Dieser Artikel erschien am 12.03.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Carolin Wilms

Weiterbildung für Pädagogen : Die Lehrer und die Politik

Was tun, wenn sich Schüler rassistisch oder demokratie­feindlich äußern? Politische Bildung für Lehrer hilft – aber in der Praxis sieht es oft düster aus

Wahlplakat für Erstwähler
Damit Wahlverweigerung nicht Schule macht: Kampagne für Erstwähler in Thüringen
©dpa

Das Fazit klingt ein bisschen steif. Aber es trifft einen wunden Punkt: Das Ausmaß schulischer Demokratie­bildung steigt, wenn die Lehr­kräfte über die relevanten Kompetenzen verfügen, dies etwa im Leit­bild der Schule verankert ist und in der Aus- und Fort­bildung einen hohen Stellen­wert hatte. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Demokratie­bildung in Schulen“, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt wurde und Ende vergangenen Jahres erschienen ist. Aller­dings gab nur ein Sechstel der befragten 1200 Lehrer an, sich im Studium intensiv damit aus­einander­gesetzt zu haben. In der Referendariats­zeit waren es noch weniger. Ist politische Bildung also ein hehres Ziel, das im Alltag bedenklich schrumpft?

„Die Berufsschule ist der letzte Zeitpunkt, an dem wir Jugendliche schul­pädagogisch erreichen können“, sagt Rico Behrens, Leiter des Projektes „Starke Lehrer – starke Schüler“, das von der sächsischen Landes­regierung und der Robert-Bosch-Stiftung unter­stützt wird. Diese Fort­bildung, die seit dem Jahr 2015 viele sächsische Berufs­schul­lehrer wahr­genommen haben, füllt eine Lücke in der Lehrer­aus­bildung in Sachsen: Denn Lehr­amts­studenten haben politische Bildung in ihrer Aus­bildung bislang nicht auf dem Stunden­plan. „Stehen sie dann vor der Klasse und Schüler äußern all­tags­rassistische Über­zeugungen, dann wissen sie häufig nicht, wie sie reagieren sollen“, sagt Behrens. Er ist Professor für Didaktik der Politischen Bildung an der Technischen Universität Dresden und fordert ein verpflichtendes Modul „Politische Bildung“ für alle Lehramtsstudenten.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) reagierte im Oktober vergangenen Jahres auf „veränderte gesell­schaftliche Rahmen­bedingungen und aktuelle politische Heraus­forderungen“ mit einer Über­arbeitung ihrer Empfehlungen. Demnach soll „Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule“ durch Beratung und Fort­bildung der Länder in den Schulen umgesetzt werden. Die Länder sollen auch prüfen, in welcher Weise dies die Prüfungs­ordnungen und Aus­bildungs­kapazitäten an den Universitäten betrifft, um auch zukünftige Lehrer zu erreichen. „Es wird zu Verteilungs­kämpfen um die Anteile inner­halb der vollen Studien­pläne kommen“, sagt Tonio Oeftering, Professor für Politische Bildung an der Universität Oldenburg. „Zudem sind die Kapazitäten für Politik­didaktik an den Universitäten derzeit nicht ausreichend.“ Obwohl die freiheitliche Grund­ordnung in den Schul­gesetzen der Bundes­länder verankert ist, ist die politische Bildung als sogenannte Quer­schnitts­funktion in der Lehramts­aus­bildung in den Bundes­ländern unter­schiedlich geregelt: In Bayern etwa wird Staats­bürgerliche Bildung in der Referendariats­zeit allen Lehr­amts­anwärtern jeder Schul­art vermittelt; im zweiten Staats­examen gibt es eine Prüfung. Dabei handelt es sich um eine Kombination: einer­seits Grund­lagen­kenntnisse, zum Beispiel politische Ideologien, anderer­seits die Vermittlung aktueller politischer Entwicklungen an Schüler – da geht es etwa um das Thema Migration. Es handelt sich um sogenanntes Quer­schnitts­wissen, das in jedem Schul­fach Anwendung findet.

Hohe Verunsicherung

In Hessen hingegen ist politische Bildung für alle Lehr­amts­studenten jeder Schul­art verpflichtender Teil ihrer Ausbildung und Prüfungs­inhalt des ersten Staats­examens. Die Universität Gießen etwa hält zwei Semester­module in der grund­wissen­schaftlichen Lehr­amts­aus­bildung mit acht Semester­wochen­stunden dafür vor. „Als Beamte und damit als Teil des Staates sind Lehr­kräfte verpflichtet, unser politisches System zu kennen, es reflektiert zu haben und an zukünftige Generationen weiterzugeben“, sagt Alexandra Kurth, Modul­verantwortliche am Institut für Politik­wissen­schaft. „In diesem Rahmen vermitteln wir Lehr­amts­studierenden diesen Bildungs- und Erziehungs­auf­trag.“

Dass politische Bildung früher mal zum Grundwissen in den Bildungs­wissen­schaften in Nieder­sachsen gehörte und durch die Bologna-Reform abgeschafft wurde, bedauert Dirk Lange, der Professor für Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Hannover ist. Zugunsten praxis­naher Schlüssel­kompetenzen habe man die demokratie­wissen­schaftlichen Inhalte aus der Ausbildung heraus­genommen. Nach Inklusion und Integration müsse nun aber auch das demokratie-didaktische Hand­werks­zeug wieder ein Pflicht­teil der Lehrer­aus­bildung werden, sagt er. Dabei sei es wichtig, zukünftigen Lehrern den Grund­satz zu vermitteln, dass sie zwar nicht parteilich, aber unbedingt parteiisch im Hinblick auf die demokratischen Grundwerte und die Menschen­rechte agieren sollten. Diese Unter­scheidung helfe auch bei der Heraus­forderung, die die Melde­portale der AfD an die Lehrer stellen.

Die Verunsicherung, die das Freischalten dieser Portale bei Lehrern und Lehr­amts­studenten hervor­gerufen hat, zeigt, wie wichtig politische Bildung für Lehrer ist. Sie sollen nicht davor zurück­schrecken, politische Themen im Unterricht auf­zu­greifen, kontrovers zu diskutieren und dabei Haltung zu zeigen. Um politische Bildung in der Lehrer­aus­bildung und Lehrer­fort­bildung auf­zunehmen, hat Sachsen im Jahr 2017 das Konzept „W wie Werte“ entwickelt, das dreißig Maßnahmen vorsieht: Das obligatorische Modul „Demokratische Schul­kultur“ etwa soll angehenden Lehrern aller Fächer Rüstzeug an die Hand geben. Im Konzept heißt es: „Die notwendigen Ressourcen dafür werden an den zuständigen Einrichtungen geschaffen.“ Laut sächsischem Kultus­ministerium sei man mit dem Wissen­schafts­ministerium in der Diskussion, wie die Umsetzung erfolgen soll. Die könnte kompliziert werden. Denn wegen 200 derzeit unbesetzten Stellen in Sachsen sind die Lehrer mit dem Thema politische Bildung – neben Digitalisierung, Inklusion und einem hohen Anteil an Seiten­ein­steigern – schon jetzt stark gefordert.

Souveräner vor der Klasse stehen

Hinzu kommen atmosphärische Spannungen. „Die ungleiche Behandlung der ab 2019 beginnenden Verbeamtung von jungen Lehrern in Sachsen entwickelt ein gewisses Frust­potential“, sagt Andreas Flemmig. Er ist Lehrer am beruflichen Schul­zentrum für Technik in Dresden und hat an dem Projekt „Starke Lehrer – starke Schüler“ teil­genommen. Der 39-Jährige, der auch Kfz-Mechatroniker schult, hatte sich aus persönlichem Interesse für die Teil­nahme entschieden. Er habe gelernt, souveräner vor der Klasse zu stehen, wenn verfassungs­feindliche Kommentare im Unterricht abgegeben würden, sagt er. Zudem erkenne er Codes und Kleidungs­stücke, die eine solche Gesinnung zum Ausdruck bringen. „Dafür gibt es Regelungen in der Haus­ordnung der Schule. Dann muss der Schüler entweder eine Jacke drüberziehen oder es anderweitig unkenntlich machen“, sagt Flemmig, der seit mehr als zehn Jahren unterrichtet. Schule sei ein Ort der Toleranz, sagt er. Er wende sich mit diesen Maß­nahmen nicht gegen den Schüler, sondern gegen die zur Schau getragene verfassungs­feindliche Gesinnung. Auch das Widerlegen von Falsch­aus­sagen, wie „Es kommt bald zu einer Über­völkerung“, mit denen Schüler im Unterricht auf­trumpften, falle ihm seit der Teil­nahme am Projekt viel leichter. Er wisse nun genau, in welchen Medien seriöse Daten zu finden sind.

Der sächsische „Werte“-Katalog sieht vor, dieses Modell­projekt flächen­deckend an allen berufs­bildenden Schulen und an anderen Schul­arten zu etablieren. Allerdings stellte Sebastian Fischer von der Universität Hannover in seiner externen Evaluation des Projektes fest: „Es wirkt für die einzelne Lehr­kraft, aber nur bedingt im System.“ Die Handlungs­sicher­heit der teil­nehmenden Lehrer habe zugenommen, schreibt er. Ihre Funktion als Multiplikator in der Schule sei aber – teils an der ablehnenden Reaktion im Kollegium, teils am geringen Interesse der Schul­leitung – gescheitert.

Dass Demokratie kippen kann, wenn sie nicht fest verankert ist, erstaunt Politik­professor Oeftering aus Oldenburg nicht. In Niedersachsen habe man 60 Jahre nach Kriegs­ende gedacht, dass es etwa die Landes­zentrale für politische Bildung nicht mehr brauche. Ende 2004 sei diese geschlossen und erst 2016 wieder­eröffnet worden, sagt er. Der politischen Bildung komme häufig eine Feuer­wehr­funktion zu: Immer wenn es brenne, solle sie einschreiten. Dabei sei politische Bildung ein lang­fristiger Prozess. In Nieder­sachsen würden zudem häufig fach­fremde Lehrer Politik unterrichten. „Du liest doch auch den Spiegel, dann mach mal den Politik­unterricht“, heiße es dann. Möglich seien zwar Fort­bildungen und Quer­ein­stiege, die könnten aber kein eigen­ständiges Studium ersetzen. Auch würden die Empfehlungen zur politischen Selbst­erfahrung der Schüler durch Bildung von Schüler­vertretungen und Veranstaltungen mit externen politischen Bildungs­trägern – etwa aus der Flüchtlings­hilfe – nicht den Politik­unterricht ersetzen.

Dieser fristet in Deutschland ohnehin ein mageres Dasein. Die Studie „17 Minuten Politik, 20 Sekunden Rede­zeit“ der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2017 zeigt anhand der Stunden­tafeln der Sekundar­stufe I in Nordrhein-Westfalen, dass die Schüler durch­schnittlich zwanzig Sekunden Rede­zeit pro Woche haben, um ihre politischen Positionen vorzutragen und zu diskutieren. „Leider wird diese Unterrichts­einheit häufig noch als Klassen­lehrer­stunde zweck­ent­fremdet und der nächste Wander­tag besprochen“, klagt Mahir Gökbudak, Mitautor der Studie. „Seit dem Pisa-Schock werden vor allem harte Fächer wie Natur­wissen­schaften gefördert.“ Dabei sei auch eine politische Debatten­kultur wichtig. Durch die verbreiteten Multiple-Choice-Antworten in Prüfungen entfalle zudem häufig der Zwang, dass Schüler Argumente formulieren müssten, sagt Gökbudak.