterschiedlich die Länder die Aufgabe erledigen. Abgesehen von ein paar Vorreitern haben viele Länder einen Großteil des Geldes bisher noch nicht ausgegeben; andere verlieren sich in einem unüberschaubaren Gewirr aus Maßnahmen und Einzelprojekten. Im Wesentlichen offenbaren sich vier Probleme.

„Blind verteilt“

Das erste: Es sollten „Analysen des Lernstandes“ erfolgen, um überhaupt zu wissen, wer welche Hilfe braucht. Wie sie dabei vorgegangen sind und welche Ergebnisse sie dabei erzielt haben, ist im Bericht lediglich für sechs Länder beschrieben: Baden-Württemberg, Berlin , Brandenburg , Bremen , Hamburg und Schleswig-Holstein. Nordrhein-Westfalen weist zwar aus, rund 57.000 Euro in eine Onlineplattform „Diagnose und Fördern“ investiert zu haben – bis zum Stichtag hätten aber nur gut 3000 Schülerinnen und Schüler daran teilgenommen. Die Schulen können sich auch für ein anderes Testinstrument entscheiden.

„Wenn man nicht weiß, wie der Lernstand der Kinder und Jugendlichen ist, kann man nicht zielgerichtet unterstützen“, sagt Marcel Helbig, Professor für Sozialwissenschaften am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung . Das Geld werde dann „blind verteilt, mit der Gefahr massiver Fehlsteuerung“.

Das zweite Problem: Die Schülerinnen und Schüler sollten „individuelle/zielorientierte Unterstützung“ bei der „Bewältigung pandemiebedingter Lernrückstände in Kernfächern“ erfahren, doch eine klare Strategie scheinen die wenigsten Länder zu verfolgen. In vielen dominiert das Klein-Klein.

So kauft Mecklenburg-Vorpommern mit seinem Budget „Lern- und Fördermaterialien“. Nordrhein-Westfalen bezahlt die Vermittlung und Qualifizierung von Studierenden als „Lernbegleiter“. Hessen finanziert unter anderem ein Robotik-Programm von Lego . Niedersachsen bezuschusst Corona-Schutzausstattung für Schulen gleich mit 20 Millionen Euro – das ist doppelt so viel, wie das benachbarte Bremen insgesamt an Bundesmitteln eingesetzt hat. Thüringen steckt 1,3 Millionen Euro in „Aufenthalte in Schullandheimen“.

Ganz anders geht Baden-Württemberg vor: Der Südwesten setzt mit dem „Rückenwind“-Programm einen strategischen Schwerpunkt. 119 Millionen Euro je Schuljahr fließen in Förderstunden für Kinder, die zuvor über Lernstandserhebungen als Risikogruppe identifiziert worden sind. Sogenannte Pädagogische Assistenten unterstützen die Lehrkräfte, damit diese sich verstärkt um die Kinder mit Lerndefiziten kümmern können.Ein Schnell-Gutachten der Forscher

Manchmal können Maßnahmen die Leistungsunterschiede noch vergrößern. Einer der größten Posten im Budget von Sachsen, 5,6 Millionen Euro, fließt ausgerechnet an Privatschulen – also eher an die Kinder und Jugendlichen, die im Schnitt vergleichsweise gut durch die Pandemie kamen.

Dabei hatte die KMK ihre Ständige wissenschaftliche Kommission um ein Schnell-Gutachten dazu gebeten. Die Bildungsforscherinnen und -forscher sollten klären, wie sich die coronabedingten Lernlücken schließen ließen. Das 22-seitige Papier liegt seit dem 11. Juni 2021 vor. Doch die Länder müssen sich an die Empfehlungen nicht halten.

Das dritte Problem: Es fehlen die Fachkräfte. Um zusätzliche Unterrichtsstunden, Förder- oder Ferienkurse überhaupt anbieten zu können, braucht es zusätzliches Personal. Doch schon heute mangelt es in vielen Regionen an Lehrkräften. „Gerade ostdeutsche Bundesländer wie Thüringen und Sachsen-Anhalt, die ohnehin überproportional vom Fachkräftemangel betroffen sind, werden hier Schwierigkeiten haben“, sagt Bildungsforscher Marcel Helbig.

In Thüringen waren im vergangenen Herbst rund 400 Stellen für Lehrkräfte nicht besetzt. Das Land hat deshalb 2,8 Millionen Euro für „freiwillige bezahlte Mehrarbeit“ des jetzigen Personals eingeplant. Für das laufende Schuljahr haben sich allerdings nur 7,3 Prozent der Pädagoginnen und Pädagogen dazu bereit erklärt , wie das Kultusministerium in Erfurt meldet. Andere Länder schicken Studierende (Sachsen, Nordrhein-Westfalen), Pensionäre (Schleswig-Holstein) oder Bundesfreiwilligendienstler (Saarland ) in die Schulen.

Baden-Württemberg heuert außerdem betriebliche Ausbilder, Erzieherinnen und andere Menschen mit „pädagogischen Qualifikationen oder Vorerfahrungen an“.

Das vierte Problem: Der Erfolg wird nach jetzigem Stand nicht kontrolliert, ein Misserfolg bliebe somit unentdeckt. „Wir werden wohl niemals wissen, was dieses Aufholprogramm gebracht hat“, sagt Marcel Helbig. Wenn vorher nicht systematisch und flächendeckend erhoben wurde, wo die Lernlücken liegen, könne man hinterher auch nicht feststellen, ob diese Lücken kleiner geworden sind.

Im Herbst 2021 wurden die Viertklässler im Rahmen des IQB-Ländervergleichs getestet. Man könnte dieselben Kinder in zwei Jahren erneut testen und dadurch mehr erfahren – aber das ist bisher nicht geplant.