Dieser Artikel erschien am 12.09.2018 in DIE ZEIT
Autorin: Hannah Knuth

Sandra Scheeres : Die Trümmerfrau

Berstende Fenster, verschimmelte Akten und viel zu wenig Lehrer – in Berlin ballen sich die Probleme der deutschen Bildungs­politik. Fragt man nach Schuldigen für das Desaster, sagen viele: Senatorin Sandra Scheeres.

Sandra Scheeres, 48, im Klassenzimmer eines Berliner Gymnasiums. Seit acht Jahren ist die SPD-Frau Bildungssenatorin.
Sandra Scheeres, 48, im Klassenzimmer eines Berliner Gymnasiums. Seit acht Jahren ist die SPD-Frau Bildungssenatorin.
©dpa

Im Vordersitz der schwarzen Limousine von Bildungs­senatorin Sandra Scheeres klemmt ein Dutzend Tüten mit Husten­bonbons. Verschiedene Geschmacks­richtungen, alle mit dem­selben Slogan angepriesen: „Das Rund­um­wohl­fühl­bonbon. Gut für die Stimme. Gut für die Stimmung.“ Die Limousine rollt auf einen Hinter­hof in Charlotten­burg, ein Beton­bau. Scheeres, knallroter Lippen­stift, dunkel­blaues Kleid, verlässt ihre Wohl­fühl­zone. Zwei rauchende Jugendliche mustern sie wort­los. „’n guten Morgen“, sagt Scheeres.

Vor dem Eingang wartet der Leiter einer Einrichtung, in der junge Frauen, die die Schule abgebrochen haben, ihren Abschluss nach­holen können. Scheeres will mit den Frauen über deren Probleme sprechen. Aber der Leiter der Einrichtung will auch mit der SPD-Frau reden. Über seine Probleme: fehlende Sozial­pädagogen, fehlende Bildungs­gutscheine, fehlendes Geld. Nach einer Stunde schafft Scheeres es aus dem kleinen Büro­raum in das Zimmer der Frauen. „Wenn noch was ist“, ruft sie ihm zu, „schreiben Sie mir!“

Würde sich die Popularität einer Politikerin an der Zahl der Briefe messen, die ihr Bürger und Angestellte mit Leiden­schaft schreiben, wäre Sandra Scheeres eine beliebte Senatorin. Doch für Scheeres, 48, gilt das nicht.

„Sehr geehrte Frau Scheeres“, schreiben Grund­schul­lehrer, „so können wir nicht mehr arbeiten.“

„Sehr geehrte Frau Scheeres“, schreiben Gymnasial­lehrer, „wir fühlen uns allein gelassen.“

„Sehr geehrte Frau Scheeres“, schreiben Quer­ein­steiger, „wir fühlen uns verheizt.“

„Sehr geehrte Frau Scheeres“, schreibt eine Schul­leiterin, „ich gebe auf, ich kündige.“

In Berlin ist die Stimmung so schlecht, da helfen schon lange keine Bonbons mehr. Laut einer Forsa-Umfrage vom September glaubt knapp jeder dritte Berliner, nicht die Wohnungs­not, nicht die Flüchtlinge, nicht der BER seien das größte Problem der Stadt, sondern die Schulen. Unter den 18- bis 29-jährigen Berlinern sind neun von zehn über­zeugt, dass die Schulen nirgend­wo so schlecht sind wie in der Haupt­stadt. Die Hälfte der Befragten traut keiner Partei mehr zu, die Schul­probleme in der Stadt zu lösen.

Da sind die maroden Zustände vieler Schulen und das Chaos auf den Ämtern. In Berlin-Mitte wussten Eltern angehender Erst­klässler bis kurz vor den Ferien nicht, auf welche Schule ihr Kind ab August gehen soll, weil die Ein­schulungs­akten im Schul­amt verschimmelt waren. Kürzlich stürzte ein Fenster auf einen stell­vertretenden Schul­leiter einer Grund­schule, als der versucht hatte zu lüften. Er wurde schwer verletzt und musste ärztlich behandelt werden.

Lehrermangel

42.800 Pädagogen
in Vollzeit werden bis zum Jahr 2030 an deutschen Schulen zusätzlich benötigt

35.000 Lehr­kräfte
werden bis zum Jahr 2025/26 an deutschen Grund­schulen fehlen

915 Lehrer
ohne Studium in einem Schul­fach wurden dieses Jahr in Berlin eingestellt

Da ist die Gewalt auf den Pausen­höfen, da sind Schulen, die immer öfter Wach­dienste einstellen.

Da ist der wachsende Juden­hass in Klassen­zimmern, da sind Schüler, die sagen: „Hitler war ein guter Mann.“

Und vor allem sind da viel zu wenig Lehrer.

Von den 2700 Lehrkräften, die Berlin zum neuen Schul­jahr ein­gestellt hat, haben zwei Drittel keine pädagogische Aus­bildung. 915 von ihnen haben nicht einmal ein Schul­fach studiert. An den Grund­schulen ist die Krise besonders groß: Nur jede achte Stelle konnte mit einem Lehrer besetzt werden, der dazu aus­gebildet wurde, Kindern das Alphabet bei­zu­bringen.

Die Probleme gibt es auch anderswo: Zu Beginn des neuen Schul­jahres fehlten bundes­weit 40.000 Lehrer. Laut dem Deutschen Lehrer­verband wurden 30.000 Stellen mit Bewerbern besetzt, die keine pädagogische Ausbildung haben. 10.000 Stellen blieben unbesetzt. Der Fraktions­vorsitzende der Union, Volker Kauder, warnte daraufhin öffentlich vor einem „Bildungs­not­stand“.

Was in Deutschland nur droht, müsste in Berlin schon lange aus­gerufen sein.

Konnte man da nicht gegen­steuern?

Das wirft die Frage nach der Verantwortung auf: Sandra Scheeres ist seit acht Jahren im Amt. Aber ist sie das Problem? Wie viel Einfluss hat eine Politikerin, wie sehr ist sie gefangen in einem System, anhängig von Strukturen? Die Frage nach Scheeres führt zu den Fragen nach den Grenzen von Politik – und spielt auf eine Sehn­sucht an, die der­zeit besonders häufig von Populisten genährt wird: der Sehn­sucht nach einem einzelnen Politiker, der entscheidet, wie er will. Der Strukturen zer­reißt, der einen Neu­start bringt. Eine Stunde null.

Ein Donnerstagmorgen in der Berliner Bildungs­verwaltung, ein Gebäude, das von außen wie ein Gefängnis aussieht. Von innen auch. Die Gänge sind dunkel, die Fenster klein, die Wände in Ocker gestrichen. Im dritten Stock, ganz am Ende eines langen Flures, betritt Sandra Scheeres den Raum 3 C 14. Morgen­lage. Um einen langen Tisch, der den ganzen Raum aus­füllt, sitzen Scheeres’ Presse­sprecher, ihr Büro­leiter, Referenten der Staats­sekretäre. „Dann wollen wir mal.“

Ein Abteilungs­leiter wünscht sich, dass Scheeres bei einem Presse­termin Brötchen verteilt; ob die Senatorin dazu bereit wäre?

Es gibt eine Warnung aus dem Senat, ein Abgeordneter hat angekündigt, 135 Kleine Anfragen an die Bildungs­verwaltung zu stellen. Der Abgeordnete ist Sozial­demokrat. Selbst in der eigenen Partei ist Scheeres umstritten.

Dann die Nachricht, dass das elektronische Termin­vergabe­system einer Info-Messe für Lehr­kräfte hake. „Oh“, sagt Scheeres. „Das ’s ja nicht gut.“ Die Messe soll künftige Lehrer und Erzieher nach Berlin locken. Wenn die sich nicht anmelden können, warum sollten sie dann kommen?

Scheeres wirbt verzweifelt um Erzieher, Sozial­pädagogen und Lehrer, aber sie wirbt nicht allein. Alle Kultus­minister haben jahre­lang mit falschen Zahlen gerechnet: Ab Mitte der 2000er prognostizierten Demo­grafen einen Rückgang der Kinder­zahlen. Es entstanden Konzepte von „alternden Städten“. Außer in Bayern begannen die Bundes­länder dort zu sparen, wo es am nahe­liegendsten war: an den Lehr­amts­plätzen.

„Als ich anfing“, sagt Scheeres, „sprachen in Berlin alle von der schrumpfenden Stadt.“ Erst Ende 2013, zwei Jahre nach ihrem Amts­an­tritt, hätten sich die Zahlen gedreht. Trotz­dem lehnten die Berliner Unis noch bis 2015 jährlich tausend Bewerber auf das Lehr­amts­studium ab. Wieso konnte man da nicht gegen­steuern? Weil die alten Hoch­schul­verträge noch galten.

Berlin musste in den 2000ern besonders hart sparen. Die Stadt war hoch verschuldet. Es waren die Zeiten von Klaus Wowereit und Thilo Sarrazin. Damals holte Wowereit den lang­jährigen Bildungs- und Wissen­schafts­minister Jürgen Zöllner aus Rheinland-Pfalz nach Berlin. Er sollte das Berliner Schul­system stabilisieren; schon vor seiner Ankunft wurde er als Retter gefeiert.

Als Wowereit 2011 Sandra Scheeres als Zöllners Nachfolgerin ernannte, waren viele über­rascht: eine Erzieherin aus Nordrhein-Westfalen mit wenig politischer Erfahrung und ohne Expertise in der Wissen­schaft? Noch heute glauben viele, Scheeres, damals jugend­politische Sprecherin der SPD-Fraktion, sei eine Not­lösung gewesen, Wowereit habe es an Alternativen gefehlt. Scheeres grinst triumphierend, wenn man sie darauf anspricht: „Es kam für viele Außen­stehende über­raschend. Aber nicht für mich.“

Jürgen Zöllner, mittlerweile Vorsitzender der Charité Stiftung, empfängt in seinem Büro in Berlin-Mitte. Über die Berliner Schulen habe er seit Jahren nicht gesprochen. Aber jetzt wolle er was sagen. „Ich habe damals einen Fehler gemacht.“ Er räuspert sich. „Ich wollte die Verbeamtung der Lehrer wieder einführen, aber ich habe mich nicht durch­gesetzt.“ Berlin ist bis heute das einzige Bundes­land, das seine Lehrer nicht verbeamtet. Vor sich hat Zöllner Papiere ausgebreitet, alte Statistiken, Presse­mit­teilungen. Er habe das alles einmal durch­gerechnet: Die Verbeamtung hätte viel Geld eingespart. Und sie würde heute mehr Lehrer nach Berlin ziehen. „Das Problem ist“, sagt Zöllner, „Berlin umgarnt seine Bewerber nicht. Es braucht eine Willkommens­kultur für Lehrer.“

Sie gestaltet für die Zukunft

Sandra Scheeres hat so viel Geld für ihre Verwaltung ausgehandelt wie keiner ihrer Vor­gänger. Sie hat eine Schul­bau­offensive gestartet, Lehrern die Gehälter erhöht, ein Bonus­programm für Brenn­punkt­schulen geschaffen. All das dürfte wohl helfen. Aller­dings erst in ein paar Jahren.

Doch wenn Mittel und Entscheidungen immer erst zeitversetzt wirken, wie kann man das Wirken eines Politikers dann beurteilen? Sind vielleicht all die Mängel, die die Berliner ihrer Bildungs­senatorin anlasten, die Fehler von Scheeres’ Vor­gängern? Ist es das Schicksal von Politikern, dass sie immer erst nach ihrer Zeit eine faire Beurteilung erfahren können – von Historikern, nicht von Wählern? Können Politiker also nur für die Zukunft gestalten, aber nie für die Gegen­wart?

Mit acht Jahren Amtszeit gehört Sandra Scheeres zu den dienst­ältesten Bildungs­ministern. Nur Ties Rabe, der Hamburger Schul­senator, ist so lange im Amt wie sie. Vor acht Jahren lagen die Leistungen der Hamburger und Berliner Schüler bei Umfragen ungefähr gleich­auf: am unteren Ende der Länder­liste. Heute führt Hamburg das obere Mittel­feld an. Warum schafft Berlin das nicht?

Fragt man Scheeres, dann sagt sie, dass man die beiden Städte nicht vergleichen kann. Berlin habe seine ganz eigene „Verfasst­heit“, die Aufteilung zwischen Senat und Bezirk. Soll heißen: Was in Hamburg funktioniert, funktioniert noch lange nicht in Berlin.

Fragt man in den Rathäusern, Abgeordneten­büros und bei öffentlichen Trägern, nennen viele einen anderen Grund: Sandra Scheeres.

Menschen, die häufig mit ihr zu tun haben, Partei­genossen, Koalitions­mit­glieder, Vertreter von Vereinen und Gewerk­schaften, nennen oft dieselben Adjektive, wenn sie Scheeres beschreiben. „Hart­näckig“, „defensiv“, „ungeschickt“, „wahnsinnig ungeschickt“.

Es gibt eine Geschichte aus dem Herbst 2015. Sandra Scheeres hatte gerade mit ihrer zweiten Amts­zeit begonnen. Sie setzte einen Brief auf, an die „lieben Mütter und Väter“, gerichtet vor allem an die Eltern, die zu Hause mit ihren Kindern wenig Deutsch sprachen. In dem Brief bat sie, in feinstem Büro­kraten­deutsch („Sprach­stands­fest­stellungs­verfahren“) und verschachtelten Sätzen, die Sprach­förderung von Kindern ernst zu nehmen. Leider war der Brief selbst voller sprachlicher Fehler. Es fehlten sogar Wörter in Sätzen. „Wenn Sie es wünschen, erhalten selbst­verständlich eine Kopie.“

Die Verwaltung erklärte, sie habe aus Versehen eine Früh­version versandt – und verschickte neue Briefe. Aber es war zu spät. „Wie gut ist das Deutsch der Schul­senatorin?“, fragte die Berliner Lokal­presse. Und im Abgeordneten­haus schüttelte man den Kopf.

Spricht man mit Schulleitern, Lehrern und Kita-Erziehern, sagen viele, dass sie häufig nicht verstehen, warum ihre Senatorin keine Fehler eingesteht. Warum sie sich immerzu verteidigt: in der Öffentlichkeit, in den Rund­mails, bei Besuchen. „Es würde so gut tun“, sagt eine Erzieherin, „wenn sie einfach mal sagen würde: Ich weiß, im Moment läuft’s wirklich scheiße.“

Erinnern Sie sich, wann Sie das letzte Mal gelobt worden sind, Frau Scheeres?

Sandra Scheeres steht vor ihrem Schreib­tisch, über­legt, schaut an die Decke, schaut durch den Raum. Und sagt, dass sie das jetzt so genau nicht wisse. Sie denke aber auch nicht viel darüber nach. Ihre Sprecherin ruft: „Am Wochen­ende! Am Wochen­ende! Da wurden Sie von der Fraktion gelobt, dass Sie immer­hin alle Lehrer­stellen zum neuen Jahr besetzt haben.“

„Stimmt“, sagt Scheeres. Immerhin.