„Um ganze Bücher zu lesen, fehlte schlicht die Zeit“ : Deshalb startet dieser Abi-Jahrgang mit großen Lücken ins Studium

Das Abitur ist nach zwei Jahren Corona so ungerecht wie nie zuvor. Dabei hatte die Politik immer versprochen, Schul­abgänger dürften durch die Pandemie keine Nachteile erfahren. Hier sprechen Betroffene.

Dieser Artikel erschien am 04.07.2022 in DER SPIEGEL
Miriam Olbrisch
An einer Tafel steht mit Kreide groß und bunt "Abitur"
©dpa

Zu ihrem 20. Geburtstag hatte Fabia Klein einen ungewöhnlichen Wunsch: Nachhilfe in Mathe. „Ich weiß, wie merkwürdig das klingt“, sagt Klein. „Aber für mich war es das perfekte Geschenk.“ Sieben Wochen lang paukte die Gymnasiastin aus Nürnberg in ihrer Freizeit lineare Algebra, Analysis und Stochastik. Kurz darauf legte sie ihre schriftlichen Abitur­prüfungen ab.

So wie Fabia Klein lernten Hunderttausende im ganzen Land zwei Jahre lang unter Pandemie­bedingungen. Vielerorts blieben die Schulen monatelang geschlossen, Online- oder Wechsel­unterricht wurde abgelöst von Präsenz­zeiten, in denen die Jugendlichen mal mit, mal ohne Maske im Klassen­raum saßen – wenn sie nicht unter Quarantäne standen und zu Hause bleiben mussten. Allein bis Juni 2021 fand je nach Bundesland für vier bis fünf Monate kein regulärer Unterricht statt.

Grundlagen lernen im Lockdown

„Ich hatte massive Lücken, gerade in Mathe und den Natur­wissenschaften“, sagt Fabia Klein. Ausgerechnet im ersten Lockdown hätten in diesen Fächern Grundlagen gelegt werden sollen, auf denen der spätere, fürs Abitur relevante Stoff aufbaute. „Das Onlinelernen war noch nicht eingespielt, die Internet­verbindungen waren oft wackelig, viele hatten technische Probleme, Schüler wie Lehrkräfte“, erzählt die 20-Jährige. Und: „Nicht jeder hat sich am Anfang getraut, in einer Video­konferenz mit einer Wand von schwarzen Kacheln zu sprechen, wenn man etwas nicht verstanden hat.“

Was ein Oberstufenbesuch in Zeiten des Virus konkret bedeutet, wurde Fabia Klein in ihrer allerletzten Mathe­stunde noch einmal richtig bewusst. Da sei ein Teil­bereich der Stochastik „durchgedrückt“ worden, der nach den Worten ihres Lehrers „ausdrücklich prüfungs­relevant“ gewesen sei. Und in Deutsch habe ihr Kurs viele Lektüren nur in Auszügen behandelt. „Um ganze Bücher zu lesen, fehlte schlicht die Zeit.“ Auch wenn die Lehrkräfte an ihrer Schule sich sehr „rein­gehängt“ hätten und jederzeit ansprechbar gewesen seien, ist sich Fabia Klein in einem sicher: „Ohne die privaten Nachhilfe­stunden wäre ich verloren gewesen.“

Dabei hatte die Politik stets betont, dass es so weit nicht kommen sollte. Der Schülerschaft dürften „keine Nachteile aus der pandemie­bedingten Ausnahme­situation erwachsen“, heißt es in einem Beschluss der Kultus­minister­konferenz (KMK) aus diesem Januar. Den Ländern stehe „eine Reihe von Möglichkeiten offen, Schülerinnen und Schülern Hilfestellung zu geben, ohne das Anspruchsniveau abzusenken“.

„Rücksichtsvolle Korrektur“

Diese Möglichkeiten nutzten die Länder allerdings höchst unterschiedlich, wie aus einem internen KMK-Papier aus dem Januar hervorgeht. Im Saarland, in Hamburg und Sachsen bekamen Abiturienten 30 Minuten mehr Zeit für ihre schriftlichen Prüfungen, in Berlin nur in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. In Hessen, Baden-Württemberg und Niedersachsen bekamen die Lehrkräfte von den Landesregierungen mehr Prüfungs­aufgaben zur Auswahl. So konnten sie die Themen, die im Unterricht nicht mehr geschafft wurden, leichter ausschließen. Bremen prüfte in Chemie, Biologie und Physik weniger Themen ab als bisher. Thüringen verschob die Klausurtermine um drei Wochen nach hinten. Hamburg forderte seine Lehrkräfte zu einer „rücksichtsvollen Korrektur“ auf. Und Niedersachsen, so gab es der Kultusminister kürzlich bekannt, hob die Durchschnittsnote im Fach Mathematik nachträglich um einen Punkt an.

Was auf den ersten Blick wie pragmatische Nachsicht erscheint, wirft bei genauem Hinsehen Fragen auf: nach Fairness, Gleichbehandlung oder Wettbewerbsverzerrung. Wo die Abiturnote noch immer über den Zugang zu Universitäten entscheidet, über Karrierewege und Lebensträume, kann der eher freihändige, zuweilen beliebige Umgang mit Erleichterungen zu echten Benachteiligungen führen. Und wo diverse Stoffe ausgelassen oder nur im Schnelldurchgang vermittelt wurden, liegt die Vermutung nahe, dass mancherorts ein „Abitur light“ abgelegt wurde.

Vergleichbarkeit beschädigt

„Die Fülle an unabgestimmten Sonderregelungen hat die bundesweite Vergleichbarkeit des Abiturs mehr beschädigt als je zuvor“, sagt Mathias Brodkorb, Autor des Buchs „Der Abiturbetrug“ und bis 2016 Kultus­minister in Mecklenburg-Vorpommern. Schon vorher sei eine Allgemeine Hochschulreife aus Sachsen nicht mit einem Abiturzeugnis aus Nordrhein-Westfalen oder Berlin vergleichbar gewesen – trotz der immerwährenden Ankündigungen der KMK, das Abitur deutschlandweit gerechter zu machen. „Die jetzigen Erleichterungen führen alle Bemühungen um Standardisierung ad absurdum.“

Das Versprechen, die jetzige Schülergeneration dürfe durch Corona keinen Nachteil erfahren, habe die KMK somit nicht gehalten. Schließlich, betont Brodkorb, gehe es ja nicht nur um den Notendurchschnitt, mit dem die jungen Menschen die Schulen verließen: „Wir müssen davon ausgehen, dass große Teile des Stoffes nicht oder nicht richtig gelernt wurden – natürlich ist das ein Nachteil, da ist Schaden entstanden. Auch wenn das angesichts der Pandemie nur schwer vermeidbar war: Wir können es nicht wegdiskutieren.“

„Was hier versprochen wurde, gleicht der Quadratur des Kreises“, sagt Marcel Helbig, Professor für Sozial­wissenschaften am Wissenschafts­zentrum Berlin für Sozialforschung. Nach zwei Jahren Pandemie das Prüfungs­niveau ohne Qualitäts­einbußen zu halten sei kaum möglich. „Dafür waren die Einschnitte in den Lernalltag viel zu tief.“

Traumnoten für den Abiturjahrgang 2021

Noch liegen die Notenspiegel nicht aus allen Ländern vor. Ein Blick ins Vorjahr zeigt aber, welche Verzerrungen ein Corona-Schuljahr auslösen kann. Damals wurden die Arbeiten für das Abitur, den Ersten und den Mittleren Schul­abschluss in einigen Bundes­ländern teils um mehrere Wochen nach hinten geschoben – um den Prüflingen mehr Zeit zu geben, ihre pandemie­bedingten Lücken zu schließen. Am Ende erzielte der Jahrgang 2021 in allen Bundes­ländern im Schnitt bessere Abiturnoten als 2019, in einigen Ländern sogar die besten Noten des Jahrzehnts. In Bayern stieg der Schnitt von 2,32 auf 2,18, in Sachsen von 2,24 auf 2,12. In Thüringen, auch das ein Rekord, erhielten 45 Prozent der Abi­turientinnen und Abiturienten ein Zeugnis mit einer eins vor dem Komma.

Auch die Durchfallquoten haben sich gegenüber der Vor-Corona-Zeit verändert. Rasselten 2019 in Mecklenburg-Vorpommern etwa 7,3 Prozent durch die Prüfung, waren es 2021 nur 3,7 Prozent. In Baden-Württemberg fiel sogar nur noch jeder 50. durch. „Weil die Lehrkräfte auch vorher schon angehalten waren, wohlwollend zu benoten, wurden auch Schülerinnen und Schüler durch die Prüfung geschleust, die früher ziemlich sicher kein Abitur bekommen hätten“, urteilt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

Der Funktionär sorgt sich um einen Niveau­verfall, der sich auch in den nächsten Jahren nicht werde wieder einfangen lassen. „Wir befinden uns in einer Abwärts­spirale.“ Es werde für die Länder „schwer bis unmöglich“, die Leistungs­erwartungen in den nächsten Jahren wieder hochzuschrauben, pro­gnostiziert Meidinger. „Die Bildungspolitik fürchtet den Gegenwind aus der Eltern- und Schülerschaft, sollte das Abitur plötzlich wieder schwerer werden.“

Hochschulen, Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen – und natürlich die jungen Menschen selbst – müssten mit potenziellen Lernlücken nun umgehen, sagt Bildungswissenschaftler Helbig. Ob deren Abitur­zeugnis den Titel „All­gemeine Hoch­schulreife“ noch verdiene, sei in Teilen zumindest fraglich. Die Universitäten müssten sich auf die neue Situation einstellen und unter Umständen Brücken­kurse anbieten, die den angehenden Studierenden ermöglichen, etwaige Lernlücken im Nachhinein noch aufholen zu können, fordert Helbig: „Sonst ziehen sich die Wissens­lücken auch noch durch die Universitätszeit.“

An den Hochschulen beobachtet man schon seit Längerem „mit Sorge, dass das Abitur immer häufiger die allgemeine Studier­fähigkeit zwar bescheinigt, aber nicht tatsächlich gewährleistet“, sagt Hochschul­verbands­präsident Bernhard Kempen, Professor für Völkerrecht in Köln. Es hapere vor allem am „Text- und Schreibverständnis der Studienanfänger“, außerdem gebe es „Schwierigkeiten in Mathematik“.

Corona sei eine Sondersituation, und etwaige pandemiebedingte Defizite dürften den jungen Menschen nicht zum Nachteil gereichen. Trotzdem müsse „der ›Noteninflation‹ generell Einhalt geboten werden“. Kempen fordert eine Rückbesinnung auf den Grundsatz, „dass Qualität Vorrang vor Quantität haben muss“. Damit das Abitur wieder überall in Deutschland Studier­fähigkeit nachweise, bedürfe es erheblicher Anstrengungen. Um ein glattes „Ausreichend“ zu bekommen, müssten Schülerinnen und Schüler nach der derzeit gültigen Notenverordnung der Kultus­minister­konferenz nur noch 45 Prozent des Abgefragten wissen. „In manchen Ländern waren davor 50 Prozent erforderlich.“

Im Studium könnten Grundlagen fehlen

Laura Körner, 18, teilt die Sorge der Experten. Sie hat ihr Abitur in Bonn abgelegt. Die Stochastik, auch Wahr­scheinlichkeits­rechnung genannt, ist einer der drei großen Teilbereiche der gymnasialen Ober­stufen­­mathematik. Der Stoff sei in ihrem Unterricht fast komplett hinten­über­gefallen, sagt Laura Körner. „Wir haben das einmal kurz angeschnitten – und dann mit unserer Lehrkraft abgesprochen, dass wir das Thema im Abitur ausschließen.“ Körner und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler konnten „auf Lücke“ lernen: „Für mich war das eine Erleichterung.“

Doch für manche ihrer Freunde könnte sich das rächen. In zahlreichen Studien­gängen von Betriebs­wirtschafts­lehre über Chemie bis Psychologie ist Wahrscheinlichkeits­rechnung elementarer Bestandteil. Körner interessiert sich für Rechts­wissenschaften, „zum Glück“.