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KMK-Beschluss : Der lange Weg zu bundesweiten Bildungsstandards

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat am 24. Juni weiterentwickelte Bildungsstandards für die Fächer Deutsch und Mathematik vorgestellt. Die ersten bundesweiten Bildungsstandards gab es 2004. Eine Weiterentwicklung war dringend geboten. Warum gibt es trotz Bildungsföderalismus überhaupt einheitliche Regelstandards, wer entscheidet, was dazugehört, und was ist jetzt neu? Über diese Fragen sprach das Schulportal mit Norbert Maritzen, der  am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Berlin die Weiterentwicklung der Bildungsstandards leitet.

Schaubild

Schulportal: Welchen Sinn haben eigentlich Bildungsstandards? Warum wurden sie vor fast 20 Jahren von der Kultusministerkonferenz überhaupt eingeführt?
Norbert Maritzen: Die erste Generation der Bildungsstandards stammt aus den Jahren 2003/2004. Anlass waren die ersten PISA-Ergebnisse und anschließend auch die Auswertung der Vergleichsstudie auf Bundesländerebene. Deutschland insgesamt und auch den einzelnen Bundesländern wurde darin ja bekanntlich ein sehr schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Bildungspolitik hat damals erkennen müssen, dass es ein illusionärer Trugschluss ist, sich selbst weiterhin ein leistungsfähiges Bildungssystem zu attestieren.

Die Bildungspolitik hat damals erkennen müssen, dass es ein illusionärer Trugschluss ist, sich selbst weiterhin ein leistungsfähiges Bildungssystem zu attestieren.

Es sollten Bildungsstandards eingeführt werden, die sich auch an Standards anderer Länder orientieren und die regelmäßig überprüft werden. In den Standards sollten Leistungsanforderungen an Kinder und Jugendliche in den Kernbereichen ausgewählter Fächer definiert werden, die wesentlich sind, um das Leben zu bewältigen und Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe zu schaffen. Damals hat man sich entschlossen, Regelanforderungen bis zur Klasse 4 – also an der Schwelle zur weiterführenden Schule – und bis zur Klasse 9 bzw. 10 festzulegen.

Spielte dabei auch die Frage von Vereinheitlichung der Bildungsanforderungen in dem föderalen System eine Rolle?
Ja, natürlich. Die PISA-E-Auswertung für die einzelnen Bundesländer hat zum ersten Mal in aller Drastik auch die Unterschiede hinsichtlich der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zwischen den Ländern aufgezeigt. Die Unterschiede waren so gravierend, dass damals auch die Vergleichbarkeit der Abschlüsse infrage gestellt wurde. Ist etwa der Schulabschluss in Bremen dasselbe wert wie in Bayern? Diese Frage hat die Notwendigkeit einheitlicher Standards in den 16 Ländern auf die Tagesordnung gesetzt. Die Standards sollten gemeinsame Grundlage für die Ausrichtung der Curricula auf Landesebene sein und auch für die regelmäßige Überprüfung der Leistungen.

Für den Primarbereich gab es schon 2004 einheitliche Standards. Warum kamen erst 2012 die Bildungsstandards für die Sekundarstufe II hinzu?
In Deutschland lagen damals keinerlei Erfahrungen mit der Formulierung von Standards und auch mit der testbasierten Überprüfung der Standarderreichung vor – weder wissenschaftlich noch politisch. Aus politischer Perspektive war die Festlegung auf einheitliche Anforderungen und deren Überprüfung auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Es brauchte daher eine längere Zeit, die Akzeptanz auf allen Ebenen herzustellen. Das zeigten auch die politischen Verrenkungen, die so manches Mal auf die Veröffentlichung der Testergebnisse im IQB-Bildungstrend folgten. Je weiter man in die Nähe des Abiturs rückte, desto schwieriger wurde es mit dem Einigungsprozess. Bis heute haben sich die Kultusministerien der Länder nicht entschließen können, solche Vergleichstests auch für den 12. oder 13. Jahrgang zu machen. Hier soll stattdessen der gemeinsame Aufgabenpool für die Abiturprüfungen für mehr Vergleichbarkeit sorgen.

Warum mussten die Bildungsstandards jetzt überarbeitet werden?
Nach zehn Jahren gab es 2015 einen Evaluationsbericht für das IQB, der empfahl,  die Bildungsstandards zu aktualisieren. Daraufhin hat die KMK eine Bedarfsanalyse zur Weiterentwicklung der Standards gestartet, die das IQB koordiniert hat. Die Analyse ergab einen mittleren bis hohen Weiterentwicklungsbedarf.

Wo lag laut Bedarfsanalyse der größte Änderungsbedarf?
Es ist deutlich geworden, dass sich die Rahmenbedingungen des Kompetenzerwerbs in einigen Bereichen in den vergangenen zehn Jahren stark verändert hat. Es gibt zum Beispiel heute viel mehr Kinder, die mehrsprachig aufwachsen – das wirkt sich auf das Erlernen der Fremdsprache für alle Kinder aus. Die Präsenz des Englischen im Alltag hat auch schon für Grundschulkinder stark zugenommen. Und dann war es seinerzeit auch noch nicht, wie heute, üblich, dass die erste Fremdsprache schon in der Grundschule begonnen wurde. Das verändert auch die Anforderungen in der Sekundarstufe.

Ein weiterer Veränderungsstrang ergab sich durch die Digitalisierung. Die Verfügbarkeit von Medien als Hilfsmittel und als Gegenstand des Lernens hat sich enorm verändert. Darauf müssen Standards reagieren – schließlich wird darin formuliert, welche Kompetenzen wir von Kindern und Jugendlichen erwarten.

Auch in der Systematik zeigten sich Schwachstellen. Die alten Bildungsstandards sind sukzessive entstanden. Bei der Weiterentwicklung haben wir die Standards für die verschiedenen Schulstufen miteinander abgeglichen und festgestellt, dass die Begrifflichkeit oft inkonsistent ist. Die Progression des Lernens war zudem häufig schlecht abgebildet. In der Primarstufe wurden Standards formuliert, die in der Sekundarstufe dann nicht mehr aufgegriffen wurden, und umgekehrt.

Ein vierter Veränderungsstrang wurde durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse nötig. Mittlerweile wissen wir zum Beispiel über die empirisch arbeitende Fachdidaktik sehr viel mehr über die Herausbildung von mathematischen Konzepten bei Kindern und Jugendlichen, etwa bei der Vorstellung von Zahlen, Räumen und Größen. Gelegentlich wurde in den Fachkommissionen auch bildungstheoretisch gerungen. Zum Beispiel bei der Frage, ob Jugendliche am Ende der Sekundarstufe in Mathematik wissen sollten, welche Vorstellung man mit einer „bedingten Wahrscheinlichkeit“ verknüpfen muss. Die beteiligten Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktiker haben massiv dafür plädiert, denn wir sind im Leben umgeben von bedingten Wahrscheinlichkeiten. Wie hoch ist etwa die Wahrscheinlichkeit, dass ein Corona-Test falsch negativ oder positiv ist? Mindestens die Vorstellung davon, was das bedeutet, sollten Jugendliche haben. Das sahen einige Referentinnen und Referenten der Länder durchaus anders.

Die Standards wurden nicht nur in Mathematik, sondern auch in Deutsch weiterentwickelt. Können Sie ein Beispiel nennen, was dort neu hinzugekommen ist?
Zum Beispiel der Umgang mit digitalen Schreibwerkzeugen. Es war durchaus umstritten, welchen Stellenwert Kompetenzanforderungen in diesem Bereich erhalten sollen, denn es gab die Befürchtung, dass das handschriftliche Schreiben dadurch in den Hintergrund gedrängt wird. Es war nicht einfach, hier die richtige Balance zu finden. Auch die Erweiterung des Textbegriffs in den Bildungsstandards für Deutsch war wichtig. Welche Kompetenzen braucht es, um sich etwa einen digitalen Text mit Hyperlinks zu erschließen? Da gab es ebenfalls kontroverse Diskussionen. Bei diesen Diskussionen war immer die Tatsache in Rechnung zu stellen, dass die Bildungsstandards so formuliert werden, dass sie auch in den nächsten 15 Jahren Bestand haben.

Wie schaffen es die Kommissionen bei diesen kontroversen Themen, zu einer Einigung zu kommen, wenn da 16 Bundesländer vertreten sind?
Für jedes Fach wurden sowohl für die Primarstufe als auch für die Sekundarstufe I Fachkommissionen gebildet. Aber nicht in jeder Fachkommission sind alle 16 Bundesländer vertreten, das wäre nicht handhabbar gewesen. Die Kultusministerien einigen sich zunächst, welches Land in welche Kommission geht. In den vier Fachkommissionen, die es jetzt in der ersten Phase gab, waren jeweils fünf bis sieben Länder vertreten. Die Länder entsandten dann Referentinnen und Referenten, die in den Ministerien für das jeweilige Fach zuständig sind. Sie bringen eine langjährige Expertise für ihr Fach mit und kennen auch die curricularen Grundlagen in ihren Ländern gut. Jede Gruppe wurde durch ein Team von fachdidaktischen Kooperationspartnern des IQB angeleitet.

Diese Teams haben zunächst einen Vorschlag für die neuen Standards auf Grundlage der Bedarfsanalyse erarbeitet. Dieser Vorschlag wurde dann in den Sitzungen Kompetenzbereich für Kompetenzbereich durchgearbeitet, ergänzt oder verändert. Die Fachreferenten können dabei die Bezüge zu den Lehrplänen der Länder herstellen.

Der Stand der Entwicklung der Lehrpläne in den Ländern ist sehr unterschiedlich. Einige haben gerade neue Curricula veröffentlicht und wollten nicht so gern von vorn beginnen, andere Länder dagegen waren froh, weil Veränderungen ohnehin überfällig waren. Dieser Prozess braucht viel Geduld und Überzeugungskraft – gelegentlich muss am Ende auch ein Knoten durchgeschlagen werden.

Stimmen sich die Kommissionen untereinander ab?
Die Kommission der Primarstufe war immer auch informiert über den Stand der Kommission der Sekundarstufe in dem jeweiligen Fach, damit es keine Brüche gibt. Die Verbindung entstand durch das Team der fachdidaktischen Kooperationspartner, die in engem Austausch waren. Der Entwurf der Standards wurde dann mit Fachverbänden in Anhörungen abgestimmt. Schließlich stimmt am Ende das Plenum der KMK darüber ab.

Die Standards sind Grundlage einer Vereinbarung, in der sich die 16 Länder verpflichten, diese in ihren Curricula zu berücksichtigen. Die Implementierung muss bis zur nächsten Testung des IQB-Bildungstrends erfolgen. Die Tests erfolgen im Abstand von fünf Jahren – allerdings wird darin nur ein Teil der Kompetenzen überprüft.

Wie wird gewährleistet, dass die Lehrkräfte die Bildungsstandards tatsächlich im Unterricht beachten?
Für die Implementierung im Unterricht sind die Länder zuständig. Die Anpassung der Lehrpläne hat meist zur Folge, dass Unterrichtsmaterialien verändert werden. Schulaufsichten, Fortbildnerinnen und Fortbildner müssen über die Änderungen informiert werden. Aber all das reicht natürlich noch nicht aus, um tatsächlich den Unterricht zu verändern. Es kommt dann darauf an, Lehrkräfte zu schulen, wie sie ihren Unterricht verändern, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Das braucht viele Jahre.

Welche Vorstellung von gutem Unterricht liegt den neuen Bildungsstandards insgesamt zugrunde? Wie können Lehrkräfte Bildungsstandards nutzen, um die Qualität ihres Unterrichts zu verbessern?
Mittlerweile ist Konsens, dass für den Kompetenzerwerb der Kinder und Jugendlichen die Tiefenstruktur des Unterrichts ausschlaggebend ist. Die Oberflächenstruktur – also ob der Unterricht beispielsweise in Gruppenarbeit oder Einzelarbeit organisiert wird – ist weniger entscheidend. Viel wichtiger sind Merkmale wie die kognitive Aktivierung der Kinder, ein effizientes Klassenmanagement oder individuelle Unterstützung beim Lernen.

Häufig werden die Standards von Lehrkräften als ein Instrument für Tests betrachtet, dabei ist die Rolle für die Gestaltung des Unterrichts viel entscheidender.

Gerade für diese Tiefendimensionen sind Standards der Leistungserwartung wichtig. Die Lehrkraft kann sich daran orientieren und, je nach Ausgangslage, die Kinder kognitiv so fördern, dass sie die nächste Stufe des individuellen Kompetenzerwerbs erreichen können. Diese Orientierungsfunktion ist viel wichtiger als die Überprüfungsfunktion. Häufig werden die Standards von Lehrkräften als ein Instrument für Tests betrachtet, dabei ist die Rolle für die Gestaltung des Unterrichts viel entscheidender. Die Bildungsstandards geben keine konkreten Inhalte vor. Sie sind stark auf das Können gerichtet. In den Lehrplänen der Länder können dann die Inhalte vorgegeben werden.

Warum gibt es Regel- und nicht etwa Mindeststandards?
Mindeststandards zu formulieren wäre vor allem politisch sehr viel schwieriger. Ich persönlich halte es allerdings für wichtig, künftig Mindeststandards stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Mindeststandards sind zu verstehen als eine Bringeschuld des Staates, die ausnahmslos für jedes Kind eingelöst werden muss. Die immer noch skandalös hohen Anteile von Kindern und Jugendlichen, die in bestimmten Domänen Mindeststandards verfehlen, zeigen, dass dieser Anspruch derzeit nicht erfüllt wird. Mindeststandards würden eine Grenze festlegen, deren Unterschreitung nicht  hingenommen werden darf. Das müsste dann massive Konsequenzen für die Bereitstellung von Unterstützung haben.

Besteht die Gefahr, dass Fächer, für die es Bildungsstandards gibt, immer wichtiger werden gegenüber Fächern, für die es keine Standards gibt, wie etwa Musik, Sport oder Geschichte?
Die Hierarchisierung der Fächer ist durchaus ein Problem. Die Fachgesellschaften der anderen Fächer unternehmen auch Versuche, Standards zu formulieren. Die KMK hat aber beschlossen, sich nicht zu übernehmen, denn Standards müssen nicht nur entwickelt, sondern auch überprüft werden. Deshalb hat man sich vor allem auf jene Kompetenzen beschränkt, die – wie etwa das Lesen – auch in den anderen Fächern wichtig für den Kompetenzerwerb sind.

Zur Person

  • Norbert Maritzen ist mit der Leitung der Weiterentwicklung der Bildungsstandards am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Berlin beauftragt.
  • Bis zu seiner Pensionierung 2018 war er Direktor des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) Hamburg.
  • Seine Arbeitsschwerpunkte sind Schulentwicklung, Bildungsmonitoring und  Steuerung des Bildungswesens.

Der Beschluss zu den weiterentwickelten Bildungsstandards für die Fächer Deutsch und Mathematik für den Primarbereich, den Ersten Schulabschluss und den Mittleren Schulabschluss steht hier zum Download bereit.