Dieser Artikel erschien am 10.09.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Lisa Duhm

Bildungsbericht : Deutsche Lehrer verdienen fast doppelt so viel wie im OECD-Schnitt

In Deutschland herrscht Lehrer­mangel – dabei verdienen Pädagogen hier schon beim Berufs­einstieg deutlich mehr als in anderen Staaten. Nur in einem OECD-Land liegt das Gehalt höher.

Das Gehalt eines deutschen Lehrers ist zu Beginn vergleichsweise hoch, doch die spätere Steigerung fällt gering aus (Symbolbild)
Das Gehalt eines deutschen Lehrers ist zu Beginn vergleichsweise hoch, doch die spätere Steigerung fällt gering aus (Symbolbild).
©Getty Images

Rund 60.000 Euro im Jahr: So viel verdient ein Lehrer laut einer OECD-Bildungs­studie bei seinem Berufs­beginn in Deutschland durch­schnittlich. Damit liegt das Einstiegs­gehalt von Lehr­kräften knapp doppelt so hoch wie im Mittel der 36 OECD-Mitglied­staaten. Im Durch­schnitt müssen sich Lehrer demnach mit 34.094 US-Dollar zufrieden­geben, also etwa 31.000 Euro.

Einmal im Jahr wirft die Organisation für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (OECD) in ihrer Studie „Bildung auf einen Blick“ ein Schlaglicht auf den Zustand der Bildungs­land­schaften in den OECD-Staaten. Sie vergleicht dafür weltweite Daten zu Kitas, Schul­besuch und Studium.

Ein Schwerpunkt in diesem Jahr: die Bezahlung von Lehrkräften in der Sekundar­stufe I. Die Werte, die in der Studie genannt sind, weichen dabei allerdings von den monatlichen Summen ab, die Lehrerinnen und Lehrer in den verschiedenen Ländern verdienen. Die Wissenschaftler rechnen nämlich nicht mit den tatsächlichen Gehältern, sondern mit der sogenannten Kauf­kraft dieser Gehälter. Das heißt, sie haben berücksichtigt, dass deutsche Lehr­kräfte mehr für Lebens­mittel, andere Waren und Dienst­leistungen ausgeben müssen als zum Beispiel bulgarische Lehrer. Das gilt auch für das Einstiegs­gehalt der Lehrer in Deutschland.

Nur in Luxemburg verdienen Lehrerinnen und Lehrer demnach noch mehr als in Deutschland. Schon das Einstiegs­gehalt liegt dort kauf­kraft­bereinigt bei knapp 80.000 US-Dollar. Ein Großteil der laufenden Ausgaben im deutschen Schul­betrieb entfallen denn auch aufs Personal: und zwar 82 Prozent der Gesamt­kosten.

Trotzdem fordern Lehrerverbände seit Längerem eine Erhöhung der Lehrer­gehälter – unter anderem, um den Beruf attraktiver zu machen und dem Mangel an Lehr­kräften entgegen­zu­wirken. Und tatsächlich haben die nun vorgelegten Daten eine Einschränkung: Zwar ist das Gehalt eines deutschen Lehrers zu Beginn seiner Karriere vergleichs­weise hoch. Doch die spätere Steigerung fällt gering aus: Im Laufe eines deutschen Lehrer­lebens steigt der Lohn nur um etwa ein Drittel, im OECD-Durch­schnitt sind es dagegen fast 90 Prozent.

Auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht die Daten kritisch. „Innerhalb der Lehrer­schaft gibt es große Gehalts­unter­schiede. Entscheidend ist, ob jemand angestellt oder verbeamtet ist, an welcher Schul­form und in welchem Bundes­land er unterrichtet“, sagte eine Sprecherin dem SPIEGEL. Ein Durch­schnitts­wert sei deshalb wenig aussage­kräftig.

Berechnet man die Ausgaben pro Schüler, belegt Deutschland mit Rang vier ebenfalls einen hohen Platz im OECD-Vergleich. Sie liegen hierzu­lande an allgemein­bildenden Schulen und Berufs­schulen bei umgerechnet rund 10.200 Euro pro Jahr.

Mehr Menschen zieht es an die Hochschulen

Im Bereich der universitären Bildung ist Deutschland offenbar weniger spendabel als bei der Bezahlung seiner Lehrkräfte an Schulen. In Forschung und Entwicklung steckt der deutsche Staat zwar vergleichs­weise viel Geld. In grundlegende Bildungs­leistungen investiert er laut der Studie aller­dings nur umgerechnet 8000 Euro pro Student und Jahr – und damit 1350 Euro weniger als alle OECD-Länder im Durch­schnitt. Derweil zieht es immer mehr Menschen an die Hochschulen: Im vergangenen Jahr machte ein Drittel der jungen Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren einen Uni­abschluss. 2008 war es nur knapp ein Viertel.

Ein Hochschulzertifikat schützt heute allerdings kaum besser vor Arbeits­losig­keit als das Abitur. Während die Beschäftigungs­quote bei Menschen mit Abitur auf 84 Prozent gestiegen ist, liegt sie unter Hoch­schul­absolventen seit Jahren stabil bei 88 Prozent. Im vergangenen Jahr hatte die OECD in ihrem Bericht bereits gezeigt, dass auch Menschen mit Berufs­ausbildung auf dem Arbeits­markt ähnlich gute Chancen wie Menschen mit Hoch­schul­abschluss haben.

Unterschiede beim Gehalt: Ein Studium nützt nicht immer

Wie schon in den vergangenen Jahren kritisierten die OECD-Forscher die geschlechter­spezifischen Gehalts­unter­schiede – und hoben dabei die Kluft zwischen Frauen und Männern mit Hoch­schul­abschluss hervor. Gerade einmal 72 Prozent des mittleren Gehalts eines männlichen Hoch­schul­absolventen erhält eine Akademikerin demnach in Deutschland. Diese Zahl liegt unter dem OECD-Durchschnitt von 77 Prozent.

In Bereichen mit niedrigeren Bildungs­abschlüssen ist die Lohn­lücke zwischen den Geschlechtern dagegen weniger ausgeprägt: Frauen mit Abitur oder vergleichbarem Abschluss verdienten in Deutschland etwa 85 Prozent des Gehalts eines Mannes mit ähnlicher Qualifikation – und damit im Vergleich mit anderen Ländern deutlich ausgeglichener.

Als Grund für die Gehalts­unter­schiede nennen die Wissenschaftler unter anderem, dass Frauen häufiger als Männer in Teil­zeit arbeiteten und Berufe wählten, die von vorn­herein schlechter bezahlt würden. Andere Studien haben jedoch gezeigt, dass auch im selben Beruf je nach Geschlecht unter­schiedlich bezahlt wird. Im europäischen Vergleich bildete Deutschland in der Vergangen­heit gar das Schluss­licht bei der Bezahlung von Frauen.