Umfrage zu Corona : Die Last der Lehrer

Zug um Zug soll der Unterricht in den Schulen wieder aufgenommen werden. Aber wie? Viele Lehrer sind sehr skeptisch, wie eine Umfrage zeigt. Sie machen der Politik schwere Vorwürfe.

Dieser Artikel erschien am 09.06.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Unterricht in Corona-Zeiten: Vierte Schulklasse in Hamburg
Unterricht in Corona-Zeiten: Vierte Schulklasse in Hamburg
©dpa

Die deutschen Lehrerverbände übertreffen sich derzeit täglich an düsteren Befürchtungen für die angestrebte Rückkehr zum Präsenzunterricht nach den Sommerferien. In Sachsen und Schleswig-Holstein unterrichten Lehrer die Grundschüler schon jetzt wieder im Klassenverband. Die Abstandsregeln sind in diesen Klassen aufgehoben. Dafür müssen die Gruppen konstant bleiben. „Die Kultusministerien ordnen die Aufhebung des Abstandes an, während sich jede dritte Lehrkraft durch die bestehenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen jetzt schon nicht ausreichend geschützt fühlt“, so kommentierte am Dienstag der Vorsitzende des Verbandes für Bildung und Erziehung (VBE) Udo Beckmann eine Umfrage unter 1006 Lehrern allgemeinbildender Schulen, die er beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegeben hatte.

Mehr als zwei Drittel der Lehrer beklagen, dass es keinen Schutz durch Plexiglasscheiben gibt, und jeder dritte ärgert sich, selbst die Schulräume putzen zu müssen, um den höheren Rhythmus bei der Reinigung zu gewährleisten. „Anstatt ein angemessenes Arbeitsumfeld mit ausreichend Zeit für Bildung und Erziehung zu schaffen, bekommen Lehrkräfte den Putzeimer in die Hand gedrückt“, so verprellten die Kultusminister ihre Lehrer, sagt Beckmann.

Am vergangenen Wochenende warfen andere Lehrerverbände den Ministern gar Realitätsverweigerung und Wunschdenken vor, so undenkbar scheint ihnen die Rückkehr zum Präsenzunterricht. Während der Deutsche Lehrerverband für eine Maskenpflicht im Unterricht plädiert, hält der Deutsche Philologenverband sie für unmöglich, und so folgt eine Forderung auf die nächste.

„Risiken, die nicht kalkulierbar sind“

Lehrer beklagen, dass sie durch das Online-Lernen eine höhere Belastung haben – das sagen auch Professoren, klagen aber nicht. Der VBE fordert die Kultusministerin dazu auf, endlich für die nötigen Fortbildungen für echtes digitales Lernen in der Dienstzeit zu sorgen. Und digitales Lernen bedeutet nicht, dass man Arbeitsblätter im Internet verschickt.

Realistisch sehen die Lehrer indessen die Lerndefizite nach der Schulöffnung: 82 Prozent halten es für das oberste Ziel, die Lernunterschiede auszugleichen, die in der Zeit der Schließung entstanden sind, bei den Grundschullehrern sind es sogar 90 Prozent. 92 Prozent der Lehrer geben an, dass die Hygieneregeln an ihrer Schule sehr gut befolgt werden. Trotzdem äußern sie Befürchtungen, die auch andere Arbeitnehmer in Werkshallen, Großraumbüros, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Arztpraxen und Krankenhäusern haben dürften. Einen hundertprozentigen Gesundheitsschutz wird es für niemanden derzeit geben. Corona-Tests, die von 74 Prozent der Lehrer befürwortet werden, könnten aber immerhin frühzeitig auf Infektionsherde hindeuten.

„So sehr wir uns die gewohnte schulische Arbeitssituation herbeisehnen, es spricht nicht viel dafür, Risiken einzugehen, die nicht kalkulierbar sind“, teilt der hessische Philologenverband mit. Unkalkulierbar sind die Risiken allerdings auch in Influenza-Zeiten.

Der Thüringer Lehrerverband, der am Donnerstag eine Umfrage über die Ängste seiner Mitglieder vor einer Corona-Infektion veröffentlicht, wirft den politisch Verantwortlichen gar vor, die Lehrer zu Versuchskaninchen machen zu wollen. Die Kultusministerien allerdings wissen, wie groß ihre Verantwortung für die Lehrer und die Schüler ist. Aber sie sehen auch, welche uneinholbaren Defizite sich bei den Schülern ansammeln. Und es gibt kein Ministerium, das nach den Sommerferien nicht einen Plan B und C in der Schublade liegen hätte, der einen Wechsel von Online- und Präsenzlernen oder eine Rückkehr zum Online-Lernen organisierte.