Schulabbruch in der Corona-Pandemie : Die Geschichte vom Abbruch

Seit einem Jahr heißt es, Corona treibe die Zahl der Schulabbrecher in die Höhe. Was ist da dran?

Dieser Artikel erschien am 01.03.2022 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Schüler sitzt allein auf Bank
Die Lernlücken aufgrund der Schulschließungen bleiben überschaubar – bisher.
©iStock

Wer solche Botschaften hat, kann sich öffentlicher Aufmerksamkeit sicher sein: Man erwarte, „dass in diesem Jahr rund 104.000 Jugendliche ohne Abschluss die Schule verlassen werden – und damit etwa doppelt so viele wie in Nicht-Pandemiejahren“. So hieß es in einer Pressemitteilung der Bundesarbeitsgemeinschaft der deutschen Landesjugendämter zu den Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche im vergangenen April. Grundlage war eine Umfrage unter Mitarbeitern der Jugendämter. Auch Kinder aus der Mittelschicht, so der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Lorenz Bahr, erleben einen „früheren Karriereknick“.

Das mediale Echo war gewaltig. Ob Deutschlandfunk oder Tagesschau, Focus oder Stuttgarter Zeitung – alle berichteten. Der Bonner General-Anzeiger sah „zahlreiche aufgebende Jugendliche“, die Welt prophezeite „Narben in Bildungsbiografien, bis hin zu einer niedrigeren Lebenserwartung“. Bild machte aus der Warnung gleich eine Tatsache: „Doppelt so viele Schulabbrecher“.

Das Scheitern vieler Schüler schien durchaus plausibel. Schließlich warnen Kultusminister seit den ersten coronabedingten Schulschließungen im März 2020 vor „massiven Lernrückständen“. Und Schulleitungen wie Lehrkräfte berichten in vielen Artikeln von einem „Homeschooling-Desaster“ (Spiegel Online) oder von Schülern, die „gar nicht mehr richtig formulieren können“. Da schien die von den deutschen Jugendämtern gelieferte Zahl das Erwartbare zu bestätigen.

Doch will man Genaueres erfahren, stellt man überrascht fest, dass das Thema Schulabbruch in der Umfrage nicht vorkommt. In der Online-Erhebung, durchgeführt vom Mainzer Institut für Sozialpädagogische Forschung (ism), berichten die Mitarbeiter der Jugendämter von vielen Problemen ihrer Schützlinge: von „weniger Kontakten zu Gleichaltrigen“, einer Verschlechterung „der gesundheitlichen Entwicklung“ und der „schulischen Teilhabe“. Die konkrete Frage des Schulabbruchs wird aber nicht gestellt. Nur vage wird im Kapitel „Befunde im Überblick“ auf eine „eigene Hochrechnung“ der zukünftigen Jugendlichen ohne Schulabschluss verwiesen.

Die Hochrechnung hätte es nicht gebraucht. Abbrecherzahlen sind kein Staatsgeheimnis. Ihre Entwicklung ist bei den Statistikämtern gut dokumentiert. Und sie weist seit Jahren nach unten. Auf dem Nationalen Bildungsgipfel 2008 hatte sich die Politik vorgenommen, die Zahl der Schüler ohne Schulabschluss zu halbieren. Das wurde ein Stück weit erreicht: Verließen im Jahr 2000 noch 86.600 Mädchen und Jungen die Schule ohne Hauptschulabschluss, waren es zwanzig Jahre später 45.000; rund die Hälfte stammt aus Förderschulen.

Ausgerechnet 2020, in dem Jahr, in dem die Landesjugendämter eine Verdopplung diagnostizierten, sank der Anteil der Abbrecher besonders stark: von 6,8 auf 5,9 Prozent. Eine gute Nachricht also, von der jedoch wenig in der Öffentlichkeit zu hören war. Auch für 2021 liegen die Daten aus einigen Bundesländern vor, etwa aus Hamburg, Nordrhein-Westfalen oder Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt sind die Abbrecherzahlen etwas höher als 2020, aber noch unter Vor-Corona-Niveau. Von einer Verdopplung keine Spur.

Das jedoch hinderte die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter nicht daran, die Verdopplungsthese mehrmals öffentlich zu wiederholen, immer wieder mit breitem öffentlichen Echo. Auch der Deutsche Kinderschutzbund übernahm die Zahl ungeprüft. Zum Schulanfang im August führte das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) – ein Verbund aus sechzig Tageszeitungen – ein Gespräch mit dessen Vorsitzendem Heinz Hilgers und meldet „exklusiv“: „Kinderschutzbund schlägt Alarm: Zahl der Schulabbrecher hat sich erneut verdoppelt.“ Und da die Nachricht gut lief, wiederholt RND zwei Tage später die Story, nur schlugen diesmal wieder die Jugendämter Alarm.

Wie ist das möglich? Warum findet Pseudoempirie leichter den Weg in die Öffentlichkeit als von Statistikämtern erhobene Zahlen? Eine simple Antwort wäre: Schlechte Nachrichten stoßen bei Journalisten wie Lesern und Zuschauern auf größeres Interesse als gute. Bad news are good news. Hätte die Kultusministerkonferenz verkündet: „Schulabbrecherquoten stärker denn je zurückgegangen“, hätte es zu Recht Zweifel und Nachfragen gegeben: Sind die Zahlen verlässlich? Wie ist das möglich? Bei der negativen Botschaft „Schulabbrecherquoten verdoppelt“ versagte die journalistische Skepsis.

Was die Corona-Folgen fürs Lernen deutscher Schüler und Schülerinnen angeht, ist die Situation jedoch kniffliger. Denn bei der Frage, wie sehr sich Pandemie, Unterrichtsausfall und Homeschooling auf die Leistungen auswirken, fällt die Antwort von Lehrern, Schulleitern oder Eltern sehr viel negativer aus als jene der Wissenschaft. So meinten etwa in einer Umfrage des Deutschen Schulportals im vergangenen Herbst 71 Prozent der Lehrkräfte, dass aufgrund von Corona „deutlich weniger oder eher weniger Schüler“ die Lernziele erreicht haben.

Diese erlebte Wirklichkeit der Betroffenen in den Schulen lässt sich jedoch bislang kaum in Einklang bringen mit der von der Wissenschaft gemessenen Wirklichkeit. Anders formuliert: Die These der riesigen Lernlücken aufgrund von Corona erweist sich bislang als recht lückenhaft.

Das zeigt sich nicht nur bei den Schulabbrechern, deren Zahl gesunken ist, sondern auch bei den Sitzenbleibern und den Abiturzeugnissen. So haben die letzten beiden Corona-Jahrgänge bessere Abi-Noten als die Jahrgänge davor. Der positive Sprung im vergangenen Jahr war sogar der größte im letzten Jahrzehnt. Der Abi-Schnitt für den Jahrgang 2021 liegt bislang (Angaben von vier Ländern fehlen noch) bei 2,25 – nach 2,37 und 2,38 in den Jahren davor. Bei den Sitzenbleibern sieht es vergleichbar aus. Hier hat sich die Quote der „Verbleiber“ (Behördensprache) im Corona-Jahrgang 2020 fast halbiert.

Eine Leistungsexplosion steckt aber kaum hinter diesen positiven Trends, eher die Milde der Schulpolitik. So beschlossen die Kultusminister schon zu Beginn der Covid-Krise, dass den Schülern keine Nachteile aus der „pandemiebedingten Ausnahmesituation“ erwachsen dürften. Sie gewährten den Abiturienten mehr Vorbereitungszeit, zudem durften diese 30 Minuten länger an den Aufgaben arbeiten. Zentrale Prüfungen für Haupt- und Realschüler fielen oft ganz aus. Ähnliche Nachsicht übten die Schulbehörden auch gegenüber potenziellen Sitzenbleibern. Oder wie es im Schulbericht des Statistischen Bundesamtes heißt: „Vielfach wurde die Versetzung nicht an die schulischen Leistungen geknüpft.“

Insofern geben diese Corona-Abschlüsse keinen sicheren Hinweis auf die Größe möglicher Leistungseinbußen. Dafür braucht es Messungen, die den Lernstand während der Corona-Zeit mit dem Niveau der Jahre davor vergleichen. Aber auch dazu liegen mittlerweile einige Untersuchungen vor. Am interessantesten ist ein Projekt des Münsteraner Bildungsforschers Elmar Souvignier. Er hat ein Analysetool entwickelt, mit dem Lehrkräfte mehrmals im Jahr per kurzem Test die Lese- und Mathefähigkeiten ihrer Schüler ermitteln. 8000 Schülerinnen und Schüler nehmen seit Jahren an dem Versuch teil und liefern damit den Forschern eine Menge Leistungsdaten – auch während der Pandemie. Der Vergleichsbefund für den ersten Lockdown von März bis Mai 2020 hat Souvignier selbst überrascht: Corona hatte danach keinen Einfluss auf das, was die Grundschüler gelernt haben. Ebenso spektakulär unspektakulär („keinerlei Lernrückstände“) fiel damals das Ergebnis des Forschungsinstituts der Hamburger Schulbehörde für diesen Zeitraum aus.

Was aber ist mit der zweiten Schulschließung Anfang 2021, die statt im Schnitt fünf sogar acht Wochen dauerte? Auch hier stellt der Schulforscher Souvignier beim Gesamtergebnis kein Kompetenzminus fest, aber eine „größere Spreizung“ der Leistungen: Schwache Schüler sind noch schwächer geworden, leistungsstarke noch stärker (trotz Ausfall von Präsenzunterricht).

Ähnliche Resultate zeigen die Vergleichsarbeiten, die die Bundesländer in den Schulen seit Jahren regelmäßig unter Kürzeln wie „Vera“ oder „Kermit“ schreiben lassen, einige auch in der Pandemie. Hier melden Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Hamburg oder Bremen ebenso: keine oder kaum Kompetenzverluste im Gesamtschnitt, jedoch (punktuell) ein weiteres Auseinanderdriften der Leistungsschere. In Hamburg lag der Anteil der lernschwachen Drittklässler im Fach Lesen vor Corona bei 25 Prozent, nun wuchs er auf 28 Prozent. Fast kurios ist auch das Bremer Ergebnis für Achtklässler: Hier lagen die Matheresultate im Jahr 2021 im Schnitt über (!) denen der Vor-Corona-Zeit. Auch in Hamburg hatten die Drittklässler bei der Rechtschreibung insgesamt überraschenderweise im Schnitt zugelegt. Und in Schleswig-Holstein hieß es für die Achtklässler: „In Deutsch sind weder in der Domäne Lesen noch in der Domäne Orthografie Veränderungen feststellbar.“ In den Gymnasien wiederum stieg der Anteil der Schüler, die auf gehobenem Niveau Englisch sprechen, in der Pandemie – vielleicht eine Folge extensiven Konsums von Netflix-Serien, die meist auf Englisch gesehen werden.

„Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Lerneinbußen in Deutschland eher gering auszufallen scheinen“, so das Fazit des österreichischen Bildungsforschers Christoph Helm, der für einen Aufsatz in der Fachzeitschrift Die Deutsche Schule sämtliche Untersuchungen zu den Lernfolgen der Pandemie 2020 analysiert hat und sich jetzt die Erhebungen von 2021 für die ZEIT angeschaut hat.

Gewiss, getestet wurde nur in einigen Bundesländern und Klassenstufen, zudem meist nur die Kernfächer Lesen, Schreiben, Mathematik. Bedingt durch die Corona-Zeit ist die Vergleichbarkeit der Leistungskontrollen nicht hundertprozentig gegeben. Möglicherweise ergeben sich in anderen Regionen, Altersstufen oder Disziplinen andere Ergebnisse, etwa im Fach Sport, das coronabedingt häufiger ausfiel.

Die offizielle Antwort auf die Frage nach den Corona-Folgen für die Leistungen der Schüler in der Grundschule steht aber noch aus. Sie kommt im Herbst. Dann veröffentlicht das von der KMK eingesetzte Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) seine Testergebnisse. Vergangenen Sommer hat das IQB dafür die Leistungen von Viertklässlern in Deutsch und Mathematik vermessen.

Bis dahin aber heißt der vorläufige Befund der Wissenschaft knapp zwei Jahre nach der ersten Schulschließung im März 2020: Der Leistungsabsturz infolge von Corona ist ausgeblieben.

Anders sieht es bei den seelischen Folgen der Corona-Krise für viele Kinder und Jugendliche aus. Hier ermittelte die Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf „psychische Auffälligkeiten“ bei jedem dritten Kind.

Vielen Lehrkräften dürften die Ergebnisse der Schulforschung dennoch fragwürdig, ja realitätsfern erscheinen, stehen sie doch konträr zur eigenen Erfahrung. Spiegelt das, was das Lehrpersonal aus dem Klassenraum berichtet, nur eine gefühlte Wirklichkeit? Oder sind umgekehrt die Kompetenzmessungen nicht so zuverlässig, wie die Wissenschaft behauptet? Das wäre folgenreich, denn seit der ersten Pisa-Veröffentlichung 2001 richten die Schulminister ihr Handeln stark an den Ergebnissen der „empirischen Bildungsforschung“ aus. Auch allgemein hat die Wissenschaft in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen. Da ist es wichtig, dass sich Politik und Öffentlichkeit auf sie verlassen können.

Oder aber – dritte Möglichkeit – ist die Gruppe der schlechten Schüler (leider zum großen Teil Jungen) einfach weitgehend resistent gegen Veränderungen: im Negativen durch eine Pandemie, im Positiven durch jede Art von Schulpolitik? Denn der Anteil der Leistungsschwachen ist bekanntlicherweise seit Jahrzehnten gefährlich groß.

Wie aber kam nun die Meldung von den vielen Schulabbrechern zustande? Lorenz Bahr von den deutschen Landesjugendämtern gibt sich mittlerweile zerknirscht: „Wir haben uns da zu weit aus dem Fenster gelehnt. Als Jugendhilfe können wir nicht viel über die Schule sagen.“ Aber die mit der Öffentlichkeitsarbeit beauftragte Agentur habe gemeint, eine Zahl in der Pressemitteilung wäre gut. So sei es zu dem „Schätzwert“ (Verdoppelung) gekommen.

Katastrophen-PR mittels Pi mal Daumen, die bis heute nachwirkt. Noch Anfang dieses Jahres – die offiziellen Zahlen lagen lange vor – sagte der Kinderschutzbund-Chef Hilgers in einem Interview mit der Rheinischen Post: „Leider haben wir sogar eine Verdopplung der Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss von 50.000 auf 100.000 seit Beginn der Pandemie.“ Die negative Aussage wurde von anderen Medien aufgenommen und weiterverbreitet.