Lehrkräftemangel an Schulen : Die Flucht der Frustrierten

Gutes Gehalt, feste Stelle, lange Ferien: Trotzdem geben Lehrer ihren Beruf auf – aus Frust. Um die Personalnot zu bekämpfen, müsste die Politik an anderen Stellschrauben drehen als bisher.

Dieser Artikel erschien am 09.04.2022 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
leeres Klassenzimmer
Klasse ohne Lehrkraft: An Deutschlands Schulen ist die Personalnot groß (Symbolbild)
©dpa

Sie liebe ihren Beruf, sagt sie, und trotzdem überlege sie hinzuwerfen. Zu kündigen und irgendetwas ganz anderes zu machen. „Ich habe ständig das Gefühl, die Anforderungen nicht zu erfüllen“, sagt Schilan Kurdpoor, „weil sie einfach nicht zu erfüllen sind, jedenfalls nicht so, wie ich mir das vorstelle.“

Seit vier Jahren ist Kurdpoor, 33, Lehrerin an einer Sekundarschule in Berlin-Steglitz. Für sie kein Beruf, sondern eine Berufung.

„Ich wollte es unbedingt besser machen als meine eigenen Lehrer“, sagt Kurdpoor. Und zählt auf: Kindern zuhören, Wertschätzung ausdrücken, ihnen nicht nur Leistung in den Fächern abverlangen und sie danach bewerten, sondern sie mit all ihren Talenten sehen, ihnen vermitteln: Du bist gut so, wie du bist. Aber all dies, so empfindet es Kurdpoor, sei in dem bestehenden System nur schwer möglich.„Es frustriert mich unglaublich, in diesem System mitzuspielen, das das Selbstwertgefühl vieler Kinder zerstört“

Einige ihrer Schüler hätten Fünfen im Zeugnis, sie hätten schwierige Startbedingungen gehabt und kämen deshalb im Unterricht schlecht mit. „Das ganze Zeugnis sagt: ›Du kannst nichts‹“, findet Kurdpoor. Dabei seien diese Schüler echte Sprachtalente, sie beherrschten neben Deutsch vielleicht zwei bis drei andere Sprachen, und sie hätten hohe soziale Kompetenzen. „Es frustriert mich unglaublich“, sagt die Lehrerin, „in diesem System mitzuspielen, das das Selbstwertgefühl vieler Kinder zerstört.“

Kurdpoor überlegt, wie lange sie das noch mitmachen will. Ein Jahr will sie der Sache Zeit geben und dann entscheiden, ob sie bleibt – oder aussteigt. Schlimmstenfalls hat das Schulsystem bald wieder eine Fachkraft weniger.Ausstieg per Attest, Altersticket – oder einfach so

Seit Jahren herrscht an Deutschlands Schulen Personalnot . Die Politik ringt darum, Menschen in die Schulen zu holen. Sie setzt auf Quer- und Seiteneinsteiger, beschäftigt Honorarkräfte, stockt Studienplätze fürs Lehramt auf, lockt mit Zulagen. Aber tut sie genug, um die Flucht der Frustrierten aus dem System zu stoppen?

Die Gründe für den Ausstieg sind wenig erforscht. Von den rund 17.000 Beamten, die den Schuldienst im Jahr 2020 bundesweit verließen und Anspruch auf ein „Ruhegehalt“ hatten, hatte nicht einmal jeder dritte die gesetzliche Altersgrenze erreicht.

Knapp 2200 waren „dienstunfähig“, konnten ihre Arbeit mit Schülerinnen und Schülern also aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr bewältigen. Knapp die Hälfte aus dieser Gruppe war jünger als 60 Jahre. Im Vergleich zum Jahr 2010 ist der Anteil derjenigen, die wegen Dienstunfähigkeit ausscheiden, deutlich kleiner geworden. Dafür lassen sich anteilig viel mehr Lehrkräfte vorzeitig, etwa mit 63 Jahren, pensionieren.

Während das Statistische Bundesamt solche Zahlen alljährlich detailliert erfasst , gibt es keine bundesweite Übersicht, wie viele Lehrerinnen und Lehrer ihren Beruf einfach so an den Nagel hängen, ohne Anspruch auf „Ruhegehalt“.

Ein Lehrer aus Berlin – er soll hier Peter Schnorre heißen, weil er seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will – hat sich im vergangenen Jahr entschieden. Nach neun Jahren im Berliner Schuldienst zog er einen Schlussstrich und kündigte. „Mir ist über die Jahre der Spaß verloren gegangen“, sagt der 40-Jährige. Schnorre hat Geschichte und Physik auf Lehramt studiert hat, ein Referendariat absolviert und jahrelang im Klassenraum gestanden.

Schnorre litt unter anderem darunter, dass er an seinem Gymnasium kaum im Team arbeitete, als Einzelkämpfer seinen Unterricht vorbereitete, allein vor der Klasse stand, die nicht immer gnädig war. „Einmal hatte ich eine Art Kontrollverlust“, sagt er. Auf den Stress habe er körperlich reagiert: „Mein Arm hat sich völlig verkrampft.“

Einige wenige Male habe er mit einer Kollegin zusammen unterrichtet. „Ein riesiger Unterschied“. Man müsse nicht über Stunden präsent, stets in alle Richtungen aufmerksam sein, sondern könne sich abwechseln. Aber das war die Ausnahme, nicht die Regel. Nach Schulschluss sei er immer „total platt“ gewesen.Beispiel Berlin: Flucht in die Verbeamtung?

In Berlin hat von rund 34.000 Lehrerinnen und Lehrer in den vergangenen vier Schuljahren fast jeder zehnte gekündigt oder einen Auflösungsvertrag unterschrieben. Allein im Schuljahr 2020/21 stiegen rund 850 Menschen aus dem Berliner Schuldienst aus. Das ging im Sommer aus einer Antwort des Senats auf eineflucht-der-lehrer-aus-dem-berliner-schulsystem”> schriftliche Anfrage eines FDP -Abgeordneten hervor.

Zu den möglichen Ursachen zählen laut Senatsverwaltung für Bildung „neben individuellen und familiären Gründen sowie der beruflichen Umorientierung auch die fehlende Möglichkeit der Verbeamtung“, die es in der Hauptstadt anders als in anderen Bundesländern (noch nicht) gibt.

Die neue rot-grün-rote Regierung will sie nun auf den Weg bringen. Der Schulsenat setzt zudem auf „Entlastung durch multiprofessionelle Teams“, vor allem aber auf Verbeamtung. Zuletzt versuchte die Berliner Landesregierung, mehr Lehrkräfte an Grundschulen mit höheren Gehältern zu ködern. Sie starten derzeit mit mehr als 5000 Euro brutto pro Monat. Das ist im bundesweiten Vergleich viel.

Ein gutes Gehalt, eine feste Stelle, drei Monate unterrichtsfreie Zeit (umgangssprachlich: Ferien), und wegen möglicher Altersarmut muss man sich auch keine Sorgen machen – reicht das nicht, um Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen zu halten?„Ich hatte am Ende den Eindruck, dass ich zu oft einen Missstand verwalte, statt auf alle Schülerinnen und Schüler eingehen zu können“

Nein, findet jedenfalls Philipp Dehne, 37. Der Quereinsteiger arbeitete sechs Jahre lang an einer Schule in Kreuzberg – bis 2019. Ob ihn ein Beamtenstatus im Job gehalten hätte? Dehne lacht. „Sicher nicht. Für mich klingt die Verbeamtung nach einer populistischen Lösung, die nichts an den grundlegenden Problemen und der Personalnot ändert.“

Er habe als Lehrer ganz andere Sorgen gehabt. „Ich hatte am Ende den Eindruck, dass ich zu oft einen Missstand verwalte, statt auf alle Schülerinnen und Schüler eingehen zu können“, sagt er. „Das war oft frustrierend.“ Aus seiner Sicht fehlte es an Personal, an Räumen, insgesamt an Strukturen, die gute pädagogische Arbeit ermöglichen.

Beispiel Inklusion: Eigentlich sollten in Berlin an weiterführenden Schulen höchstens vier Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf in einer Klasse sitzen. In seiner 7. Klasse hingegen hätten von 24 Schülern 14 besondere Unterstützung beim Lernen, beim Sozialverhalten oder im sprachlichen Bereich gebraucht, sagt Dehne.

„Ich bin ein großer Befürworter von Inklusion, und es ist nicht so, dass die Kinder über Tische und Bänke gegangen wären. Aber mein Ziel ist ja nicht, eine Klasse ruhig zu halten, sondern ich will allen Kindern gerecht werden. Das war sehr oft nicht möglich.“„Bei mir melden sich vor allem flammende Pädagogen, die desillusioniert oder erschöpft sind“

Zu wenig Zeit für Kinder, zu wenig Zeit für „Beziehungsarbeit“ – das seien auch für sie die Gründe gewesen, ihre Arbeit als Studienrätin aufzugeben, sagt Isabell Probst, 39. Nach acht Jahren quittierte sie 2015 den Schuldienst in Nordrhein-Westfalen.

Seit 2019 arbeitet Probst als Coach für Lehrkräfte, die nach beruflichen Alternativen suchen. Einige Hundert aus verschiedensten Regionen Deutschlands habe sie bereits beraten, das Interesse sei immens: „Bei mir melden sich vor allem flammende Pädagogen, die desillusioniert oder erschöpft sind.“Erster Ausweg: Teilzeit arbeiten

Bei einer Vollzeitstelle waren für Schilan Kurdpoor an ihrer Berliner Oberschule 26 Stunden Unterricht pro Woche vorgesehen. Den galt es vor- und nachzubereiten, hinzu kamen Klassenarbeiten, Konferenzen, Elterngespräche und in der Coronapandemie diverse bürokratische Zusatzaufgaben.

Sie habe sich außerdem Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler nehmen wollen, sagt Kurdpoor, „um gemeinsam zu überlegen, wie sie das Beste aus sich herausholen“. So sei sie fast rund um die Uhr im Einsatz gewesen. „Dieser Beruf besteht darin, sich aufzuopfern“, findet Kurdpoor.

Wochenlang sei sie krankgeschrieben gewesen. „Ich hatte Angst, wieder ins Hamsterrad zurückzukehren.“ Der Ausweg: Teilzeit arbeiten. Seit Anfang des Jahres ist Kurdpoor mit nur wenigen Stunden pro Woche zurück an der Schule, bald soll es eine halbe Stelle sein. Mehr nicht. „Von meinem Gehalt bleibt mir nicht viel“, sagt sie, „aber meine Gesundheit geht vor.“

Auch Peter Schnorre und Philipp Dehne hatten vor der Kündigung ihre Stundenzahl reduziert. Er kenne eine ganze Reihe von Lehrkräften, sagt Dehne, die aus genau diesem Grund Teilzeit arbeiteten, „um mehr Zeit für die Schüler*innen zu haben und die Überlastung erträglicher zu machen“.Zwischen Exitstrategien und Aktivismus

Die Politik hat das Problem nach eigenen Aussagen im Blick. „Wir haben die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte in den vergangenen Jahren deutlich verbessert“, sagt Karin Prien, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin in Schleswig-Holstein. Die CDU-Politikerin verweist unter anderem darauf, dass es in ihrem Bundesland mehr Lehrerstellen gebe; ältere Lehrer müssten weniger unterrichten, Schulleiter ebenso. Vergleichbare Initiativen gebe es auch in anderen Bundesländern.

Aus Sicht vieler Lehrerinnen und Lehrer reicht all das jedoch bei Weitem nicht. Der Berliner Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte die Lehrkräfte in der Hauptstadt für den 7. April zum Streik aufgerufen . Er fordert eine Verkleinerung der Klassen. So soll die Arbeitsbelastung für Lehrkräfte verringert, der Gesundheitsschutz erhöht werden.

Philipp Dehne hat vor wenigen Jahren mit anderen die berlinweite Kampagne „Schule muss anders“ angestoßen. Solange es zu wenige Pädagoginnen und Pädagogen auf dem Arbeitsmarkt gebe, sagt er, sei eine „Weniger ist mehr“-Strategie nötig, um Kinder nicht ganztägig „aufzubewahren“, sondern ihnen in weniger Zeit Grundfertigkeiten und gutes Miteinander zu vermitteln.

„Es ist mir unglaublich schwergefallen, mich von meiner Klasse zu trennen. Ich habe das getan, weil ich etwas an den Strukturen ändern wollte“, sagt Dehne, der auch GEW-Mitglied ist. Er habe einen Teilzeitjob bei der Linkspartei, sei aber vor allem „Bildungsaktivist“.

Ehrenamtlich organisiert er Demonstrationen, Kampagnen und Infoabende, um auf Missstände im Schulsystem aufmerksam zu machen. „Wenn sich die Bedingungen in der Schule wirklich verbessern“, sagt er, „könnte ich mir gut vorstellen, auch wieder als Lehrer zu arbeiten.“