30 Jahre Mauerfall : Die soziale Spaltung ist im Osten besonders groß

30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es nur noch wenig Unterschiede in den Bildungssystemen in West und Ost. Dennoch stehen die ostdeutschen Bundesländer vor besonderen Herausforderungen. Studien zeigen, dass die sozialräumliche Spaltung nirgendwo so groß ist wie in den ostdeutschen Städten – mit erheblichen Auswirkungen auf die Schullandschaft und die Bildungsgerechtigkeit. Der Erfurter Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher Marcel Helbig beobachtet seit Jahren die Entwicklung und erklärt im Interview mit dem Schulportal, wieso es gerade im Osten so viele Privatschulen gibt und warum dort der Lehrkräftemangel besonders groß ist.

Annette Kuhn / 04. November 2019
Plattenbauten in Rostock
In den Plattenbaugebieten, wie hier im Norden Rostocks, gibt es nur wenig soziale Durchmischung.
©Bernd Wüstneck/dpa

Deutsches Schulportal: Sie haben in mehreren Studien festgestellt, dass die sozialräumliche Trennung in deutschen Städten immer weiter wächst, vor allem in ostdeutschen Städten. Was bedeutet das 30 Jahre nach dem Mauerfall?
Marcel Helbig: Immer mehr Hartz-IV-Empfänger ballen sich in den Städten in bestimmten Gebieten. Besonders stark zeigt sich das in den Plattenbaugebieten ostdeutscher Städte. Im Vergleich zu Großsiedlungen in westdeutschen Städten machen die Plattenbaugebiete im Osten einen deutlich größeren Anteil an den Städten aus. In Rostock zum Beispiel leben heute immer noch mehr als 50 Prozent aller Bewohner in Plattenbauten. Sehr viele von ihnen sind auf Transferleistungen angewiesen. Der Anteil armer Kinder liegt in einigen ostdeutschen Plattenbaugebieten bei 60 Prozent.

Zu DDR-Zeiten war das ja anders. Da lebten auch privilegierte Menschen in den Plattenbausiedlungen. Was ist passiert?
Begonnen hat die Veränderung direkt nach der Wende. Die großen Betriebe gingen pleite, oder die Belegschaft wurde reduziert. Viele Menschen haben sich Richtung Westen orientiert und verließen die Plattenbaugebiete. Mitte der 90er-Jahre kam es dann zu einem starken Anwachsen von Einfamilienhaussiedlungen an den Rändern der Städte. Dadurch dünnten die Plattenbaugebiete weiter aus. Als Drittes erfolgte das Aufhübschen der Innenstädte, also die Sanierungen der Altbauwohnungen, was eine dritte Welle des Wegzugs mit sich brachte. Übriggeblieben sind die Erstbezügler – das bedeutet auch, dass die Überalterung in den Plattenbaugebieten sehr groß ist. Und dazugekommen sind die Menschen, die sich keinen anderen Wohnraum leisten können.

Die Ränder – also die Gymnasien am einen Ende und die Förderschulen am anderen Ende – wurden gestärkt, die Mitte brach weg.

Wie hat sich diese Entwicklung auf die Bildungssituation in den ostdeutschen Städten ausgewirkt?
Viele Schulen wurden durch den Wegzug und den Geburtenrückgang nach der Wende geschlossen. Im Norden Rostocks, der fast nur aus Plattenbauten besteht, gab es zum Beispiel Mitte der 90er-Jahre zehn Schulen mit gymnasialer Oberstufe. Durch den massiven Rückgang der Schülerzahlen – insbesondere der Schüler, die das Gymnasium besucht haben – blieben nur noch drei von diesen Schulen übrig. Im Süden hingegen, wo die wohlhabenderen Menschen leben, gab es überhaupt keinen Rückgang von Schulen mit gymnasialer Oberstufe.
Zusätzlich haben sich dort nach der Wende viele Privatschulen angesiedelt. Im Süden Rostocks machen Privatschulen heute 50 Prozent aller Schulen aus. Im Norden gibt es keine einzige Privatschule. Rostock ist das plakativste Beispiel, weil die Stadt zwischen Süd und Nord so klar sozial geteilt ist. Aber in anderen ostdeutschen Städten ist die Entwicklung ähnlich.
Und es gab noch eine zweite Entwicklung, die die soziale Spaltung verstärkt hat. Als die Schülerzahlen Ende der 90er-Jahre einbrachen und die Schulen ihre Plätze nicht besetzen konnten, erhöhte sich die Quote der Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien, weil dort mehr zugelassen wurden. Auf der anderen Seite stieg auch die Zahl der Förderschüler von 5 auf 14 Prozent. Da auch hier die Schülerinnen und Schüler fehlten, wurde anscheinend für mehr Kinder ein Förderbedarf diagnostiziert, um die Schulen erhalten zu können. Die Folge: Die Ränder – also die Gymnasien am einen Ende und die Förderschulen am anderen Ende – wurden gestärkt, die Mitte brach weg.

Wie ist die Situation heute?
Mit den Folgen dieser Entwicklung beschäftigen wir uns auch heute. Bedingt durch den Geburtenrückgang und die Schließung von Schulen wurden ja im Osten auch keine Lehrerinnen und Lehrer mehr eingestellt. Unmittelbar nach der Wende gab es einen Wechsel: Viele Lehrkräfte, die durch das System vorbelastet waren, wurden ersetzt. Die Lehrerinnen und Lehrer, die nach der Wende begonnen haben, waren überwiegend relativ jung. Aber diese junge Lehrerschaft wurde immer älter und, weil der Bedarf fehlte, auch kaum durch jüngeren Nachwuchs ergänzt.
In den kommenden 15 Jahren gehen daher im Osten 60 Prozent der Lehrkräfte in den Ruhestand. Das ist weit mehr als im Bundesschnitt. Der liegt bei knapp 40 Prozent. Das wird ein riesiges Problem. Die stärksten Auswirkungen wird das für Schulen im ländlichen Raum und in sozialen Brennpunkten haben.

Eingestellt wurde lange nur an den Privatschulen.
Ganz genau. Und es gab ab Ende der 90er-Jahre eine regelrechte Welle von Privatschulgründungen. Vor allem im städtischen Raum. 90 bis 95 Prozent der Privatschulen liegen in den größeren Städten oder im Speckgürtel Berlins. In Städten wie Potsdam oder Rostock beträgt ihr Anteil 30 Prozent. Im ländlichen Raum gibt es hingegen oft gar keine Privatschulen. Mit zwei Ausnahmen: Zum einen haben sich in den vergangenen Jahren in der Küstenregion in Mecklenburg-Vorpommern private Gesamtschulen gegründet.
Zum anderen gibt es in Sachsen einige Beispiele für Privatschulen im ländlichen Raum. Hier wurde oft genau an der Stelle ein privates Gymnasium gegründet, wo eine öffentliche Schule aufgrund der rigiden Vorgaben zur Mindestschülerzahl geschlossen worden war. Diese privaten Schulen zogen dann sogar in einigen Fällen Schüler aus dem Umkreis ab, die damit wiederum andere öffentliche Gymnasien in ihrem Bestand gefährdeten.

Im Osten besucht knapp ein Viertel der Kinder aus Akademikerhaushalten eine private Schule, im Westen sind es 17 Prozent.

Privatschulen gibt es ja nicht nur in Ostdeutschland – ihr Anteil wächst auch im Westen.
Aber nicht so stark. Im Westen besuchen knapp 9 Prozent der Schüler eine Privatschule, im Osten sind es heute mehr als 10 Prozent. Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es in der DDR keine Privatschulen gab. Der Osten hat den Westen da längst überholt. Und auch bei der Frage, wer die Privatschulen besucht, gibt es einen Unterschied, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem vergangenen Jahr gezeigt hat. Im Osten besucht knapp ein Viertel der Kinder aus Akademikerhaushalten eine private Schule, im Westen sind es 17 Prozent.

Werden vor allem private Gymnasien im Osten gegründet?
Nein, auch viele Grundschulen. Der Anteil der privaten an allen Grundschulen liegt zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg bei 2,3 bis 4,5 Prozent. In ostdeutschen Bundesländern ist der Anteil erheblich höher. In Sachsen und Sachsen-Anhalt liegt er bei 10 Prozent, in Brandenburg bei 13 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern sogar bei 17 Prozent.

Da beginnt die soziale Spaltung ja schon sehr früh.
Eigentlich sollte die Grundschule eine Schule für alle sein. Im Grundgesetz – Artikel 7, Absatz 5 – gibt es eine Beschränkung für den Ausbau von privaten Grundschulen. Sie sollen nur dann gegründet werden, wenn die Schulverwaltung ein besonderes pädagogisches Interesse anerkennt oder die Grundschule als Gemeinschaftsschule, als Bekenntnis- oder Weltanschauungsschule errichtet werden soll. Das pädagogische Interesse ist juristisch natürlich schwer zu bewerten. In den ostdeutschen Städten schaut heute aber kaum jemand drauf, welches pädagogische Interesse vorliegt. Besonders extrem zeigt sich das in Mecklenburg-Vorpommern.

Inwiefern?
In Schwerin, Greifswald, Rostock, Neubrandenburg – nirgendwo ist der private Anteil im Grundschulbereich so hoch wie dort. Und die Grundschulen dort sind fast alle an weiterführende Schulen mit gymnasialer Oberstufe angeschlossen. Die Kinder bleiben also von der Grundschule an unter sich. Es gibt keine soziale Durchmischung.

Es muss in allen Bundesländern, nicht nur im Osten, klare Regelungen beim Schulgeld geben, die es allen Kindern ermöglicht, eine private Schule zu besuchen.

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Schulen im Osten?
Es muss in allen Bundesländern, nicht nur im Osten, klare Regelungen beim Schulgeld geben, die es allen Kindern ermöglicht, eine private Schule zu besuchen. Und ihre Einhaltung muss überwacht werden. Nur ganz wenige Bundesländer haben aber bislang dazu Beschlüsse gefasst. In Baden-Württemberg gibt es zum Beispiel ein neues Privatschulgesetz: Die Höhe des Schulgeldes richtet sich dort nach dem Einkommen der Eltern, dementsprechend kann es auch bei null liegen. In Rheinland-Pfalz, Saarland und Nordrhein-Westfalen soll es laut Gesetz eigentlich überhaupt keine Schulgelder geben.
Aber das wird immer wieder unterlaufen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gibt es hingegen keine klaren Regelungen. Dort wird die Zugänglichkeit privater Schulen dementsprechend auch nur unzureichend überwacht. Die Verantwortung wird etwa in Sachsen allein in die Hände der Privatschulen gelegt. Hier macht man also den Bock zum Gärtner.

Beim Lehrkräftemangel sind öffentliche und private Schulen aber gleich, oder?
Ja, auch wenn die Überalterung an den privaten Schulen – noch – kein so großes Problem ist, werden sie trotzdem Riesenprobleme bekommen. Weil inzwischen alle ostdeutschen Bundesländer wieder verbeamten und die Gehälter erhöht haben, sind die öffentlichen Schulen mittlerweile deutlich attraktiver. Dazu kommt die Tatsache, dass an den öffentlichen Schulen nun massiv eingestellt wird. Das geht natürlich auf Kosten der Privatschulen, die bis vor wenigen Jahren noch vom faktischen Einstellungsstopp in den ostdeutschen Bundesländern profitiert haben.
Die Schulen in den sozialen Brennpunkten werden dadurch allerdings nicht entlastet. Solange sich Lehrerinnen und Lehrer aussuchen können, an welche Schulen sie gehen können, werden sie eher eine Schule wählen, an der auch die sozialen Verhältnisse einigermaßen stimmig sind. Quereinsteiger hingegen finden sich dann verstärkt an Schulen in sozial benachteiligten Gebieten wieder. Bis es insgesamt zu einer Gesundung im System kommt, wird es Jahre dauern.

Zur Person

Sozialwissenschaftler Marcel Helbig
©Bernhard Ludewig
  • Sozialwissenschaftler Marcel Helbig arbeitet seit 2007 am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).
  • Seit 2015 hat er eine Sonderprofessur für „Bildung und soziale Ungleichheit“ an der Universität Erfurt und am WZB.
  • Er hat zahlreiche Studien, Beiträge und Bücher veröffentlicht, zum Beispiel zu den Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg, zu Bildungschancen im Kontext demografischer Veränderungen, zu Privatschulen und zum Wandel der Schulsysteme.