Dieser Artikel erschien am 25.06.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Armin Himmelrath

Sommerwetter : Der Hitzefrei-Erfinder

Robert Bosse war Jurist, Verbindungsstudent, Beamter. Und er gab den preußischen Schülern im Sommer 1892 erstmals Hitzefrei. Welche Regeln damals galten - und wann heute die Schule ausfällt.

Julius Robert Bosse
Julius Robert Bosse, 1832 - 1901: „Auch bei geringerer Temperatur ist eine Kürzung der Unterrichtszeit notwendig“
©gemeinfrei

Im März war Julius Robert Bosse Kultusminister geworden, schon fünf Monate später legte er einen Erlass vor, der die Schulen verändern sollte. „Wenn das hundert­teilige Thermo­meter um 10 Uhr vormittags im Schatten 25 Grad zeigt, darf der Schul­unterricht in keinem Falle über vier auf­einander­folgende Stunden ausgedehnt und ebenso­wenig darf den Kindern an solchen Tagen ein zwei­maliger Gang zur Schule zugemutet werden“, ließ Bosse am 24. August 1892 per preußischem Ministerial­erlass verkünden, „auch bei geringerer Temperatur ist eine Kürzung der Unterrichts­zeit notwendig, wenn die Schul­zimmer zu niedrig oder zu eng bzw. die Schul­klassen über­füllt sind.“

Bosse, Sohn eines Schnapsbrenners aus dem Harz, hatte in Halle, Heidelberg und Berlin Jura studiert und danach etliche Posten in der preußischen Verwaltung durch­laufen. Er war Corps­mit­glied bei der Suevia Heidelberg und bei der Palaiomarchia in Halle, engagierte sich bei der Entwicklung von Bismarcks Gesetzen zur Arbeiter­versicherung und als Vorsitzender der Kommission für das neue Bürgerliche Gesetz­buch, das 1891 entstand. Ein Jahr später wurde Bosse Kultus­minister – den Job behielt er bis 1899.

Die Regelungen zum Hitzefrei, die Robert Bosse gleich zu Beginn seiner Amts­zeit durch­setzte, wirken bis heute nach – auch wenn es längst keine einheitliche Regelung mehr für alle Schulen in Deutschland gibt. „Die Hitze­frei-Regelungen sind Länder­sache, zum Teil sind die Schul­leiter für die Entscheidung verantwortlich“, sagt Torsten Heil, Sprecher der Kultus­minister­konferenz (KMK).

Angesichts der hohen Temperaturen, die für Deutschland in den kommenden Tagen voraus­gesagt werden, haben erste Schulen bereits reagiert. So haben mehrere Grund­schulen in Bremen angekündigt, am Dienstag und Mittwoch den Unterricht um 12 Uhr zu beenden. Das berichtet Radio Bremen. „Da es in den Klassen­räumen wärmer als 25 Grad war, haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen“, sagte eine Schul­leiterin dem Sender am Montag.

Auch in Nordrhein-Westfalen gab es schon zu Beginn der Woche die ersten sommer­bedingten Unterrichts­aus­fälle, wie Eltern bei Twitter meldeten.

Da sich die Regelungen von Bundesland zu Bundes­land unterscheiden, lohnt sich für Schüler und Lehrer ein Blick ins jeweilige Schul­gesetz oder in die Sammlung mit den Erlassen des zuständigen Ministeriums.

So gilt etwa in Nordrhein-Westfalen laut Vorschrift des Schul­ministeriums eine „Raum­temperatur von mehr als 27 Grad Celsius“ als Anhalts­punkt dafür, dass die Schule hitze­frei geben darf. Geregelt ist aller­dings auch, dass der Unterricht bei unter 25 Grad auf keinen Fall ausfallen darf.

Außerdem dürfen jüngere Schüler bis zur sechsten Klasse nur nach Absprache mit den Eltern nach Hause geschickt werden – und in der Ober­stufe gibt es gar kein Hitze­frei mehr.

Letztlich, heißt es in den Kultus­ministerien der Länder, komme es immer auf die spezielle Situation vor Ort an. Denn je nach Stand­ort und Gebäude­art können die Temperaturen in den Klassen stark von­einander abweichen. Das betont auch das Kultus­ministerium in Baden-Württemberg.

Landesweite Regelungen will das Stuttgarter Ministerium nicht erlassen, es gibt den Schulen aber Hinweise an die Hand, wie sie mit hohen Temperaturen umgehen sollten:

  • Wenn die Außentemperatur um 11 Uhr vormittags mindestens 25 Grad Celsius im Schatten beträgt, sollte die Schule reagieren.
  • Hitzefrei könne es frühestens nach der vierten Stunde geben.
  • Benachbarte Schulen sollen sich abstimmen und möglichst einheitlich entscheiden.
  • Schüler, die auf Busse angewiesen sind, müssen auch bei Hitze­frei so lange beaufsichtigt werden, bis ihre Transport­möglichkeit zur Verfügung steht.
  • Berufsschüler und Gymnasiasten der Oberstufe sind von den Regeln ausgeschlossen.

Verantwortlich seien letztlich die Schulleiter, stellt das Ministerium fest: „Entscheidend ist dabei das körperliche Wohl der Schüler unter Berücksichtigung der konkreten örtlichen Verhältnisse.“
Auch in Sachsen liegt die Entscheidung allein bei den Schul­leitungen.

„Eine Regelung, wonach für ‘hitzefrei’ eine bestimmte Temperatur (im Schatten) zu einer bestimmten Uhrzeit notwendig wäre, gibt es nicht“, stellt das zuständige Staats­ministerium in einer Erklärung fest.

Außerdem gebe es neben dem kompletten Unterrichtsausfall auch andere Möglichkeiten: verkürzte Stunden oder verlängerte Pausen. Möglich sei auch Unterricht im Freien oder der Gang in den Wald oder ins Schwimmbad.

Eine Option, die wohl auch dem preußischen Kultusminister Robert Bosse gefallen hätte. Der hatte 1892 in seinem Erlass geschrieben: „Es bleibt zu erwägen, ob bei Schulen, welche geräumige, schattige Spiel­plätze haben, unter Umständen der lehr­plan­mäßige Unterricht durch Jugend­spiele unter­brochen werden kann.“