Bildung in Deutschland : Der nächste Bildungsabsturz

Nach dem Pisa-Schock vor 20 Jahren wollte Deutschland „Bildungsrepublik“ werden. Doch unbekümmert sieht das Land zu, wie die Leistungen der Schülerinnen und Schüler schon wieder schlechter werden.

Dieser Artikel erschien am 06.10.2021 in DIE ZEIT
Manuel J. Hartung und Thomas Kerstan
Schüler denkt nach
©Getty Images

Wer das Scheitern der Bildungsrepublik Deutschland betrachten möchte, muss sich nur eine einzige Kurve anschauen. Sie hat die Form eines traurigen Smileys; der eine Mundwinkel hängt etwas tiefer als der andere, in der Mitte geht’s nach oben. Schneller Anstieg, schneller Abstieg – das ist die Bilanz der deutschen Schulpolitik seit der Jahrtausendwende.

Die Kurve vereint die Daten von 43 Bildungstests aus den vergangenen 20 Jahren. Prüfungen, die zeigen, wie gut Grundschüler lesen, wie korrekt Neuntklässlerinnen rechnen oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen. Die bekannten Pisa-Studien sind darunter, valide Untersuchungen wie Timss (Mathe und Naturwissenschaften) oder Iglu (Lesen) und die regelmäßigen Leistungsvergleiche zwischen den Bundesländern durch das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.

Der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann hat die „standardisierten Testobservationen“, wie es heißt, in einer Grafik verdichtet. Von 2000 bis 2010 – erster Mundwinkel bis zur Nasenspitze – ging die Kurve nach oben: „In Lernstoff umgerechnet haben die Schüler 2010 im Schnitt rund 70 bis 90 Prozent eines Schuljahres mehr gelernt als im Jahr 2000“, sagt der Wissenschaftler. Das zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen in allen untersuchten Fächern, in Deutsch, Mathe, Naturwissenschaften.

2008 – mitten in diesem Aufwärtstrend – rief Bundeskanzlerin Angela Merkel die „Bildungsrepublik Deutschland“ aus. „Wohlstand für alle“, so sagte sie damals, „heißt heute Bildung für alle.“ Zuversicht gab es damals, aus guten Gründen.

Doch die Entwicklung hat sich auf alarmierende Weise umgekehrt. Seit 2010 haben Deutschlands Schülerinnen und Schüler laut der Analyse von Wößmann 60 Prozent des Leistungszuwachses wieder verloren. In allen untersuchten Fächern und sämtlichen Tests nahmen die Leistungen ab.

Der Niedergang erfolgte schon vor der Pandemie; die Berechnungen bilden die Corona-Monate noch nicht ab, in denen die Schulen geschlossen, die Unterrichtsstunden digital und die Lernfortschritte sparsam waren. Seitdem sind die Defizite nochmals größer geworden. „Wir sind mitten im Abstieg“, sagt Ludger Wößmann.

Im Bundestagswahlkampf – spielte Bildung keine Rolle. In den Debatten um die Corona-Politik – wurden Kinder und Jugendliche lange ignoriert. In öffentlichen Diskussionen – heißt es immer: Bildung ist das Zukunftsthema schlechthin. Doch die Leistungen der Schüler sind aus den Schlagzeilen verschwunden. Stattdessen gilt die Aufregung fehlenden Lüftungsgeräten, schmutzigen Schultoiletten, lahmen WLANs oder zu schwierigen Aufgaben im Mathe-Abi.

„Mich wühlt das auf, dass die Kultusminister diesen Abstieg hinnehmen“, sagt Wößmann, „und nach jeder Bildungsstudie einen Teilaspekt als gute Nachricht verkaufen. Nach dem Motto: Ist doch alles nicht so schlimm.“

„Ich wundere mich, dass es noch keinen Aufschrei der Wirtschaft gibt“, sagt auch Olaf Köller, Co-Vorsitzender der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz, „ein beachtlicher Teil des Nachwuchses ist nicht ausbildungsfähig.“

Und Kristina Reiss, die Leiterin des deutschen Teils der Pisa-Studien von 2015 und 2018, warnt: „Vor allem mit der großen Gruppe der sehr Schwachen darf man sich keineswegs abfinden.“

Die Ruhe im Land folgt einem alten Muster. Anfang der 1960er-Jahre – nach den langen Adenauer-Jahren – mussten erst die aufrüttelnden Schriften von Georg Picht und Ralf Dahrendorf kommen; dann erst reformierte sich das Bildungswesen in rascher Folge. Die deutsche Bildungskatastrophe und Bildung ist Bürgerrecht beschleunigten den Ausbau der höheren Schulen und Hochschulen, den die aufstiegswilligen Bürger schon länger forcierten. Die Bildungsexpansion brachte mehr Bildung für viel mehr Menschen.

Was ist nötig, damit Deutschland Bildungsrepublik werden kann?

Im Jahr 2001 – nach den langen Kohl-Jahren – wurde dem Land durch den „Pisa-Schock“ klar, dass seine Bildung im internationalen Vergleich Mittelmaß war. In allen Tests der Pisa-Studie schnitten die deutschen 15-Jährigen unterdurchschnittlich ab. Spitze war Deutschland nur bei der Ungerechtigkeit; kaum irgendwo anders hingen die Leistungen so stark von der sozialen Herkunft ab wie hier. „Warum sind unsere Schüler so doof?“, fragte der stern. „Mangelhaft. Setzen“, urteilte der Spiegel. „Die Schule brännt!“, hieß es in der ZEIT. Das Aufrütteln wirkte, wie bereits vier Jahrzehnte zuvor: Die Schulen veränderten sich; es gab mehr Geld, mehr Hilfe, mehr Vergleichbarkeit, eine intensivere wissenschaftliche Begleitung.

Mehr Geld: Vier Milliarden Euro stellte der Bund den Ländern kurz nach dem Pisa-Schock für den Ausbau von Ganztagsschulen bereit. Auch die Länder geizten nicht. Seit 2010 sind die öffentlichen Ausgaben für die Bildung um rund 50 Prozent gestiegen.

Mehr Hilfe: Staat, Markt und Zivilgesellschaft taten sich zusammen, um die Schulen zu unterstützen; Stiftungen, Unternehmen, Bürgerinitiativen starteten Nachhilfe- und Mentorenprogramme.

Mehr Vergleichbarkeit: Die Länder verständigten sich, was jemand zum Ende der Grundschule und für den mittleren Schulabschluss können und wissen muss. Sie ließen zudem einen Pool von Abituraufgaben entwickeln, um transparenter und verbindlicher zu machen, was ein Abiturient in Kassel oder Cuxhaven, Weimar oder Warburg kann.

Mehr Wissenschaft: Wurde über Bildungspolitik lange weitgehend aus dem Bauch entschieden, wird sie nun stärker wissenschaftlich begründet, befördert durch eine breite empirische Schulforschung.

Doch die Anstrengungen reichten nicht aus. Bildungsexperten besorgt vor allem ein Langzeit-Drama: Jahr für Jahr verlässt ein Fünftel der Schüler die Schule, ohne ausreichend lesen und rechnen zu können. Nach dem Pisa-Schock wurden die Zahlen zunächst besser, verschlechterten sich aber wieder. Man muss sich das vorstellen: Jede und jeder Fünfte tritt ohne die wichtigsten Basisqualifikationen ins Leben, ohne die man kaum einen Beruf erlernen kann.

Nur, warum sind die Leistungen so nach unten gegangen? Erstens hat das Land sich verändert. Zweitens wurden die Schulen überfordert.

Faktor Veränderung: Im Jahr 2000 waren 22 Prozent der 15-Jährigen, die in der Pisa-Studie getestet wurden, eingewandert oder Kinder von Einwanderern. Im Jahr 2018 waren es schon 36 Prozent. Die Gruppe erbringt im Schnitt schlechtere Schulleistungen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. In Lernstoff umgerechnet fehlt ihr rund ein Schuljahr. Bildungsforscher wie der Leiter der ersten Pisa-Studie in Deutschland, Jürgen Baumert, haben immer wieder betont, dass es sich nicht um ein ethnisches Problem handele, sondern um ein soziales und ein damit verbundenes Sprachproblem. „Wenn nichts geschieht“, sagte Baumert schon vor zehn Jahren der ZEIT, „genügt dieser sozialstrukturelle Wandel, um die deutschen Pisa-Zugewinne zunichtezumachen.“

„Wenn nichts geschieht“ – nun ist in den vergangenen 20 Jahren einiges geschehen; vermutlich wären die Folgen sonst noch dramatischer. „Angesichts der demografischen Entwicklung ist es schon ein Erfolg, dass die Leistungen nicht weiter abgerutscht sind“, sagt die Pisa-Forscherin Kristina Reiss.

Hier kommt der Faktor Überforderung dazu; der Schulpolitik fehlte der Fokus. Viele Schulen arbeiten heute im Ganztagsbetrieb – doch mehr Lernchancen am Nachmittag gibt es dadurch nicht. Dank der Inklusion besuchen mehr Schüler mit einem Handicap die Regelschule – doch viele Lehrer fühlen sich auf den gemeinsamen Unterricht nicht vorbereitet. Und auch die Digitalisierung kostet Kraft und Aufmerksamkeit. „Das sind alles wichtige Themen“, sagt Ludger Wößmann, „aber das Basisgeschäft wurde vernachlässigt: Lesen, Schreiben, Rechnen.“ Auch der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller sagt: „Es wird immer klarer, dass wir den schwächeren Schülerinnen und Schülern nur helfen, wenn penetrant die Basics in Deutsch und Mathematik geübt würden.“

Was ist nötig, damit Deutschland Bildungsrepublik werden kann?

Erstens ein produktiver Alarmzustand, ohne den es keine Veränderung gibt. Dem Bildungsaufbruch der 1960er und dem Umsteuern nach Pisa muss ein Neubeginn in der Post-Covid-Zeit folgen.

Zweitens ein sportlicher Leistungsanspruch: Für Spitzensportler und -musiker ist das ständige Üben der Grundlagen selbstverständlich. „Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler können dafür begeistert werden, wenn sie merken, dass damit echte Lernfortschritte gelingen“, sagt etwa der Experte fürs Lesen- und Schreibenlernen Michael Becker-Mrotzek. Altmodisch wirkende Übungen, wie täglich 20 Minuten im Chor zu lesen, könnten bei schwächeren Schülern sehr wirksam sein.

Drittens ein Herz für die Schwachen. Schon vor der Grundschule kann mit Tests diagnostiziert werden, welche Kinder besonders gefördert werden müssen – das gibt es schon, es müsste aber verbindlicher, kontrollierter und systematischer werden. Die Grundlagen für das Lernen werden vor der Einschulung gelegt. Schon den ersten Tag im Klassenraum beginnen nicht wenige Schüler und Schülerinnen mit einem Rückstand, den sie später kaum noch aufholen können. Sie brauchen massive Unterstützung.

Viertens eine finanzielle Verstetigung: Die Bildungspolitik hat auf die pandemiebedingten Lernrückschritte der benachteiligten Schüler reagiert. Allein der Bund investiert zwei Milliarden Euro in das Nachhilfeprogramm „Aufholen nach Corona“. Viele Bildungsforscher sind sich einig, dass diese Förderung auf Dauer gestellt werden muss. Die Corona-Pandemie wird vorübergehen, das Problem zu vieler schwacher Schüler bleibt.
Dann, fünftens, freiheitliche Kreativität: Wer allen die Basics beibringt, gewinnt wieder mehr Freiheit. Fürs Experimentieren, für eine eigene Schulkultur, für die Fähigkeiten der Zukunft, für den Umgang mit Ungewissheit und für die Gestaltung des Lebensraums Schule, den viele Kinder brauchen.

Und sechstens: Bildung für alle heißt auch Bildung auf allen Kanälen. Täglich hören wir die Sieben-Tage-Inzidenz. Jede Woche gibt es Wahlumfragen. Jedes Quartal geben Firmen ihren Umsatz bekannt. Und die wichtigsten Bildungskennzahlen? Kennt kaum jemand. Der neue deutsche Bildungsabstieg, das traurige Leistungssmiley, das Langzeit-Drama um die Schwachen – das müssen Dauerthemen in der Bildungsrepublik Deutschland sein.

Unsere Quellen:
Der Bildungsökonom Ludger Wößmann hat 43 einzelne Tests mittels einer Regressionsanalyse zu einer Kurve verdichtet. Die Detailergebnisse sind online abrufbar. Die Autoren sprachen für ihren Text mit zahlreichen Forschenden sowie mit Politikern und Politikerinnen. Links zu den weiteren Quellen finden Sie hier.