Debakel bei Prüfungssystem : Die richtigen Noten für die falschen Schüler?

Der britische Versuch, die Prüfungsergebnisse von Schulen zu standardisieren, ist zum Debakel geraten. Der Regierung wird vorgeworfen, dass benachteiligte Schüler durch den Algorithmus noch mehr benachteiligt werden. Den Universitäten steht Chaos bevor.

Dieser Artikel erschien am 22.08.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Gina Thomas, London
Schüler sehen sich ihre Prüfungsergebnisse an
Schüler sehen sich ihre Prüfungsergebnisse an
©Getty Images

In einem bekannten Fernsehsketch des Komikerpaars Morecambe and Wise soll der berühmte André Previn das Klavierkonzert von Edvard Grieg dirigieren, mit Eric Morecambe als Solisten. Als der Pianist nach einigem Klamauk zu seinem Einsatz kommt, haut er jedoch eine andere Melodie in die Tasten. Previn schimpft, dass Morecambe die falschen Noten spiele. Dieser packt den Dirigenten daraufhin am Revers und gibt ihm zu verstehen, er spiele „die richtigen Noten – aber nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge”. Fast fünfzig Jahre später ist der Sketch den Briten noch in derart frischer Erinnerung, dass er in den vergangenen Tagen immer wieder beschworen wurde: im Zusammenhang mit dem Tohuwabohu um die Benotungssysteme, die mit leichten Abweichungen in allen vier Nationen des Vereinigten Königreichs geschaffen wurden als Ersatz für die wegen der Corona-Pandemie ausgefallenen Schulabschlussprüfungen.

Die jährliche Bekanntgabe der Ergebnisse ist ein nationales Ritual, das stets mit Kritik einhergeht, in den vergangenen Jahren meist wegen Noteninflation. Im diesjährigen Chaos wird der Regierung Inkompetenz vorgehalten, während die Prüfungsaufsichtsbehörden in England und Schottland beschuldigt werden, einen Algorithmus angewendet zu haben, der benachteiligte Schüler noch mehr benachteilige, weil das Modell auch frühere Ergebnisse von leistungsschwächeren Schulen ins Kalkül zog. In Anspielung auf Morecambe and Wise spotten Kritiker seither: Es seien die richtigen Noten vergeben worden – bloß nicht an die richtigen Schüler.

In England waren bei dem Standardisierungsversuch 280 000 der vorhergesagten Noten für die A-Levels (die dem Abitur entsprechen) herabgesetzt worden – fast vierzig Prozent. In Schottland wurden 133 000 Ergebnisse – mehr als ein Viertel – revidiert, 93 Prozent davon nach unten. Der britische Bildungsminister Gavin Williamson versuchte das System zunächst als „gerecht und robust” zu verteidigen. Seine Beteuerung, es werde keine Kehrtwende gemacht, erwies sich jedoch schnell als unhaltbar. Wie schon oft in den vergangenen Monaten beugte sich die Regierung von Boris Johnson dem Druck der öffentlichen Meinung und zog die Bewertungen der Prüfungsaufsichtsbehörde zurück. Es gelten nun die von den Lehrern vorausgesagten Noten, sofern sie höher sind.

Parallelen zum Ende Thatchers

Wenige Stunden bevor am Donnerstag die Noten für die der mittleren Reife entsprechenden GCSE-Kurse und der praxisorientierten berufsbildenden Btec-Abschlüsse bekanntgegeben werden sollten, kam die Ankündigung, dass die Veröffentlichung der Btec-Ergebnisse auf kommende Woche verschoben worden sei, um eine Überprüfung im Lichte der neuen A-Level- und GCSE-Berechnungen zu erlauben. Rund eine halbe Million Schüler sind davon betroffen.

Durch die Verwirrung sind die Zukunftspläne Tausender Schulabgänger durchkreuzt worden, die Hochschulen stehen vor einem Scherbenhaufen, und das Vertrauen in die ohnedies angeschlagene Regierung ist weiter gesunken. Auch aus den Reihen der Konservativen wird die Forderung nach dem Rücktritt Williamsons laut. Zugleich hat die Entscheidung das Empfinden bekräftigt, dass Kinder der Einkommensschwächeren benachteiligt würden. Einige Kommentatoren sehen in der ungeschickten Handhabung der Notenvergabe Parallelen mit dem Debakel von 1990 um die Umwandlung der nach dem Wert der Immobilie bemessenen Kommunalabgaben in eine sogenannte Kopfsteuer, die Ärmere stärker belastete. Die gescheiterte Reform trug wesentlich zum Sturz Margaret Thatchers bei. Der ehemalige konservative Parteiführer William Hague argumentierte in einem Kommentar über das Notenfiasko, in beiden Fällen sei es um ein Prinzip mit Schwachstellen gegangen, dessen Folgen für einzelne Betroffene die Zuständigen nicht hinreichend bedacht hätten.

Der jetzigen Blamage lag das Bestreben zugrunde, der alle Jahre wieder erhobenen Klage der Noteninflation entgegenzuwirken. Um ein Korrektiv für die möglicherweise unrealistisch hohen Einschätzungen der Lehrer zu schaffen, hatte die Prüfungsaufsichtsbehörde Ofqual einen Algorithmus programmiert, der nicht nur die vorausgesagten Noten berücksichtigte, sondern auch die bisherigen Leistungen der Schüler sowie das Abschneiden der jeweiligen Schule in vorangegangen Jahren. In Schottland, wo die Ergebnisse zehn Tage früher als in den anderen Teilen des Königreichs bekanntgegeben wurden, war ein ähnliches Modell verwendet worden. Der anschließende Furor zwang die Regierung in Edinburgh, davon Abstand zu nehmen. Statt daraus eine Lehre zu ziehen, hielten die Regierungen von England, Wales und Nordirland bei den A-Level-Bewertungen an dem Algorithmus fest, vermochten dem Sturm jedoch nicht standzuhalten. Bildungsminister Williamson geriet besonders unter Beschuss, als bekanntwurde, dass sein Ministerium mehrere Warnungen unter anderen des Bildungsausschusses des Unterhauses und eines ehemaligen Generaldirektors des Bildungsministeriums missachtet hatte, dass der Algorithmus junge Menschen aus ärmeren Familien benachteiligen würde. Mit dem Versuch, der Prüfungsbehörde die ganze Schuld aufzubürden, zog Williamson ebenfalls heftige Kritik auf sich.

Die Ironie bei alledem ist, dass die nunmehrige Entscheidung, die Bewertung der Lehrer gelten zu lassen, zu ebenjener Noteninflation geführt hat, die vermieden werden sollte. Bei den A-Levels stieg der Anteil der Bestnoten um 13 Punkte auf 38,1 Prozent, bei den GCSEs lag der Anteil derer, die Bestnoten erhielten, mit 27,6 Prozent so hoch wie noch nie. Auch Kritiker der Noteninflation sagen, dass diese Vorgänge nicht zu Lasten der sogenannten „Covid-Generation” von Schülern gehen dürften.

Die Hochschulen sind durch das Schlamassel in die Bredouille gebracht worden. Zahlreiche Bewerber, die die Aufnahmebedingungen laut der ersten Bewertung verfehlten, haben nun Anspruch auf einen Platz, der inzwischen vergeben ist. Das bedeutet, dass viele ihr Studium um ein Jahr zurückstellen müssen wegen Platzmangels, der durch die coronabedingten Abstandsvorschriften noch verschärft wird. Das hat wiederum Folgen für die Schulabgänger des kommenden Jahres. Die Regierung hat die Deckelung der Studienplätze für Medizin, Zahnmedizin und Tiermedizin aufgehoben und den Hochschulen mehr Geld für die Überzahl an Studenten zugesagt. Außerdem haben die Universitäten die Anweisung erhalten, Bewerbern mit benachteiligender Herkunft Vorrang zu geben bei der Vergabe von Studienplätzen für diesen Herbst. Die Universität Durham bietet Bewerbern Stipendien in ungenannter Höhe an, wenn sie ihren Studienantritt auf 2021 verschieben.

Wo ist Boris Johnson?

Während renommierte Hochschulen überfüllt sind, verlieren die weniger angesehenen Universitäten, die nicht so gute Noten verlangen, Studenten, weil die aufgewerteten Bewerber nun die Hochschule ihrer ersten Wahl vorziehen. Die am Ende der Ranglisten plazierten Institutionen, die sich ohnedies in Nöten befinden, fordern jetzt ebenfalls finanziellen Ausgleich.

Anfang September soll das neue Schuljahr beginnen. Der Versuch, die Schulen im Sommer wieder zu öffnen, ist bislang am Widerstand der Gewerkschaften gescheitert. Es wird befürchtet, dass der Ansehensverlust der Regierung den Kampf um die Rückkehr ins Klassenzimmer erschwert. Johnson hat sich bislang in Schweigen gehüllt. Die „Daily Mail” hat den Premierminister in seinem Urlaubsort an der schottischen Küste aufgespürt und wirft ihm vor, seine „glorreiche Isolation” in einem bescheidenen Häuschen zu genießen, ohne ein Wort des Mitgefühls zu äußern.