Flüchtlinge aus der Ukraine : Die Krisenerfahrung der Schulen zahlt sich aus

Hunderttausende Kinder aus der Ukraine brauchen Bildung in Deutschland. Einfach wird es nicht, aber diese fünf Erkenntnisse werden den Schulen dabei helfen.

Dieser Artikel erschien am 29.03.2022 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Schülerinnen und Schüler einer neu eingerichteten Willkommensklasse für geflüchtete Kinder aus der Ukraine
Schülerinnen und Schüler einer neu eingerichteten Willkommensklasse für geflüchtete Kinder aus der Ukraine
©dpa

Die deutschen Schulen können mehr, als man ihnen vielleicht zutraut. Erst war da die Inklusion behinderter Kinder in die Schulen, dann waren da die vielen geflüchteten syrischen oder afghanischen Kinder und Jugendlichen 2015 und 2016. Und dann kam Corona mit den immer neuen Schul­schließungen. Stetig stieg während all der neuen Aufgaben und Krisen der Lehrer­mangel. Und nun könnten Hundert­tausende ukrainische Schüler und Schülerinnen bei uns in den Schulen ankommen. Wenn erschöpfte Lehrer und Lehrerinnen jetzt ein bisschen jammern, ist das verständlich. Aber schaffen werden sie auch das, wie es Angela Merkel ausdrücken würde.

Denn Schulen haben aus den Krisen gelernt. Sogar die Behörden haben gelernt. Statt dass alle Bundes­länder (ausschließlich) für sich allein planen und experimentieren, hat die Kultus­minister­konferenz diesmal eine Taskforce mit Expertinnen und Experten aus allen Bundes­ländern gebildet, die unter anderem versucht, Daten zu sichern: Zunächst geht es darum, wie viele Schüler und Schülerinnen überhaupt wo ankommen. Die Taskforce soll laut der Präsidentin der Kultus­minister­konferenz, Karin Prien, auch dafür sorgen, dass digitale ukrainische Lehr­materialien rechtlich abgesichert und stabil von allen Schulen genutzt werden können. Die Expertinnen sollen zudem eruieren, welche Mittel die Länder für zusätzliche Lehrkräfte und Räume benötigen. Zu hoffen ist, dass diese Taskforce Leit­linien für deren Unterricht erarbeitet, an denen sich alle Schul­leiterinnen orientieren können, selbst wenn sie im Detail improvisieren müssen. Daneben gibt es mindestens fünf Erkenntnisse, die Schul­leitungen und Lehrer aus der Vergangenheit gelernt und von denen nun ukrainische Kinder profitieren könnten. Und die – evaluiert und professionalisiert – anderen Kindern in Zukunft zugutekommen werden.

Zweisprachigkeit wird jetzt gefördert

Derzeit ist nicht absehbar, wie lange die Geflohenen bleiben wollen oder müssen. Einigkeit besteht aber darüber, dass die Kinder schnell Deutsch lernen sollten. Anders als 2015 soll es daher möglichst viele Angebote in ukrainischer Sprache geben. So könnten geflohene ukrainische Lehrerinnen beispiels­weise ukrainischen Geschichts­unterricht erteilen. Ukrainische Deutsch­lehrerinnen sollen etwa in Hamburg Willkommens­klassen leiten. Unterstützt werden sollen auch die Kinder, die noch Kontakt zu ihren Klassen­kameraden in der Ukraine halten, weil der Lehrer oder die Lehrerin sie weiter via Video unterrichtet. Außerdem können sie über die gut ausgebauten ukrainischen Lern­platt­formen und mit digitalen Lern­materialien lernen – ältere Schüler und Schülerinnen vielleicht auch so den Abschluss machen.

Das ist eine gute Idee, viele Geflüchtete wollen wahrscheinlich so bald wie möglich in die Ukraine zurückkehren. Außerdem nutzt Mehr­sprachigkeit auch der Integration. Manche Bundesländer haben damit (meist mit arabischem oder türkischem Unterricht) gute Erfahrungen gemacht. Felicitas Thiel, Professorin für Schul­entwicklung an der FU Berlin und Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (Stäwiko), die die Kultusminister wissenschaftlich berät, sagt: “Wenn die eigene kulturelle Identität und der Bezug zur Herkunfts­kultur gefördert wird, ist das eine wichtige Entwicklungs­ressource.” Wer sich marginalisiert fühle, könne sich umgekehrt schwer entwickeln. Ideal wären den Unterricht ergänzende Angebote in ukrainischer Sprache. Um das zu ermöglichen, müssen gegebenen­falls auch zivil­gesellschaftliche Akteure wie Stiftungen einbezogen werden.

Schnelle Integration in die Regelklassen

Nach 2015 wurden viele Kinder und Jugendliche recht lange in sogenannten Willkommens­klassen unterrichtet. Die Klassen hatten unterschiedliche Bezeichnungen, waren aber in der Regel reine Deutsch­lern­klassen. Studien haben aber gezeigt, dass es für Schülerinnen und Schüler besser ist, wenn sie nicht zu lange in solchen Extra­klassen sind, sondern bald mit Kindern aus Deutschland in Kontakt kommen sollten, sagt der Direktor vom Mercator-Institut für Sprachförderung, Michael Becker-Mrotzek. Auch Soziologin Juliane Karakayali spricht sich dafür aus, dass die Kinder bald gemeinsam unterrichtet werden sollten. Auf keinen Fall sollten sich Fehler von 2015 und 2016 wiederholen, sagt die Expertin. An vielen Schulen sei es vorgekommen, dass die Vorbereitungs- oder Willkommens­klasse beim Schul­aus­flug oder Sportfest einfach vergessen wurde. Doch wenn so etwas geschehe, würden die Kinder marginalisiert und mitunter stigmatisiert, sagt Karakayali.

Pragmatismus ist jetzt oberste Tugend

In einigen Bundesländern hat man bereits konkrete Entscheidungen getroffen. Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Thüringen haben beschlossen, die neu zugewanderten ukrainischen Schüler und Schülerinnen vom ersten Tag an einer Regel­klasse zuzuweisen und zusätzlich Deutschkurse zu erteilen. In den anderen Bundesländern wird der Standard eher weiter die Vorbereitungs-/Willkommens­klasse bleiben. Aber auch hier wichen Schulen immer mal wieder davon ab, wenn es für ihre Situation passe, sagt die Bildungs­expertin Karakayali.

Besonders in Großstädten wie etwa Berlin könnten – schon aus purer Not wegen der hohen Flüchtlings­zahlen – rein ukrainische Lernklassen entstehen. Karakayali warnt jedoch davor. Die Erfahrung der Gast­arbeiterk­lassen habe gezeigt, dass Kinder aus solchen Sonder­klassen erst gar nicht integriert worden seien. Mehr noch: Sie erhielten schlechteren Unterricht, ihre Bildungs­chancen waren daher schlechter. Mit dem Wissen von damals kann man vorbeugen: Selbst wenn viele ukrainische Kinder zunächst in einer gemeinsamen Klasse unterrichtet werden müssen, lässt sich mit gemeinsamem Sport- und Kunst­unterricht, mit Paten­schaften zwischen Deutsch sprechenden und ukrainischen Kindern oder anderen Projekten vorbeugen und die Integration fördern.

Die Digitalisierung muss vorangehen

Schließlich kann das deutsche Bildungssystem auch von der Ukraine lernen. Das osteuropäische Land ist bei der Digitalisierung viel weiter als die Bundes­republik. Das gilt auch für den Online­unterricht. In der Corona-Krise wurden dort sämtliche Materialien digital zur Verfügung gestellt. Private Institute können den gesamten Lehrplan von Klasse fünf bis zu den jeweiligen Abschlüssen online anbieten – eine große Chance, um die geflüchteten Kinder und Jugendlichen nun in ihrer Muttersprache unterrichten zu können. Und für Deutschland sollte dies nicht nur ein Beispiel, sondern auch ein Anreiz sein, nun endlich alle Schulen mindestens mit starkem WLAN und Leih­geräten auszustatten, sodass nicht nur der muttersprachliche Unterricht für die Flüchtlingskinder, sondern auch der deutsche Unterricht digital uneingeschränkt gelingt.

Lehrer brauchen Unterstützung

Sich digital besser aufzustellen – und das rasch – könnte auch eine Hilfe sein, um das Problem des Raum- und Lehrer­mangels etwas zu mildern. Jetzt kommen noch Zehn­tausende ukrainische Schülerinnen und Schüler dazu. Es ist wohl nicht zu vermeiden, dass in manchen Orten die Klassen größer werden. Einige Schüler und Schülerinnen könnten selbst­ständig an eigenen Projekten oder vertiefenden Übungen arbeiten, gerne auch digital, je nach individuellem Bedarf. Und die anderen, die darauf angewiesen sind, erhalten die Unterstützung von der Lehrerin oder dem Lehrer. Dann würde auch die propagierte Individualisierung an den Schulen langsam ernster genommen, auch wenn das nur erste Schritte wären. Thiel sagt, die Individualisierung des Unterrichts werde bisher oft nur an der Oberfläche praktiziert, zum Beispiel mit Wochenplänen.

Multiprofessionelle Teams sind ebenfalls eine alte Forderung, die nur an manchen Schulen praktiziert wird. Bildungs­forscher, -verbände und -gewerkschaften fordern sie seit Langem. Es arbeiten Psychologen, Deutsch-als-Zweitsprache-Lehrkräfte, Sonder­pädagoginnen, Sozial­arbeiterinnen und Erzieher mit den Lehrerinnen zusammen. Mehr Verwaltungs­personal könnte die Lehrkräfte ebenfalls entlasten. Solche Teams würden nicht nur Kindern, die vor einem Krieg geflohen sind und die sich oft um ihre Väter und Brüder sorgen, zugutekommen. Die Stäwiko empfiehlt psychologische Hilfe auf drei Ebenen: erstens Hilfetelefone und psychoedukative (Online-)Angebote in ukrainischer Sprache, zweitens Gesprächs­gruppen für Kinder und Jugendliche etwa mit Sozial­pädagoginnen auf Ukrainisch und therapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche mit schwerer Symptomatik zur Trauma­bewältigung, eventuell mit Dolmetschern. KMK-Präsidentin Prien sagt jedenfalls zu, dass mehr Schul­sozial­arbeiterinnen und Schul­psychologen zum Plan gehören.

Improvisieren hilft

Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, dass Engagement und Improvisation nach vorne führen. Während der Corona-Krise klärten Lehrerinnen eben über WhatsApp Fragen zu den Schulaufgaben, obwohl es verboten war. Oder fuhren Lehrer mit dem Fahrrad zu den Kindern ohne WLAN, brachten Aufgaben­zettel und Lehrbücher. Redeten vor der Tür ein paar Worte darüber, wie es dem Kind geht. Neues ausprobieren, statt zu lamentieren.

Jetzt schauen Behördenmitarbeitende sich in Facebook-Gruppen um oder telefonieren mit ukrainischen Vereinen, um ukrainische Lehrerinnen zu engagieren. KMK-Präsidentin Prien sagt, es werde auch geprüft, ob mittel­fristig die Abschlüsse ukrainischer Lehrkräfte anerkannt werden könnten. Pragmatismus schlägt auch in diesem Fall Bürokratie. Vielerorts melden Schul­leiter ukrainische Kinder, die in der Schule auftauchen, einfach, anstatt sie an die zuständige Behörde zu verweisen. In der Arche in Berlin betreuen ukrainische Lehrkräfte bereits Kinder, die noch keinen Schulplatz haben. Hamburg will ukrainische Lehrer einsetzen, um gleich in den Erst­unterkünften ein schulähnliches Angebot für die Kinder zu ermöglichen. Das würde den Kindern auch Struktur im Alltag und vor allem Ablenkung geben – und die Mütter hätten Zeit, selbst einen Deutschkurs zu besuchen.

Dieses Eben-mal-Machen wird in der kurzen Zeit und bei fehlenden Fachleuten keine perfekten Lösungen bringen, aber immerhin schnelle Angebote in die richtige Richtung. Nur muss man später auch prüfen, was gut gelaufen ist. Und nicht einfach hoffen, dass sich die Dinge von allein regeln. 2015 und 2016 haben die deutschen Schulen vieles geschafft. Die Bürokratie indes nicht. Karakayali sagt etwa, dass es bis heute vielerorts keine vorgegebenen Lehrpläne für die Vorbereitungs-/Willkommens­klassen gibt.