Miguel Cardona : Der Lehrer aus Silver City

Miguel Cardona sprach als Kind kaum Englisch. Nun ist er Joe Bidens Bildungsminister und muss die größte Krise der US-Schulen abwenden.

Dieser Artikel erschien am 03.03.2021 in DIE ZEIT
Heike Buchter
Neu im Amt: Bildungsminister Miguel Cardona
Neu im Amt: Bildungsminister Miguel Cardona
©dpa

Als Meridens Stadtväter 1885 eine Highschool bauten, wollten sie ein Zeichen setzen. Die Steinquader des Fundaments erinnern an römische Gemäuer, Terrakotta-Friese zieren die Fassade, ein gewaltiger Rundturm überragt das Ganze. Lange vernachlässigt, wurde das Gebäude vor ein paar Jahren restauriert; heute ist es der Sitz von Meridens Schulverwaltung. Es war einst der Arbeitsplatz von Miguel Cardona, den der US-Senat am Montag als neuen amerikanischen Bildungsminister der Regierung Biden bestätigte. Cardona, 45, war bislang in Washington ein Unbekannter: Bildungsminister von Connecticut, dem drittkleinsten Bundesstaat, ein früherer Lehrer, der selbst eine ganz ungewöhnliche Bildungsgeschichte hat.

Um Cardona zu verstehen, sind Meriden und die Old High School ein guter Ausgangspunkt, findet David Salafia, der an diesem kalten Februartag durch seine und Cardonas Heimatstadt führt. Salafia ist eine Art Verbindungsmann des örtlichen Schulbezirks, er kennt „Miguel“, wie er ihn nennt, gut. „Seine Erfahrungen hier haben ihn auf seine Aufgabe in Washington vorbereitet“, sagt Salafia.

Cardonas Berufung fällt in die größte Krise, die das US-Bildungssystem in modernen Zeiten erlebt hat. Cardona soll dem Präsidenten helfen, ein zentrales Wahlversprechen umzusetzen: Amerikas öffentliche Schulen in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit komplett für den Präsenzunterricht zu öffnen. Der sonst nicht gerade prominente Ministerposten ist ein Heißer Stuhl: Frustrierte Eltern und deren Arbeitgeber dringen darauf, die Schulen wieder aufzumachen; Gewerkschafter fürchten um die Gesundheit der Lehrkräfte; vielen Schulbezirken drohen massive Einschnitte, weil durch Corona Steuereinnahmen wegbrechen. Alle Seiten sind sich einig, dass das Schulsystem in der Krise steckt; wenn es allerdings um die Suche nach Lösungen geht, liegen die Interessengruppen weit auseinander.

Cardonas Vorgängerin, Trumps Bildungsministerin Betsy DeVos, hatte vor ihrer Zeit im Amt kaum je einen Fuß in eine öffentliche Schule gesetzt. Die Erbin einer milliardenschweren Unternehmerdynastie besuchte eine Privatschule, genau wie ihre Kinder. Cardona jedoch, dessen Großeltern aus Puerto Rico eingewandert waren, wuchs in einer Sozialwohnung auf, kam als Erstklässler ins öffentliche Schulsystem – und hat es seither nicht mehr verlassen.

Mit 28 Jahren wurde er Rektor einer Grundschule, später stellvertretender Schulamtsleiter des Bezirks und schließlich „Commissioner of Education“ von Connecticut – so nennt sich der Posten des Bildungsministers des Bundesstaates. Dieser Aufstieg ist umso erstaunlicher, wenn man weiß, dass Cardona fast kein Englisch sprach, als er mit fünf Jahren in die Schule kam. An seinen ersten Tag dort sei er derart überfordert gewesen, dass die Schulkrankenschwester den weinenden Jungen früher nach Hause schickte, erzählte er kürzlich. Er habe lange gebraucht, Selbstvertrauen zu gewinnen, um mit Menschen „vom Vorstadt-Barrio bis zur Vorstandsetage“ auf Augenhöhe sprechen zu können. Bei seiner Einführung in Washington stellte er stolz fest, er sei nicht nur zweisprachig, sondern auch „bikulturell“.

Cardona wuchs in Meriden auf, bis heute lebt er mit Frau und zwei Kindern in der 60.000-Einwohner-Stadt. Im 19. Jahrhundert war Meriden bekannt für seine Besteckfabriken, Silver City nannte man den Ort. Viele Arbeiter waren aus Polen, Deutschland und Italien eingewandert. Bis in die 1950er-Jahre florierte die Industrie. Als später puerto-ricanische Einwanderer – wie Cardonas Großeltern – in Meriden landeten, war Tafelsilber aus der Mode gekommen; Massenware aus dem Ausland verdrängte die heimischen Produkte. Mitte der Achtzigerjahre waren fast alle Fabriken aus dem Ort verschwunden. Heute liegt das jährliche mittlere Haushaltseinkommen der Stadt mit 58.000 Dollar mehr als ein Viertel unter dem des gesamten Staates. 77 Prozent der Schüler seines Bezirks hätten Anspruch auf bezahlte Schulspeisung, weil ihre Familien ein geringes Einkommen hätten, sagt Mark Benigni, Schulamtsleiter von Meriden und einst Cardonas Vorgesetzter.

„Chancengleichheit ist Miguels zentrales Thema“

Es ist eine Geschichte, die sich ähnlich in vielen anderen einstigen Industriezentren der USA abgespielt hat. Cardona weiß aus eigenem Erleben, welche Ressentiments sie auslöst. Alteingesessene beklagen bis heute den Niedergang der Stadt, viele regen sich über die zuletzt zugewanderten Hispanics auf, die inzwischen fast 30 Prozent der Einwohner stellen. „Sie vergessen, dass ihre eigenen Familien auch Einwanderer waren“, sagt David Salafia auf dem Weg zu den Yale Acres, dem Viertel, in dem Cardona aufwuchs. Die meisten Wohnblocks sind frisch renoviert, nur an einigen sieht man angelaufene Fassaden und blinde Fenster. Der Unterschied zu den Häusern im neuenglischen und viktorianischen Stil, die das Stadtbild prägen, muss auch dem Migrantenkind Cardona klar gewesen sein. Wer in den Yale Acres wohnte, gehörte nicht richtig dazu.

Zwar hatte sein Vater Hector Cardona es geschafft, als Polizist Ansehen in der Community zu erringen, Vorurteile begegneten der Familie trotzdem. So galt es in den USA bei Lehrern und Schulbehörden lange Zeit als Nachteil, wenn Kinder zu Hause eine andere Sprache als Englisch sprachen.

Cardonas Heimatstaat Connecticut ist der Bundesstaat mit dem größten achievement gap, dem stärksten Leistungsgefälle zwischen Schülern ohne und Schülern mit Migrations- oder Minderheitenhintergrund. Cardona machte die Benachteiligung von Nichtmuttersprachlern zum Thema seiner Dissertation. 2011 wurde er zum Leiter einer staatlichen Kommission berufen, die Empfehlungen erarbeiten sollte, wie das Bildungssystem mehr Chancengleichheit schaffen könnte. Wenig wurde umgesetzt, aber Cardonas Expertise blieb nicht unbemerkt. 2019 machte ihn der Gouverneur von Connecticut zum Minister. „Chancengleichheit ist Miguels zentrales Thema“, bestätigt der Sozialarbeiter einer Highschool in Meriden, der unter Cardona ein Programm eingeführt hat, das Konflikte durch Mediation statt Bestrafung lösen soll.

Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, der seit der Ermordung des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten im vergangenen Sommer in den USA so offen ausgetragen wird wie seit Jahrzehnten nicht mehr, spielte im Wahlkampf eine entscheidende Rolle. Biden versprach eine Regierung, die die Vielfalt der Menschen in den USA widerspiegeln sollte. Cardonas Herkunft wurde so zum wichtigen Vorteil. „Seine Lebensgeschichte hat sicher eine große Rolle bei seiner Nominierung gespielt“, sagt Jeff Bryant, Chefkorrespondent von Our Schools, einem Projekt, das sich für öffentliche Bildung einsetzt. Glaubt man denen, die ihn persönlich kennen, Elternvertretern, Kollegen oder Cardonas einstigem Chef, bringt er noch etwas anderes mit: Er sei ein guter Zuhörer, der um ein Ergebnis ringe, mit dem alle Seiten zufrieden seien. Jennifer Kelley, die Rektorin der Hanover Elementary School, die erst Cardonas Stellvertreterin an der Grundschule, dann seine Nachfolgerin wurde, kennt noch eine andere Seite: „Schule muss auch Spaß machen, das war Miguel immer wichtig.“ Bei unserem Besuch trägt Kelley ein T-Shirt mit hundert bunten Strichen. Sie stehen für die ersten hundert Schultage, die an diesem Tag erreicht wurden. Cardona sei stets korrekt in Anzug und Krawatte erschienen, erinnert Kelley sich. Als ein Junge fragte, ob er auch mal eine Krawatte wie der Rektor tragen dürfe, gab Cardona sie ihm. „Daraus wurde ein Ritual, jedes Kind durfte mal einen Krawatten-Tag haben.“


20

Millionen Kinder
in den USA haben Anspruch auf kostenfreie Schulmahlzeiten. Im Jahr der Pandemie wurde das Essen an Abholstationen verteilt.


12

Monate
ist es her, dass viele der 13.000 Schulbezirke in den USA auf Fernunterricht umstellten. Das hat die Ungleichheit noch verschärft.

Schulen sind in Meriden nicht nur Orte der Bildung; im löchrigen sozialen Netz der USA sind sie für viele bedürftige Familien eine der wenigen Anlaufstellen. Über Weihnachten gab Meridens Schulverwaltung Tausende Mahlzeiten an Kinder und ihre Eltern aus. „So eine Aktion habe ich noch nie erlebt“, sagt Salafia. In vielen Schulbezirken fiel den Verantwortlichen die Entscheidung, die Schulen zu schließen, auch deshalb so schwer, weil sie wissen, dass für viele Kinder die Schulessen die einzigen Mahlzeiten am Tag sind: 20 Millionen Kinder in den USA haben Anspruch auf freie Schulmahlzeiten. Obwohl viele Schuldistrikte begonnen haben, Essensausgaben zum Mitnehmen bereitzustellen, fehlt vielen Kindern die Möglichkeit, es abzuholen.

Die nun anstehenden Schulöffnungen dürften Cardonas Härtetest im Amt werden. Im Sommer, als Donald Trump die Lehrer erfolglos aufforderte, wieder in die Klassenzimmer zurückzukehren, stieß er auf erbitterten Widerstand. Lehrer verwiesen darauf, dass in ihren Schulen oft weder Wasser noch Seife vorhanden waren, geschweige denn Schutzmaßnahmen gegen das Virus.

Die Schulen in den USA leiden seit mehr als einem Jahrzehnt immer größere Not. Nach der Finanzkrise 2008 wurden Schulbudgets in nahezu allen Bundesstaaten drastisch gekürzt. Obwohl sich die Wirtschaft erholte, blieben die Sparmaßnahmen bestehen. 34 Bundesstaaten gaben 2015 weniger pro Schüler aus als noch vor 2009. Arizona etwa kürzte in dem Zeitraum die Gelder für die öffentlichen Schulen um mehr als ein Drittel, Florida um 22 Prozent. Gleichzeitig förderten die beiden republikanisch regierten Bundesstaaten die Gründung von charter schools, Schulen, die von privaten Organisationen geführt, jedoch mit Steuergeld bezahlt werden. Trumps Bildungsministerin Betsy DeVos machte den Ausbau privater Institute zur Priorität. Deren Wachstum ging oft auf Kosten der öffentlichen Schulen, es hagelte Protest. Durch die Pandemie drohen weitere Gelder wegzubrechen. Laut Berechnungen der Lehrergewerkschaft American Federation of Teachers könnten durch Steuerausfälle bald 94 Milliarden Dollar für Kindergärten, Grundschulen und Highschools und noch einmal 45 Milliarden für Hochschulen fehlen. Bis zu 1,4 Millionen Lehrerstellen könnten gestrichen werden.

Cardonas Möglichkeiten sind begrenzt

Cardonas Möglichkeiten, diese existenzielle Krise mit Zuschüssen und Anordnungen zu bekämpfen, sind begrenzt. Bildung ist wie im föderalen deutschen System auch in den USA die Sache der Bundesstaaten und der Kommunen. Doch er könne den politischen Einfluss seines Amtes nutzen, sagt Bildungsaktivist Jeff Bryant.

Barack Obamas Bildungsminister Arne Duncan etwa nutzte die Rezession 2009 für die bisher wohl ehrgeizigste Reform des US-Bildungssystems – die Einführung des sogenannten Common Core. Als Teil des damals beschlossenen 800 Milliarden Dollar schweren staatlichen Konjunkturpakets gab es Fördermittel für Bundesstaaten, die bereit waren, nationale Qualitätsstandards umzusetzen: Unterrichtsinhalte zu übernehmen und sich an Tests zu beteiligen, um Schulen und Lehrer zu bewerten. 45 Bundesstaaten übernahmen die Vorgaben aus Washington. Doch die Idee, durch Tests und Leistungsvergleiche die Qualität des Unterrichtens und die Leistungen der Schüler zu verbessern, war bald schon umstritten. Bei der Pisa-Studie 2018 schnitten US-Schüler mittelmäßig ab und damit nicht besser als in den Jahren vor dem Common Core. Auch die jüngsten Ergebnisse des landesweiten National Assessment of Educational Progress, bei dem die Lernerfolge von Viert- und Achtklässlern erfasst werden, zeigte keine nennenswerten Fortschritte über die vergangenen zehn Jahre. Inzwischen haben so gut wie alle Bundesstaaten den Common Core überarbeitet oder aufgegeben.

Duncan folgte einer Denkart, die seit Ronald Reagan die Debatte über das US-Bildungssystem beherrscht. Schon 1983 kamen Vertreter von Wissenschaft, Regierung und Unternehmen in einem Bericht mit dem Titel A Nation at Risk zu dem Schluss: „Wenn eine feindliche Macht versucht hätte, uns die mittelmäßige Bildungsleistung aufzuzwingen, die heute existiert, dann hätten wir dies als kriegerischen Angriff empfunden.“ Seither mühte sich jede US-Regierung um Reformen, auch, um künftige Arbeitskräfte möglichst gut auf den Markt vorzubereiten. George W. Bush setzte den „No Child Left Behind Act“ durch, bei seinem Nachfolger Obama hieß es „Race to the Top“ – die Idee dahinter blieb die gleiche.

Die Auswirkungen der Pandemie verschärfen den Druck. Die Chamber of Commerce, der Lobbyverband der Großkonzerne, zeigt sich besorgt über Lernrückstände bei vielen Schülern. Die Fixierung auf Messgrößen, wie sie in der Wirtschaft üblich sind, sei inzwischen bei Bildungsverantwortlichen in Washington tief verankert, sagt Jeff Bryant. Das zeige sich unter anderem darin, dass die Biden-Regierung noch vor Cardonas Amtsantritt vergangene Woche erklärt hat, die jährlichen staatlichen Prüfungen abhalten zu wollen, um die Auswirkungen der Pandemie auf die schulischen Leistungen zu erfassen. DeVos hatte die Tests vergangenes Jahr ausgesetzt.

Noch weiß niemand, in welche Richtung Cardona das Ministerium führen wird. Aber anders als seine Vorgänger stand er selbst im Klassenzimmer. Jacqueline Smith begleitete Cardona einst als Lokalreporterin an dessen erstem Tag als Grundschullehrer im August 1998. Bis heute erinnert sie sich daran, wie der damals 23-Jährige die zwölf Mädchen und acht Jungen einlud, vor dem eigentlichen Unterricht darüber zu sprechen, was sie an diesem Morgen bewegte. „Er stellte ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt“, erinnert sich Smith. An die Tafel hatte Cardona eine Rakete gemalt, die von Sternen umgeben war. Darunter schrieb er: „Lasst uns unsere Reise beginnen!“